Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Zwei Vlumenhügel am Mnerethsee. Line Skizze aus dem neuen Palästina. Von I. Rimon. - > L Ls geht am Kiirerethfte entlang. Ls war früher RIorgen. Aus den Höhen rieselte der Tau auf das grüne Gras. Riählich. ging der volle Tag auf. Auf der weißen Chaussee, sah man bereits die ersten Fellachen hinter ihren Eseln nach der Stadt wallen, von unbekannter Richtung kamen verlorene pfiffe ■bn Ziegenhirten. Line ganze Gruppe junger Araberinnen kam in Reih und Glied mit den.Milchkannen auf dem Kopf. Der Tag belebte die Straße. Die ganze Nachts hindurch war Iochanan auf seinem einsamen Wachtposten. Cr war allein und beschäftigte, sich mit sich. Die Stille der Rächt war gerade dazu angetan, ihn: seine ganze Vergangenheit in Kapiteln wohlgeordnet noch einmal vor Augen zu führen, die ganze Tragödie seines Lebens noch einmal vor ihm spielen zu lassen. Lr hatte die ganze Nacht als Schomer über die Kolonie gewacht, fab beim Mondschein auf die Hütten und Häuschen, in öeneü jüdische Menschen nach schwerer Arbeit ruhten. Wie war ihm diese Niederlassung ans Herz gewachsen! Lin Weltslüchtling, fand er hier ein kleines Winkelchen, eine Zufluchtsstätte für feine gepeinigte Seele. Die ganze Rächt ging er furchtlos auf und ab. Lr kannte keine Angst. Wen und was sollte er auch fürchten? Hier gehörte ja alles ihm, alles, vom Sandkörnchcn bis zum Gipfel des Berges. Hier lauerte kein Feindesauge, erhob sich keine Hand zum geheimen Anschläge. Wer würde hier den Frieden glücklicher Menschen stören? ■ : Die Siedlung war bereits erwacht, es herrschte schon Leben und Bewegung in der schmalen Gasse. Aber es eilte ihm nicht so sehr. Kostbare Minuten, die er im freien Felde zwischen Bäumen und Pflanzen verweilte, und er wollte sie nicht verkürzen. Lr kannte hier jeden Baum, jedes Gräschen, begrüßte sie jeden Morgen von neuem, obwohl er sie erst gestern betrachtet - hatte. - Run ging er langsamen Schrittes der Wohnstätte entgegen und fang.sich das alte Lied aus dem' Gebetbuch: „Mein G'tt, die Seele, die Du mir'gegeben hast, rein ist sie." Ach wie rein und lauter, dachte er,-Sandwüsten haben wir in Paradies verwandelt durch -Müh und Arbeit? Aus dem' Jammertal-, dem Abgrunde des bitteren : Daluth-, . kamen' sie her, um eine Zufluchtsstätte zu bauen für das unglücklichste Volk auf Lrden. Line endlose Liebe' erfaßt das Herz des Wächters zu den Feldern, zu den Pflanzungen, zu der ganzen Siedlung, von den Steinhäusern und-Holzbaracken um die' Menschen bis zu den Kühen, Pferden und Hühnern jm Stalle. Aebe.r allem wehte der Geist der Wiederbelebung, der Auferstehung eines Volkes im Lande-seiner Väter.-Jeder Schritt Boden-war hier.: getränkt vom Schweiß der Brüder, die mit reinem H erzen „und. reinen- Händen sich hier ihr Leben ausbauttn. > - .m-■■■ So sang er denn und verspürte ein unsägliches inneres Glück. Run lehnte er an einen blühenden Baum. Sein Herz jubelte in jener Freude, die er — wie lange ist es schon her —, in der Klaus bei der ^-dritten Sabbatmahlzeit" empfand, als sie da sangen: Iedid nefesch, Freund der Seele . . . Barmherziger Vater! . . ." Crst jetzt verstand er den Sinn der Worte: „Siw haolam, Glanz der Welt, meine Seele ist liebeskrank! . . ." Inzwischen kam die volle Sonne aus den Bergen, lachte zum heiligen Boden hinab, lachte in das Herz des einsamen Wächters. Leben und Lachen, Sonne und Wonne rings herum. Die ganze Rächt wachte und bewachte er, und siehe Wunder, er war nicht müde. Frisch und stark fühlte er sich an diesem Morgen, wie kaum je zuvor. II. Aus der ukrainischen Hölle kam ec ins. Land. Zu Haufe galt er als wohlhabender Kaufmann, in dessen Haus die angesehensten Männer aus^ und eingingen. Cr war die rechte Hand des Ortsrabbiners. In feinen: Haufe fanden