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Der Israelit · 1933-07-20 · Heft 29 (20.7.1933) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 29 (20.7.1933)
Date
1933-07-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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;; ' r ‘rit; . . & Seite 10 Nr. 29 Der Israelit 20. Juli 1933 Erzherzog Karl von Oesterreich. von Koalition glänzende Erfolge über die Heere der jungen französischen Republik. In Deutschland schlug Erzherzog Karl von Oesterreich den französischen General Jourdan und warf ihn über den Rhein. Eine Zeitlang war das österreichische Hauptquartier in der Nähe von Schasfhausen. Damals war der äußere Höhepunkt im Leben des Michael Levi. Erzherzog Karl hatte so viel von seinem Vater über dessen Hofjuden gehört, so viel Rühmliches und Gutes, daß er darauf brannte, dieses Wunder von Ehrlichkeit, der zudem noch Jude war, selbst kennen zu lernen. Und so machte er sich aus nach Randegg, zu keinem anderen Zweck, als um den Levi zu besuchen. Kam mit großer Aufmachung: Staatskarosserie, Gefolgschaft, reitenden Trompetern. Denn eine Ehrung sollte d' \ex Besuch sein, eine Ehrung für seines Vaters Hofjuden. Levi empfang den Fürsten an der Schwelle seines Hauses. Und nun standen sich die Beiden gegenüber. Zwei Männer, durch Welten getrennt und doch einander ebenbürtig. Der siegreiche Feldherr und künftige. Herrscher und dort der königliche Kaufmann mit seinem weitreichenden Ruf und seinem Stolz auf seine jüdische Herkunft. Arm MittäLpftm!£2™ »JJjgS.N^h!"3^0?°«"^Vit“™ was ® ' zwischen ihnen gesprochen wurde. Nur dichterische Se- Wenn im Folgenden von einem Zeitgenossen des So- Hergabe könnte diese Unterhaltung von Neuem erwecken fer eine Episode erzählt wird, so wird der Zusammen-, und sie zum zweiten Male erstehen lassen. Der Erzherzog Hang zwischen diesen Beiden, die sich sicher nicht ge-, war begeistert. Dieser Mann hatte seine nicht geringen kannt haben, nicht von vornherein ersichtlich sein. Ge-- Erwartungen noch weit übertroffen. Er will ihm irgend meinsam war beiden nur das Eine: Daß der Kreis etwas Liebes und Gutes tun, ihn ganz besonders herihres Lebens einmal geschnitten wurde von einem der j vorstreichen und ehren. Und es fällt ihm nichts Besseres damaligen Großen der Weltbühne. Es war dies der ein und größere Gunst kann er nicht schenken: Er lädt Erzherzog Karl von Oesterreich, dessen den Juden ein, sein Gast zu sein! Levi erschrickt. Wie Schicksal es war, immer wieder einmal mit bedeuten-, kann er von derselben Tafel essen. Er wehrt erschrocken den Juden zusammenzutreffen. Und der diese Begeg-! ab, bringt tausend Ausflüchte. Den wahren Grund, es nungen eher suchte, als daß er ihnen aus dem Wege! darf nicht verschwiegen werden, den wahren Grund gegangen wäre. All unser Denken, Handeln, Empsinj uennt er aber nicht. Irgendwie fehlt ihm doch dazu den ist erfüllt von der Härte der Gegenwart. Gerade der Mut; unwillkürlich erinnert man sich, wie der Chadarum tut es vielleicht gut, ab und zu zurückzuflüch-i tarn Sofer in ähnlicher Lage seinen Mann gestellt hätte. Eine Episode, unter dem Eindruck der Lektüre „Licht aus dem Westen" erzählt von Dr. S. Heilbronn in Gailingen. Die blutnahe Lebensgeschichte des Chatam Sofer, die zur Zeit so eindringlich im „Israelit" an uns vorbeigerollt, hat etwas merkwürdig Erregendes. Vielleicht nur für den deutschen Juden, der alles, was um ihn vorgeht, was er sieht, erlebt und auch liest, immer nur betrachten kann aus seiner ihm eigentümlichen Lage heraus. Diese Geschehnisse von vor mehr als hundert Jahren, gesehen durch das Temperament eines Heutigen, sind zeitweilig erschreckend aktuell. So vieles, was auf heute paßt, so manch kluges Wort und