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Der Israelit · 1933-07-13 · Heft 28 (13.7.1933) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 28 (13.7.1933)
Date
1933-07-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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13. Juli 1933 Der Israelit Nr. 28 Seite 5 das Judentum steht und fällt. Was zu Lun ist bei Behörden und Regierungen, bei öffentllchen und privaten Stellen zum Schutze des Schabbos, geschieht. Auch wir unterstützen diese Arbeit gewiß durch einen größeren oder kleineren Betrag. Aber nicht auf diesen kleinen Obolus kommt es an. Berücksichtigen wir;bei all unserem Bedarf Schabbos haltende Geschäfte, beschäftigen wir in unseren Betrieben Personen, die auf 712V 7i"i'»V reflektieren, dann haben wir das hundertfache getan, als mit einem für die großen Aufgaben nur winzigen Betrag, vielleicht ist das der -Sinn des vielgedeuteten Satzes: Würde Iisroel zwei Schabbos aushalten, es käme sofort die Erlösung. D. h. wir haben nicht nur den u n s r i g e n, sondern -auch den Schabbos des anderen zu halten. Gerade heute, da wir einen schweren wirtschaftlichen Kampf zu führen haben, wo wir uns bemühen müssen, mit großen Opfern zu erhalten, was wir in besseren Zeiten aufgebaut, wo wir einer so riesigen Front von Feinden gegenüberstchen, gilt es besonders in Arewus zusammenzustehen. Auch hier gilt der Satz: ••2"nvntv naa *irvp Wir schenken nicht nur der Gemeinde unsere Kraft, sie spendet uns vielleicht noch viel mehr. Der .Zug der Zeit geht nach Zentralisation und Organisation. Die Familie ist heute nicht mehr so die Keimzelle der jüdischen Gemeinschaft, wie sie es war, sie ist immer mehr nur ein Rädchen am gewaltigen, komplizierten, vielgestaltigen Uhrwerk der Gemeinschaft. Auch geistige Kräfte sind nicht für immer Erbgut einzelner Familien, eben so wenig wie materielle. .'7V "im j'X heißt wohl auch: geistig wird eine Gemeinde niemals verarm e n; was wir heute ihr spenden, gibt sie uns einmal an seelischer Auffrischung wieder. Je mehr' Kraft wir ihr und ihren Anliegen opfern, desto mehr haben wir auch Anwartschaft, von ihr wieder inneren Halt zu empfangen. Was ist jüdische Theologie? ' Von Rabbiner Dr. Alexander Allmann in Berlin. Beiträge zur jüdischen Neuorientierung. IV. Welche existentialen Möglichkeiten bestehen, den aus seiner theologischen Atmosphäre entwurzelten .Juden wieder in die organische Haltung echten jüdisch-theologischen Denkens hineinzuführen? Es ist, um diese Frage zu beantworten, notwendig, die geistige Situation des heutigen Juden zu durchschauen. Schöeps hat es mit Recht als die Aufgabe der Theologie bezeichnet, zunächst den ontifchen Daseinscharakter der heutigen Existenz klar zu erkennet:, um an diese Gegebenheit die Argumentation eines gläubige n Daseinsverständnisses heranzutragen. Aber fein Irrtum liegt in dem Wie seiner Interpretation heutigen jüdischen Daseins, das er unbedenklich mit der allgemeinen Situation des abendländischen Menschen schlechthin gleichsetzt. Schoeps sieht die jüdische Situation des westeuropäischen Inden ohne jüdische Sondermerkmale. Cr reiht ihn seiner Daseinsverfassung nach durchaus gleichförmig in den Existenztypus ein, der durch den Abfalls- und Säkularisationsprozeß der Neuzeit geschaffen und zuletzt durch die Lxistentialanalyse Heideggers philosophisch durchaus gültig interpretiert worden ist. Der heutige Westjude besitzt nach Schoeps kein präsentes Bewußtsein der Sohnesschaft Abrahams mehr, er wird als Heide geboren und muß erst in der Teschuba Fuöe werden (wobei übersehen wird, daß die jüdische Theologie den Juden bereits in seiner seelischen Präexistenz vom Sinai her Jude sein läßt und die Teschuba bloß die Rückkehr zum bewußten und betätigten Iudesein bedeutet). Für Schoeps ist der abgefallene Jude identisch mit dem existentialen Typus, den die Heidegger'sche Anthropologie entwirft. Tr ist die Vorgegebenheit der jüdisch-theologischen predigt. Er, der alles spezifisch Jüdischen entkleidete Mensch, soll zum Hören, aus die Sinai-Offenbarung ausgerusen werden. Aber wird, so fragen wir, diese universale Schematisierung dem spezifischen Daseinscharakter