alle wichtigen Gememdeberatungen statt. Schon in den glücklichen Tagen hatte er den Entschluß gefaßt, fein Geschäft zu liquidieren und nach dem heiligen Lande auszuwandern. Davon hielt ihn zunächst.die Krankheit seiner Frau zurück. Cr blieb mit der Sehnsucht nach Crez Iisroel im Herzen noch in der Gola. Die Kinder, Sohn und Tochter, erzog er im'altjüdischen Geiste in Unentwegter Liebe zur Thora und zu Crez Israel. In Erwartung besserer Tage und einer günstigeren Gelegenheit mußte er das Schlimmste erleben, was ein Mensch erleben kann. Die pogromwelle nach dem verlorenen Kriege flutete auch in seine Heimat. Sein Haus wurde zerstört, die Frau auf dem Krankenbett ermordet, die Tochter, glaubte erlittene Schmach und Schändung nur dadurch zu tilgen, daß sie sich von der Brücke in den Dnjestr stürzte. Geblieben war nur der Sohn, jetzt fein einziges Kind. Doch wo steckte er? Cr war nach den Pogromen ausgewandert und ließ nichts mehr von sich hören. Cr gedachte, in Glück mit Weib und Kind nach Cdez Israel zu wandern, nun rettete er als Flüchtling, bar all feiner Habe, mit blutendem Herzen fein nacktes Leben dahin. In Palästina suchte er sich die. entlegenste Ecke in einer einsamen Siedlung aus, um dort in aufreibender Arbeit für den heiligen Boden Trost und Vergessenheit zu finden. Cr fand den Trost und den Halt in allem, was tot und lebendig war in der Kolonie. Cr lauschte den Vögeln, wenn sie zwitscherten und den Blättern, wenn sie rauschten, ihre Herzenstöne ab und er war nicht allein. Cr bewachte die Kolonie und fah darin feinen Stolz und fein Glück. '■ v :; Vor einigen Monaten erst legte er sich ein Blumenbeet an, das wundervoll gedieh. Die Blumen* anlage nannte er Menucha. So hieß feine einzige Tochter, die für ihre Ehre gestorben war. Mit der letzten Liebe seines Herzens betreute er die Blumen, tränkte und koste sie. Sie blühten und dufteten aus der reinen Seeele seines Kindes heraus. Jetzt im Morgentau glitzerten die Blumen wie frisch gewaschen. Cr mußte, bevor er in die Siedlung ging, noch diesen Morgengruß seiner Menucha entgegennehmen. Vor einigen Tagen war ein junger Chaluz aus der Ukraine 'ist die Siedlung gekommen.' Cr hat ihn noch nicht gesehen, aber man sagte, er sei ein ruhiger, besonnener-Junge mit der'^ftbUund dem willen zur Arbeit. ' Cr 'bekäm sofort bei einem Bauer Arbeit, und zwar im Stalle bei öen Pferden und Kühen. Wer war dieser Jüngling? Sicherlich einer von denen, die ihr Leben dem jüdischen Heime widmen wollten. Cr liebte ihn schon, diesen neuen Chaluz, bevor er ihn gesehen hatte. r’- - III. ' Die Sonne starrd nun im . vollen Glanze über der. Siedlung. Alles in helles. Licht hüllend. Auf den FMern ging die Arbeit in vollem, Schwünge. Cs trugen sich Arbeiterlieder über die Ebene. Ganz in seine Gedanken versunken bog der Wächter in die Gasse der Kolonie, die voller Leben und Bewegung war. Keinem, fiel das späte Crscheinen des Wächters auf. Man. kannte ja feine absonderlichen Gewohnheiten und seine stillen Unterhaltungen mit Baum und . Feld am frischen Morgen. . Im Bethaus der Kolonie, wo die Alten nach dem Gebete noch ein wenig beim Studium verweilten, indes die Jüngeren-längst auf dem Felde waren, erfuhr er, daß det neu angekommene Chaluz schwer krank darniederliege. Cin Pferd schlug' nach ihm aus und traf ihn am Kopf, so daß er blutüberströmt ins Bauernhaus gebracht wurde. Mau hatte nach dem Arzte in der nächsten größeren Koloicke geschickt. Iochanan erschrak so tief innerlich und wußte selber nicht warum. Cin Bruder in der heiligen Arbeit, sagte er sich, und schon ein (Lpfer. Gleich nach dem Gebete ging er ins Haus, um den Kranken zu besuchen. Rach einer halben Stunde kochte die ganze Siedlung vor Aufregung über. Iochanan, der Wächter, hatte den Sohn auf dem Kraukeubett