weiser Rat, der geradezu Wegweiser sein könnte aus der Verwirrung, in die so brüsk und unvorbereitet die Meisten hineingestürzt worden sind. Leicht vorstellbar, daß das „Licht aus dem Westen" zum Trostbüchlein werden kann für trübe Stunden. Um die überragende Figur des Rabbi Mosche Sotypische Erscheinung in Deutschland und ten in die Vergangenheit, zum Leben und Wirken unserer Ahnen. Und so darf, gewissermaßen als Gegenstück zu dem in der Erzählung von Schachnowitz geschilderten Zusammentreffen des Chatam Sofer mitdem Erzherzog jene andere Begegnung erzählt werden, wie sie sich durch schriftliche und mündliche Ueberlieferung im Gedächtnis der Nachfahren erhalten hat. Vor mehr als hundert Jahren lebte im äußersten Südwinkel des Reiches ein Mann, der äUch heute noch fasziniert und die Einbildungskraft entzündet. Ein Mann von Format. Eine imponierende Persönlichkeit, die durch ihre Vornehmheit, vorbildliche Lebensführung, unbestechliche Ehrlichkeit und nicht zuletzt durch ihre geniale kaufmännische Begabung weithin berühmt war. In dessen Hause Bischöfe und andere geistige Würdenträger verkehrten. Bei dem Diplomaten und hohe Militärs ein und ausgingen. Selbst der alte Anselm Meier Rothschild scheute nicht den weiten und beschwerlichen Weg von Frankfurt in das gar nicht leicht zu erreichende Domizil, nur aus Kuriosität, den berühmten Glaubensgenossen, der so halb vom Bau war, selbst kennen zu lernen. Und dieser merkwürdige Mann bekleidete zwar die nicht immer dankbare Würde eines Vorstehers, blieb aber doch Zeit seines Lebens ein einfacher Dorfjude Er lebte in R a n d e g g, einem kleinen, verlorenen Hegaudörfchen, starb daselbst und liegt begraben auf dem dortigen Bes Aulom. Eine des 17. und 18. Jahrhunderts ist Oesterreich das Hofjudenwesen. Ein solcher Hofjude war der Michael Levi, der später auf Grund des badischen Judenediktes sich den Familiennamen Neu mann zulegte. 1740 in Hohenerns geboren, kam er in jungen Jahren nach Randegg, heiratete dort eine Frau aus^dem berühmten Geschlechts des Rabbiner Weil aus Weilderstatt und verbrachte in Randegg sein ganzes Leben. Damals — es war die Zeit der Koalitionskriege — war Süddeutschland und die Bodenseegegend der Tummelplatz kriegerischer Operationen. Levi erkannte, daß jetzt seine Stunde gekommen. Hier war die große Chance seines Lebens. Eine Gelegenheit, die vielleicht nie mehr wiederkehren würde. Und er griff zu, ließ den Augenblick nicht verstreichen. Auf Einzelheiten soll hier nicht näher eingegangen werden. Genug, er bekam den Transport des gesamten Nachschubes für das kämpfende österreichische Heer unter sich. Seine Großtat war, daß er als Erster den Wasserweg dazu benutzte. Dadurch konnte er, da die Wege in jämmerlicher Verfassung waren, schneller, reichlicher und viel, viel billiger liefern. Das dabei Eingesparte — durchaus keine Selbstverständlichkeit — lieh er restlos der österreichischen Staatskasse zufließen. Kaiser Franz der Zweite überhäufte ihn mit allen Ehren. Verleihung des Hofjudentitels, das Recht, Degen und Waffen zu tragen, sowie eine ganze Reihe sonstiger Vorrechte. Im Jahre 1799 wurde das Rheingebiet zwischen Konstanz und Schasfhausen selbst zum Kriegsschauplatz. Napoleon schlug sich in Aegypten und Syrien mit Engländern und Türken herum. (Nebenbei: Akko gegenüber von Haifa brachte seinen Vormarsch zum Stehen.) Inzwischen errangen in Europa die Truppen der zweiten Der Erzherzog schiebt alle Ausflüchte beiseite — man weiß es nicht, den wahren Grund hätte er vielleicht gelten lassen — und drängt. Levi muß in die Kutsche neben dem Feldherrn Platz nehmen. Bedrängten Herzens, alle frohgemute Stimmung war verflogen. Sie fahren, das Dorf starrt ihnen nach. An einem Gasthaus wird Halt