Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1933)
- Date
- 1933-07-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Juli 1933 Der Israeli! Nr. 28 Seite 15 mit dieser traurigen Geschichte zusammen, wie uns Talmud berichtet. Hat jemand ein Gelübde getan und kann es nicht ausführen, so kann er zum Weisen und Gelehrten der Zeit hingohen und sich von diesem Gelübde befreien lassen. Iistach hätte also in seinem Falle zu pinchas hingehen müssen. Aber in seinem Hochmut sprach er: „Ich bin der Führer und der Held, und so paßt es mir nicht, zu ihm hinzuwallen, er möge nur zu mir kommen." pinchas aber, der Hohepriester, sagte sich: „Ich bin der höchste Diener des Herrn, und er braucht m ich. Ich kann warten!" Und inzwischen mußte eine Menschenseele zugrunde gehen. Wie recht haben doch wieder einmal die Vätersprüche: „Ehrgeiz bringt Menschen aus der Welt." ' _ Ist aber wirklich Iiftachs Tochter geopfert worden? Rach dein großen Kommentator Rabbi David K i m ch i, Redak genannt und Rabbi Levi ben Gerschom (Ralbag) sei aus dem Wortlaute der Schrift - zu schließen, daß Iiftachs Tochter nur in dieBergc verbannt wurde, wo sie ihr Lebenlang einsam und ehelos verbringen mußte, also eine Act Klosterleben zu führen hatte. Auch das wäre schon unjüdisch genug, denn wir kennen im Judentum das Kloster- und Ronnenwesen gar nicht. Aber das Gelübde galt ja nach talmudischcm Recht von vornherein gar nicht. Denn Iistach hatte, als er das Wort aussprach: „das Erste, das mir entgegenkommt, soll G'tt geopfert werden," gewiß nur an ein Tier, aber nicht an einen Menschen — 'und gar sein geliebtes Kind — gedacht. Rur auf seine krasse Unwissenheit war es zurückzuführen, daß er dieses Gelübde überhaupt ernst nahm. Trotzdem hätte er nach Midrasch dieses unselige Gelübde wortwörtlich ausgeführt, und in „Tanchumab" wird uns sogar die letzte Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter mitgeteilt: Sic: wo ist cs in der heiligen Lehre geschrieben, daß G'tt Menschenopfer wünsche? Heißt es im Opferkapitel doch: „von Vieh, von den Rindern und von den Schafen ..." Er: Meine Tochter, ich habe einmal gelobt und muß es halten. Sie: Hatte nicht ein Engel G'ttes Abrahams Hand zurückgezogen und ihm zugerufen: „Strecke deine Hand gegen den Knaben nicht aus und tue ihm nichts?" Cr: Mir ist aber kein Engel erschienen. Sie: Hatte nicht Vater Jakob gelobt, den Zehnten von all. dem, was ihm G'tt gibt, wieder G'tt abzuführen. Hatte er etwa darum von seinen zwölf Söhnen den einen auf dem Altäre geopfert? (Auch auf Ha nn ah und Samuel soll sie sich nach Midrasch berufen haben, die aber später lebten). von ihren Worten erweicht und in Unsicherheit gebracht, wandte er sich an das damalige Sanhedrin, das aber aus j e n e n Richtern sich zusammensetzte, von denen es heißt: „Und ein Jedermann tat das, was ihm gefiel" und die wenig Bescheid wußten. An die richtige Instanz, an Michas, ging er aus den oben angeführten Gründen nicht. wie sich dem nun auch verhält, u n j ü d i s ch handelte Iistach auf alle Fälle. Und sollte seine Tochter wirklich geopfert worden sein, so war sie eben ein Opfer von Unwissenheit, Dünkel und Hochmut. vor diesen drei Dingen hüte man sich, sie können tödlich wirken. WerHilfk? Von Hermann Seckbach. Es ist schon einige Zeit her, da