Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 30 Der Isr a e l i t 28. Juli 1933 Prägung und einem religiösen Liberalismus jüdisch nationaler Prägung eine weltanschauliche Synthese leicht herstellbar, ja heute, nach dem Zusammenbruch des liberal-asstmilatorischon Ideals, unvermeidlich ist Daß die O r t h o d o x i e aber in absoluter Iso lierung diesem Verschmelzungsprozeß gegenüberstehen muß, will sie nicht verrat an der geschichtlichen Wahr heit ihrer Tradition und damit am ganzen jüdischen Volke üben, wird durch nichts so klar wie durch di Buber'schen Sätze. Eben jenes „allgemeingültige jüdische Wenschenbild," das unseren Ahnen vorange leuchtet, ist noch heute das Erziehungsideal des ge setzestreuen Judentums. Nach Hunderttausenden zäh len im Osten, nach Tausenden im Westen die schlich ten jüdischen Wenschcn, die auch heute noch die „UN angefochtene Naivität" aufbringen, um es zu reali sieren, und die ewige Aufgabe der traöitionstreuen jüdischen Wissenschaft, der Theologie des orthodoxen . Judentums — um den schiefen Ausdruck zu ge brauchen — ist cs, die Harmonie zwischen jener „Naivität" der Emuno und der Ueberzeugungsge wißheit einer die Kritik und die Skepsis überwinden den Judentums-Anschauung immer wieder neu herzustellen Daß diese Aufgabe nur in steter Selbstbesinnung auf die Ligengesetzlichkeit der jüdischen Os fetibarungstradition — also in klarster Grenz s ch e i d u n g von dem synthesefrohen Bildungsideal der zionistisch-liberalen Einheits-Weltanschauung — gelöst werden kann, liegt aus der Hand. Hiermit ist aber auch die Grenze aller aktuellen Tinheitssehnsucht gekennzeichnet. Die Herausarbeitung eines gemeinsamen ortho dox-liberal-zionistischen Bilöungs- und Erziehungs idcals bleibt uns verrat an der religiösen Wahrheit. Was not tut. Bon * * *. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat sich aus linksliberalen Kreisen zum gesetzestreuen Judentum zurückgefunben. Die Ereignisse der letzten Monate haben jüdische Menschen, die nicht völlig stumpf und ungeistig öahinleben, veranlaßt, noch einmal die schwere probleinatik zu überdenken, in die ihr Sein hineingestellt ist. Dabei ist, so will es scheinen, die Art und weise der Selbstprüfung allzu ausschließlich von der Frage be stimmt worden» wie es um unser Deutschtum bestellt sei. Inwieweit die jüdische Komponente der uns von der Vorsehung auferlegten Doppelstellung berührt werde, darüber hat man sich weniger Gedanken gemacht. Cs ist jetzt nicht die Zeit, die mit vielem Eifer betriebenen Weßversuche fortzusetzen, öie der Fest stellung der Gewichtsbeziehungen zwischen dem Deuschtum und dem Judentum in uns dienen sollten; derlei Bemühungen hätten heute, da sie im Zustand der Isoliertheit erfolgen müßten, wenig Sinn, und sie vermöchten uns keinen Schritt aus der verworrenen Situation herauszuführen. Weit wichtiger und der Wiederherstellung und Erhaltung des seelischen Gleichmaßes zuträglicher wäre.der herzhafte Rückzug auf den Lebensboden, der uns unverkürzt geblieben ist. In diesem jüdischen Bezirk sind wir frei; hier warten unseres Formungswillens tausend Möglichkeiten, und es bedarf nur einer klaren Erkenntnis dessen, was unser Eigenstes ist, um unsre jüdische Gemeinschaft wieder aus der Starre in den stetig dahineilenden Strom stnnerfüllten Lebens überzuführen, wir sind in Zeiten der Hochspannung leicht geneigt, Formeln zu prägen, in denen ein guter Inhalt verborgen liegt; es fehlen'' aber vielfach Mut und Einsicht zu ihrer gedanklichen Durchdringung, und dann wird die Formel zum unfruchtbaren Schlagwort. Wer heute dazu aufruft, die „jüdische Eigenart" zu erhalten, die „jüdische Substanz" zu stärken, darf froher Zustimmung gewiß sein; denn es gibt fei* neu Juden, der nicht lebhaft' empfände, es fei im Lauf der Zeit eine verhängnisvolle Aushöhlung und Verdünnung alles Jüdischen erfolgt, und es sei notwendig, den Typus „Jude" wieder in seiner alten plastisch scharf bestimmten Gestalt herzustellen. Soll aber dann an die Erfüllung der Forderung herangxgangen werden, dann erweist: es sich, daß