Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 30 Der Israelit .. i.';-! '; 28. Juli 1933 f; Mc Tränen, die die Auserwählten und Weitblickenden in großer Schau uorausweiuon und verschmäht die Tränen und die Aufschreie der vielen, die erst aus der Rächt geboren sind? Aufschrei aus der Rot findet Erhörung, und auch denen streckt sich des Vaters Hanö entgegen, die als nmsrn ns^ixn wund und siech ins Vaterhaus zurückkchrcn, dem sie in gefunden und glücklichen Tagen den Rücken zugewandt hatten. G'tt nimmt in gleichem Nahe die Tränen des Tages wie die der Nacht in seinen Schatz auf, das; sie den Boden tränken, aus dem Heil und Erlösung erwachsen. Die äußeren Stürme sind cs, die uns neue Scharen von Brüdern zutrcibcn. 'Aber ihre Seelen haben in ihren Urvätern mit den unsrigen am Sinai gestanden. Auch ihnen ist wie uns das fnaai “f? *rsn 'n bx man offenbart worden. Sein Wort der Lieblosigkeit und 'Abweisung darf ihnen auf halbem Wege begegnen onx ii'NX „Seid uns als Brüder willkommen!" mus; ihnen, wie einst den Landlcuten, die die ersten goldenen Früchte ihrem schwarzen Boden für G'tt abrangen, cntgegenjubeln. Wan ist gerade heute geneigt, sich in die Gedankenwelt des W u s s a r zu vertiefen. Was würde ein Rabbi Israel Salanter -— es sind genau fünfzig Jahre her, das; er in einer Dachkammer zu Königsberg seine 'Augen geschlossen hat — zu dem Heere der sturmgepeitschten Heimkehrer sagen? „Sagt einer, ich spende -inen Taler für wohltätige Zwecke, damit mein Kind gesunde, so ist er trotz dieser Bedingung ein absolut {frommer und seine Spende wird für voll genommen," so heisst es im Talmud. Warum das? fragt jener Ainfsargaon. Weil man ihm die Einschränkung einfach nicht glaubt. Wo ein Jude sein natürliches Gefühl für eine Guttat verleugnet, ist cs nur Selbsttäuschung. Tin Jude, der solchermaßen mit Vorbehalt und Bedingung spendet, hat in Wahrheit aus tiefstem reinstem jüdischem Herzen gespendet, die gemachte Tinschränkung bleibt belanglos. Rabbi Israel Salanter würde heute sagen: „Ihr Heimkehrer, ihr wart immer Brüder und Juden, habt euch nur selber nicht recht gekannt, wusstet gar nicht, wie sehr ihr zu uns gehört. Kam ein Sturm und rüttelte und wühlte euch innerlich auf. Cure Liebe, euer verbunden sein mit dem Volke ist geweckt. Wie hätte man aber etwas wecken können, was nicht vorhanden war, nicht mehr lebte? Run hat euch das große Wecken erfaßt, so wachet ganz auf; seid ihr auf dem Wege zu uns, so kommet ganz und bleibet nicht auf halbem Wege stehen!" Wie leicht könnte sonst an Stelle der alten Täuschung eine neue kommen, an Stelle einer ausgelöschten Illusion ein neues falsches Licht erstrahlen, das zu neuer Enttäuschung führt! | Dann treffen sich die Tränen der Rächt mit den Tränen des Tages, wie sie der Prophet allezeit für uns hat. Und darüber der himmlische Vater, der unserer harrt und über uns wacht bei Dag u n d bei Rächt. -'2V m'w non 'n nir ü2r Wochenrundschau. Oer Boykott-Wahnsinn. Auch eine Tischo-beaw-Betrachtung. Der Zusammenbruch der Londoner Wcltwirtschaftskonferenz, an die sich so viele Hoffnungen der leidenden Menschheit — darf man das Wort noch in den Wund nehmen, ohne ausgelacht zu werden? — geknüpft hatten, ist für den Sehenden nur scheinbar die.Schuld des amerikanischen Präsidenten und seiner Dollar-Politik. Der zerstörende Geist der „Autarkie" hätte sich, wenn nicht am Dollar und seinem Selbstentwertungsdrang, an irgend einem anderen nationalen Tgoismus ebenso sicher entzündet und einen Abbau der Zollschranken, eine auf tiefere Tinsicht in die wirtschaftliche Solidarität gegründete Zusammenarbeit der 66 Völker in diesem Augenblicke d e nti ö ch verhindert! Wer seine Geschichtsphilosophie aus Psalmen und Propheten, aus der g'ttltchen Weisheit des Bibelwortes, des Widrasch und der Kabbala, schöpft, mag trauernd sein Haupt verhüllen — die Zeit ist nicht reif zur