Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1933)
- Date
- 1933-07-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 28 D v r Jsraetll 13. Juli 1933 winkte er, daß er sich zu ihm herabbeuge und er legte seine zitternden Hände auf sein Haupt. Lange verharrte er in dieser Stellung und die Nahestehenden hörten, wie die Gebete und Segensverheißungen sich aus dem Wunde des Vaters über des Sohnes Haupt ergossen. Alle Segensworte im Pentateuch und in den späteren Schriften, kaum eines war vergessen. „Große Ahnen geleiten dich in dein schweres Amt," schloß er, „Tngel bahnen dir den Weg, und ich selbst komme nach, um deine Hand zu führen . . Diesen Worten folgte eine apathische, fast starre Ruhe. Der Atem ging aber schwer, ein wenig röchelnd. Rabbi Daniel wandte sich kreidebleich uui, ging an die Türe und flüsterte mit umflorter Stimme Raruch Frenk etwas zu. Bald saßen im Nebenzimmer Salman Bernau und Mendel L e w o w an der Spitze der ersten U'länner des „Heiligen Vereines". Draußen an Türe und Fenstern sammelten sich viele Menschen, ergriffen und aufgewühlt, in tiefem Schweigen verbarrend. Aber der Schlaf wurde ruhiger. Rur die Führer des Heiligen Vereines wachten im Rebenzimmer bei pfalnrengebeteir. Die Menschen draußen zerstreuten sich. (Schluß folgt.) Zunge deutsche Juden in Palästina. Der bekannte Mitarbeiter des „Jiddischen Togblattes", Benjamin M i n z, der zur Zeit in Palästina weilt, gibt eine sehr anschauliche Schilderung vom Leben und der Lebenshaltung der jungen jüdischen Menschen, die in den letzten Wochen und Monaten aus Deutschland in Erez Israel eingewandert sind: Am dritten Tage nach meiner Ankunft in Tel-Awiw treffe ich einen jener jungen deutschen Juden, mit denen ich mich auf -dem Schiff angefreundet hatte. Ich erkenne ihn nicht wieder. Kommt in einer Uniform daher und sieht so stolz darein, als wäre er mindestens der Adjutant des Hochkommissars. Bei näherem Zusehen stellt sich aber die Sache etwas anders dar. Er ist einfacher Fensterputzer. Was die Deutschen machen, muh richtig gemacht sein, muh System und Methode haben. Alles muß uniformiert sein, auch das Fensterputzen. Freilich hatte man auch früher die Fenster der vornehmen Geschäfte von Tel-Awiw geputzt, seitdem aber die Deutschen im Lande sind, mußte eine „ Fensterputzerlegion" organisiert werdenalles nach dem „Minhag Äfchkenas". Und über Nacht hatte die Legion Tel-Awiw erobert, eingenommen mit all ihren Schau- und Erkerfenstern. Mein alter junger Freund ist kaum zum Wiedererkennen. Hat ein blaues Hemd mit gelben Achselstücken an. Auf der linken Brustseite prangt irgend ein farbiges Zeichen. Die Beamtenkappe auf dem Kops trägt einen Adler. Selbstverständlich fehlt auch der Ledergurt mit den blanken Messingschnallen nicht. Kämen Schwert und Sporen dazu und ein paar Sterne an der Brust, man hätte ihn als General ansprechen können . . . Kein Wunder. Dieser junge Mann war zu Hause ein höherer Beamter in einem Privatunternehmen und war in seinem Fache und auf sein Fach gewiß nicht weniger stolz als jeder General. Er hatte manche kaufmännische Schlacht geschlagen. „Zufrieden?" frage ich. „Natürlich!" lautet die Antwort. Und diese Zufriedenheit ist nicht geheuchelt. Cr lacht in die Sonne und ist wirklich glücklich. Seinen Lohn von 40 Piastern liefert er heute der Gesellschaft ab. Gesund ist er, und an Scheiben fehlt es in Tel-Awiw nicht. Die Kleidersorge ist behoben, er steckt in einer Uniform. Es ist erstaunlich, wie leicht und spielend sich gerade die deutschen Juden den Verhältnissen des Landes anpassen. Die falsche Scham werfn sie ab und verschmähen nicht die gröbste Arbeit. Viele, die keine Ahnung von Judentum und Palästina hatten, suchen