wicdcrgefunden. Cs war ein Wiedersehen, wie es sonst vielleicht nur in romantischen Büchern geschildert wird. Vater und Sohn weinten vor Freude. Aber sie dauerte nicht lauge, diese Freude. Der Chaluz starb in den Armen des Vaters, bevor noch die Aerzte das Krankenzimmer erreicht hatten. In den folgenden Wochen sab man Iochanan, den Wächter, in üblicher Weift morgens am Kinerethsee entlang gehen. Ach wie liebte er den kinerethsee, an dessen Gestade er seine Zuflucht gefunden. Reben den Blumenanlage, „Menucha"g enannt, erhebt stch eins rischer Grabhügel. Und zwischen Blumen und Grabhügel sieht man den Wächter Morgen für Morgen stehen, da die Sonne von Hormon und Tabor langsam ins Tal niedersteigt. Cr zieht seiner Riedcrlassung entgegen, ohne Trauer, ohne Verzweiflung. Alles hat er verloren, aber hier dieses Winkelchen mitten im heiligen Lande gehört ihm. „Siw Haolam, Glanz der Welt, Itebeskrank ist meine Seele nach Dir! . . Acht Minuten. Die Fäuste der kleinen energischen Persönlichkeit schlugen in Ekstase erst gegen die Brust und fuhren dann im starken Stoße hoch in die Lust. War man etwa umsonst Doktrix rerum naturalium und umsonst Dr. phil.? Nun also! — Sie blitzte mit frohen Augen in die ihr zugewandten Gesichter. „Wir marschieren ins Licht! Das zwanzigste Jahrhundert ist ein Markstein in der Entwicklung der Menschheit, wie es noch keinen gegeben hat! — Die Zeiten sind aus, gänzlich aus, wo uns einer noch etwas von einem Jenseits vormimen, wo uns einer noch das Gruseln beibringen kann von einem Gericht — jung, jünger, am jüngsten! Es gibt überhaupt nicht Diesseits und Jenseits. Ja, es gibt überhaupt nicht einmal Du und Ich. Das sind nur Formen. In Wahrheit ist alles, alles eins! Die sogenannte Ausnahmestellung des Menschen, ich meine die biblische besonders, ist von der Wissenschaft längst in den Staubwinkel gefegt. Und — was unsere geliebte Erde anbelangt, dieses Staubkorn uner einer Billion von Staubkörnern ..." „Acht — Minuten!" sagte eine klare, kühle Stimme von einem bequemen Rohrsessel her. Die Köpfe fuhren herum. Aha! Da sah er. Man kannte die lustigen Augen und den verkniffenen Mund. Das hier war nämlich keine Volksversammlung und kein wissenschaftlicher Kongreß. Es 'mar einer der bildschön getünchten Nachmittagstees. Sie beginnen am Abend-, vorher mit dem Nachtgebet „Herr G'tt, wenn Du bist, lffß' mir von Deiner Allmacht, wenn Du cirre hast, an jeder Hand noch zwei Finger mehr wachsen, wenn das geht!— Wo soll ich mit meinen Ringen und Diamanten hin, die ich wirklich und wahrhaftig habe!" Am Nachmittag folgte der Hauptakt: Das Wirbeln der Geister hinein in das Flimmern der Brillanten und das Klirren der goldenen Teelössel. Und nachher das erhabene Postludium: Da jeder ehrlich und eifrig eine (seine) Rolle gespielt hatte, schlief man mit dem schönen Bewußtsein ein, der. Menschheit nach Kräften und.auch fördersamst gedient zu haben. .... , Es gab aber auch — freilich nicht sehr beliebte — Leute, die das alles „Schlimmen Zimmt" nannten. Zu ihnen gehörte der Mann, der eben eine ästhetische Atempause der Rdnerin benutzt hatte, um „Acht Minuten!" zu rufen. Einer sah den andern a\\.- Die Gelehrte, die in flottem Zuge war, ließ sich nicht stören. „Denn," fuhr sie in lächelnder Sicherheit fort, „das ist doch nicht nur eine himmelhohe Anmaßung, — es ist auch gegen jede Logik und vor allem, es -ist gegen jeden gesurrden Menschenverstand, zu glauben, daß einzig unsere, Erde, dieses unbedeutende Nichts, von Menschen bewohnt sein sollte und ... „Acht — Minuten!" pfiff der sarkastische Mund wieder zu ihr hinüber. Sie fegte mit einer Handbewegung den Klang aus der Luft. „— daß alles andere draußen, Sonne, Mond ufw. uns Menschlein gewissermaßen nur zu Schauspiel und Vergnügen . . ." „Acht Minuten!"