erzählte ich in der Kinder-Ccke die Geschichte eines kleinen Jungen, der von einer Universitäts-Kinderklinik aus krank und gelähmt in ein Heim verbracht wurde. .Tin süßes blondgelocktes Bübchen lieferte man da ein, das ganz hilflos in seinem Bette liegen mußte. Da geschah das „Wunder", von dem ich berichtete. Aus dem schwerkranken Knaben, der immer so traurig öreinschaute, entwickelte sich nach und nach ein frohbewegtes, sonniges Menschenkind, dessen Zustand sich von Tag zu Tag besserte. Bald wurde der Kleine zum Mittelpunkt des Heims — und wenn der Sabbat kam, und sich allwöchentlich eine kleine Gemeinschaft von Freunden und Besuchern in dem stimmungsvollen G'tteshausc der Anstalt einfand, dann sahen alle beglückt auf „ihren" Jungen, dessen zartes, reines Sümmchen sich jubelnd dem Ehorgesang dieser kleinen Gemeinde einfügic. Jahre sind inzwischen vergangen.--— Aus dem einst hilflosen Kinde ist ein kräftiger Junge geworden, der jetzt auf zwei Stöcken gestützt oder geführt, gehen kann. Alle wünsche und Hoffnungen seiner Ellern und der ihn beschützenden Gemeinschaft schienen in Verwirklichung zu gehen. Ja, die bevorstehende Barmizwoh sollte der Höhepunkt werden. Da hat draußen im Leben des Alltags sich so vieles geändert. Rot und Sorgen sind über viele Familien gekommen. Auch die Eltern unseres Jungen waren in ihrer Existenznot gezwungen, mit ihren übrigen noch kleinen Kindern fortzuzichcn. Ins Ungewisse noch ... Es erhebt sich die bange Frage, wer wird, nächst G'tt, Hüter dieses Jungen sein? Das Heim wird ihn — trotz der eigenen großen Rot — auch weiter betreuen. Aber, wenn der Fall ciutrit, daß eine anderweitige Unterbringung nötig ist, braucht man eine „Pflegschaft" für ihn. Auf die kleine Erzählung, das „Wunder", meldeten sich seinerzeit gütige Menschen, die ihr Interesse für den kleinen Schützling zum Ausdruck brachten. Die Ermöglichung der „Pflegschaft" wäre aber jetzt gewiß die herrlichste Bekundung. Und nun — w e r hilft?? Gute Nacht! . . . Schläfrig hat der Tag gemacht, Allen Lieben gute Nacht! Mit Vertrauen auf den Herrn Schließe ich die Augen gern. Wäre mir zu sehn erlaubt In dem Traum El'jahu's Haupt! Moschiach will er künden, Und neues Licht in uns entzünden, Daß warm, in Seiner Gnadensonne Wir fühlen Jubel und Wonne. Wäre nur die Zeit so weit! Freudig bin ich dazu bereit. F. M. Sprechsaal. Hunger! „Ein Wort zur rechten Zeit gesprochen, wiegut ist's." Wie ein Aufruf zur Selbstbesinnung klangen uns die Worte in den Ohren und im Herzen, mit denen in der Wochenrundschau des „Israelit" vom 5. Tamus unter dem erschütternden Stichwort „Hunger" auf das schaurige Schicksal unserer Brüder und Schwestern in Rußland hingewiesen wurde. Selbstbesinnung, das bedeutet doch wohl, daß wir wissen, wer wir sind, wo wir halten und wie wir stehen im Geschehen und zum Geschehen dieser Zeit. Selbstbesinnung, das ist doch wohl so etwas, wie nawn, Stimmung, die uns suchen und finden läßt zu unserem G'tt zurück. Aber finden wir ihn? Ist der Weg zu unserem G'tt nicht verstellt durch klagende, anklagende Menschen? Müssen wir diese mian, diese edlen Brüder und Schwestern, die da ein Leben unaussprechlichen Märtyrertums führen, nicht erst besänftigen, bevor G'tt uns in diesen tiss dv> -Zeiten der Gegenwart das hören läßt, welches alle