den Weg ins Jüdische. Eine andere Gruppe organisierte sich mir nichts dir nichts als eine „Transportgesellschaft". Das Kind muß einen Namen haben, und wenn man „Angestellter einer Transportgesellschaft" ist, ist man kein einfacher Gepäckträger mehr. Und wenn auch! Die Arbeit ist mindestens so schön und ehrbar, wie daheim im Geschäftsbüro oder bei Beratung von Patienten und Klienten ... Da muß man sehen, wie diese jungen Menschen in besonderer Kopfbedeckung, die den Beamten anzeigt, mit den Wägelchen der Gesellschaft die Lasten befördern, vom Hafen, von der Bahn oder sonst von einer Straße zur anderen. Man liebt sie, die Deutschen, hier im Lande und unterstützt sie nach Möglichkeit, schon ihrer Korrektheit wegen und ihrer Ehrlichkeit, und vor allem darum, daß sie es verstehen, aus allem etwas zu machen. Dafür hatte das im Aufbau sich befindende Palästina bis jetzt wohl Sinn, aber wenig Erfahrung. Von Osteuropa und vom Orient konnte Palästina gerade diese Eigenschaften nicht beziehen. Trotz allem und allem sieht mau viele, sogar recht viele deutsche Juden, die sich nicht einorbnem können und daher auch ohne Arbeit und Verdien st umherlaufen. Was spricht heute Erez Israel? In letzterer Zeit deutsch. Russisch und polnisch sind ganz in den Hintergrund geschoben. Jeder, auch der Neuankömmling, sammelt ein paar Brocken Hebräisch, aber überall, wo man geht und sieht, hört man deutsch. „Sage mir, welche Sprache Palästina spricht, und ich sage dir, wo man zur Zeit die Juden am meisten verfolgt," lautet das neueste Tel-Awiwer Sprichwort . . . Auch meine anderen Schiffskameraden, die noch keine Arbeit gefunden haben, sind glücklich und zufrieden. Sie hoffen und lachen und lernen inzwischen fleißig H e - b r ä i s ch. Unter diesen Arbeitslosen sind viele Akademiker, insbesondere Rechtsanwälte, Künstler und höhere Beamte. Aerzte finden schon eher hie und da eine entsprechende Beschäftigung. An die Rückkehr in die Heimat denkt keiner. Gerade einer von denen, die bis jetzt keine blasse Ahnung vom Judentum hatten, sagt mir: „Ich habe hier noch nichts gefunden und meine Frau schreibt, daß sich, in Deutschland das Geschäft ein wenig gehoben hätte. Ich bin seit zwei Monaten im Lande, vieles gefällt mir gut. manches auch nicht, aber ich bin einmal da und bleibe auch hier." Eine eigene Stellung nehmen hier die aus Deutschland eingewanderten jüdischen Mädchen ein. Die meisten von ihnen waren daheim in Geschäften und Büros tätig, viele aber haben akademische Bildung. Sie stammen aus den feinsten 'jüdischen Familien und kaum einer van ihnen ist es gelungen, eine der Abstammung und Berufsbildung angemessene Beschäftigung zu finden. Sie gehen in bessere Haushaltungen als rrn mm- Das Wort „Dienstmädchen" haben sie außer Kurs gesetzt. Sie versehen ihren Dienst wie echte Beamtinnen, mit Stolz, Fleiß und Würde und Treue, und am Abend kann man sie in bester Gesellschaft sehen. Sie haben es verstanden. das dienende Amt eines Hausmädchens, einer Haushälterin und Köchin zu einem Ehren amte zu machen. Es gibt bereits in Palästina und besonders in Tel-Awiw genug der reichen Familien, die froh sind, solche Vertrauensperfonen im Haufe zu haben, von einem Type, wie es ihn in Palästina bis dahin e i n s a ch n i ch t gab. Sie werden auch recht gut besoldet. Freilich ist den deutschen Mädchen, die sich auf diese Weife in Palästina umstellen wollen, unter allen Umständen zu empfehlen, sich erst daheim durch Km r s e in Haushaltungsschulen für diesen neuen Beruf gründlich vor zube reiten. Unter den neuen Olim aus Deutschland gibt es prachtvolle Menschen und gehämmerte Jehudim, die erzieherisch auf die gesamte palästinensische Jugend einwirken könnten. Leider fehlt es noch an straffen Organisationen, um dieses wertvolle Menschenmaterial zu erfassen, und wo die Organisation da ist, fehlt es ihr an Geld. Darüber ein anderes Mal. (Gesetzestreue Olim werden gebeten, sich in allen Fragen der Palästinaanswanderung an die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Frankfurt a. M., Schwanenftr. 