Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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-eite 4 Nr. 31 es irgend geht, damit beliefert zu werden, Falls die Preise allerdings noch sehr steigen sollte n^rvürden wir genötigt sein, unseren Betrieb umzustellen und nichtgeschächtetes Fleisch, allerdings fonjfc wie üblich getriebertes und koscher gemachtes Fleisch zu verwenden, da ärztlicherseits eine rein fleischlose 'Ernährung für unsere Kurgäste, die- Bäder nehincn müssen, nicht angeraten ist. Wir hoffen, daß dies keine Schwierigkeit bedeuten wird und bitten um möglichst umgehende Erledigung unserer oben ausgesprochenen Bitte." wäre diese Kundgebung eines Instituts, das. wie gesagt, sicherlich zum guten Teil von den wohltätigkeitsbeiträgen orthodoxer Juden lebt, nicht so unendlich traurig, so müßte man die Lächerlichkeit kennzeichnen, die in der edlen Absicht liegt, Fleisch, das Ncwclo ist, nachträglich noch koscher zu machen und sich damit einzuceden, als ob dieser Prozedur irgend welche Bedeutung innewohnt. Protest eingelegt werden muß aber gegen die Tatsache selbst, daß hier in der leichtsinnigsten Weise, ehe überhaupt die geringste Notwendigkeit vorliegt, mit dem Gedanken gespielt wird, sich den großen Ilmstellungsaktionen der Ge genwart anzuschließen und einer der ältesten jüdische Anstalten den jüdischen Charakter und ihre Benutz barkeit durch religiöse Juden zu rauben. Je schwächer der Einzelne sich fühlt und je mehr ec gewiß eben als Cinzclindividuum der Stütze bedarf, um so mehr ist die Gesamtheit und sind die von ihr erhaltenen Körper schäften verpflichtet, mit äußerster Gewissenhaftigkeit und Treue die Tradition hoch zu halten und keinen Augenblick daran zu vergessen, daß Prüfungen, wie diejenigen die wir heute erleben, doch wahrlich nicht vonl Zufall über uns heraufbeschworen wurden, son dern daß auch der Blindeste, erkennen muß, wie un ser ganzes Erleben eine große sittliche und religiöse Probe für die Treue der deutschen Iudeuheit darstellen soll. II. In der deutschen Schlachthofzeitung vom. 10 Juli 1955 finden wir einen Bericht über die Tagung des Rorchsverbandes der deutschen Gcme-indc-Tier ärzte, die am 25. 7. in Erfurt stattfand und in der dem bekannten Vorkämpfer gegen das Schächten Prof. Mar Müller in München, eine besondere Ehrung bereitet wurde. Prof. Müller selbst ergriff dann das Wort zur Schächtfrage. Er beleuchtete, wie die ge nannte Zeitung berichtet, das „Eindringen des Judentums in die Schlachthöfe geschichtlich und das Bestreben der Juden, Ritus und Gewerbesinn zu verknüpfen." Cr fuhr dann fort: „Das Schächten wurde zu einem Machtfaktor des Judentums. Erst der S. A. und S. S. war es zu verdanken, daß den Juden das Schächtmesfer aus den Händen genommen wurde. Der Nationalsozialismus hat auch den Tierschutz auf seine Fahne geschrieben, deutsche Sitten müssen wieder herrschen. Es geht daher nicht an, die Einfuhr von geschachteten Tieren aus dem Auslande und den Schächtschnitt für die elektrische Betäubung im Auslande zu gestatten. Die elektrische Betäubung ist nicht mit dem Ritus der Juden in Einklang zu bringen. Solange das Judentum nicht die Erklärung abgibt, daß die Betäubung dem Schächten vorausgehen muß, ist das Schächten nach elektrischer -Betäubung nicht rituell Mit dem Blutkult der Juden ist endgültig in Deutschland Schluß zu machen. Die Leitung des Reichsverbandes wird daher ersucht, die Schächtfrage im Beneh men mit den Behörden in Sonderheit zu bearbeiten. Prof. Max Müller wird vom Vorsitzenden gebeten, feine Ausführungen über die Schächtfrage zu Papier zu bringen und eine Resolution auszuarbeiten, die dann dem Reichsminister des Innern zugeleitet werden wird. In dieser Resolution wird zum Ausdruck gebracht werden, daß das aus dem Auslande gemäß 8 12 des Flesschbefchaugefetzes vom 3. Juni 1900 eingeführten Fleisch von geschlachteten Tieren stammen muß. Die Erlaubnis zur Einfuhr von Schächtfleifch widerstrebt dem nationalsozialistischen Volksempsinden um jo mehr, als der größte Teil des eingeführten Schächtfleifches. offenbar wieder den deutschen Volksgenossen zum 'Genuß zugeführt wird." Dieser Bericht muß in manchen Stücken ungenau sein, denn er enthält offensichtlich Widersprüche und unklare Stellen, für die gewiß nicht der Vortragende verantwortlich ist. Aber abgesehen von diesen Einzelheiten möchten wir an Pros. Müller doch -die Frage richten, ob nicht jetzt, nachdem die Tierärzte ihr Ziel erreicht haben und das Schächten in ganz Deutschland verboten ist, doch der Augenblick gekommen wäre, in dem die an der Spitze der Tierschutz-Bewegung stehenden wissenschaftlich gebildeten persönlich- Der Israelit ketten doch noch einmal versuchen könnten, an die Prüfung der hier vorliegenden Probleme-- bisher, vielleicht nicht möglich -gewesenen Dö/ekt-witgt heranzügehen^ Wie kann man behaupten, das Schächten bedeute für das Judentum einen Machtsaktor oder, richtiger gesagt, eine Machtfrage?