Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-07-28 · Heft 30 (28.7.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 30 (28.7.1933)
Date
1933-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450785--79751-2537541
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wenn die Industrie dieses oder jenes Landes durch den Boykott 6k AMantz bessere Geschäfte macht — aus d i e Dauer gedient ist, das mögen auch diejenigen einmal überlegen, die es bei dieser Hetze gegen Deutschland subjektiv ehrlich meinen und dabei «ihrem verletzten Brudergefühle für die Juden Deutschlands folgen. Gerade dieses Brudergefühl sollte — neben der entscheidend e.n Rücksicht aus den Weltfrieden — zur Best n n ü n g und Besonnenheit mahnen. wer wird, von allen diesen ungerusenen und unberufenen selbsternannten „jüdischen" Führern vom Schlage Lord Melchetts, die deutschen Juden schützen, wenn sie der durch die Provokation einer jüdischen Boykott - Weltkonferenz entfesselten Volkswut eines Tages zum Opfer fielen? Wer Kriegserklärungen gegen ein Volk erläßt, darf sich nicht wundern, wenn dieses so reagiert, als herrsche Kriegszustand. Cs ist außerordentlich bequem, ln der behaglichen Sicherheit eines fashionablen Klubzimmers großzügige politische Rettungspläne für die deutschen .Juden zu konzipieren und dabei, mutig wie ein Löwe, das Leben — Anderer aufs Spiel zu setzen, seine Havanna aber ruhig weiterzurauchen. Kommt man uns aber mit dem zuweilen gehörten Einwand, es handle sich hier gar nicht um das Schicksal der deutschen Juden, sondern um das der — ganzen Iudenheit — es gelte, dem Uebergreisen des Rassenhasses auf alle anderen Länder dadurch vorzubeugen, daß die Juden ihre Kraft der A b w e h r zeigen müßten, auch w e n n — wie im Kriege —, Tausende dabei ungefallen lassen, den Herren in Rewyork und London als willenloses Objekt ihres törichten poetischen Kraftmeiertums zu dienen? Sie sollen sich von diesen Hasardeuren alle — immer noch vorhandenen — Hoffnungen auf eine erträgliche Gestaltung ihrer Zukunft in Deutschland vernichten lassen? Wir protestieren i m Hamen d e r gesamten deutschen I u d e n h e i t gegen Lord Welchett und seine finsteren Pläne, gegen die Boykott-Hetze und die antideutsche Demonstrations-Politik überall in der Welt und gegen joden versuch, das Schicksal der deutschen Juden an die ephemere Weisheit thorafremder, verantwortungsloser politischer Spieler zu ketten. Der Ruf nach Einheit. Der deutsch-jüdische Blätterwald hallt wider vom Rufe nach Einheit. Der Ruf erschallt von allen Seiten und er ist nicht nur ehrlich gemeint, sondern er kommt wirklich aus Heczenstiefen. Die äußere Rot, noch dazu die Bedrängnis einer kleinen Rlinderhcit, die sich von einer ungeheuren Uebermacht gekränkt, beleidigt, in den Wurzeln ihrer Existenz bedroht sieht, treibt zum innigsten Zusammenschluß der gemeinsamem Leidensgeschick preisgegebenen und läßt Parteiungen irgendwelcher Art vom rationellen Standpunkte aus als selbstmörderisch, gefühlsmäßig geradezu als' Verrat erscheinen. Kommt noch hinzu, daß in der deutschen Umwelt die Parteien verschwunden sind und eineni grandiosen nationalen Einheitsfühlen Platz gemacht haben, so scheint alles für eine analoge Entwicklung auch in der deutschen Iudcnbcit ZU sprechen. Soweit es sich um die Vertretung wirtschaftlicher, philantropischer und politischer Interessen handelt, sollte und könnte nun wirklich die Einheit bergestellt t e r g e h e n , so legen wir im Kamen der Thora, im Rainen G'ttes und des jüdischen Rechtes gegen ein so frevelhaftes Spiel mit den jüdischen Sittlichkeitsbegriffen lautesten Protest