Not und Sorge der Zeit jn Glück und Harmonie auslöst? Wir sehen sie vor uns, geweckt durch jenen Aufruf, diese Brüder und Schwestern in dem großen weiten Rußland mit ihren eingefallenen Wangen, mit ihren Augen, die keine Tränen mehr hergeben wollen, mit ihren völlig ausgemergelten Körpern, mit ihren rachitischen Kindern, wir sehen sie vor uns, zum Greifen deutlich, und weil wir Selbstbesinnung üben wollen, schützen wir nicht unser eigenes Leid vor, vergessen wir nicht wieder über dem Ernst unserer eigenen Lage die tausendfach schlimmere Situation unserer Brüder und Schwestern dort. Durch die neue Lage in Deutschland, 'die viele von uns wirtschaftlich entwurzelte, leiden viele in unserem eigenen Kreise Hunger, aber hilfreich strecken sich ihnen von allen Seiten entgegen, vom Inland und vom Ausland her, rettende, haltende Hände. Aber die Lage unserer Brüder in Rußland, die keine neue Lage ist, sondern nun schon Jahre und Jahre anhält, wer beschäftigt sich denn jetzt mit ihr? Wo ist da die Stimme, die von einem Ende der Welt bis zum andern ruft und fleht und fordert? Es ist grauenvoll zu denken, daß das jüdische Herz, daß das jüdische Weltgewissen sich daran gewöhnt haben sollte, daß es abgestumpft gegenüber dieser Not stände. Uns deutschen Juden ist jetzt ein schweres Schicksal auferlegt worden, keiner von uns kennt die Wege der Vorsehung, aber das ist gewiß, jeder dieser Wege muh uns zur Mahnung werden. Möge uns Juden in Deutschland. die wir jetzt Gegenstand des Mitleids vieler edler Menschen in der Welt geworden, möge uns selber die Kraft des Mitleids wachsen, möge das nunm m i t uns selber bei uns zurücktreten, hinter das nvvnn mit unseren Brüdern und Schwestern in Rußland, mit denen, die früher mit so breiter Hand gaben, mit so weicher Seele und so gefühlvollem Herzen! Mit den großen geistigen Führern unseres Volkes, die noch immer in diesem Lande leben, wenn man ihr Dahinschmachten noch Leben nennen kann! Mit der Jugend dort, die schnelle und unermüdliche Hilfe vielleicht doch über eine grausame Gegenwart helleren Zeiten erhalten kann! Was können wir tun, sind wir nicht selber Gefesselte, in ein schweres Schicksal eingezwängt? Der Gefesselte kann sich nicht selber befreien, kann er anderen Befreiung bringen!? Wir deutschen Juden sollten und müßten uns durch unsere berufenen Führer pn die großen Hilfskomitees draußen wenden und ihnen sagen: „Die Hilfe, die Ihr uns gewähren wollt, wollen wir doppelt und dreifach segnen, wenn Ihr einen Teil dessen, was Ihr uns zugedacht habt, unseren Brüdern und Schwestern in Rußland zukommen lasset. Wir wollen sie doppelt und dreifach segnen, wenn wir wissen, daß Euer Mitleid mit uns nicht dem Augenblick entfließt, sondern ans der heißen Tiefe des jüdischen Herzens kommt, das auch langanhaltender und stummer Not gegenüber, gerade ihr gegenüber, offen, ganz offen bleibt." Ueber das Wie soll hier nicht gesprochen werden, das überlassen wir der Ueberlegung unserer Freunde. Wir als Bittende wollen ihnen, den Leistenden, nicht vorgreifen, aber hoffen wollen wir, innig hoffen, daß unser Rufen ihr Ohr und ihr Herz offen findet. Und wir sind gewiß, daß diese Hilfe, die an uns denkt, aber unsere noch viel unglücklicheren Geschwister in Rußland nicht vergißt, von G'tt reich gelohnt wird, wir