- Kann Prof. Müller bezweifeln, daß alle Jahrtausende hindurch für Millionen jüdischer Menschen auf dem. ganzen Erdenrunde dort, wo cs sich niemals um irgend einen Kampf, um irgend ein Ringen nur Geltung oder Gleichberechtigung handelte, die Schechito ein unveräußerlicher Bestandteil der Fittichen Offenbarung war? Warum soll der Schöpfer des Pimmels und der Erde, der Tier- und Menschenfeele geschaffen, wenn schon nach der biblischen Auffassung erst nach der Sintflut der Fleischgenuß für die Menschen gestattet wurde» dm Moment des Eingehens tierischer Nahrung in den Körper des Menschen nicht mit besonderen schützenden Vorsichtsmaßregeln, wie die Schechito und die sämtlichen Speisegesetze sie darstellen, umgeben haben? was haben solche in den Tiefen der Weltanschauung verwurzelte religiöse Vorschriften mit Macht und Politik zu tun? Wie, kann man von einem „Blutkult" sprechen, wenn es keine Gemeinschaft auf dem Crdenrunde gibt, die mit solchem Abscheu dem Blutgenuß gegenübersteht und so sorgfältig darüber wacht, daß die Grenze zwischen tierischem und menschlichem Organismus nicht verwischt wird? Warum beruft sich ein Mann wie Prof. Mar Müller .auf ein angeblich vorhandenes nationalsozialistisches polksempfinden, das sogar der Einfuhr von geschächtetem Fleisch widerstrebe, statt wie es einem verantwortungsbewußten gewissenhaften Forscher geziemte, das Volksempfinden zu erziehen und zu kontrollieren? Wie kommt Prof. Müller auf die Idee, daß der größte Teil des eingeführten rituellen Fleisches den deutschen Volksgenossen zum Genüsse zugeführt wird? Wer wird im . deutschen Publikum die -Neigung haben, Fleisch, das um 50-—100 proz. teurer ist, kaufen, wenn ihm billigeres zur Verfügung steht? Wir wissen nicht, ob alle diese Fragen Beantwortung finden werden, aber wir fühlen uns verpflichtet, sie zu stellen, weil wir immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben haben, daß, nachdem der Kampf um die Schechita mit der äußeren Niederlage der jüdischen Religionsgemeinschaft und mU einem Siege ihrer Gegner geendet, diese einem Gefühl für Ritterlichkeit und Objektivität doch vielleicht nicht ganz unzugänglich sein könnten. Der Sinn des Geschehens?) Von Rabbiner Dr. Elie Munk in Ansbach. „Geh hin unü sage diesem Volke: „Höret nur immer und -begreifet nicht, sehet nur iü5irtf)ßTl .Gemeinschaftslebens? immer und erkennet nicht! Verstockt macht iuohcyen Memelnscyaslsleoens' man das Herz dieses Volkes und seine Ohren schwerhörig und läßt es seine Augen abwenden, sonst würde es mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören,-und sein Herz würde.begreifen, daß' es zurückkehre! . und wieder genese! Da sprach ich: 'Wie lange noch, mein Herr? Er erwiderte: Bis die' Städte verödet sind . . . die Häuser menschenleer und der Erdboden zur Einöde verheert ist; bis G'tt die Menschen weggeführt haben wird, und die Verödung groß ist im Lande! . . (Jesaja, Kap. 6). Mit blutendem Herzen schreiben wir diese Seiten nieder. Bis . ins Innerste aufgewühlt, noch ganz fasungslos vor dem Unbegreiflichen, das über uns hereingebrochen ist, suchen'wir einen-'neuen starken Halt, um die völlig zusammeirgebrdchene Welt unseres Denkens, Fuhlens und Wollenst wieder mühsam auszurichten. Wir wären keine verantwortungsbewußten Menchen, ^geschweige denn wahrhafte Juden,'wenn wir, wie es die allzuvielen Alltagsjuden tun, die Schuld an, -der Schicksalswende der Gegenwart lediglich den äußeren Umständen und den politischen Faktoren zu- 'chreiben wollten, wir wissen, daß die deutsche Iüdcn- Iieit -auf vielen Gebieten gesündigt und gefrevelt hat. Wir veröffentlichen im obigen das Einleitungskapitel der soeben im Hermon-Verlag erscheinenden Vro- 'chüre des Verfassers „Judentum und Umwelt" und verweisen auf die Ankündigung am Kopfe unseres Blattes. 