Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1933)
- Date
- 1933-07-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450784--79736-2537525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20. Juli 1933 Der Israel!! Nr. 29 Seite 3 Staate am innigsten verschwisterten evangelischen Kirche, zukommen werde. Unsere Zuversicht, daß die Kirche, auch unter der Leitung der „Deutschen Christen", ihr Bekenntnis nicht zu gunsten des Rasseprinzips preisgeben, und dns Blut nicht an Stelle des Geistes setzen werde, hat nicht - getrogen. So lesen wir in der Tagespresse: „Da> die Nette Deutsche Evangelische Kirche keine Staatskirche ist, enthält die Kirchenverfaffung keinen Arier - Paragraphen. Der Arier-Paragraph betrifft völkische Rotwendigkeiten. Die Verfassung der neuen Kirche dagegen ist vom Evangelium her durch evangelische Rotwendigkeiten bestimmt. Das schließt nicht die Abwehr artfremder Einflüsse besonders innerhalb der kirchlichen Führung aus. Aber diese Abwehr betrifft den theologischen Führernachwuchs, jedoch nicht d.ie Gliedschast der christlichen Gemeinde. Sakramcntsgemeinschaft, gemeinsame Teilnahme am G'ttesdienst sind in einer christlichen Kirche selbstverständlich. Die Frage der Artgemäßheit der kirchlichen Führung wird nicht durch die Verfassung bestimmt, sondern durch die Regelung de? theologischen Rachwuchses." Wir brauchen nicht erst zu versichern, daß wir von: Standpunkt des Judentums uns gewiß von jeder Sympathie für fahnenflüchtige Juden frei wissen, die sich und ihren Kindern durch Uebertritt oder Mischehe oder beides zugleich die soziale Karriere erleichtern wollten — aber hier handelt es sich nicht um die Menschen, sondern um ein Prinzip, das geistesgeschichtlich von ungeheurer Bedeutung ist. Durch ihre Entscheidung hat die evangelische Kirche Deutschlands immerhin den übernationalen Rang der religiösen Erkenntnis und des religiösen Bekenntnisses sanktioniert. von Interesse zur Beurteilung der Stimmung! in kirchlichen Kreisen ist auch eine Erklärung des Evangelischen Pressedienstes in Württemberg. Die Cr-! klärung bemüht sich, die gegen die Juden getroffenen Maßnahmen zu rechtfertigen und jene christlichen Kreise zu beruhigen, die, wie der Pressedienst sagt, infolge der judenfeindkichen Politik in Gewiss e n s n o t geraten sind. Diese Gewissensnot möge davon herrühren, daß sie es nicht verstehen können, weshalb Schuldig und Unschuldig gleichermaßen getroffen wird; oder davon, daß sie überhaupt kaum etwas von den schweren Gefahren wüßten, die dem Volk von jüdischer Seite drohen; oder davon, daß sie den Kampf gegen die Juden in der heutigen Form für zu hart und dem christlichen Gewissen untragbar halten. Demgegenüber wird im Evangelischen Pressedienst die jüdische Gefahr an der G r e u e lp ro p a g a n d a im Ausland e deutlich gezeigt und es werden die Maßnahmen gegen den jüdischen Einfluß als „kriegerische Handlungen" gerechtfertigt. Ohne in eine fruchtlose Polemik einzugehen und hundertmal Gesagtes zu wiederholen, möchten wir den Württemberger Evangelischen Pressedienst nur auf das Zeugnis des ersten Vertreters der evangelischen Kirche in England, des Erzbischof von E a n - terbury, verweisen, wonach die Greuellügen im Auslande, — denen sich die deutschen Juden mit aller Kraft entgegensetzen, — auch von den Juden i m 2l u s l a n d e mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Der Sabbatruhezwang In dem Fachorgane des Verbandes für „S ch u h und L e d e r", Berlin, vom Sonntag, den 9. Juli, sind die Anträge der B e z i r k s g r u p p e M i t - t c l d e n t s ch l a n d zum verbandstage 1955 in Erfurt veröffentlicht. Der Antrag Ar. 17 lautet wörtlich: „Mit Rücksicht auf die Einhaltung der Feiertage in gegenseitiger Selbstachtung ist zu betreiben, daß jüdische Geschäfte und deren Inhaber, wie auch das Personal Zeit zu Religionsübungen haben, dergestalt, daß alle jüdischen Geschäfte von Frettag abend bis Sonnabend Sonnenuntergang ihre Geschäftsbetriebe geschlossen halten, in gleicher Weise, wie die christlichen Unternehmungen ihren Sonntag heilig halten. Die Symbole christlicher