Erlösung: kein gemeinsamer Aufschwung zu G'tt, dem König der ganzen Crde, führt die in sich selber verschanzten und gegeneinander gewappneten Rationen und Rassen zueinander — eine weltumspannende Psychose, die natürliche Reaktion auf einen materialistisch fundierten Internationalismus, gaukelt jeder von ihnen den rücksichtslosen Kampf für die eigenen nationalen Interessen als höchsten sittlichen Selbftwert und als Inbegriff aller wahren Weisheit vor. Abrüstungskonferenz und Viermächtepakt sind nur Denkmäler des guten Willens, der bei den Besten in der Tiefe des Unterbewusstseins schlummert, ohne sich durchsetzen zu können. I Wohin soll d a s f ü h r e n -? Wohin soll es führen, wenn das, was r m Kriege als völkerrechtlich erlaubte Waffe gilt, was im Herzen der heute Vierzig- bis Siebzigjährigen in Mitteleuropa noch als furchtbares Trinnerungs- Schreckblld lebt, die Blockade, unter dem veränderten Ramen Boykott mitten im sogenannten Frieden von Kulturmenschen als vergiftete Waffe benutzt, unter dem Schutz der Gesetze organisiert und propagiert wird? Einerlei, ob der Boykott dazu dienen foll, um unschuldige Menschen ihres Lebensunterhaltes zu berauben, nur weil sie anderen Stammes sind, oder um ein ganzes Volk zu ruinieren, weil es — genau wie die anderen Völker — fernen eigenen nationalen Instinkten und Interessen folgt, wie es sie versteht!! Der Boykott gegen die Juden innerhalb Deutschlands, der leider, trotz aller A b m a h - nung von'höchster Stelle, noch immer mit Volldampf betrieben und durch manche bedauerliche Maßnahme gefördert wird, bedeutet eine Katastrophe für die wirtschaftliche Zukunft der deutschen Inden und wird sich — das ist auch die Auffassung der. Reichsregierung — als Unglück für die ganze deutsche Wirtschaft erweisen. Aber der im Ausland von der Labour-Part^, von wirtschaftlichen Interessenten und leider auch von privater jüdischer Seite propagierte Boykott gegen Deutschland — mit dem falsche und kurzsichtige ^freunde der deutschen Judenheit dieser einen Dienst zu erweisen glauben — i st geradez u ein verbrechen an der Ai e n s ch h e i t. Cr bedeutet in seinen Konsequenzen eine offene Kriegserklärung an die volkreichste und zukunftsfroheste Ration Mitteleuropas, die — auch wenn man ihrer Wirtschaft noch so schwere Wundem zufügt — sich dadurch weder unter kriegen, noch i n i h r e r i n n e n p o l i t i s ch e n Orientierung erschüttern lassen wird, die aber durch diese internationale Boykottaktion leicht zur Verzweiflung gebracht und zur völligen „Abwendung von Europa" (das Schlagwoct ist kein Monopol Amerikas) getrieben werden kann. Ob mit einer solchen Politik, die zu den schwersten Verwicklungen, ja bis zu einem neuen Kriege führen kann, irgend e i n e m Lande Europas — auch ♦n d * k Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Mosche, Jeschajohu und Jirmejahu, die drei größten Propheten Israels, gebrauchee als Ausdruck der Zerrissenheit ihrer Seele das gleiche Wort bitterer Klage, das der Schmerzensruf unseres Volkes geblieben im Wandel der Geschlechter bis auf unsere Zeit herab. Mosche weiß sich um Ende seiner Lebensbahn.. Es ist ihm versagt, zu ernten, was er in edelster Pflichterfüllung ausgesät. Da wendet er sich mahnend und aneifernd, spornend und warnend an das Volk, dem feine ganze Liebe und Fürsorge gewidmet ist. Seine Reden voll Kraft und Weihe, onaan die Worte voll Schönheit und Begeisterung, mit denen Mosche sein Erdenwirken beschließt, bleiben ein ewiges Zeugnis dafür: ys nana, „Heilung der Zunge sichert der Baum des Lebens." Wo das Herz von Liebe zu G'tt und Hingabe an feine Lehre erfüllt ist, da löst sich die Zunge auch dem, der vordem bekennen mußte: ’aj« D’aaa :?’