Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1933)
- Date
- 1933-07-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 29 Der Israelit 20. Juli 1933 Rechnung des Aufbaueus? Sogar jene kreise, die auf die Hegemonie von Wirtschaft und Technik eingeschworcn sind und seit fahren von einer „Religion der Arbeit" predigen, werden stutzig. Man hat etwas vergessen beim ganzen Werk des Aufbaus. Wenn man aber genauer hinhören könnte: diese politischen Schüsse beweisen, das; der jüdische Aufbau Palästinas trotz der Klasse zusammengeschichteter Häuser, Städte, Straßen, Kolonien, daß die typische und einzigartige Schöpfung j ü d i s ch e r 2lrbeit überhaupt n o ch nicht b e g o n n e n hat! Inimerhin, — es existieren bewusst jüdische Gruppen^ Führer, Menschen mjt jüdischem verNNlwortUNgögefühl, die seit Jahren und Jahrzehnten die echte Palästina-Sehnsucht künden. Sie wollten und wollen weit mehr als den einfach-nüchternen und den rein sachlichen und wirtschaftlichen Aufbau. Palästina soll die Kraftquelle des Judentums werden. Dazu gehört der unbedingte Wille zum Geist. Dazu gehört die Unterordnung von Geld, Wirtschaft, wirtschaftlichen Systemen unter die Totalität derjüdischen Haltung, — dazu muß erst einmal die Ausschließl i ch - feit "der jüdischen Gesinnung stabilisiert werden. Was wird das sonst für ein Aufbau? Man sollte doch auch in den hundertprozentig pro-palästinensisch eingestellten Schichten einmal sich diese neue Kategorie der PaläUnawanderer ansehen! Gewiß, es ist der Trogst daß sich nicht alle, die eine gute Konjunktur wittern, auf den Weg machen werden. Aber schon dieser Lnihusiasmus muß jeden Juden, der eine aufrichtige jüdische Sehnsucht zu Lrez Israel trägt, höchst nachdenklich stimmen. Wie nun, wenn diese Älijah einsetzt? Umschichtung? Ja, — es dürfte zunächst bloß eine Art „Verschiebung" eintreten. Der liberale, assimilatorische Geist, den das deutsche Judentum reichlich am eignen Körper und noch schlimmer an der eignen Seele kennen gelernt hat, wird „verschoben". Lr wird nach Palästina „umgeschichtet". Lr wird dort zu einer verheerenden Epidemie auswachscn können. Denn der Elan der neuen Palästinafreunde tritt getarnt aus. Lr spricht die heilige Sprache, aber er meint'das eigne Geschäft. Cr meint möglicherweise dieselben Methoden und Manieren, — die in Luropa abgewirtschaftet haben. Gegen die Gefahr der einfachen „Uebertragung" unsrer liberalen und in jeder Hinsicht „linksgerichteten" Ideologen hilft auch nicht das Argument, daß das Heilige Land oder daß etwa die geistige Intensität. der jüdische Lebenswille des Iischuw alle zentrifugalen Cnergien, alle auflöserischen Tendenzen in sich selber zerflattern lassen. Das ist mehr Wunsch als Möglichkeit, solange nicht dieser jüdische Lebenswille durch seine eindeutige, grundsätzliche Konzentration, durch eine Anerkennung von Oben, das heißt: durch das unabänderliche Bekenntnis der berufenen und führenden Instanzen zum Fundament jeglicher Ccneuerungsarbeit und aller Aufbauprinzipien, die wahrhaft jüdisch sein wollen, erhoben wird. Cs ist traurig genug, daß man die Forderung nach Legalisierung des jüdischen Gesetzes, der jüdischen Lebensformung erst noch besonders stellen muß. Aber es ist nicht überflüssig, diese Forderung zu stellen. Unter jüdischer Parole soll eine grandiose Tat erstehen, ein jüdisches Reu-Werden auf uraltem Boden. Keine Gemeinschaft, welcher Art und Uatur sie auch sein mag, kann eine derartige Schöpfung ohne die Bejahung de: Tradition und der ihr immanenten Werte vollbringen. Man kann nicht einmal zu einem solchen Werk aufrufen und Menschen sammeln, wenn alle geistigen Voraussetzungen zum Sammelbecken von Kompromissen, Konzessionen und von Regierungen ewiger Grundlehren herabgewüröigt werden. Zu fordern ist darum an erster Stelle die Umschichtung in der Haltung zum Wesenskern des ü b e rlieferten Judentums. Die Konsuln der jüdischen Sache mögen mit sich zu Rate gehen. Cs wird hier ein großer „Revisionismus" einsetzen müssen. Wer das Ziel und die Aufgabe „Palästina" heute proklamiert, tut mehr, als die Erteilung einer Auskunft. Cr übernimmt eine ungeheure Verpflichtung. Cr muß sich, und falls er dem Führertum angehört, dann erst