Religionen zü den christlichen Feiertagen Weihnachten, Ostern und Pfingsten, Fronleichnam, Konfirmation und Kommunion dürfen von jüdischen Geschäften zu Reklame- Zwecken nicht mehr benutzt werden, eben so wenig wie christliche Geschäftsleute bei Reklamen Etrogim beim jüdischen Laubhüttensest reklameweise verwenden oder Mazze zu den jüdischen Ostern." Das mag alles nicht aus Liebe geboren fein, -aber die „Einhaltung der Fe 1 ertage i ti g c - genf eiliger S e l b st a ch t u n g " ist ein gutes Wort, das wir gern akzeptieren möchten. Cs ist ein wenig beschämend, daß weite kreise der jüdischen Gemeinschaft erst von außen her -auf ihr Heiligstes -verwiesen werden. Aber dieses Gefühl der Bedrückung tritt ganz hinter die Perspektive zurück, die -uns ein solcher Antrag, wenn er beachtet und Gesetz wird, eröffnet. Seine Fassung berührt durchaus sympathisch: „Alle jüdischen Geschäfte sollen von Freitag abend bis zum Sonnenuntergang des Samstags ihre Geschäftsbetriebe geschlossen halten, in gleicher wcise^ wie die christlichen Unternehmungen ihren Sonntag heilig halten." Das fetzt doch logischer und gerechter Weise voraus, daß man den f a b b a t h a l t e n d e n jüdischen Geschäftsleuten -durch ausreichende B e t r i e b s e r l a u b n i s u n d Arbeit s m ö g l 1 ch k e i t a m S o n n t a g eine kleine Kompensation für den Ausfall des Sabbatverdienstes gewährt. In Holland und in England hat sich dieses System feit undenklichen Zeiten glänzend bewährt, ohne daß es je zu einer Kollision gekommen wäre und ohne daß die Juden damit nur -den Schim- Für Körper und Füsse nu r DIALSN-Puder mer einer Absonderungstendeiiz auf sich genommen hätten, jedenfalls nicht mehr, als durch die natürlichen religiösen Schranken für beide Teile als ein Gebot der gegenseitigen Achtung und Selbstachtung erscheint. Wir zweifeln nicht, daß der verband für Schuh und Leder Bezirksgruppe Mitteldeutschland, bei seinem Antrag das Vorbild in der I o d enbreestraai zu Amsterdam oder Whitechapel von London vor Augen hatte. Unter diesen Gesichtspunkten wird man von jüdischer Seite auch die zweite Forderung des Antrags, daß „Symbole christlicher Religionen von jüdischen Geschäften für Reklamezwecken nicht benutzt werden," nur als recht und billig empfinden und akzeptieren müssen. Das Zudenland wartet auf die Heimkehr zum Zudenlm»! , Von 3. Raphael in Beckum. Man hört überall von Palästina sprechen, viele meinen, wenn sie sich jetzt hinsetzen und hebräisch lernen, ein Canb zum Auswandern und zur Gründung einer guten Existenz zu haben, viele kommen zum Palästinagedanken im Stadium letzter Erwägungen, und well die wirtschaftliche Lage und überhaupt reaipolllische Feststellungen mitzusprechen, entscheidend mitzusprechen haben. Palästina, — eben ein Land wie alle anderen Länder, die eventuell zur 'Aufnahme von jüdischen 'Auswanderern in Frage kommen. Man hört überall von Palästina sprechen heute. Palästina als Gebiet für Ueberstedlung und Amschichtung, für Ueuauflagen alter, gewohnter Wirtschaftsübungen . . . Palästina — als Heiliges Land? Als Hoffnung und letzte Chance im seelischen, geistigen Umwertungsprozeß der jüdischen Gegenwart? Davon und von der Sehnsucht nach diesem Palästina hört man bloß wenig und bloß leise Andeutungen und vorsichtig ausgeklügelte Formulierungen in diesen Tagen. Mitten hinein in die neuhebräischen Sprachkurse und in die (oft äußerst kitschigen) Unterhaltungen über das „Wirtschaftsgebiet" Palästina krachten die Schüsse von Tel-Äwiw. Der technisch so wundervoll organisierte und so imposant abgestimmte Apparat, der den wirtschaftlichen Aufbau, seine Errungenschaften, seine Zivilisation, seine Statistiken umfaßt, wird aufgestört. Man hält inne. Lin kleiner Irrtum in der G'tt: -denn so heißt es: „Ich stelle auf wider sie einen, harten König und führe sie zur Besserung zurück!" Wer schlägt die Juden in Rußland? Stalin? Nein! Stalin ist nur die Zuchtrute, mit der man Juden schlägt. („Wehe Aschur, der Zuchtrute meines Zornes", iw» »in) '28 V3V, G'tt ist es vielmehr, der uns schlägt. („Wer hat Jakob der Zertretung hingegeben und