sind gewiß, daß aus dieser doppelten Hilfe Befreiung kommt dieser doppelten Not, aus diesen Zeiten mixav v>a „zwischen den Zeiten" trostbringende Sabüatlichkeit uns erblühen wird, ein wahrer i»nr iut r B. I. Der geistige Kampf der Orthodoxie. Sehr geehrte Schriftleitung! Im Leitartikel des „Israelit" vom 22. v. M. unterziehen Sie den geistigen Kampf der Orthodoxie und des Zionismus um ihre Ziele in der gegenwärtigen für die deutschen Juden mit ernstester Besorgnis erfüllten Zeit einer kritischen Besprechung. Der Brennpunkt der Abhandlung beruht zweifellos in der gegen Schluß derselben erhobenen Klage über den Mangel an frei beweglichen, durch Beruf und wirtschaftliche Verhältnisse nicht behinderten Führern bezw. Werbern für den Zusammenschluß in der Orthodoxie. Hier muß sich nun gebieterisch die Frage erheben: Was nun? Ueber nicht Vorhandenes oder Fehlendes kann man Nicht verfügen, aber doch muß etwas geschehen, um die orthodoxe Organisation machtvoll, wenn nicht restlos vorwärts zu treiben. Nehmen wir hierbei diejenigen von unseren Brüdern in Anspruch, die sich für diesen Zweck gerade darbieten, wenngleich sie keinen vollwertigen Ersatz an erstklassigen Führereigenschaften aufweisen sollten. Dieser Dienst am Judentum muß grundsätzlich ehrenamtlich und abwechselnd, regional, von zuverlässigen Mitgliedern der orthodoxen Gemeinden erfolgen, und durch Spitzenbesetzung von befähigten, oder bereits anerkannten Führern der Orthodoxie geleitet werden. Auf einen vollen, oder doch möglichst großen Erfolg kann nur gerechnet werden bei einem Werbedienst, der lückenlos den Einzelmenschen in den orthodoxen Gemeinden ersaßt: Eine Werbung von Haus zu Haus, von Mensch zu Mensch. Isidor Holzmann. Zur Aufklärung! Die Leitung der Organisation „Schwnß Jisroel" bittet um Veröffentlichung folgender .Erklärung: Jn einer Bekanntmachung der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel in den „Blättern" erklärt diese ihre ablehnende Haltung der jüngst gegründeten orthodoxen Wirtschaftsorganisation „Schwnß Jisroel" gegenüber. Wie es uns scheint, liegt hier ein bedauerliches Mißverständnis vor. Schon eine oberflächliche Prüfung der Programmpunkte unserer Organisation zeigt, daß die „Schwnß Jisroel"-Organisation ausschließlich ökonomische Ziele verfolgt. Unsere Organisation ruft alle orthodoxen Juden, ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit, zum Aufbau Erez Jisroels auf jüdisch-traditioneller Basis auf. Wir sehen die Erfüllung unserer Aufgabe in der Sammlung, Organisierung und Zentralisierung aller religiösen Juden (Mittelstandsangehörige und Mittellose), die nach Erez Jisroel auswandern und am Aufbau des Heiligen Landes im Sinne der Thora und der Ueberlieferung Mitwirken wollen mit dem Ziel, sich dauernd im Lande niederzulassen. Im Interesse der Verbreiterung der Basis unserer Jischnw Erez Jisroel-Arbeit und um einer möglichst großen Anzahl von wirtschaftlich schwer betroffenen orthodoxen Juden die Verpflanzung nach Erez Jisroel zu ermöglichen, lehnen wir jede parteipolitische Bindung mit Entschiedenheit ab. Man sollte darum eine derartige Organisation, die sich die Aufgabe setzt, produktive Arbeit leistende orthodoxe Juden ins Land der Väter zu bringen, mit Freude begrüßen. Verein Schwnß Jisroel, Frankfurt a. M. 's