Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-07-20 · Heft 29 (20.7.1933) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 29 (20.7.1933)
Date
1933-07-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450784--79744-2537533
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

20. Juli 1933 Der Israelit Nr. 29 Seite 11 Korrespondenzen * ßacbricbten. England. Die Ueberraschung des French-Berichtes. London, 18. Juli. Die plötzliche Veröffentlichung des French-Berichtes irrt Zusammenhang mit dem Gesetzentwurf über die neue Palästina-Anleihe hat, wie bereits kurz gemeldet, in zionistischen. Kreisen peinliche Ueberraschung hervorgerufen. Daß die Tendenz des Berichtes, obgleich der Verfasser gewiß den Willen zur Objektivität besessen hat, ganz offensichtlich gegen die Begünstigung einer jüdischen Kolonisation großen Stiles im heiligen Lande gerichtet ist, wird auch der wohlwollendste Beurteiler nicht verkennen können. Während die Araber nach Herrn French als „Söhne des Bodens" auf dem Lande „ihrer Heimat" durch die Regierung angesiedelt werden müssen und Haus, Wirtschaft und Inventar erhalten, soll es bei den jüdischen Einwanderern genügen, ihnen zu angemessenen Bedingungen das Niederlassungsrecht zu verkaufen. French ist gegen die Zulassung des Verkaufs überschüssigen Bodens arabischer Großgrundbesitzer an Juden und will dieser Gefahr durch ein Grundstücks-Uebertragungsgesetz vorgebeugt wissen. Als die einzigen für dichtere Siedlung möglicherweise geeigneten Gebiete betrachtet French Teile der Küstenebene, den Beisan, Hule und einen Teil des Jordantals, den Beerseba-Diftrikt nur unter gewissen Bedingungen. Bei den Orangen und Grapefruit-Pflanzungen fürchtet French eine Uebersättigung der ausländischen Märkte. Dies müsse rechtzeitig vermieden werden. Der Gewinnung weiterer Siedlungsgebiete steht French mit starkem Skeptizismus gegenüber. Der French-Bericht wendet sich dann gegen den Vorschlag der Jewish Agency, mit finanzieller Regierungshilfe eine jüdische Agrar- und Siedlungsbank zur Erleichterung der Anlage neuer Siedlungen zu schaffen. Er meint, daß die palästinensische Landwirtschaft die hohen Zinsen nicht würde bezahlen können, die eine solche Bank zur Deckung ihrer Auslagen und Verluste sestsetzen müßte. Er stellt sich dabei naturgemäß auf einen rein fiskalischen Standpunkt, der lediglich das finanzielle Interesse der Mandatarmacht ins Auge faßt, nicht aber die von dieser übernommene Verpflichtung, im heiligen Lande ein jüdisches Nationalheim zu errichten. Er erklärt, der einzige Zweck, für den die Regierung berechtigterweise langfristige Kredite für jüdische Landwirtschaft zur Verfügung stellen könne, seien solche Wirtschaftsverbesserungen, durch die eine Ertragssteigerung bewirkt werden kann. Die Jewish Agency hat sofort nach dem Erscheinen des French-Berichtes ihre Einwände gegen den Bericht ebenfalls der Veröffentlichung übergeben. Der Bericht, so erklärt die Agency, beweise nur, daß ebenso wie beim Shaw-Bericht, dem Weißbuch von 1930 und dem Sir John Hope Simpson-Bericht alle Dokumente und Nachweise die Denkrichtung der offiziellen Experten nicht zu ändern vermocht hätten, die alle nur einige Wochen oder höchstens Monate im Lande geweilt haben und keine Zeit gefunden haben, sich eine entsprechende Kenntnis der lokalen Verhältnisse anzueignen. Der Bericht entspricht nicht der im Macdonald-Brief angekündigten Politik zur Förderung des jüdichfen Nationalheims. Er geht nicht von Tatsachen aus, sondern von den weitliegendsten Befürchtungen. Er ist in konstruktiver Hinsicht steril und legt sich ausschließlich auf Einschränkungen, Gesetzesbestimmungen fest, die niemals zu einer wirtschaftlichen Entwicklung beitragen können. Die Agency sagt dann über die gegenwärtige Judennot, den Auswanderungsdrang der jüdischen Massen und die Mandatverpflichtung folgendes: „Die große Masse des jüdischen Volkes trägt die Leiden eines furchtbaren Kampfes um seine Existenz. Pcruperisiert in Sowjetrußland, in den osteuropäischen Ländern aus seinen wirtschaftlichen Positionen geworfen, in