12 zu wenden). Aus einer badischen Kleinstadt. „ . . . Als der Dreißigjährige Krieg sich ausgetobi hatte, war dieses Dorf zerfallen, die Aecker verwüstet und verlottert, die Einwohnerschaft dezimiert. Der Grundherr, in dessen Herrschaftsbereich es gehörte, fand niemand mehr, von dem er Zehnten und Kopfgelder hätte eintreiben können. Da berief er die Juden. Sechs jüdische Familien nahm er im Namen des Kaisers auf und gestattete ihnen, Handel zu treiben: die Grenzlage war wie geschaffen dafür. Die Juden zahlten hohe Aufnahmegelder und Schutzgebühren: die Leibzölle und Kopfgelder aber steigerte der Grundherr, nachdem sich das Land und mit ihm diese jüdischen Händler erholten. Die Juden wurden so zu einer achtbaren Einnahmequelle für den Grundherrn, der ihnen zum Entgelt Schutz bot, ihnen gestattete, sich einen Ortsrabbiner zu halten, einen kleinen rituellen Friedhof zu pachten und eine „Chewra kaddischa" zu begründen — eine Institution, für die es keine genaue Bezeichnung im Deutschen gibt, deren Sinn jedoch etwa als eine „ausgleichende Hilsskasie" zu umschreiben ist, die Reiche aus ihrem Ueberfluß speisen, damit den Bedürftigen geholfen wird. Da das Abkommen zwischen Grundherr und Juden ans Gegenseitigkeit beruhte und beide Teile davon nur Vorteile genossen, entstand hier eine kleine Insel, auf der jüdisckes Leben und Denken unverfälscht sich erhielten durch die Jahrhunderte hindurch. Nicht nur der Grundherr konnte zufrieden sein: auch die katholische Bauernbevölkerung genoß die Vorteile eines ortsansässigen Handelsstandes, der Wohlstand in die Gemeinde brachte, ohne doch jemals den Bauern von fernem Grund und Boden zu vertreiben. Obwohl die Juden nicht selbst den Boden bebauten, so wurzelten sie doch in der Erde. Sie bauten sich schöne, geräumige Häuser, die aus demselben architektonischen Empfinden stammten, mit dem der bodenständige Bauernschlag zu bauen gewohnt war. Sie sprachen das dialektgefärbte Deutsch der Bauern, und wenn sie im Betsaal und in der Familie noch am alten Hebräisch sesth'relten, das sich 'klanglich dem Deutschen anzugleichen begann, so hatte auch das keine trennende Bedeutung: denn die Bauern selbst lernten in dieser seltsamen Sprache reden: sie ist keine Geheimsprache. So gab es nichts, was das Anwachsen der jüdischen Gemeinde verhindert hätte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war sie aus beinahe hundert Familien angewachsen: 1820 waren es schon 140. Die Väter und Söhne nahmen des Morgens Abschied von ihren Familien, zogen durchs Land und kehrten abends wieder zurück mit tausenderlei kleinen Dingen, die sie gekauft oder eingetauscht hatten. Wen die Geschäfte weiter sortsührten, der versäumte doch nie, wenigstens am Freitagabend wieder ins elterliche Haus einzukehren, um den Sabbat nach altem heiligem Brauch zu feiern. In dem Augenblick, da sie nach Hause zurückkehrten, wurden selbst die eleganten Jünglinge, die in Großstädten als Angestellte in Konfektionshäusern arbeiten mochten, wieder zu einfachen, gläubigen Kindern, die den Gesetzen ihrer Familie und der Thora freiwillig gehorchten, ohne sich dessen zu schämen. Eigentlichen Reichtum gab es nicht unter der jüdischen Bevölkerung, wohl aber' einen gesunden Wohlstand; die Judengemeinde weiß viele Namen zu nennen, die zu hohem Ansehen und Ehren kamen. Da war einer, um dessen Bekanntschaft