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Der Israelit · 1933-07-20 · Heft 29 (20.7.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 29 (20.7.1933)
Date
1933-07-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. vm-jm (.Schluß.) Am Morgen öffnete der Rabbi die Augen so weit und so klar wie ein Kind nach wohltuendem Schlafe. Der Atem ging ganz ruhig. Cr ließ sich noch einmal die Tefillin entlegen, reichte sie aber nach kurzem Gebet Rabbi Daniel, der die Nacht beim Kranken gewacht hatte, hin: „fertig, ausgebetet! ..." „Ist es dem Rabbi jetzt leichter?" wagte Rabbi Daniel die Frage. „So leicht und so wohl wie selten einmal in meinem Leben," beteuerte der Kranke mit einer Stimme, die sich wie das leise Abklingen einer Melodie anhörte. „Daniel!" Rabbi Daniel neigte das Ohr ganz tief zum Rette hinab. „Daniel, mir ist gestern Morgen nach dem Gebete der Sinn einer Talmudstelle plötzlich aufgegangen, die ich nie verstanden. Wollt ihr hören?" „Wenn es den Rebben nicht zu sehr anstrengt." „Ich meine, die Agadastelle in Lerachoth: Rabbi Iochanan, Sohn Sakkais weint auf dem Krankenbette, und die Schüler fragen, warum er weine. Wie heißt es dort weiter, das mit den zwei Wegen? " „And nicht das allein," las Rabbi Daniel vor, „es tun sich mir zwei Wege auf, der eine führt hinauf zum Gan Eden und der andere hinab ins Gehinnom, und ich weiß nicht, welchen Weg man mich führt, wie sollte ich da nicht weinen?--" „Halt," gebot der Rabbi mit schwacher Hanöbewegung. „Das ist es, was ich nie recht begreifen konnte. Wie hatte der große Rabbi Iochanan zu befürchten, daß er den Weg zum Gehinnom hinabgeführt werde? Jetzt weiß ich es, was das mit jenen zwei Wegen und mit den Tränen war. Cs ging und geht mir in meinem Leben auch so, und ich spüre die letzte Angst des Rabbi Iochanan. Gibt es doch zwei Wege, für G'tt zu kämpfen: Mit Milde unter den Menschen zu wirken, oder mit Strenge sie von außen her zusammenzuhalten. Ich wählte den zweiten Weg, entschied mich für Reinhaltung und Sonderung, und viele wollten mich nicht verstehen. Sagten: Seht, der und jener erreichte mit und unter den irrenden Menschen weit mehr. So erkläre ich mir auch die letzten Tränen und Aengste Rabbi Iochanans.- „Cr hatte in Zeiten der geistigen Zerrüttung den Weg aus Jerusalem zur Absonderung und Sonderung nach Iawne genommen, dort seinen Grundstock geschaffen und gehütet. Wäre es nicht richtiger gewesen, in der Stadt zu bleiben und in der Masse zu wirken? Vielleicht quälte ihn diese Frage sein Lebtag, und auf dem Sterbebette weinte er. Cr sah zwei Wege vor sich, von denen der eine, den e r gegangen, ins Gehnmom führen könnte — wenn der andere der richtigere gewesen wäre . . ." Ganz erschöpft war der Rabbi nach den vielen Worten. Aber Rabbi Daniel verstand und nahm den Faden auf. „Großer Rabbi," sagte er, „heute wissen wir aber, daß Rabbi Iochanan, Söhn Sakkais, den einzig richtigen weg gewählt hatte, was und wo wären wir heute alle.ohne Iawne?" Der Kranke schüttelte beglückt das Haupt. Man sah, gerade das wollte er sagen. „Leset Daniel," flüsterte er jetzt ganz leise, „wie die Geschichte mit dem Sterben Rabbi Joch a na n s , Sohn Sakkais, zu Cnöe geht." Rabbi Daniel las: „Und es war, als es zu Cnde ging, da sprach Rabbi Iochanan zu seinen Kindern: Richtet einen Stuhl für Chiskijahu, den König von Ichuöa, der kommt, mich abzuholen, und-" | Der Kranke winkte Halt, „warum gerade Chiskijahu? Cr kam, glaube ich, um Rabbi Iochanan zu trösten und ihm zu sagen, daß sein Weg der richtige war. Denn auch er, der König, machte es nicht anders, als er die Götzen des Vaters zertrümmert? und den Grund' für die Lehre G'ttes