Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1933)
- Date
- 1933-07-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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3 2$ I-ZZ ISA Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) XXXII. Die 21a d) t der Zettel und Schatten. An den letzten Festtagen fühlte sich Rabbi Mosche so schwach, dass die A-erz-te die Besucher fernhielten. In der H o s ch a n a r a b b a - R a ch t durften nur die Söhne und engsten Freunde und Schüler) im Ganzen zehn, bei ihm weilen. Cr saß aufrecht im Bette und bestand darauf) daß von den Psalmen und Gebeten dieser Rächt keiner und keines ausgelassen werde. Man sang Satz um Satz das psalmbuch zu Ende. „Cs ist die Rächt von König David) da er als letzter der „Höheren Gäste" in die Hütte tritt," sagte „und so wollen wir ihm zu Ehren all seine Lieder singen." Darüber war es lange nach Mitternacht geworden. Voll leuchtender Sterne) wie perlenbesetzt) wölbte sich der Rachthimmel über das Lauböach. Im Ofen prasselten die brennenden Holzscheite. Reber dem Bette hing die blankgeputzte siebenzackige Messinglampe und warf fahles Licht in den durchwärmten Raum. Rabbi Mosche, ging zum So har über:; „To chasi-so kommet und sehet! Am Tage) da Gericht die Welt weckt und der Heilige) gelobt sei Cr, sich herabläßt auf den Thron des Rechtes, die Welt zu richten, da erwache auch der Menschensohn zur Umkehr und lasse von seinen Sünden . . . „Lebotar-nachher schenkt der Heilige) gelobt sei Cr, in seiner unermeßlichen Gnade dem Menschensohn den.Dag der Versöhnung) Dag der Umkehr. Läßt er von seinen Sünden aber immer noch nicht, so werden besiegelt die Urteilszettel . . . „Sakkai litschuwa-bestrebt sich der Mensch in Buße, dann ist ihm noch Zeit gegeben bis zum Vorabend des letzten Festes ... „pittkin naflin-die Zettel werden ausgegeben und ausgeführt für den, der auch diese Zeit ungenützt verstreichen ließ ... „Keden zalmin ißabru — — dann weicht ihn: der Schatten, dieweil er G'ttes Ebenbild verloren ... „U besiffre kaömoe-und in älteren Schriften ist es zu lesen: wenn dem Schatten der Kopf fehlt..." Schauer durchrieselte die Anwesenden. Rabbi Mosche sah vom Buche weg in die Rächt hinaus. wollte er nach dem Schatten. in der von der Oellampe schlecht beleuchteten Ccke sehen? Keiner getraute, seinen Blicken dahin zu folgen, wo, wie sie ahnten, Schatten ohne Kops geisterte ... „Rein," gab sich der Rabbi einen Ruck, und fing, worauf schon längst alle gewartet hatten, zu erklären an: „Rein, nicht daß der Einzelne ängstlich nach seinem Schatten aüsspähe. Wohl aber Israels Gesamtheit. Sind wir doch im Golus, ohne Tempel und ohne Altar, ohne Hohenpriester in seinem Glanze, nur noch Schatten unser esSelbst, und dem Schatten ist das Haupt genommen ... Dort in der östlichen Ccke, sehet . . . im weiten Posen . ." Entsetzen bemächtigte sich der Schüler und Freunde bei-'diesen Worten. In Posen war vor bald einem Jahre schon der große Rabbi Akiwa Gins-Cger, der' Schwiegervater Rabbi Mosches, heir gegangen. Man hatte es Rabbi Mosche mit Rücksick auf "inen geschwächten Zustand bis heute ängst. ch ve>.Wiegen. Run schien er doch alles zu wissen. In öF'er Rächt der Zettel und Schatten, unter dem gespalteten Himme», war der Rabbi hellsehend. „Awal sakkae chasside-" - schloß Rabbi Mosche das Kapitel der Kabbala. „Heil den Frommen, die jeden Tag in ihr Herz schauen, als wäre er Tag des Abschiedes, und umkehren zu ihrem Herrn, und diese bedürfen keines Zeichens. „Sakkaah Thulkaon,-heil ihrem Anteil in dieser und in der