Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1933)
- Date
- 1933-08-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israeli! Nr. 31 Seite 3 3. August 1933 Wochenrundschau. Zeitenwende iw heiligen Land. Der -an der Spitze unserer heutigen Rümmer veröffentlichte Aufsatz bespricht ein Problem, dessen Ernst gar nicht überschätzt werden kann. Man muß sich vergegenwärtigen^ welch zentrale Rolle im Ganzen der jüdischen Weltanschauung das heilige Land spielt, wie es für den Juden alten Schlages auch in den dunklen Jahrtausenden des Golus ein m:> rrvvein „Thron der G'ttesberrlichkeit" war, und wie die Strahlen dieser Herrlichkeit hineinleuchteten als Trost und Hoffnungsschmmer in die dunkelsten Stuben der Ghetti —, um zu ermessen, was an nationalem Besitz auf dem Spiele steht, wenn nun die Orthodoxie selber berufen sein soll, in die ungebrochene Einheit und Geschlossenheit religiöser Gläubigkeit und Treue die' wissenschaftliche Kultur Europas, in die Scheidemünze der höheren Schulbildung umgemünzt, hineinzutragen. Richt mehr und nicht minder bedeutet ja die von dem Verfasser unseres Leitartikels, einem der bedeutendsten Kenner «des Problems, mit überzeugender Klarheit dargcstellte Rotwendigkeit, angesichts der starken deutschen Einwanderung ein Schulwerk auf den prinzipiellen Grundlagen, die S. R. Hirsch b"W' für den Westen geschaffen hat, zu errichten. Die Situation ist aber eine ganz andere als sic S. R. Hirsch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Deutschland antraf, und die Gefahren, die drohen, sind unendlich größer. ' Als Rabbiner Hirsch seine Realschule in Frankfurt a, M. gründete, war, um es volkstümlich auszndrürken, in Deutschland nichts mehr z u verlieren; auf weiter Flur kaum mehr eine Ieschirvo zu erblicken und in den Städten der vollendete Abfall in unbestrittener Geltung. Man braucht nur an die von Cmanuel Schwarzschild b"Xl' in seinen Memoiren verzeichnete Tatsache zu denken, daß er unter seinen damaligen Altersgenossen in der großen Gemeinde Frankfurt so ziemlich der Einzige war, der noch Tefillin legte. Unter diesen Umständen fonnte cs nur no ch auswärts gehen. Es war nicht zu befürchten, daß durch die Errichtung einer Schule, die noch dazu 40—50 Wochenstunden erteilen und davon gut die Hälfte den unij? 'iiv*? widmen könne, irgend welche religiöse Substanz und irgend welches Milieu lebenerfüllenden Thorastudiums zerstört oder auch nur geschwächt werden könnte. Man braucht nicht festzustellen, daß die Lage im heiligen Lande heute g'ttlob ganz anders ist. Gewiß wird die Zahl der Eltern und erstrecht die Zahl der' Jungen von Tag zu Tag geringer, die die Selbstentäußerung besitzen, den inneren und äußeren Lockungen, die der Genuß vom „Baume der Erkenntnis" in den europäischen Schulen bietet, zu widerstehen und auf all die Vorteile zu verzichten, die bei der Berufswahl und bei der Karriere im Leben die moderne Schulbildung bietet. Aber dennoch sind' es im heiligen Lande immer noch viele Tausende, in denen die ganze Glut des religiösen Empfindens und Lebens und die volle Hingabe an G'tt und sein Gesetz so lebendig, ist, daß man in der Thora das keiner Ergänzung bedürftige Lebenselixier erblickt. Was bisher an versuchen im heiligen Lande vorliegt, Thora mit Derech Crez zu vermählen, um bas falsche Schlagwort zu gebrauchen, ist nicht allzu ermutigend, vor dem Kriege zeigten die Rezach Iisroel-Schulen unter Leitung Dr. Moses Auerbachs befriedigende Resultate. Aber es waren Volksschulen, die nicht bis zu den Höhen der G^mnastalblldung hinaufführten. Und was der Misrachi bis heute an Experimenten auf dem Gebiete der höheren Schulen bis zum Lehrerseminar hinauf unternahm, hat leider keine sehr ermutigenden Ergebnisse gezeitigt. Das mag gewiß zum großen Teil daran liegen, daß die misrachistische Schülerschaft sich von vorncherein einer inneren Spannung, eines Gegensatzes zur allen Orthodoxie bewußt ist und daß schon damit der pädagogische Erfolg in religiöser Hinsicht vernichtet wird. Aber das darf uns nicht dazu verführen, zu glauben, daß gegen solche Gefahren nun ein auf agudistischen Grundlagen zu errichtendes Schulwerk völlig gefeit und