gemacht. Sie steigen aus, kein Sträuben hilft. Levi beschwört nochmals, erzählt von Vergiftungsverfuchen. Karl lacht nur. Der Wirt bringt die dampfende Suppe. Karl gut gelaunt und huldvoll fchövft selbst, will ganz Gastgeber sein, will seines Gastes Teller füllen — da schwimmen in dem Löffel drei fette, tote Fliegen. Karl schüttelt sich voll Ekel, Levi atmet befreiten Herzens auf. Jetzt dringt fein Vorschlag durch, einfach einige Eier hart kochen zu lassen. So geschah es denn. Auf den mitgebrachten schweren silbernen Tellern verzehrten in aller Eintracht der Fürst und der Jude ihre Eier! Dies die Geschichte der Begegnung. Wie sie sich in der Familie des Levi, die weitverzweigt ist und viel wertvolle Menschen der jüdischen Allgemeinheit hat, geschenkt hat — bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Wie es nun weiter ging, ist nicht bekannt. Es wäre zu schön, und so wollen wir annehmen, daß es so gewesen ist, daß schließlich und endlich der Michael Levi Neumann, nach dem er sichtlich so eben etwas wie ein Kleines Wunder erlebt hatte, sich ein Herz gefaßt und dem Erzherzog frei und offen erzählt hat, warum er sich nun eigentlich gegen das Essen so gesträubt hatte. Eins aber ist sicher: Daß dieses wahre Gefchichtchen schließlich nach einer langen Verborgenheit doch noch ans Licht der Oeffentlichkeit gebracht wurde, das verdanken wir —wer wollte es leugnen — schließlich und endlich dem „Licht aus dem Westen!" Eine Landgemeinde und ein Manu. Am 19. Tammus begeht in seltener geistiger und körperlicher Frische Herr Gütz Israel in S t r ü m p f e l - brunn im'Odenwalde, die Feier seines 77. Geburtstages. Nur wer die jüdischen Verhältnisse in den kleinen und kleinsten Landgemeinden aus eigener Erfahrung und Anschauung kennt, kann das Wirken dieses seltenen Mannes würdigen und verstehen. Seit langen Jahren ist er der erste Vorsteher unserer Kehilloh, die durch ihre vorbildliche jüdische Gestaltung bei allen Gästen unseres herrlich gelegenen Luftkurortes tiefsten Eindruck hinterläßt. Dem Wirken von Götz Israel ist es zu verdanken, daß es stets gelang, wenn auch nicht unter den größten Opfern aller Gemeindemitglieder, das Minjan aufrecht zu erhalten: ist doch sein größter Stolz die feierliche und würdige Ausgestaltung des G'ttesdienstes. Immer ist Götz Israel der Erste beim Betreten der Synagoge und als ihn vor einiger Zeit ein hartnäckiges Leiden vorübergehend ans Bett fesselte, war es sein größter Schmerz, daß er nicht nach Schul gehen konnte. Den Vorbeterdienst versieht er ehrenamtlich in traditioneller Weise, die mit ihren kleinsten Minhogim genauestens festgelegt ist, wie er es überhaupt als einen „Abfall" anfehen würde, wenn auch nur eine Kleinigkeit an den Gebräuchen der Väter geändert würde. Es ist rührend, zu sehen, mit welcher Liebe und welchem Eifer er die Ausschmückung der Synagoge zu Schewuos oornimmt und dafür sorgt, daß zu 2"'i m das G'tteshaus ein würdiges Ansehen erhält. Zur leider so dringend nötigen Stärkung der Gemeindefinanzen versteigert er jeden v"'i nvv die Hastorah und markiert den Erlös derselben sowie die Schnodergelüer in einem geheimnisvoll verschlossenen Kasten, der stets die Neugier der Jugend wachruft, mit Wall- und Haselnüssen. Da hier noch der schöne Minhag besteht, täglich 5 Psalmen zu sagen, so daß allmonatlich immer ganz Tehillim beendet wird, hat er sich ein vorbildliches Wissen hierin angeeignet und kennt alle Psalmen auswendig. Das Stiften von Wein für Kiddusch und Hcrwdoloh ist schon seit urdenklichen Zeiten sein Reservat. Wir wünschen deshalb Götz Israel, daß es ihm vergönnt sein möge, noch lange zu wirken zum Segen unserer Gemeinde. - th Schlußfeier an der Wiener Deth-Jakob Lehrerinnen-Bildungsanstalk. Im Rahmen