die Ma kerialien zqm Wiederaufbau verschüttet sind und, daß den an sich zur Tat bereiten Menschen Nichts änderH übrig bleibt als die Fluchten'vage Vorstellungen und Stimmungen, Anstatt zu.prüfen, was denn eigentlich an jüdischer Substanz durch die Jahrtausende hin durch lebendig gewesen ist, und energisch zuzupacken um es wieder voll wirksam werden zu lassen, be gnügt inan sich damit, „stolz zu sein aus sein Juden tum" und „jüdisches Selbstbewußtsein" zur Schau zu tragen. Dies Beginnen ist gefährlich weil es bequem ist, zu nichts verpflichtet, den Blick voitz We fentlichen ablenkt, den Akt des Erneuerungsverfuchs zum Leerlauf verurteilt und Ernüchterung und Verzweiflung zur Folge haben inuß. Erst in dem Augen blick, da wir die Kräfte übersehen, die dem Judentum in der Vergangenheit das Gesicht gaben, kann sich uns wieder das alte Ziel unsres Gruppendafeins enthüllen und damit dein willen' zur Selbstbehauptung und zu volklicher Reuprägung Antrieb geben. ^schwächliche Haltung, mit der wir unsrer^ Beurteilung. durch die Umwelt begegnen. Mittelmäßige Äpologetik ist. ans lange genug eine unnütze Begleiterin, gewesen; sie'hat es zuwege gebracht, daß wir uns selbst nicht mehr „in.Form"' fanden; daß wir uns gefügig zeigten, das als welch und verwaschen zu deklarieren,, was in seiner Wesenheit männlich' stark und' puritanisch hart sein mußte. Religös gebundene Bemühungen stehen auch in dieser Rotzeit nicht eben hoch im ,Kurs. Und dennoch müssen sie unbekümmert um eine mögliche Ablehnung ntitten hineingestellt werden in den Bereich der Er örterungen über unsre Lage. Wie immer das Wesen des Iudenturns gesehen werden.mag, ob national bestimmt oder konfessionell, das wird nicht bestritten werden, können, daß es hie Intention zum Ewigen hin gewesen ist, die seine, Geschichte geformt hat. Alle Aktionen der Gesamtheit sowohl als auch die Lebensäußerungen des Einzelnen zielten irgendwie auf Ueberirdifches hin. Und was sich an versuchen im Lauf der Jahrtausende zusammengeftigt hat, den Tag ad majorem gloriam dei ZU NUtzbN, das INäg dem Außenstehenden zuweilen primitiv, kindisch, ja grotesk erscheinen; den, der sich mitten inne findet in dieser wundersamen Welt, erfüllt es mit unendlicher Gelassenheit dem Gang der Dinge gegenüber und mit unzerstörbarer Zukunftshoffnung. Und wer sich liebevoll itt den literarischen Niederschlag der Heiligungsbemühungen, in das Schrifttum vertieft, wird einen Hauch des tausendjährigen grandiosen Kampfes um das verspüren, „was not Ml". Uns, die wir das Zeitalter rationalistischer Weltdeutung, eben hinter uns haben, die wir weit abgekommen sind vom Wege der Tradition, uns ist es aufgegeben^ eine entschlossene Umkehr zu vollziehen zurück zur Frömmigkeit der Alten, wenn anders unser Schicksal nicht in der Wüste seelischer Leere enden soll. Uns rettet mit Nichten der Rückzug in irgendwelche Bezirke profaner Art. Keine physische Wehrhaftmachung ist unser Heil und kein Untertauchen in das Reich der „holden Kunst" bringt uns Hilfe. Es wird von uns die irenge Selbstzucht durch unser ganzes Tagewerk hindurch gefordert, so wie sie unsre Vorfahren einst übten; die strikte Innehaltung harter L.ebensregeln, nicht daß unsre Seele verkrüpple unter einem Joch,, sondern daß sie wahrhaft frei werde wie die jener,Wänncr, deren Kraft ein Heinrich Heine mit dem feinen Instinkt eines Rachfahren ,empfunden hat, als er Judentum und Griechentum gegenüberstellte. Und noch eines haben wir wieder in unfern Lebensbereich aufzünehmen, um die Ursprungsgestalt,, des Iudenvolkes wieder herzustellen. Das ist das „Lernen", das ernste Spiel mit dem Wort, das Hinabtauchen ins Weer der Gedanken, die unablässige Geistesschulung an dem Schrifttum unsrer Weisen. Der „moderne aufgeklärte Wen sch" mag dieses behende Hin- und Herrschen der Erzeugnisse denkerischer Kleinkunst zwecklos und lächerlich finden, wiewohl es in der Intention alles andre eher als dies ist, und wiewohl nüchterne Zwecksetzungen völlig am Wesentlichen des Sachverhaltes Vorbeigehen; in keinem Fälle kann geleugnet werden, daß 'das „Lernen" in der Gruppe mindestens ebenso stark das geistige Antlitz des Judentums hat mitbestimmen helfen wie die Unterordnung unter das Gesetz. Beides also, die Gesetzestreue und das Studium der biblischen And talmudi- 'chen Literatur sind wesensmäßige und daher unentbehrliche Bestandteile: der jüdischen Substanz, und deshalb wird kein Versuch einer Verlebendigung unserer Eigenart gelingen können, wenn eines von beiden ausgeschlossen bleibt aus einer neuen Lebensorönung der Juden. Greifen wir mutig nach diesem heiligen Erbgut unsrer Väter! Und tun wir von uns ab jene Organische Staatsauffassung und Eugenik. Zu dem Gedankengut der nationalsozialistischen Bewegung, die in Deutschland zum Siege gelangt ist, gehört von jeher in besonders markantem Maße die Verpflichtung des Staates zur pflege der Eugenik, d. h. des bewußten Strebens nach Hochzüchtung der im Volke vorhandenen Erbmasse an Tüchtigkeit,. Stärke und Geisteskraft auf dem Wege der Fortpflanzung der Generationen. Chefchließung und Kindererzeugung sind daher nicht mehr dem Belieben und der Willkür des Individuums zu überlassen, sondern bilden öie wichtigsten Faktoren für die Weiterentwicklung des ganzen Volkes und damit für seine geschichtliche Zukunft. Der Gedanke selbst ist, wie jeder Kenner des jüdischen Schriftums und der jüdischen Reberlreserung. weiß, von jeher integrierender Bestandteil der Thoragesetzgebung gewesen, die sich hierin wie sonst von der liberal-individualistischen Staatsauffassung der Woderne scharf unterscheidet, und zahlreiche umfassende Kapitel der schriftlichen und mündlichen Lehre sind, wenn nicht'ausschließlich, doch zweifellos in bedeutendem Waße von eugenifchen Gesichtspunkten bestimmt. Für die innere geistige Auseinandersetzung mit den die deutsche Umwelt in steigendem Waße beherrschenden Gedankenströmungen, ist es daher von besonderer Wichtigkeit, daß man grade im Kreise der gefetzestreuen Iudenheit sich von den hier in Betracht kommenden Gedankengängen ein klares Bild macht,, um bei der Jugenderziehung und bei der Bildung, der eigenen Reberzeugung die ewigen Waßstäbe, die die G'tteslehre uns auch auf diesem Gebiete an die Hand gibt, in gerechter Weise auf die modernen eugenifchen Bestrebungen anwenden zu können. Hierzu ist eine im Verlage von Alfred W e tz n e r in Berlin im Rahmen einer Schriftenreihe zur Erblehre und Rassenhygiene erschienene Arbeit von Prof. Dr. Bernhard Bavink in Bielefeld, unter dem Titel „Organische St aatsauf- ' a f if u ,it g u n d Eugenik" besonders geeignete Bavink ist nicht in erster Reihe Politiker und parteimann, obgleich er als einer der ältesten intellektuellen Vertreter der nationalen Bewegung gelten darf, sondern vor allem Wissenschaftler. Tr hat in einem bereits in mehreren Auflagen erschienenen großangeleglen Werke über die „Ergebnisse der Raturwissenschaften", das jetzt wiederumin neuer erweiterter Fassung erschienen ist, einen glänzenden Be- 'ähigungsnachweis. für feine wissenschaftliche Gründichke.it, den Umfange seines naturwissenschaftlichen und mathematischen Wissens und für die Besonnen- ]?eit seines Urteils sowohl in fachwissenschaftlichen, als in erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Fragen erbracht. Der Grundgedanke, von dem Bavink in - seiner Broschüre ausgehtz ist die Begreifung des Volkes überhaupt als O r g a n i s m u s . Jedes Volk stellt nicht eine-bloße Summe von Individuen dar, die sich zu irgendwelchen äußeren Zwecken, zur Selbsterhaltung oder Wachtvermehrung zufam'mengeschlossen haben, sondern ein gewachsenes, ein natnchaftes, über allen Indwiduälwillen hinaüsgehendes Gebilde,, in dem däs Individuum wie die Familie nichts weiter als einzelne Zellen bilden, v ö l ke r 'F i n d m e t a p h y f i f ch e Einheiten , worautz folgt,, daß ihre Grundlage naturgemäß die" durch die Abiammung bestimmte rassische G e m ei ns a m - 'eit sein muß. - was Bavink nun von der heute herrschenden engen parteimäßigen Auswertung dieses Grundgedankens scheidet, der uns Juden ja durchaus alsobjektive Wahrheit gilt und im talmudischen