« «b, „Nicht ist das Reden mir gegeben." Wie rütteln Mosches Worte auf und gehen auch uns ins Herz feine Mahnungen, wenn er in Rückschau auf Israels häufigen Rückfall in Sündhaftigkeit und Glaubensschwäche ausruft: 022'11 MKETOI D3m» aai» KtfK flD’X „Wie doch sollte ich tragen allein eure Bürde, eure Last, euren Streit?" Der Midrasch merkt hier an: .n-apn ’a» aai> nm« ’J« ’vxv» «i> „Nicht aus Lust zum Tadeln spreche ich so zu euch, für das heilige G'tteswort trete ich ein . . ." Mosche hat es selber erfahren, wie schwer des Volkes Eigenwille, seine Zügellosigkeit und Streitsucht die Erfüllung seiner Aufgabe belastete. Da war es die bange Sorge um die Zukunft Israels, die ihm das Wort des Unmuts über die Lippen drängte. na'«! Wie oft haben Israels Führer und Lehrer nach Mosche dieses Schicksalswort aussprechen müssen: na’«, Wie und wo bist du Israel im Ab irren von dem Wege, den G'tt dir gewiesen und in seiner nnin vorgezeichnet-, . . . Und glücklichere Zeiten kamen. Das den Vätern verheißene Land wurde Israels Besitztum. Hier erlebte es den Glanz des davidifchen und salomonischen Königtums wie die Einkehr der nvav der G'ttesherrlichkeit in den erhabenen heiligen Zionstempel, von dem der Strom des G'Michen und Ewigen hinausflutete in alle Herzen und Häuser, daß für die Ewigkeit festgefügt schien Israels Reich und fein Volksleben. Bald wurden aber die reinen Wasser der G'tteserkenntnis getrübt, und das Verlangen, den anderen Völkern zu gleichen, zeitigte in vielen auch das Sehnen nach ihrem die Sinne berückenden Götzentum, daß mit diesem auch alle Laster der Gewalt und schamlose Sittenlosigkeit in Israels Reihen einzogen. Die Grundlagen des Judentums waren nun erschüttert, und Israels Propheten erhoben warnend ihre Stimme, allen voran der redegewaltige Jeschajohu, der nicht müde wurde, zur Einkehr und Selbstbesinnung zu mahnen. Mit blutendem Herzen und mit zitternden Lippen ruft er in heiligem Feuereifer aus: ,D'nsia nnsn na pi" pn rav» ’n«!?n nwru map niitV nmn na’« „Wie ist zur Ungetreuen geworden die getreue Stadt! Von Recht war sie erfüllt, Wahrspruch nachtete drin, jetzt aber Mordgeübte?" Sitte und Moral, die Blüten der G'ttesfurcht, waren welk, Glaube und Vertrauen morsch und brüchig, diese Erkenntnis rief den Zorn des Propheten wach, daß er Jerufcholajims Schicksal besiegelt sah und verkündete, wenn Juda nicht den Weg zu G'tt und Thora zurückfinde. Was da Jeschajohu als Schicksal Israels erkannt und verkündet, das ist und bleibt die Weisung für Israel, daß sein Los an die Wahrung der ihm am Sinai gewordenen Aufgabe geknüpft ist. In dieser Ueberzeugung uns zu festigen, das ist der Sinn der Trauerzeit, die' wahrlich diesmal besonders ernst und eindringlich zu uns redet. Unsere Weisen sagen: n«n an«i nmbsn nm« n«n ans ■pa’asw nV vnt? smonV byt* /nrmaa nm« nm an«i ni-iua nm« Israels Geschichte ist zu vergleichen dem Schicksal einer- Matrone, die drei Gefährten hatte. Einer sah sie in ihrem Glücke, einer als sie übermütig war und der dritte, als das Unglück sie verfolgte. Moscheh mahnte Israel., als es feinem nationalen Glück entgegen ging, Jefchajohu geißelte seinen Abfall und als dritter kam dann, als das Verhängnis sich erfüllte, der Prophet, der auf den Trümmern der zerstörten G'ttesstadt trauerte uE mit schmerzerfüllter Seele klagte: na nasr na’« „Wie sitzet einsam die Stadt, die sonst so volkreiche!" Diese Klage tönt fort durch Jahrtausende, seitdem am 9. Aw zum zweiten Male Israels Glanz in Schutt und Trümmer sank, und bewegt auch heute noch unser Herz undunsere Seele. Mochten wir es auch wohl vergessen haben, als sich an unserem Lebenshimmel mancher Lichtstrahl zeigte, daß unser Golus noch nicht beendet, — nun sind wir aufgerüttelt und wir folgen den Spuren des leidgekrönten Propheten und klagen und trauern mit ihm um unsere Herzensgeliebte Zion. Die Träne ist eine wundersame Himmelsgabe an den Menschen. Sie löst den Schmerz, und träufelt lindernden Balsam ins wunde Herz. Sie darf aber nicht dieeinzige Frucht der Trauer bleiben.maa b« aaaab «V2„LasseL «