recht, zunächst selber Rechenschaft geben, ob ec mit seiner eignen jüdischen Situation im reinen ist. Man kann nicht auf der einen Seite den Liberalismus an den Schandpfahl der Zeit nageln, ihn als den großen Sündenbock hinstellen, der die Assimilation des „Volkstums" auf dem Gewissen hat, und ihn im privaten Leben, sozusagen im Bereich des.Subjektiven, tolerieren. Cine Ideologie,die als falsch und gefährlich.erklärt wird, kann nicht „umgeschichtet" werden. Sie muß in allen Resten ausgetilgt werden. Sie muß so erkannt sein, daß sie auch nicht „getarnt" ein Teilgebiet des jüdischen Seins beherrschen kann. Das Judentum ist eine Totalität, und da gilt für keinen „Teil" ein Sonöergefetz. Die Proklamation „Palästina" ist ernst und gewaltig. Sie ist heilig. Sie rnuß von totaljüöischen Menschen geführt sein, wenn sie wahrhaft begeistern und nicht eines Tages zur letzten Katastrophe zwingen soll. Das Judentum verfügt in seinen gegenwärtigen Zuständen über keine Fülle von „Chancen" und „Hoffnungen". Das sotten die Führer der paläftinaproklamation bedenken. Und es liegt so viel Crnst in dieser Zeit, daß man getrost über den persönlichen Rimbus und über einen aus der liberalen Epoche übernommenen Personenkultus hinwegschreiten sollte. Eben des jüdischen Aufbruchs wegen! Man soll es aussprechen, daß der gekündete neue jüdische Weg, daß besonders der Begriff Palästina und das Wesen des jüdischen Ausbaus nicht propagiert und nicht vollzogen werden kann mit Menschen, denen irgendwie eine seelische Verkoppelung mit Uberalistischen Tendenzen anhaftet. Der mit einer solchen „Vergangenheit" belastete Führer hat a b z u t r c t c n. Da gibt es nicht die Möglichkeit von Verwischungen und Sentimentalitäten. Denn es steht mehr auf dem Spiel, als die Wertschätzung einiger Persönlichkeiten, die in „ihrer" Zeit alle aktuellen Führerqualitäten gehabt haben mögen, — die jedoch niemals zu symbolhaften Gestalten einer zeitnahen jüdischen Verwirklichung werden können. Cin Strom unklarer und halb erwachter Sehnsüchte wird aus Palästina losgelassen. Die Situation spricht eine eindringliche Sprache. Jetzt haben die verantwortlichen, führenden Kräfte den Augenblick, in dem sie das Vorhandensein ihres jüdischen Crziehungs- und Vorbereitungswillens beweisen müssen. Sind sie wahre Führer i m Judentum und zum Judentum oder sind sie bloß Manager eines politischen Durchschnitts, einer wirtschaftlichen Konjunktur? vom Zionismus, der beute einen erheblichen Teil der Palästinahoffnnngen aufzufangen und fortzügestalten hat, hieß es einst: . . . er sei d i e H e i m k e h r z u m Judentum noch vor der Rückkehr ins Iudenland. Das ist ein sehr gewichtiger Ausspruch, und es ist ein großes wort. Man möge es nicht, wie vor Jahrzehnten (als es geprägt wurde), gelassen aussprechen. Man möge die Heimkehr total Vorbereiten und sie zur Lossagung und Abkehr von Reberresten einer falschen innerjüöischen Erziehung sichtbar in Erscheinung treten lassen. Die Proklamation der jüdischen Heimkehr und Rückkehr wird dann über den ihr einst zugedachten engen Rahmen einer Parteigruppierung hinauswachsen und zum Kampfruf einer geeinten, bewußtjüdischen Front werden. Diese Front muß kommen, weil es sich um eine letzte große Hoffnung und um die Verantwortung -der j ü bisch e n Z u k u n s t gegenüber handelt. Das Golus unseres Landes. Von Alberk Löwenlhal in London. In Rr. 26 der in London erscheinenden zionistischen Wochenschrift „Haolam" findet sich aus Anlaß der Eingaben der Agudas Iisrocl an die Manbatkonrmisston uni Anerkennung ihrer Gemeinden eine interessante Stellungnahme vom zionistischen Standpunkt aus. Die Zeitung berichtet, daß die Agudas Iisroel die Zahl der aus der „Knefes Iisroel" Ausgetretenen mit 65 000 Seelen, gleich 28 Proz. des ganzen jüdischen Iischuwö. beziffert habe. Diese Zahlen, so meint das zionistische. Blatt, seien aber in keiner Weise den Tatsachen entsprechend. „Haolam" stellt sodann auf Grund der Veröffentlichungen der „Histaöruth Ha-owöim" seinerseits eine Statistik auf, derzufolge angeblich nur 6636 Männer, das entspreche 9229 Seelen, aus der „Knefes Iisroel" ausgetreten feien; darunter seien zahlreiche u. a. aus Gegnerschaft gegen das Frauenwahlrecht der „Knefes Iisroel" ausgetreten. — Das zionistische Zentralorgan beabsichtigt natürlich mit dieser Veröffentlichung eine Bagatellisterung der Frage zu erreichen und ist offenbar der Ansicht, daß die — nur ca. 10 000 Menschen einer Anerkennung ihrer Kehillothnicht benötigen. -- Wenn man dies liest, wenn man dies im Jahre 1935 lieft, in der Zeit, da eine ganze Welt sich für Gleichberechtigung einsetzt, da eine ganze wett aufsteht, um Minderheiten zu schützen, — wenn man dies liest, dann versteht man in bitterem Schmerze nrmp» m aan lr*!’