Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 Seite 5 3. August 1933 Der Israelit :s- O n & f 5 5t Wochen» in denen sie voller Verzweiflung die Bangigkeit eines ungewissen Schicksals über sich fühlten» .sich geschworen»-fortan mit Entschlossenheit und unbekümmert um die jämmerliche „fortschrittliche Aufgeklärtheit" des überholten Liberalismus, den g'ttgewollten Weg der Religion einzuschlagen. Sie wollten ihr Gewissen entlasten und haben» in der Stunde höchster Rot» sich und ihre Familie dem Schutze des Allmächtigen anvertvaut, der ihnen doch immer die letzte Zuflucht bleibt. Und aus diesem festen Entschluß, haben sie in ihren Sorgen neuen Mut» innere Stärke und kraftvolle Hoffnung gewonnen. Die Rückkehr zum echten unverfälschten Judentum ist der starke unverlierbare Rückhalt» für unsere Volksgemeinschaft als Ganzes wie für ihre Cmzelglieder. Was diese Rückkehr im einzelnen erfordert» das brauchen wir wahrlich nicht erst zu schildern» jeder» der guten Willens ist» weiß es genau. Oder sollten wir noch einmal an die traurigen Verfallserscheinungen innerhalb des deutschen Judentums erinnern müssen» an die Massenaustritte aus dem Judentum» an die Mischehen, an die Geburtenkontrolle? Sollen wir an die Demoralisierung erinnern» die in unseren Reihen durch den Mangel an Selbstachtung und die verwerfliche Sucht nach hundertprozentiger Assimilation» nach unersättlichem Geldverdienen immer mehr am Boden gewann, oder an die erbärmliche Sitte» bei jeder ueuaufkommenden Modecrscheinung tonangebend vorn an der Spitze stehen zu wollen? Sollen wir die systematische Herabwürdigung der Religion und ihrer allein berufenen [Vertreter ins Gedächtnis zurückrufen, die eine vollständige Säkularisation des Judentums herbeiführte» in dein eine Laienherrschaft nach dem maßlos übersteigerten Muster .anderer Konfessionen aufgerichtet wurde? Sollen wir die zielbewußt betriebene Zerstörung der Achtung vor dem Relrgionsgcsctz ins Bewußtsein rufen, die Mißachtung der Sabbat-Heiligkeit» die Verhöhnung der Reinheitsgesetze» die Verwerfung der Speisevorschriften» die hochmütige Ablehnung des Thoralernens? (Oder glaubt vielleicht ä jemand» daß die gegenwärtige Entehrung und Entrechtung jemals erfolgt wäre» wenn sich die deutschen Juden mit ihrer ganzen Kraft darauf konzentriert hätten» ihr Judentum als das» was es ist» nämlich als Religion» zu leben, zu fördern,, zu verkünden und zu verherrlichen?! Ist es nicht bittere Wahrheit geworden, was verheißen ist: „Wenn ihr willig seid und folget» sollt ihr das Beste des Landes verzehren. Seid ihr aber störrig und widerspenstig» werdet ihr vom Schwerte verzehrt» denn der Mund des Ewigen hat es gesprochen!" Und was die Thora verkündet und unsere Geschichte schon hundertfach bestätigt bat: „Wenn ihr trotz alledem mir entgcgentretet und mir nicht folgen wollt» so werde ich fortfahren» euch zu schlagen, siebenfach nach euren Sünden."! Ja» dieses: „Trotz alledem: nxn D*n | Hiebt einmal dieses Donnerwort des Himmels j dringt in die tauben Ohren! Millen ln unsere tiefste Erniedrigung will das Verbot des betäubungslosen Schlachtens unserem Judentum einen neuen Schandfleck aufsetzen. Da wäre uns in unserer Schicksalsstunde ein Mittel der Bewährung von der Vorsehung gereicht» ein Mittel» durch das wir in der Ueberwindung I der Versuchung» unsere Haushaltungen umzustellen», unsere Willen beweisen könnten» zu unserem G'ttesglauben zurückzukehren und zugleich der Welt beweisen» daß inan uns alles nehmen und alles entziehen kann» daß. aber keine Macht der Erde es vollbringen kann» uns in unserer Treue zu unserem G'tt wankend zu machen! Wäre es nicht ein Bild von wunderbarer Größe» wenn unsere Frauen und Mütter» die sich in allen Rotzeiten Israels stets als die heldenhaften | Stützen des Judentums bewährt haben» auch in der i Gegenwart sich wie die rettenden Schutzengel vor die Schwellen ihrer Häuser stellen würden» um ihre Hei-;| ligkeit und.Woche mit felsenfester Standhaftigkeit zu ß beschützen und um dieses Opfers und dieser Mizwo j willen den Segen des Himmels für die Unternehmungen ihrer Männer und Kinder erflehen würden! Man! hat im Kriege größere Entbehrungen auf sich zu