Mitteleuropa von einer Flut des Antisemitismus bedrängt, von der Rationalisierungskrise in den Vereinigten Staaten bedroht, findet es kaum irgendwo einen Lichtstrahl. Aus den Reihen dieser Masse kommen zu Hunderten und Tausenden diejenigen, die ihre Pfennige zu unseren nationalen Fonds beisteuern. Gemessen an den Bedürfnissen des jüdischen Volkes, an der Not der Massen, an der wirtschaftlichen Notwendigkeit von Wanderung und Siedlung, war der Zionismus stets eine arme, sich hart abmühende Bewegung. Gegenwärtig warten etwa 7000 landwirtschaftliche Arbeiter, die fünf bis zehn Jahre auf privaten Pflanzungen gearbeitet haben, auf Ansiedlung. 40 000 junge Männer und Mädchen sind in den Chaluzorganisationen verschiedener Länder organisiert, schulen sich für Palästina ohne die bestimmte Aussicht, hier mit Land und Inventar ausgestattet zu werden. Könnten sie absorbiert werden, so würden weitere Zehntausende um die gleiche Hilfe bitten. Im Verhältnis zu einer derartigen Ausgabe sind unsere „Körperschaften" nicht ,,reich und mächtig", sondern eher nicht ausreichend und stehen unter starkem Druck. Andererseits sollte nicht übersehen werden, daß die jüdischen Kolonisationsinstrumente nicht die profitjagenden Unternehmungen auf die Ausbeutung billiger Eingeborenenarbeit sich stützender privilegierter Gesellschaften sind, sondern daß sie den Zwecken des öffentlichen Wohles im höchsten Sinne des Wortes dienen, indem sie einwandernden Arbeitern und Handwerkern landwirtschaftliches * Inventar, Behausung und Kreditmöglichkeiten bieten." Grundverkehrt ist nun die überall ausgesprochen oder nicht ausgesprochen zugrunde liegende Vorstellung Frenchs, daß alles, was den Juden nütze, den Arabern schade und umgekehrt. Das Gegenteil ist der Fall. Die praktischen Vorschläge, die French zur Erleichterung jüdischer Siedlungen macht, sind wertlos, während sein System von Hemmungen und Bremsungen jüdischlandwirtschaftlichen Fortschrittes jede Entwicklung verhindern würde. Die Vorschläge sind unvereinbar mit dem Sinne und Geiste des Mandates. Aenderung des Wortlauts des englischen Tierschlachtungsgesetzes. London, 11. Juli. Der Wortlaut des Tierschlachtungsgesetzes, in dem für die rituelle Schächtung eine Ausnahme vom Betäubungszwang vorgesehen ist, wurde im letzten Augenblick abgeändert. Mehrere Abgeordnete wiesen darauf hin, daß im Gesetzentwurf zum ersten Male im englischen Recht der Begriff „Jude" in Zusammenhang mit den Ausnahmebestimmungen hinsichtlich des Betäubungszwanges ohne nähere Definition gebraucht sei. Es entspann sich eine Diskussion darüber, wie der Begriff „Jude" aufzufassen sei, ob ihm auch die getauften Juden untergeordnet werden sollen, oder ob ein zum Judentum übergetretener Christ als Jude anzusehen sei. Man kam schließlich überein, daß mit Rücksicht auf den Unterschied der Begriffe jüdische Raffe und jüdische Religion, der in der Bezeichnung „Jude" schlechthin nicht zum Ausdruck komme, der Wortlaut des Gesetzentwurfs dahin abgeändert werden solle, daß an die Stelle des Wortes „Jude" der Ausdruck „eine sich zum jüdischen Glauben bekennende Person" gesetzt wird. Araber- und Iudenfrage im Unterbause. London, 16. Juli. Am 14. Juli gab der K o l o n i e n m i n i st e r bei der Debatte über das Budget einige Auskunft über die Wie deransied lang der sogenannten dislozierten Araber in Palästina und die geplante P a l ä st i n a a n l e i h e, und zwar unter Berücksichtigung des am gleichen Tage veröffentlichten French- Berichtes über die landwirtschaftliche Entwicklung in Palästina. Man erfährt aus dieser Erklärung, daß 889 arabische Familien wieder angesiedelt werden. In erster Reihe werden arabische Familien berücksichtigt, die ihren Boden durch Verkauf verloren und keinen Ersatz dafür erhalten haben. Die geplante Ansiedlung erfolgt auf Grund eines Berichtes des Hochkommissars und von gerichtlichen Entscheidungen. Im Laufe seiner Rede ehrte der Minister Dr. Arlosoroff, der das Opfer eines feigen Verbrechens geworden fei. Im Ferneren teilt der Kolonienminister mit, daß dis Zwei Millionen