kommenden Welt ..." * Schon wollten sich die Freunde entfernen, um dem Rabbi und sich selbst nach angestrengten Stnn- . den tiefen nächtlichen Erlebens Ruhe zu gönnen. Aber noch einmal richtete sich der Rabbi auf. Sein umschleiertes Auge sah in weite Fernen. Roch einmal ergriff er das Wort: „Ich sehe Zeiten kommen! . . ." Enger und enger schlossen sich die wenigen Anwesenden aneinander und saßen bald im Kreise ganz dicht um den Rabbi herum. Sie erlebten es ganz wie in jener Soharstelle, da sich die „Chawrajah", die Gruppe der Auserwählten, eng um Rabbi Schimeon schmiegte, „gerüstet mit Schild und wehr, mit Rat und Weisheit," um schweigend die Botschaft der Rächt zu vernehmen. „Wehe, wenn ich es ausfage, wehe, wenn ich es nicht offenbare! . . „Ich sehe Zeiten kommen. Schattenbild der Golusnacht, unser heutiges jüdisches Heiligtum! Rnd es kamen die Verderber und Zerstörer aus eigener Mitte, rissen dem Schattenbilde Glied für Glied» Stück für Stück ab, Kopf samt Rumpf. Und sangen dabei und spielten ein neues Hallelujah, auf die neue Freiheit, wie bald aber ist ihr eigenes neugezeichnetes Schattenbild zerschlagen! ... Ich sehe Zeiten kommen! ... „In Deutschland begann es. Zion und Jerusalem aus dem Gebetbuch verbannt, Moschiach vertrieben, das alte Gebet in der heiligen Sprache mußte der Sprache der deutschen Straße weichen. Und ich sehe, wie den Cnkeln derer, die so ihr Eigenes von sich werfen, die Bahn nach Zion gebaut und ihnen befohlen wird, in der hebräischen Sprache zu reden und zu schreiben, nachdem ihnen diese längst eine fremde Sprache geworden ist . . . „Heiliger Sabbat! Sie nahmen dir den heiligen Schmuck, möchten dich vor dem Sonntag, dem Ruhetage der anderen, verdrängen. Umständlich und überholt finden sie die S p e i s e g e s e tz e. wie, wenn ihre Cnkel zur Ruhe am Sabbat — und auch an den Werktagen — gezwungen werden! Wie, wenn ihnen, die das rituelle Leben sinnlos und veraltet finden, mit dem Fleische auch das Brot aus dem Munde genommen wird! . . . „Ich sehe Zellen kommen . . . Ihre Kinder entreißen sie der Mutterbrust der Thora, um sie in fremden Schulen fremden Lehren zuzuführen. Und ihre Cnkel werden ans der Schule heimgeschickt, in ein Heim, das das alte jüdische nicht mehr ist, in dem die alte traute Sabbatflamme so gut wie erloschen ist - . . „Die Mischehe hatten sie in der großen Konferenz in Paris, aus Lieböienek'ei gegen den großen Napoleon, beinahe so gut wie gutgeheißen. In Berlin handelten sie vorher schon und erst recht nachher danach . . . Napoleon ist gefallen, der Einbruch in das Gesetz wirkte nach, der Riß erweiterte sich. Bis eine Zeit kommt, — unsere Cnkel erleben sie noch — da sie aus Mischehe und Taufe wieder in die jüdische Familie geschickt werden. Wohl dem, der noch den weg dahin findet!,... „Und ihr werdet''euch dort euren Feinden anbieten als Knechte und Mägde, und keiner wird euch erwerben wollen . . ." Dies der einzige Segen in den Flüchen des fünften Buches. Sie finden keine Gegenliebe, werden heimgeschickt bis zum dritten und vierten Geschlecht, G daß sie wieder heimfänöen . . .; Ich sehe Zeiten kommen!