ein! Zu einenr derartigen vernichtungsdekret für Tausende um einer politischen Idee willen, die rein subjektivem — in unseren Augen geradezu wahnwitzigem — Kraftgefühl entstammt, haben halbe und ganze Assimiltttionsjuden vom Schlage eines Lord Welch eit und seiner Freunde wahrhaftig keinerlei Recht. Kein Vinizr’n Vnx» dessen Seele erfüllt ist von der gesammelten ewigen Weisheit des G'ttesgesetzes, würde es wagen, mit solchem Leichtsinn mtysj ■j3,n zu entscheiden — und die deutschen Juden sollen es sich werden, und die fortwährenden, mehr oder minder verschleierten Spannungen und Streitigkeiten in der sogenannten „Reichsvertretung", zum guten Teil solche persönlicher Ratur, wären bei etwas mehr Selbstdisziplin auf allen Seiten gewiß zu vermeiden. Aber an dieser Selbstdisziplin, vor allein an der erforderlichen S e l b st b e f ch r ä n k u n g hapert es. Cs gibt grade unter den im gemeinöepolitischen Leben großgeworöenen Führern Fanatiker der Einheit, die attzuleicht vergessen, daß das Judentum für diejenigen, die es ernst nehmen, eine cindcuiigc weltgeschichtliche Berufung ist, aus dem Duell der höchsten, der absoluten Einheit geflossen, jund darum unzugänglich für einen kompromißhaftcn .Verschmelzungsprozeß, der aus dreierlei diametral j von einander geschiedenen religiösen oder weltanschaulichen Behauptungen der Einheit zuliebe eine Synthese Herstellen zu können vorgibt. Gegenüber dieser falschen, vom religiösen Standpunkte aus gewissenlos zu nennenden Cinheitsfehnfucht weifen wir mit Befriedigung auf eine Kundgebung Martin B u b e r s hin, die zwar ausgeht, eben jenes einheitliche jüdische Bildungszicl in der Gegenwart der deutschen Iudenheit zu suchen, dabei aber — aus unbewußter Wahrheitsliebe — die Königskrone der Aufrichtigkeit findet, will sagen: das Bekenntnis zur Unmöglichkeit dieses einheitlichen Bildungsziols, Buber warnt vor dem gefährlichen Irrtum — dem Irrtum des Alltags-Zionismus —, auf das völkische Bild der Umwelt reaktiv mit einem jüdischen völkischen Bild zu antworten. „Cs stehe uns nicht an, weil wir durch keinen völkischen Begriff zu umreißen sind, — einst als Glaubensgemeinschaft volkgeworden, als Dlaubeusvolk seither dauernd, so daß unsere „nationale" Bindung an Ratur und Geschichte von unserer „religiösen" Bindung an die Manifestation, die unsere volkswerdung und unsere Volksbürgschaft ist, nicht abgetrennt werden kann. Zu dem Bild Israels gehöre u n w c g d c n k b a r d i c Hand, die von drüben her die Tafeln u n s r e i ch t, u n - w e g d e n k b a r die sichtbare M a j e st a ck unseres u n s i ch t b a r c n K ö n i g s." „Aber," — so fährt Buber fort, „es wäre auch vergeblich, uns vorzunehmen, jenes allgemeingültige j ü d 1 sch e Menschenbild zu erneuern, das u n f e r e n a b e n d l ä n b i s ch e n A h n e n g e s ch l e ch t e r n bis zur Cmanzi - patiou vor geleuchtet hat: das Bild d e s z u g l e i ch wahrhaft fromme n u n d wahrhaft gelehrte n Mannes, d er, i n Israel naiv beheimatet, der „Weisung." i n a l! i h r c r k a s u i st i k k u n d i g i st und zugleich ihrer v c r w,i r k l i ch u n g i n G'ttes- 11 n b Menschenliebe u n befangen-gelassen obliegt. Wohl hat diese s B r l d sich noch in u n s e r e Z c i t hin in nr a n ch e n n a ch g >e b o r e n e n k i n d I i ch in ä cbt,i g e n Personen d a r g e st e l l t; a b e r ein B i l d u n g s z i e I läßt sich daraus nicht mc hr holen:• an jener unangefochten e n Naivität hing alles, und sie ist nicht wie d erbe rzu stelle n." Cs soll also ein neues einheitliches Bildungsziel geschaffen werden, das Bild eines neuen Israel, das „mit