sich ein Amschel Rothschild in Frankfurt bemühte, da gab es Juden, deren man sich am kaiserlichen Hof in Wien erinnerte. Aber ihre strenge Gläubigkeit, ihr schöner Familiensinnn und die Verhaftung mit der Scholle hielten sie davon ab, der Verweichlichung zu verfallen; sie blieben im besten Sinne orthodoxe Juden, die nie vergaßen, was ihrem Geschlecht aufgebürdet war . . . Ein kommender Chronist dieses Dorfes wird einmal die nachdenkliche Feststellung machen können, daß in dem Augenblick, da hier (in diesen Tagen) ein jüdischer Lehrer, der durch drei Jahrzehnte hindurch seine menschliche Würde und pädagogische Begabung bewiesen hatte, seines Amtes enthoben wurde, in Washington ein Sohn dieses Dorfes mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten verhandelte: Der italienische Finanzminister J-u n g, der in den Besprechungen von Washington für Italien dieselbe Mission erfüllt wie MacDonald für England, Herriot für Frankreich, stammt aus einer jüdischen Familie dieses Dorfes. Alles wäre gegen ihn gewesen — Rasse und Volkszugehörigkeit, aber sein Kopf war entscheidend ... Wer dieses Dorf heute zum erstenmal betritt, vermag sich nur schwer das Aussehen zu vergegenwärtigen, das ihm durch Jahrhunderte hindurch bis vor wenigen Wochen eigen war. Die Juden haben sich scheu in ihre Häuser zurückgezogen; . . . die Türen öffnen sich nur selten. . . . Der Dorfrabbi ist ein strenggläubiger Mann; streng gegen sich und seine Gemeinde. Was auch immer geschieht, bezieht er auf G'tt, und so mahnt er immer wieder seine Gemeinde, die Stimme des Herrn zu hören. Da ist ein anderer, einer der wenigen, der ein Handwerk von seinen Vorfahren ererbte; er hält es so heilig wie den Glauben, den er von seinen Vätern übernahm. Wir stehen in rußiger Werkstatt, die erfüllt ist vom Lärm der Drehbänke, vom Kreischen der Holzfräsen. Aber seine Stimme überdröhnt diesen Lärm; sie hat prophetischen Klang, und dieser hochgewachsene, starke Mann im blonden Bart und blonden Lockenhaupt erscheint trotz seiner Arbeitsschürze und seinen schwieligen Händen wie ein biblischer Prophet . . . „Ein größerer und stärkerer Zusammenschluß aller (deutschen) Juden als jemals wird kommen", ruft er. „Je konsequenter man uns verfolgt, um so größer wird unser innerer Zusammenhalt. Durch das Ariergesetz wächst unsere Zahl, es rüttelt die Lauen auf und führt uns alle zurück zu der alten Glaubensstärke. Ein neues Zeitalter beginnt für uns; ein hartes, aber ein gläubiges und inbrünstiges . . ." ... Ich gehe durch die Straße, an einem Laden vorbei, der öd und still ist . . . Und wie ich vorbeigehe, fällt mir der Schluß von Schalom Aschs „Glaubensmartyrium" ein, wie der zerbrochene und todwunde Schloimele, der alles verlor, was ein Mensch verlieren kann, in Lublin den leeren Laden eines alten Juden betritt und den Greis fragt: „Was verkauft Ihr da? Euer Laden ist doch leer und Ihr habt gar keine Ware da!" Da antwortete ihm der Greis: „Ich verkaufe Hoffnung!" Schloimele blickte den Alten an. Und er kam ihm bekannt vor, als hätte er ihn schon irgendwo gesehen . . . (Aus der „Reuen Züricher Zeitung".) 87» Ainderecke. Pinchas und Iifkach. pinchas, der Sohn Cleafars, Tnkel Ahrons, zog au der Seite Iofuas ins gelobte Land ein. Der Bund des Friedens, den G'tt in dem Ab- 'chnitt der Thora, der seinen Namen trägt, mit ihm geschlossen hat, ragt wett in die Ri ch l e rz e N hinein. Tr ist noch ein Zeitgenosse vom Richter I i ftach, der sich besonders dadurch einen etwas zwei- 'elhaften Ruhm in der Geschichte erworben hat, daß er s e i n e T o ch t e r, sein einziges Rind, auf Grund eines unsinnigen Gelübdes -geopfert bat oder mindestens opfern wollte. Auch der Name pinchas' hängt