-" Roch enger schmiegte sich der Schüler und Freunde' kleine Schar aneinander, lauschte gebannt und weltverloren. wie vom Sternenhimmel über dem Lauböache herab kamen die Worte der Offenbarung — in der Rächt der Zettel und Schatten. „G'tt hält das Heilmittel schon vor dem Schlage bereit," brachte der Rabbi ganz müde und erschöpft noch heraus. „Cs wächst dem Schatten ein neues Haupt an. vielleicht morgen, vielleicht übermorgen, der Erlöser naht, ist auf dem Wege, ruft und weckt und findet Gehör. Klein der Kreis, den er zieht, aber er hat Platz für alle, die, heimgejagt, in Wahrheit und in Treue kommen . . ." Die letzten Worte verhauchten wie sanfter wind. Der Rabbi warf den Kopf ln die Kissen und schlummerte ein. Ganz ruhig ging sein Atem. Und die Anwesenden traten leise und sachte auf den Fußspitzen aus dem Raume. Zitternd vor Glück, Zeugen solch nächtlichen Crlcbens gewesen zu sein. XXXIII. . Der Vorhang fällt. 21m S ch e mini Azereth hatte sich der Zustand des Rabbi soweit gebessert, daß neue Hoffnungen geweckt wurden. „Run geht es aus dem vorübergehenden As^l ins feste Haus zurück," bemerkte er vielsagend, als man sein Bett aus der Sukka in die Wohnung trug. Aber er nahm Nahrung zu sich, sprach klar all seine wünsche aus, und etwas wie Festfreude, aus letzten Reserven im Innern kommend, strahlte über das bleiche Gesicht. An beiden Festen versammelten sich morgens die Vorsteher und die vertrauten im Krankenzimnrer zum gemeinsamen G'ttesdienst. Cr sang laut Halle! mit, und am letzten Tage, Simchas Thora, ließ er sich sogar aus dem Bette bringen, um als „Bräutigam der Thora" aufgerufen zu werden und den Segen zu empfangen. Cin Bräutigam der Thora, ließ er sich erschöpft wieder auf dem Bette nieder. Roch ein wort hatte er zu sagen zum Cndakie der Thora: „Und dies der Segen, mit dem Mosche segnete die Söhne Israels vor seinem stlode". warum noch einmal die Betonung, daß es vor seinein Tode war, nachdem doch schon das ganze fünfte Buch voll der Abschiedsstimmung und der Todesvorbereitung ist? Aber dem ist wohl so: Cr dachte, in der letzten Stunde alle zu segnen, jeden Stamm, jedes Haus einzeln, wozu aber die Zeit und die Kräfte nicht mehr ausreichten. Darum entschuldigt sich der große Führer in der Einleitung. „Und dies der Segen — der verminderte, aber dennoch umfassende, — mit dem er Israels Söhne allegesegnet hat, — denn es war — vor seinem Tode, und es fehlte ihm die Zeit und die Kraft, das segnende wort an jeden Einzelnen zu richten. Gemeint war aber Israels ganze Gemeinde.-" Die dabeistehenöen Vorsteher vernahmen die Worte und verstanden sie ganz. Rahmen sie voll Weh und weihe als letzten Segen des Rabbi, für die ganze Gemeinde. Darauf verfiel der Kranke in einen ruhigen Schlummer, ausdem er erst gegen Abend, kurz, vor Festausgang, langsam und schwer keuchend erwachte. Cr brachte einige unverständliche Worte lallend hervor. „Ämod, Amod, Amod!" glaubten die Umstehenden zu verstehen. Genug! Stillgehalten! . . . Wie das Fest aus war, ordnete Rabbi Daniel an, daß in allen Schulen und Bethäusern Psalmen gebetet, auf der Ieschiwah und in allen anderen Lehrhäusern gelernt werde, die ganze Rächt hindurch, ohne nachzulassen. Bis die Gebete und die Lernstimmen die Pforten des Himmels sich erschlossen haben! . . . Rach unruhiger Rächt ließ sich der Rabbi in aller Frühe Talith und Tefillin anlegen. „Cs eilt nicht. Ißru chag! Das Fest hält heute noch an . . ." Rabbi Daniel streifte ihm die Tefillin ab und legte ihm die anderen, die von Rabbenu Tam, 'an. „Daß wir uns nicht müheU vergebens und nicht zeugen zum Schrecken . . hörte man die Gebetworte aus seinem Munde verhauchen. „Mein Sohn, Abraham Schmuel möge kommen," bat er. Dann — Grausen erfaßte alle — verfiel der Kranke in ein halblautes gedämpftes Schluchzen, das feinen ganzen Körper schüttelte. In diesem Zustande traf ihn der Sohn, der jetzt leise ins Zimmer trat. Line weile sah ihn der Vater starren Blickes an, als erkannte er ihn nicht, dann