3. August 1933 Und'wenn wir jetzt an Hlußg-adtz• htzraiÄet-eiH das- Gebäude unseres Judentums wieder astfzuhauen, so geht es nicht ohne den längst ^notwendig, gewordenen Mireren Läuterungsprozeß. ’]■• F > '? : Das Mitbestimmungsrecht an..-der künftigen Gestaltung der äußeren Bedingungen unseres. Seins ist Ulis'genommen. Wir begehren M. auch nicht Mehr Als die Gewährung der freien religiösen Betätigungsmöglichkeit und eines ausreichenden Lebensraumes. Auf die Aneckeuuung unserer vollen Menschenwürde und Menschenrechte, können wir freilich nicht verzichten. Denn Israel und sein "G'tt sind so unzertrennlich miteinander verbunden, daß jede Verunglimpfung Israels notwendigerweise auch eine Verunglimpfung seines G'ttes bedeutet, dessen „Name über Israel genannt ist." Um der Ehre unseres G'ttes willen, dessen Verkünder durch die Iahrtäusende der Geschichte wir zu sein , berufen wurden, sind wir daher Perpflichtet, unsere Menschen- und Bürgerrechte bis aufs äußerste zu verteidigen. Jeder Staat, der uns aber diese drei Lebensbediirgungen zuerkennt, wird in uns seine treuesten Anhänger finden, gleichviel wie er sonst geartet sein mag. - - - ' Allein je vollständiger wir aus der Teilnahme an der Fortgeftaltung des allgemeinen kulturellen, staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen werden, desto gebieterischer haben wir die Pflicht, die Renaissance unseres eigenen jüdischen Lebens in Angriff zu nehmen. Niemals wäre die Katastrophe über-uns gekommen, wenn die deutsche Iudenheit ihre unerschöpflichen geistigen und wirtschaftlichen Energien, statt sie nach außen hin glänzen zu lassen, in den Dienst der pflege und der Verbreitung jüdischer Ethik und jüdischer Religiosität mit gleichem Eifer und gleicher Hingabe gestellt haben würde? Im Kampf um unsere Selbstbehauptung vollbringen unsere großen Hilssorganisationell unschätzbare Leistungen. Aber es ist nunmehr an der Zeit, die unendlich wichtige Aufgabe der Wiederaufrichtung aus unserem seelischen Zusammenbruchs aus unserer geistigen Not und unserer moralischen Haltlosigkeit zu meistern zu versuchen. Das kann nicht von heute Auf morgen geschehen, aber die Richtung unseres künftigen Weges ist es, die wir aufzuspüren uns vor allem bemühen inüssen. ' Die Absage der Welt an unsere CmanzipattöNSbeflrebungen ist mit beispiellos-grausamer Deutlichkeit erfolgt. Man will uns nicht und verschmäht unsere Einordnung in die bestehende Kultur. .Gleichwohl haben die Meisten unter uns diese Absage überhaupt nicht begriffen und haben nicht das Geringste dazugelernt. Gibt es denn eine andere logische Antwort darauf als die selbstbewußte' Zurückwendung zur eigenen Kultur? Als die Konzentrierung unserer ganzen Kraft und unseres ganzen Wollens auf den Ausbau, die Festigung, die Erneuerung und Läuterung unseres Als die Erweckung eines stolzen, unerschütterlichen und in fehlem jüdischen Bewußtsein unbestechlichen.. Geschlechtes,/ das in der Betätigung und Verkündung des jüdischen Sittlichkeitsideals sein einziges und alleiniges , Lebensziel sieht?! Oder sollte uns'etwa der Zionismus die Losung des Iudenproblems bieten wollen? Das. kann er heute weniger denn je. Denn er vertritt für das Judentum den gleichen engherzigen und überspitzten Nationalisiilus, wie wir ihn bei allen Völkern verurteilen und dessen Unterordnung unter den Ethos wir zu fordern nicht müde werden.. Und darüber hinaus zeigt er uns keinerlei' sittlichen Fortschritt, sondern bleibt in den gleichen politischen Erwägungen und materiellen Berechnungen haften, deren Zuverlässigkeit vor unseren Augen soeben mit unbarmherziger Wucht ad absurdum geführt worden ist. wir haben/es satt, unsere Hoffnungen an die Mächtigen der Erde und -an die Parteien des Landes zu knüpfen. Ober kann uns der Zionismus ettva garantieren, daß ihm das Gleiche, das wir gegenwärtig erleben, über kurz oder lang, nicht «ebenso widerfahren wird?! Und auf wen werden wir dann unsere Hoffnungen setzen? Noch nie haben wir es mit solcher Klarheit.ge-, 'ühlt, daß keine Macht der Erde, sondern nur der große. ’tt über Leben und Tod uns noch helfen kann, — wenn er uns Helsen will! viele, die das bislang nie Ungesehen haben habeil in den vergangenen schweren