Pfund-Anleihe für öffentliche Arbeiten und auch die Wiederanstedlung der Jraber bestimmt ist. Sie durch die palästinensischen Einkünfte gesichert sei und keine Belastung des britischen Staatsschatzes bedeutet. Es könne mit Genugtuung konstatiert werden, daß die finanziellen Hilfsquellen Palästinas den Zinfendienft der Anleihe gewährleisten. Nach dem Minister ergriff Colonel Josiah W e d g e - w o o d das Wort. Er fürchtet, daß es Palästina einigermaßen schwer fallen würde, die Zinsen für das Anleihekapital zu leisten. Diese würden dann in erster Reihe auf den Juden als auf den größten Steuerzahler schwer lasten. Cr verlangt für die Politik des Kolonialamtes eine Kontrolle des Parlaments. Unter den Juden Palästinas wirkt es unangenehm überraschend, daß der French-Bericht, dessen Veröffentlichung man erst im Herbste erwartet hatte, jetzt schon der Oeffentlichkeit übergeben wurde, ohne den Wünschen und Vorschlägen der Jewish Agency, die sich in manchem mit den Anregungen des Hochkornmissars begegneten, Rechnung zu tragen. Griechenland. Proklamation der griechischen Negierung gegen den Antisemitismus. Saloniki, 13. Juli. Die Regierung hat eine Proklamation an das griechische Volk erlassen, in der die antisemitische Kampagne der venizelistischen Opposition schärfstens geürandmarkt wird. Der Kampf der Oppositionsparteien gegen die nationale Einheit, heißt es in der Proklamation, kornmt einerseits in einer Offensive gegen die Juden, andererseits in einem Haßfeldzugg egen die Flüchtlinge zum Ausdruck. Die Regierung ist entschlossen, diese antinationale Spaltung um jeden Preis zu unterdrücken, denn sie anerkennt keinerlei Unterscheidung zwischen Bürgern verschiedenen Bekenntnisses und zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Palästina. Eine neue Jeschiwa in Hebron. Jerusalem, 11. Juli. In Hebron fand die feierliche Grundsteinlegung zu einer neuen I e s ch i w a in Anwesenheit von Vertretern der Palästinaregierung und der jüdischen Institutionen statt. Die früher in Hebron bestandene Jeschiwa wurde bekanntlich während der Unruhen des Jahres 1929 zerstört. Anläßlich der Grundsteinlegung hielt der leitende Beamte der Verwaltung des Distrikts Hebron, Abdullah Kardous, eine Ansprache, in der er betonte, daß die Leistungen jeder Gemeinschaft in Palästina auch den übrigen im Lande lebenden Gemeinschaften zugute kämen, und sprach die Hoffnung aus, daß die Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina nunmehr bessere werden würden. Schon im Dezember 1930 beschlossen 30 sephardische Familien, die nach dem Massakre des Jahres 1929 nach Jerusalem geflohen waren, nach Hebron zurückzukehren. Die ineisten der Heimkehrer waren Handwerker, es befanden sich aber auch einige Hörer der Jeschiwa unter ihnen, und diese beschlossen schon damals, wieder eine Jeschiwa in Hebron zrr errichten. Während des Ueberfalls von 1929 gewährten einige Araber den bedrängten Juden in ihren Häusern Zuflucht und setzten danrit ihr eigenes Leben aufs Spiel. Trotz dieser vereinzelten Freundschaftsbeweise von Arabern gegenüber Juden erschienen diesen die Verhältnisse in Hebron nach den Augustunruhen zu unsicher, unr eine Wiederansiedlung in Hebron in Betracht zu ziehen. Wiederholte Aufforderungen der Regierung an die Juden, nach Hebron zurückzukehren, blieben unberücksichtigt. Erst 16 Monate nach dem Massakre trafen die ersten Rückwanderer ein. Auch in Beer Tuvia, einer der jüdischen Siedlungen, die 1929 zerstört wurden, geht der Wiederaufbau in raschem Tempo vor sich. Am 10. Juli hat sich der High Commissioner Sir Arthur Wauchope in Begleitung des Mitglieds der Palästina-Exekutive der Jewish Agency im Flugzeug nach Beer Tuvia begeben, um sich vom Stand der Wiederaufbauarbeit zu überzeugen. Der High Commissioner unterhielt sich eingehend mit den Leitern der Kolonie, besuchte eine Reihe von landwirtschaftlichen Betrieben, besichtigte verschiedene Einrichtungen der Kolonie und brachte zum Schluß seine Befriedigung über den erzielten Fortschritt zum Ausdruck.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.