rein fegte. Cin Schwert, heißt es, stieß er in den Boden und sprach: wer nicht zu uns kommt . . . Auch er vollführte den Schnitt, wo es nicht anders ging." „Der endlich dazu geführt hat," ergänzte Rabbi Daniel, um der Größe des Augenblickes milden Nachklang zu verleihen, „daß man von Dan bis Berseba, von Grenze zu Grenze suchen konnte, ohne einen Knaben oder ein Mädchen zu finden, die mcht Bescheid wußten in der geschriebenen und überlieferten Lehre. Aber der Rebbe hat uns einmal beim Schiur das (Erscheinen Chiskijahus auch auf andere Weise gedeutet.." Cr zitterte förmlich im Bewußtsein der Weihe dieser letzten Lernstunde. „Wo war das?" „Der Rebbe sagte damals, Chiskijahu erhielt eine I e s ch i w a h als einziges Denkmal an seinem Grabe. Der Mann der I e s ch i w a h kam nun, um den M ann der großen Ieschiwah von I a w n c zu grüßen ..." Des Kranken Auge verklärte sich, ein glückhaft seliges Lächeln umspielte seine welken Lippen. Cin Wort wurde zur Vision. „This-ki-ja-hu! Io-cha-nan! Ie-schi-wah! Ie-schi-wah! ..." Cs war das letzte hörbare Wort. Cs versickerte auf den bebenden Lippen wie der Hauch einer vom Winde leise bewegten Blume. „Ie-schi-wah! ..." Cngel sangen es in der Luft, Lichter, die plötzlich in allen Kandelabern ausstrahlten, zischten es im Flackern durch den Raum, und wie erlösend entrang es sich der Brust der auf einmal in großer Anzahl anwesenden Menschen: „Ie-schi-wah!" Cin .Leben ging zu Cnde, wie sich nie ein Iom- Kippur-Tag schöner und andachtsvoller, in weh und weihe, unter Gebet und Tränen und Abschiedsschauern, mit „Schma" und „Der (Ewige ist G'tt", in die. sanfte Nacht gesenkt hat. Auf einmal war das Krankenzimmer voller Menschen. Alle, von den Männern des Heiligen Vereins bis zu den Vorstehern, den Frommen und Gelehrten und älteren Schülern, waren ste wie auf geheimen Anruf da. Beim hundertstimmigen Brausen des Schma schienen sich die bleieben Lippen des Rabbi noch einmal zu bewegen, lind durch den Thor der im Raume singenden Cngel und betenden und weinenden Menschen trug sich unhörbar, aber fühlbar für alle das eine Wort. „Ie-schi-wah! ..." Die große Schwarzwälderuhr mit den schweren Gewichten an der Wand gab langsam und bedächtig ch t metallschwere Töne von sich und blieb bewegungslos stehen. Rabbi Daniel zerriß die Kleider und. rief in die draußen harrende Menge die hebräischen Worte, mit denen Bar Kappora den Tod Rabbi Ichuda Hanassis verkündete: „Nozchu Cljonim, die Himmlischen siegten, und sie entführten die Lade G'ttes! . . ." Linen Schmerzensschrei löste die Kunde aus, der, wie es schien, alle Türen aüfriß, alle Schranken meöerwarst Innen und außen eine wogende und weinende Gemeinde. Die Lippen hatten sich geschlossen, das letztgesprochene Wort blieb im Raume haften. Cs fangen die Cngel, flackerten die Lichter, weinte die Gemeinde: „Ie-fchi-wah!" Cine Trauer legte sich über die Gemeinde, die die Menschen aufwühlte und von innen heraus umwanöelte, die Kinder wissend und die Greise hellsehend machte, und alle wie in eine weiche Samtdecke einhüllte. Harte Männer trugen plötzlich eine Milde im Gesicht, als.wäre ihnen ein höheres Gesicht geworden. Handwerker verließen ihre Werkstätten und Kaufleute ihre Warenlager. Menschen, die seit Jahren sich fremd und feindlich aus '■m Wege gingen, grüßten sich und reichten sich brüderlich die Hand. Rab-ü Daniel proznitz und der alte Rabbi Salman Lob sägten hämmerten und zimmerten aus dein langen eichenen Tische, an dem Rabbi Mosche über fünfzig Jahre vor seinen Jüngern gesessen hatte, einen Sarg, als hätten sie alle Tage ihres Lebens nichts anderes getan, als sich im Schreinerhandwerk zu üben. Was für eine