G'tthoit und mit Menschheit streitet und ü b e rwindet." Run wird wohl niemand bestreiten, daß — sobald man den noch eine Zeitlang weiter bestehenden p o - l i t i s ch e n Gegensatz außer acht läßt, — zwischen einem Zionismus B u b e r' s ch e r, d. h. religiöser uns erheben unsere Herzen samt den Händen zu G'tt im Himmel. Hand und Herz zu G'tt empor, zu seiner Verherrlichung und als Zeugnis unserer Umkehr." .1222 1V21 cpp» p ns nynsra Bus bv inVan )’S Nur dann wendet sich G'tt unserem Gebete zu — so sagen unsere Lehrer —, wenn wir unsere Seele hineinlegen in unsere Hand. Das bedeutet doch, daß wir selber den Weg zu G'tt suchen im Gebet und in Lebensweihe, aber auch in der Lisbestat. Wer es irgend vermag, der soll brüderlich jedem nahen, der irgend in Not ist, sei es nahe oder fern. Oft genüg hören wir jetzt von den mannigfachen Gefahren, die da unverschuldet so vielen drohen. Hand und Herz seien ihnen allen geöffnet. Das gemeinsame Weh und Leid muß alle in Israel zu einer Schickfalsgemeinschaft eng und innig zusammenschliehen, daß niemand in unserer Mitte darbe und in Sorge um des Lebens Notwendigkeiten sich verzehre. Der Alliebende wird sich unser erbarmen, wenn wir in G'ttesfurcht unser Leben umgestalten und mit Liebe und Innigkeit unserer Brüder und Schwestern in Not gedenken. Unsere Hoffnung braucht dann nicht zu schwinden, daß uns allen noch ein besserer Tag leuchten wird. Dafür bürgen uns unsere Propheten und unsere Lehrer aus alter Zeit, die es uns immer wieder deuten: ,kv2iv onyiabi nnaffVi pvvi' asa 'v p2tü rrapn vrisf ».G'tt wird einst den 9. Aw uns in einen Tag der Wonne und Freude und des Festes verwandeln .w'bi o'bVii' ns lnxsa sin nvai-i und er selbst wird bauen seine Stadt und sein Heiligtum und alle Vertriebenen und Zerstreuten aus Not und Glend sammeln, heißt es doch: mm i-rriim »ma 't ana, „.Der Jeruscholajim erbaut, bas ist G'tt, in seiner Liebe wird er Israel sammeln." Das spätere Geschlecht. Zwei Schtutzabschnitte des >"7mi>j?'i2i7vi-rr Das spätere Geschlecht wird klagen In der Bedrückung Tagen: „Was soll mir noch ein Leben Voll Not und Leid und Beben? Ist meine Kraft zu Stein erstarrt, Ist meine Stirn wie Eis so hart? Wie vermag ich's auszudenken! Keinen Blick will G'tt mir schenken! Er Sein Antlitz mir verbarg, Sieht den Feind nicht, der so stark Im Verborgenen Er waltet! Bitter wein' ich, ausgeschaltet. Wahrheitstempel sank in Trümmer. Willst Du mich vergessen immer?" — „In der Zukunft wird's erkannt, Kurz nur ist Sein Zorn entbrannt, Auf sie wird Er gnädig schauen. Die pflichttreu auf 'Ihn vertrauen! Nicht für immer wird Er streiten, Zürnen nicht für ew'ge Zeiten!" Wohin wir auch würden ziehen, Wilder Haß uns ließ nicht fliehen, Wohin wir auch würden gehen, Würd' Dein Sturmwind uns umwehen. Wie die Vögel aufgestört, Jammer, Klage uns verzehrt. Schwach und kraftlos, eingeengt, Himmelsfeuer uns versengt, Seufzer uns zu Grunde richtet. Die Verzweiflung uns vernichtet. Wie kam dies? Du schrittest ein, Weil den Tempel wir entweih'n, Darum uns die Strafe gilt, Uns der Feind verfolgt, so wild! — Steh' uns bei, das Elend schau' Zion wieder auferbaü, Künde in Erhabenheit: „Eifernd steh' ich Euch zur Seit'!" Karlsruhe. Dr. Michalski. Wochenkalender. vom 29 Juli b. 5. Aug. 1833 I vom 0—13. Ab 5693 Juli '»!' -p Samstag 29 5 P7N 712S7 Sonmag 30 7 Montag 31 2« 8 N Dienstag Aug. 1 9 1 2S2 nyrn Mittwoch 2 10 7 Donnerstag 3 11 N Freitag 4 12 v Samstag i5 13 ' V3712 n2E> SW o'12-r pnnm Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. S ch ach - nowitz, ebenda. —Lür die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.