Jisroel der Plünderung? Fürwahr G'tt, gegen-den wir uns versündigt". .138VN 1! '1 8i>n B’Tm^ i>Rir5'1 3pv no’pnb |rn ’ö Was aber ist der Sinn dieser Zurechtweisung? „Du sollst -es erkennen, daß G'tt dich zurechttoeist, so wie ein Vater feinen Sohn zurechtweist." •■pD’53 '1 p 1» »8 V'8 ID" 12583 '3 nvl'l" Der Sinn ist: Wir sollen erwachen aus unserer Trunkenheit, und je gründlicher wir es tun werden, um so weniger wird es nötig sein, uns zu schlagen. Wenn wir aber „G'ttes Finger" nicht erkennen, dann sind wir im alle in der größten Gefahr! „Wenn ihr trotzig Mir gegenüber seid, d. h. wenn ihr alles Leid nur als einen Zufall bezeichnet und keine höhere Waltung darin sehen wollt Rin mpn nnRn dr — ’ip3 i3i>n dr, dann werde auch Ich mich euch gegenüber hartnäckig zeigen und euch siebenfach für eure Sünden züchtigen Vgl. Ö5J1R .11»»^ »»»»»1 »1p »55513 »555? -N'3SN 'Vn v'1 ,»"3131;N31» 13'31^ N31VN »15V ,'i:n cmbpi rVi o»noK» kV V51'3'18 yiR3 nmvu NR7 dj Y81 „Aber auch im Lande ihrer Feinde werde ich sie nicht verachten und verwerfen, um sie zu vernichten, um damit meinen Bund mit ihnen zu lösen: denn Ich bin G'tt, Euer G'tt!" Wir wollen nicht auf diev'viu!' iDN, die Liebe der Völker bauen, sie ist ein (niedergeknicktes) „gebogenes Rohr" ,pK3n riypa rP8 DirP ii> p3ip» pRv denn „sie nähern sich dem Menschen nur, wenn sie ihn brauchen", wie es ihren politischen Interessen entspricht. Ja sogar, diejenigen, die sagen, das einzige Mittel zu unserer Rettung seien Protestmeetings, Boykottaktionen, sie sind trügerische Aerzte, sie machen das Nebensächliche zur Hauptsache. Will man eine Krankheit wirklich heilen, dann muß man ihr auf den Grund gehen. — Wir wissen es sicher, daß G'ttes „wegschwemmender Grimm" seine Ursache hat in unserem Streben: „zu sein wie die Völker" D’ias rrns» also müssen wir zuerst die Ursache beseitigen, d. >h. das Streben nach Assimilation. Anstatt daß wir einen Kamps mit der Zuchtrute führen, mit der man uns schlägt, sollen wir den Kampf gegen uns selbst führen, gegen das Freidenkertum. gegen die nimo nrris, die bei uns in erschreckendem Maße Eingang gefunden hat. . Die Waffen zu diesem Kamps sind ganz besonderer Art: "i NRi'i nnnn »vi Thorageist und G'ttesfurcht. Mit diesen Waffen ist der Sieg sicher, m ruin nnn nwn p wo ivinn „Nur wenig Licht verdrängt schon viel Finsternis." Für uns gibt es nur einen Weg: G'ttes Hand zu erkennen, zurückzukehren zur G'tteslehre." Das ist unsere einzige Rettung. 13 mvbiv iv? »i» pR nismis ->»331 ni’D33 vm 3py ^>ip ^ipn® pn „Solange Jakobs Stimme in den Bet- und Lehrhäusern ertönt, werden Esaws Hände nicht über Israel herrschen." Zu den Worten des piov: niiDX D3i> usi lyo» „wendet euch undzieht nordwärts" bemerkt der vnv: D"33N33 »353x35 ii’sxn i-"»N33i „berget euch in den Bet- und Lehrhäusern." — Das ist der alte Rat, der uns viele tausend Jahre geleitet hat. — Die neuen, modernen Mittel, mit denen uns die sogen. Führer unserer Zeit heilen wollen, werden uns nicht gesund, sondern nur noch kränker machen. o»?nv -pirKn ’»y „Mein Volk, deine Führer sind Verführer!" Unser Weg aber ist uns darin vorgezeichnet: ,»Vl55!3 7>ni3R fl3 1311L5 TH3 gRXN ’3p!53 p ’RX d e n Weg zu gehen, den -die Väter feit altersher gingen. Mit diesem Rat haben wir alle Zeiten überdauert: »3 ii3y.i usw. (Jes. 43, 2.) „Wenn du Gewässer durchschreitest, Ich bin bei dir, und wenn durch Ströme —- sie fluten dich nicht weg; wenn du durch Feuer gehst, wirst du nicht versengt und die Flamme brennt dich nicht an!" 8 Wochenkalender. "vom 22.—29. Juli 1933 J vom 28. Tam. bis 6. Ab 6693 »»i» Pinn P313» 155053 J11D53 22 28 rv\»3» Mauled Samst. nachm. Samstag n»n tp 3 Uhr >/,5 Min. Sonmag 23 29 rrj? }Bp 11D3 Dl’ Montag Juli 24 38 1 b’j? unn »Ri Dienstag 25 2 3? Mittwoch 26 3 83j? Donnerstag 27 4 33p Freitag 28 5 3 Samstag 29 6 3 pm hiter »»151 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: S. S ch ach > nowtd, ebenda, - tzür die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Ofsenbach). — Verlag o^S Israelit und Hermon ®. m. d. tz., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. ££;fes. , Äki