einer eindrucksvollen Feier, an der viele prominente Damen und Herren der Wiener jüdischen Gesellschaft teilnahmen, fand die Entlassung von 11 neuen Beth Jakob-Lehrerinnen, die nach zweijährigem Studium das Lehrerinnendiplom erworben haben, statt. Die letzten Wochen vor der Entlassungsfeier waren mit Lehrproben, schriftlichen Prüfungsarbeiten ausgefüllt und endlich erfolgte Donnerstag voriger Woche das mündliche Schlußexamen vor der Prüfungskommission, als deren Vorsitzender Oberrabbiner I. Fürst fungierte. Obwohl die Mitglieder dieser Prüfungskommission den Lehrgang der Prüsungskandidatinnen von Anfang an aufmerksam beobachten konnten, war es auch für sie überraschend, ja überwältigend, welch große und umfassende Kenntnisse diese jungen Lehrerinnen sich erworben haben und mit welch großem Lehrgeschick sie ihre Kenntnissen vortragen können. Die Vortragskunst scheint eine besondere Pflege an dieser Anstalt zu haben, die vernünftigerweise ihre Zöglinge mit dem in unserer modernen Welt überaus notwendigen propagandistischen Rüstzeug ausstatten will. Die Beth Jakob- Lehrerinnen haben ja auch eine doppelte Aufgabe, in dem Lehrzimmer zu unterrichten und im Vortragssaal für das Beth Jakob-Ideal, die religiöse Erziehung der weiblichen Jugend, zu werden. Eine schöne Probe dieser werbenden überzeugenden Propagandavorträge lieferte anläßlich der montägigen Äbschiedsfeier Frl. Dora Schreiber, eine der elf. In edler Beredsamkeit sprach hier eine junge Beth Jakob-Lehrerin vom Beth 'Jakob- Ideal, von ber hehren religiösen Mission der jüdischen Frau in Familie und Haus. In der Reihe der Gäste saßen auch einige Rabbiner, bekannte Repräsentanten erfolgreicher Kanzelberedsamkeit und auch sie standen sichtlich unter dem Eindruck der von religiöser Glut -und von großem jüdischem Wissen durchfluteten Worte. In seinem Schlußwort durfte Herr Dr. Deutschländer mit Recht hervorheben, daß -auch die übrigen Kandidatinnen, die aus Zeitmangel nicht bei der Schlußfeier zu Worte kamen, ebenso an dem Bortragspult für das Beth Jakob-Ideal zu werben imstande sind. Nach einer Sijum-Feier fand dann die Ausfolgung der Diplome an folgende 11 Kandidatinnen statt: Eva Blau, Abajuszanto-Ungarn, Leah Heschl-Wien, Helene Klein-Kobersdorf, Berta Meer-Düsseldorf, Gitta Schapira-Wien, Dora Schreiber-Wien, Leah St-einberg- Nitra, Rosa Strasser-Gradea (Rumänien), Malka Tenzer-Wien, Aranka Teichmann-Svalava, Sarah Zobel- Berlin. Herr Rabbiner Dr. P o l l a k hielt eine Ansprache an die 11 jungen Lehrerinnen, die er in Anlehnung an das Zahlenspiel in der Hagadah mit den 11 Sternen verglich, die jetzt am Firmament der glaubenstreuen Iuüenheit im frischen Strahlenglanz aufscheinen und ermahne sie an ihre Pflicht als Beth Jakob-Lehrerinnen immer für das religiöse Judentum zu wirken. Herr Oberrabbiner Dr. Carlebach, Baden, feierte dann in schwungvoller Rede die große jüdische Ausgabe, die in der Wiener Anstalt erfüllt wird. In warmen Worten spendete er Lob und Anerkennung sowohl für Lehrer als für Schüler, besonders hob er das beispielgebende Wirken der Dozentin, Frl. Eva Landsberg, hervor. Es sprachen dann noch Herr Rabbiner Dr. Kaminka, Un'mersitätsprofessor Dr. Max Eisler, im Namen des Kuratoriums des Dr. Krüger-Heims, die Präsidentin Frau Hermine Krüger, im Namen des Lehrkörpers, Frl. Eva Landsberg in formvollendeter Rede. In einem großangelegten Schlußwort, in welchem Herr Dr. Deutschländer u. a. die kalte Indifferenz einiger Wiener Instanzen gegenüber dem Veth Jakob-Werke berührte, faßte der Redner eindrucksvoll Wert, Weg und Wollen der weltumspannenden Beth Jakob-Bewegung zusammen und brachte das stimmungsvolle Fest zum würdigen Abschluß.

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