nehmen vermocht» denn freilich» der Staat hat feine Macbtj mittel, mit denen er zwingen und bestrafen kann, die Religion besitzt diese Mittel nicht» sic kann nur um die Seelen der Menschen werben» heiß und innig» aber sie verleiht dafür jedem» der ihr zu folgen bereit ist, die innere Gewißheit, daß es einen G'tt im Himmel gibt» der das Gute belohnt und in der Stunde der Verzweiflung der! einzige Helfer und Retter ist. wird sich das, deutsche Judentum in seiner prüfungsftunde in; der heroischen Größe zeigen» die es allein in den Augen der Rachwelt der großen Ahnen, der mittelalterlichen Märtyrer und Dulder würdig erscheinen lassen wird? Wird es sich-aufraffen zu dem einzigen sittlich wiederaufrichtenden Programm aller Leidenszeiten: ,,Laßt uns unsere Wege untersuchen und prüfen — und zurückkehren zu G'tt!" Diese Selbstprüfung und Selbstlauterung, wir wollen sie mit den nachfolgenden Betrachtungen» die unsere mannigfaltigen Beziehungen zur Umwelt einer eingehenden Revision unterziehen» zu erleichtern suchen. Weitab vom Schauplatz der politischen Tagesereignisse führen sie in ernster Selbstbesinnung auf die Wurzeln unseres jüdischen Denkens und Wollens zurück. Sie sollen später durch eine Reihe von Abhandlungen über die innerjüdischen Fragen der Lebeirsanschaunng und -Gestaltung noch ergänzt werden. Glücklich» wer noch zu „lernen" vermag und im Lernen heute, eifriger denn je» seine vollständige geistige und seelische Befriedigung finden kann. „Wäre nicht Deine Thora mein Ergötzen» dann ginge ich unter in meinem Elend." Den vielen aber, die es nicht vermögen» wollen diese Aufsätze einen Bruchteil der jüdischen Legriffswelt bieten» von der sie sich geistig absorbieren lassen sollen» damit diese geläuterte jüdische Gedankenwelt an die Stelle der verlorenen Welt» in der sie sich ihr früherer Umgang abspielte» zu treten vermag. Diese Aufsätze sind sämtlich aus Vorträgen hervorgegaugön. Für die Veröffentlichung wurde jedoch die zu weiterer Verarbeitung und Vertiefung anregende knappste Form der Darstellung gewählt. Mehr andeutend als erschöpfend» beschränken sie sich daher durchwegs auf das Wesentlichste und fassen lediglich die Leitgedanken thesenartig zusammen. Die Iabrtausende überblickende Weissagung des Jesaja» die wir an die Spitze dieser Betrachtung gestellt» läßt die kommende Verstocktheit Israels und als deren Folge die allgemeine Verödung des Landes vorausschauen. Allein der Schluß dieser Weissagung verkündet den erhebendsten Trost» den Menschenzungc je gesprochen hat. „Wenn, dann noch ein Zehntel darin übrig bleibt» und es auch wiederholt der Verheerung anheinrfällt; aber gleich der Terebinthe und der Eiche» denen beim Fällen der Stamm doch bleibt, so bleibt auch hier eine heilige Saat als Stamm." Dieses Zehntel» das erneut zerschlagen wird; diese heilige Saat, die, gleich einem Stamm, trotz aller Stürme, die über ihn hinwegbrausen, trotz aller Erlahmung und Verzweiflung ringsherum, nicht bieg! und nicht bricht; ■—■ diese heilige Saat, die nimmermehr, was auch kommen mag» die Treue zu G'tt brechen wird» laßt uns würdig werden, Teil an ihr zu haben! Deutsches Judentum in dieser Zeit. (8 Thesen zur Lage.) Von Dr. phil. Hans Joachim Schoeps in Berlin. Wir kommen dem Ersuchen des gesch. Herrn Verfassers um Veröffentlichunq seiner Thesen in unserem Blatte nach, dürfen aber nicht unausgesprochen lassen, daß wir uns insbesondere mit seiner These 3 nicht identifizieren können. Im Sinne des jüdischen Religionsgesetzes ist Jifchuw Erez Jisroel, d. h. das Wohnen auf dem Boden des heiligen Landes und die Produktivierung dieses Bodens religiöse Pflicht, wobei natürlich eine dem Geiste des Gesetzes entsprechende Lebensführung auf dem geheiligten Boden des Landes vorausgesetzt wird? Ist diese Voraussetzung aber erfüllt, dann darf Jerusalem und Tel-Awiw nicht mit Paris, Nom und Madrid über einen Kamm geschoren werden. Red. An mich als Verfasser der Schrift „Jüdischer Glaube in dieser Zeit" (phlloverlag Berlin 1932) und Mitverfasser von Blüher-Schoeps: „Streit um Israel" (Hanseatische Verlagsaustatt Hamburg J 955), 5er ich auf einem konservativen deutschen Standpunkt stehe und zwar ans