geschützt wäre. Wir sagen das alles nicht, um, G'tt behüte, den Eifer derjenigen zu schwächen, die in der Einsicht in die tiefe Rotwendigkeit des '■jmin insn nb nwvb ns? an das schwere Werk — ebenso schwer in finanzieller wie in prinzipieller Hinsicht — Herangehen, sondern um zur Vorsicht und zu immer wiederholter ernstlicher Beratung mit den berufenen Größen der Thora und der pädagogischen Wissenschaft zu mahnen. Geben wir in Zittern und Beben znn ftjni an das große Werk heran, das vor uns steht. Dann, aber auch nur daun, wird G'tt uns vor dem Äbgleiten schützen und uns vielleicht das unendliche Glück verleben, die bescheidenen Grundlagen zu dem Aufbau eines palästinensischen Lebens zu legen, das sich dereinst wirklich zu einem jmiü nn» ninv kdd vollendet. Nach dem Schächkverbok. I. Cs wäre vom religiösen wie vom allgemeinmenschlichen Standpunkt aus eine ebenso wichtige wie reizvolle Ausgabe, mit einiger Genauigkeit und Zuverlässigkeit sestzustellen, wie das Inkrafttreten des reichsgesetzlichen Schächtverbotes auf die Inden Deutschlands gewirkt hat. Um diese 'Aufgabe zu lösen, fehlt es indessen vorläufig an den nötigen statistischen Unterlagen, Man ist allzu leicht geneigt, einzelne Lclspiele von charakterloser Preisgabe des religiösen Gesetzes um vermeintlicher oder wirklicher gesundheitlicher Interessen willen, wegen eines Gaumenkitzels oder gar aus Unwissenheit zu verallgemeinern und daran bittere Auseinandersetzungen zu knüpfen. Soweit unser Urteil reicht, glauben wir sagen zu können, daß bis heute derjenige Teil der deutschen Iudenheit, der, sei es aus tiefer gefestigter religiöser Ueberzeugnng, sei es aus einein allgemeinen Gefühl der Pietät heraus und aus der Ehrfurcht vor dem Ünerforfcklichen dem Speisegesetz treu war, diese Treue auch bis heute gewahrt hat. Dabei darf nicht vergessen werden, daß für die ungeheure Mehrheit der Minderbemittelten und Armen das aus dem Auslände eingeführte rituelle Fleisch wegen seines hohen Preises doch nur wenig oder gar nicht i-> Betracht kommt. Die schmerzliche Entgleisung des liberalen Rabblnerverbandes, über die wir jüngst berichteten und der wohl mehr aus prinzipiellen Gründeil auch bei dieser Gelegenheit nicht umhin konnte, seine alten, aus Zerreißung religiöser Bindungen gerichteten Tendenzen irgendwie zur Geltung zu bringen, hat sicherlich keine große Wirkung ausgeübt. Diejenigen, die der liberalen Lizenz irgend welches Gewicht beilegen, batten ihrer gar nicht bedurft, um sich vor ihrem eigenen Gewissen wegen befürchteter gesundheitlicher Gefahren von der Einhaltung des Rcliglonsgesetzes zu dispensieren. Dagegen scheint es uns von Bedeutung, auf die Tatsache hinzuweisen, daß dort, wo man es am wenigsten erwarten sollte, sich eine recht schwache Stelle in der von der Rot der Zeit gewiß geforderten religiösen Cinheitsfroilt der deutschen Iudenheit gezeigt hat und zwar bei einzelnen Wohlfahrtsanstalten, die aus Mitteln der Allgemeinheit erhalten werden. Uns liegt ein Schreiben vor, das ein orthodoxes jüdisches Mädchen auf ihre Bewerbung um Uebernahme der Küchcnleitung einer jüdischen Heilstätte von dieser empfing und in dem die Leitung des Instituts sich gewissenhafter Weife .für verpflichtet hält, folgendes zu bemerken: „Gleichzeitig möchten wir Sie noch darauf aufmerksam machen, damit wir später keine Differenzen haben, daß wir vorläufig mit Koscherfleisch versorgt werden und auch hoffen, solange Juden, als Sendboten G'ttes, zeigen wir, daß wirklich jüdisches Blut in uns rollt und setzen wir unsere Hoffnung auf G'ttes Erbarmen und nicht zu allerletzt auf die Zielsrichtung, die fein geheiligtes Wort der Erlösung der ganzen Menschheit gegeben . . . Rabbi Roson Spiro b"piL? zu seinem 300. Zahrzeikstage. Von Darob Tehler in Nürnberg. In Krakau, der einstigen Metropole jüdischer Koryphäen und Thorafürsten wirkte im 16. Jahrhundert als Rabbiner R. Noson Spiro, nach seinem Werke, „Megale- Amukaus" genannt. Dieses, feiner äußeren Form nach, kleine vergilbte Merkchen (die 2. Auflage desselber erschien im Jahre 5451 in Fürth) dürste hinsichtlich seiner Eigenart und seines geistigen Gehalts in der ganzen jüdischen Literatur