Riesenkraft doch plqtzlich Baruch F r e n k, der uralte, greisgraue Schames, entfaltete, als er an der Spitze der unteren Gemeindediener straßauf, straßab, durch alle Winke! und Gäßchcn singend und klagend den Ruf trug: „Der Robbe, unser Herr, Lehrer und Meister, ist wegen etnserer Sünden uns genommen worden. Alle Läden bleiben geschloffen, alle Geschäfte ruhen, alle Betriebe und Werkstätten stellen die Arbeit ein!" Und kein Befehl der hohen Behörde hatte sich jemals so rasch und restlos Achtung verschafft wie dieser Ruf aus Grerfennmnde. Auf ihren schwachen Gelehrtenschultern trugen die Besten, denen diese Gnade geworden war, stundenlang die Bahre, und ermüdeten dabei so wenig, wie die vor ihnen herschreitenden älteren Jünger mit den neunzig Bänden und Manuskriptheften des großen Toten, wie die kleinen Knaben aller Schulen mit ihrem elegischen Psalmgesang, wie die Träger der schwarzen Pechfackeln, die, als sich über den vielen Reden und Gebeten der Tag gesenkt hatte, dem Zuge ym Hügel hinauf, bis zum Chrengrabe an der Seite von Rabbi Meschulam Tusmenitzer voranleuchteten. (Eine Sonne ging unter, eine andere strahlte auf. Ueber alle Klagereden trug sich wie Lichtschimmer durch das Gewölk diese Botschaft. Und als Rabbi Daniel Prosnitz am offenen Grabe das Testa m e n t des Rabbi verlesen hatte, mit den vielen Crmahnungen, den vielen Segnungen und vielen Dankesworten für G'tt und für die Gemeinde, die ihm ermöglicht habe, beim Heimgangs die heilige. Sache in die bewährte Hand des ältesten Sohnes zu legen, da erhob sich mitten aus dem Weinen und Klagen ein tausendstimmiges Masoltow, und viele Hände streckten sich wie schützend und segnend dem Sohne entgegen. C h a t a m! A b g e s ch l o s s e n war ein glorreiches Kapitel der pceßburger Geschichte, cin neues begann, mit neuer leuchtender Schrift: K e t a w S o - f e r! . . . C p i l u d i u m. In der fernen deutschen Stadt. Oldenburg saß der junge Lanörabbiner an diesem grauen Herbstmorgen vor seinem Schreibtische. (Eilig fuhr die Feder über den langen Bogen, der bald mit kleinen spitzen Buchstaben vollbeöeckt war und von einem neuen abgelöst wurde. Das Auge des jungen Rabbi unter den starken buschigen Wimpern blitzte. Sein Gesicht, dem die gewaltige, schon sehr gerunzelte Stirn und der gut gepflegte schwarz gekräuselte Kurzbart einen strengen Zug gaben, glühte. Cr hatte sich schon gleich nach dent Frühgebele an den Schreibtisch gesetzt, und die Gedanken schossen und jagten ihm so blitzschnell durch das Gehirn, daß die Hand, die eilig die Feder führte, Mühe hatte, sie. festzubannen, ohne daß sie entschlüpften. Da fiel ihm — die Uhr schlug achte — plötzlich die Feder aus der Hand, der Geöankcnstrom war auf einmal gehemmt, wie von einem Staudamm festgehalten. Weit und verloren schweifte das Auge zum Fenster hinaus. Die Buchstaben auf dem Bogen schoben sich, wie fciite verscheuchte Herde, ineinander, verloren Sinn und Zusammenhang. Ueber die Blätter der aufgeschlagenen Folianten fuhr ein Wind und machte sie zittern. War etwas passiert irgendwo in Israel auf dem weiten (Erdenrund? . . . Dann, nach einer kurzen Weile, sammelte sich der Schreiber wieder, nahm die Feder in die Hand und schrieb: „Und wenn auch Tausende sie aufgeben, die Sache des Lebens und des Lichtes; wenn auch Tausende sich lossagen vom Geschicke upd vom Namen Israels — __ die Sache der Wahrheit zählt nicht die Zahl ihrer Träger. Und wenn auch nur einer bleibt, e i n Jude mit dem Buche der Lehre in der Hand, der Lehre im Herzen, dem Licht im Geiste — auch der (Eine genügt. Isroels Sa^e bl'ilL nnverloren! . . .“

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