jüdisch-religiösem Bewußtsein heraus» wird heute von vielen Seiten die Frage gestellt, ob nicht durch die neuerliche Entwicklung in Deutschland diese Position, die ja nie als eine private gemeint war» revidiert werden müsse. — Ich halte dafür» daß es notwendig fei zu antworten und wohltuend, die Antwort öffentlich zu. geben. In acht Thesen zugespitzt aus die Rot und die Heutigkeit unserer Situation lautet sie: 1. Unsere jüdische Situation ist nicht heute in die Krisis geraten durch den Rationalsozialismus, sondern sie steht in der Krisis, seitdem G'tt sich dem Abraham zu erkennen gegeben hat; und sie steht insbesondere in der Krisis seit dem Jahre 5950» dem Jahr der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. 2. Seit 5850 leben wir im Galuth und werden -im Galuth weiterlcben bis zur Ankunft des Messias am oder kurz vor dom „Tag des Herrn", den die Propheten verheißen haben. („Dein Volk, alle sind sie Fromme» in der E n d z ei t wer d en f i c e r d v e r w u r z e l t fei n." — Jesaja 60, 21). Wer vorher den Tempel in Jerusalem wieder aufbauen will, versündigt sich» weil Theodor Herz! nachweislich nicht der Messias gewesen ist. 5. Wer heute Deutschland verläßt» um seinen Beruf in Tel-Äwiw oder Jerusalem auszuüben» mag ihn dort ausüben» wie er ihn eben so gut in Paris» Rom oder Madrid ausüben kann. Wer aber angeblich um Klall-Israels willen in Palästina einen jüdischen Rationalftäat errichten will, der keine Theokratie sondern ein weltliches Machtgebilde sein soll, verrät die Kla'.'-Israel-Wirklichkeit an den „Fürsten dieser weit", der in Moskau residiert, dessen Fänge über die ganze Welt ausgestreckt sind und der nur darauf wartet» in Palästina - eine nationalstaatliche Satrapie zu errichten. Wir wünschen und wollen aber, daß an der Klagemauer weder die Internationale noch die Hatikwah gesungen, sondern daß wieder und wieder ebendort bis in alle Ewigkeit Kaddisch gesagt wird. 4. Ia-sagen zum Iudesein heißt Rein-sagen zum religiös-politischen Zionismus» weil vom ersten Propheten bis zum letzten Rabbiner von heute es abgelehnt werden mußte und muß» Sakral 1 t äst i n Biologie aufzulöseu. Wer um einer Humanitären Sozialethik oder um des Sozialismus willen ein jüdisches Volkstum in Erez Israel erstrebt, ein freies Volk auf freiem Grund, auf daß sich feine volkstumskräfte zu feinem Glück und Wohlergehen schöpferisch entfalten mögen oder so ähnlich, verkennt ebenso Wesen und Bestimmung des Volkes Israel wie der heidnische Rationalist (er ist sympathischer, weil er geschichtlicher ist), der das Glück und den Rausch weltlicher Staatsmacht will, für d a s Volk will, das in seiner politischen Sonderexistenz immer nur dem volkskömgtum G'ttes untersteht, wie es intentional in seiner Geschichte einmal verwirklicbt war und real-präsent in seiner Cndgeschichte verwirklicht sein wird. ö, wir sagen aber ja.zur welMwii Staatsmacht des Galuth, weil sie — obwohl sündig — von G'tt gesetzt ist, um noch größerer Sünde.zu wehren. Gemäß dem Satz der Rabbiucn „Dina d'inalchutha dina" (Staatsgesetz ist G'ttesgesetz) stehen wir bedingungslos loyal zu jeder irdischen Obrigkeit — auch zu der des Rationalsozialisinuö. In seinem Staat sind wir — nicht nur gezwungen, sondern freiwillig — passive Objekte, weil die Kraft der mythischen Rrsprungsinächte (Laaliin) für Israel schon zu Zeiten des Königs Saul endgültig gebrochen worden ist, und weil wir weder totaler Bannung unterliegen, noch totale Gefolgschaft leisten können. Wir können dem totalen Staate nicht verfallen, weil G'tt seine Totalität durchbricht, und wir können keinem absoluten Führer folgen, weil der Herr selber der Juden Führer ist» hingegen können wir im autorit ä r e n Staate auch aktiv stehen als Staatsdiener, Offiziere und Beamte, weil Autoritäten letztlich nur von G'tt autorisiert werden, in i n d e st e n s aber ihren Rechts- und Ordnungsaustrag objektiv begründen und dein weltlichen Heils- und Helligungsanspruch der Offenbarungsreligionen Raum geben. Aber ob totaler oder autoritärer Staat, stets gilt die Mahnung des Ieremia: „Sorget für das wohl des Landes, in das ich euch habe wegführen lassen, und betet für es zum Herrn." (29, 7). jatukVtl