? rms. na by Das jüdische Volk sieht sich in diesen Wochen und Monaten gerade um seines Judentums . willen in allen Lebensgebieten einem Sonderrecht unterstellt. Die jüdischen Brüder allerorts beklagen diese Sonderrechtsstellung des deutschen Juden als ihnen unverständliche Benachteiligung einer jüdischen „Minderheit". — llttö da erklärt die Zionistische Organisation in langem, erbitterten Widerstand, daß 10 000 jüdische Menschen im jüdischen Land keinen Anspruch auf gleiches Recht haben. Cs sind ja n u r 10 000 Seelen, die da in der Rot ihres religiösen Gewissens einer unjüdischen Gemeinschaft den Rücken gekehrt haben; es sind ja nur 10 000 Seelen, die einen Anspruch auf Anerkennung ihres Zibbur fordern! Was gelten diese 10 000 Seelen gegenüber 175 000 jüdischen Seelen in Crez Iisroel! Diese „Minderheit" von Zanksüchtigen, die zudem, wie der „Haolam" weiter berichtet, zum großen Teil aus Jugendlichen besteht, diese „Minderheit", die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren kann, einer Geineinschaft anzugehören, die nicht ausschließlich auf dem G'ttesrecht der Thora aufgebaut ist, sie bedarf keiner rechtlichen Anerkennung! — — Wahrlich! Wir deutschen Juden bedürfen in diesem Jahre 1955 nicht erst jener drei Wochen önxan paum uns, jedem Ciirzelnen, den Sinn des Golus klar zu machen. Jedem Einzelnen von uns wurden in diesen Tagen die Augen geöffnet; wir haben den Sinn dieses Golus eines jeden Einzelnen verstehen gelernt und uns hoffentlich auch ein Jeder bereit gestellt, den Weg dieses uns auferlegten, so furchtbar schweren Golus bewußt zu gehen! Aber darüber hinaus wollen uns in all unserem persönlichen Golus diese drei Wochen D’nma pa» itt diesem Jahre, in solcher Zeit, aufrufen, in unserer Gemeinschaft aufrufen, auch als Gemeinschaft, als jüdisches Zibbur den Golusweg des jüdischen Volkes bewußt zu gehen! Am 9. Aw ging der jüdische Staat unter und wurden wir des jüdischen Landes verlustig, weil die Thora nicht mehr das herrschende Staatsgefetz im jüdischen Zibbur war, weil das jüdische Volk damit sich seiner jüdischen Eigenart als G'ttesvolk begeben hattet In langem, schwerem Kampf hat die deutsche Orthodoxie in ihren ans dem Boden der Thora ausschließlich organisierten Kehillos sich bemüht, dieses Unrecht, um dessentwillen am 9. Aw der jüdische Staat unterging, wieder gut zu machen. Cs ist der deutschen Orthodoxie rrabesonders in der agudistischen Jugend, ein Menschenkreis erwachsen; der sich mit aller Kraft für die Idee des j ü d i s ch e n Zibburs auch dann einsetzen wird, wenn die Organisation der Kehillo rn dem äußeren Druck nicht mehr standhalten könnte. Die Golusausgabe der deutschen Orthodoxie, die uns der 9. Aw gerade dieses Jahres mit eindringlicher Macht künden will, unsere Pflicht ist es, mit eisernster Kraft unter Meldung jeglicher Konzession einzustehen für die Idee der Unabhängigen Orthodoxie, für die Herrschaft des G'ttesrechts im jüdischen Zibbur, und mit äußerster Konsequenz die Gousmahnung eines 9. Aw gerade in solcher Zeit un- 'erer Jugend aufzuzetgen. In solcher Zeit haben wir uns zu bewähren, in solcher Zeit erst recht dürfen wir mit keinem Schritt, mit keiner Konzession von dem Weg abweichen, den wir in ,^guten" Zeiten für den richtigen zu erkennen gelernt haben! Der 9. Aw dieses Jahres will uns mahnen, mit äußerster Konsequenz diesen weg weiterzugehen! Und unserer Jugend, den Chawerim und Ehaweroth allerorts, die sich rüsten brraw' pirrb ihnen will der 9. Aw ins Gewissen einhämmern, warum auch '"K' das jüdische Land im Golus 'chmachtot. Dieser 9. Aw will uns aufrufen, auch in ->"$ den Golusweg Oer jüdischen, der G'ttesnation