kaum seines gleichen finden, wiewohl wir sechs gleichnamige Werke besitzen. Das hier in Frage kommende umfaßt 204 Kleinoktav-Seiten und enthält in gedrängter Kürze 252 Erklärungen (d'jbik) zu den ersten vier Versen des Abschnittes iwimn als Variation der Worte ib 21, deren Zahlenwert ebenfalls 252 ist. Man kann diese „Aufanim" weder als Exegese noch als Homilien bezeichnen —, sie sind tiefsinnige, hocherhabene 87i"ii8i pii, echt kabbalistischer Prägung und sehr tiefgründig, wie sie nur den hervorragendsten m»K "»an mit offenen Augen eigen sind. Man braucht nur einen dieser Aufanim «gründlich durchzuarbeiten und um so begreiflicher wird uns die Bitte des Psalmisten "vr -73 mi633 vv'2«i „Qeffne meine Augen, daß ich schaue Wunder aus deiner Lehre" (119, 18.) Je mehr man sich hierin vertieft. desto überzeugender und glaubwürdiger erscheint die Behauptung der Biographen und Chronisten, daß der Verfasser nach höherer Eingebung geschrieben hat. (Siehe Gans, 111 n»s und „Schem-Hagdaulim" von Äfulaj, Stichwort „Megale-Amukaus"), was übrigens auch vom Sohne des Verfassers in der Einleitung des von ihm nach . dem Tode des Vaters herousgegebenen Werkes durch die hier wörtlich folgende Stelle deutlich zum Ausdruck kommt: virr iv82 nb'bn niivvo vi>v2 rrb'V '3iv p333»v p3'32 3'i'v2 iv" 121 -p 7li>8 "121 iV 1'3711 ni>12 1VV 71118 V12l> v'8 '8 DS73 nl>33 71813 1t?82 nttpn 283 17118 nun l'P2 1'VI nbs» bv K’Vns M331P0 •nnbü bs 'n Wie aus dieser Einleitung hervorgeht, war R. Noson Spiro kein einseitiger Gelehrter, sondern in allen Wissensgebieten, auch in der Philosophie, bewandert und so überragend, daß er den ganzen Talmud, Alfasi, Turim und Responsen seinen Schülern auswendig vorgetragen hat. Er verfaßte insgesamt 15 Werke, halachischen, meistens aber kabbalistischen Inhalts, darunter auch einen fortlaufenden Kommentar zur ganzen Thora und tausend Erklärungen (Aufanim), ungewöhnlicher Art über das s^yt 's, des ersten Wortes des dritten Buch Moses (wo bekanntlich der Buchstabe ybrr klein geschrieben steht.) Darauf nimmt der Verfasser auch in dem erwähnten Werk „Megale-Amukaus", Anfan 250, Bezug, wie auch dessen Sohn in der Einleitung. Auch R. Jechiel Heilprin schreibt in seinem Seder Hadoroth: nain!>ri d’jsik rstrr 8ip" 12® 8i’»r rr bs jiHjn -p nnn vpsi '38i- .-iJfcta ,1211 ""-,12112 "TipTiSMl w'vis Meines Wissens wurde dieses letztgenannte größte Werk aus mir unbekannten Gründen nicht veröffentlicht. Pekuniäre Verhältnisse konnten da kaum der ausschlaggebende Grund gewesen sein, da R. Noson Spiro sehr vermögend war und außer seiner rabbinischen Tätigkeit sich auch als großzügiger Philantrop auszeichnete. Sein Sohn schreibt von ihm: ]713 wni> D’31’28i> 173 J713 .3'3"33 211 D’D231 1E71J7 D’pi>8 ll> JJ13- 1N3 •$>’(?» kV 2'M nrPB -ll'3'8 P8bi N2 jm -3'3»83I'v'3 •"D'31321 181 2,17 M N'2 N118182 Der größte Teil seiner Werke dürfte in Mancsikript noch vorhanden sein, vermutlich im jüdischen Archiv zu Krakau urid man würde sich ein unvergängliches Berüienst erwerben, wenn inan diese Perlen zutage fördern und sie der Oeffentlichkeit übergeben würde. Ich denke hierbei besonders an den Schocken- B erlag, der sich zur Aufgabe gemacht hat, jüdische klassische Werke früherer Jahrhunderte neu anszulegen. Die Herausgabe gerade solch heiliger Werke voller mini niiiv> wie des „Megale-Amukaus", welche, nach kabbalistischer Ansicht, zur Beschleunigung der nVwa wesentlich beitragen, sollten wir uns besonders angelegen sein lassen. Der große Autor, dein nach der Ueberlieferung der Prophet Elijahu erschien, würde sicherlich in himinlischen Höheii als ivv s"bv für Gesamtjisroel in die Bresche treten. Ergänzend sei noch bemerkt, daß R. Noson Spiro schon 48jährig am 13. Aw 5393 abberufen wurde. Er liegt an der Reihe der D'p'im w3i -3 des alten 3"v7i w2 ZU Krakau. Der Umstand, daß Schreiber dieses feinen Stammbaum auf diesen p'bp «mp zurnckführt, veranlaßt ihn, als ehrendes Andenken ihm diese Zeilen zu widmen.!i>8iep i>2 $>jn y-'7 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowttz, Frankfurt a. 371.; Inserate i. B.: Si Schachii o rv i tz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. ÜJt. Hi