des jüdischen Menschen, auch des entheiligten, dämonisierten, abtrünnig gewordenen, gerecht? Und wie kann .diesen Typus, dem kein jüdisches Sonderelement eignet, eine spezifisch jüdisch -theologische Verkündignng je erreichen? - Gewiß, der Heidegger'sche Mensch kanü sich in seiner geschichtlich bedingten „Immanenzverhärtung" durchschauen und von hier aus den Sprung in Line theologische Sphäre vollziehen, in der seine ontologischen Strukturen (Sorge, verfallenheit, Gewissen, Schuldigsein, Zeitlichkeit usf.) eine theologische Uebersetzung erfahren. Traub (in der Aeitschr. f. syftem. Theo!., 1952, S. 686 ff.) hat diese Möglichkeit erörtert. Heidegger selbst äußert sich nicht darüber, ob und wie neben dem In-der-weltsein des Daseins ein „Sein des Menschen zu G'tt" Raum hat. Gegen przywaras Deutung der Heidegger'schen Endlichkoitsmetaphystk als trotzigen Willen zu „geschloffener tragisch-heroischer Innerweltlichkeit" (einer Deutung, der sich Schoeps offenbar anschließt) macht Traub eine andere Interpretationsmöglichkeit geltend: das Cndlichkeitsbewußtsein sehnt sich nach dem unendlichen G'tt. Wenn auch Traub die Einbeziehung dieser Lxistentialanalyse in den Legründungszusammenhang der notwendig in sich selbst fundierten Theologie ablehnt, so ist die Ausdeutungsmöglichkeit der ontifchen Strukturen Heideggers ins Theologische hinüber sachlich jedenfalls zu bejahen. Damit ist die Brücke von der radikal säkularisierten Bewußtseinshaltung zur theologischen bereits sichtbar. Oder besser: der „Sprung" von der ausschließlichen Weltlichkeit zur sehnsuchtgeborenen Hinwendung auf G'tt erscheint gerade für die Daseinsversassung des heutigen Menschen als durchaus sinnmöglich. Aber wie kann von diesem Boden her ein Weg führen in die konkrete Sonderheit einer jüdisch -theologischen Existenz? Schoeps teilt der „biologischen Sakralfundierung" des Juden die Funktion zu, das jüdische Individuum an seinen Abfall von G'tt zu mahnen und durch die „predigt der Synagoge" in die Krisis zu führen. Diese Krisis aber wird nicht als eine jüdische, sondern — ganz liberalistisch — als eine des Menschen überhaupt begriffen. Der Jude teilt trotz seiner auch von Schoeps zugestandencn „biologischen Sakralfundierung" den universalen Standort der Krise. Folgerichtig wird die neu ergehende Offenbarungsverküudigung als an die adamitische Menschheit gerichtet aufgefaßt. Die spezifischen Kategorien der Sünde und der Tcschuba im jüdischen Sinne bleiben außerhalb der Blickweite. Wesentlich für das aufgeworfene Problem der Neuerweckung des jüdischen Menschen' für die spezifische Tönung des jüdisch-theologischen Daseins ist aber gerade die Herausstellung der jüdischen Besonderheit an der geistigen Situation des Juden, die durch Heideggers Analysen weder intendiert noch getroffen wird. Diese Besonderheit seines ontifchen Daseinscharakters ist vorhanden, auch dann, wenn nicht seine äußere Existenz gerade irgendwie intensiv diese Besonderheit zu spüren bekommt. Sie ist latent immer vorhanden. Sie gehört zum ontifchen Daseinscharakter des Juden und ist dem, was man äußeres Schicksal nennt, sowie der Art, aus dieses Schicksal zu reagieren, immer schon vorgegeben. Daß der Jude in seiner geschichtlichen Situation auf eine ganz bestimmte, im Typus sich gleichbleibeude Art reagiert, daß sich ihm sein Leiden und Dulden, seine Hoffnung und fein Arbeiten immer wieder in den Aspekt einer theologischen Sinndeutung hineinrückt, das beweist die Besonderheit seines existentialen Sichselbstbegreifens. Am ehesten ließe sich noch das von Heidegger herangezogene existentiale Moment des „Erbes" und des „Schicksals" für das jüdische Daseinsverstänönis als entscheidend erweisen. Aber auch diese Strukturen sind noch zu wenig dem singulären Phänomen der jüdischen Existenz adäquat, wenn sie als rein ontologischi m in a nent e Wesenheiten gefaßt werden, vielmehr erfahren diese Begriffe innerhalb des jüdischen Typus eine ganz bewußte Hinwendung auf das Transzendeuzmoment der g'ttlichen Offenbarung. Es ist das Charakteristikum des jüdischen Volkes, daß ihm sowohl Erbe wie Schicksal als die immer neue Anrede G'ttes in der Abfolge der Geschichte bewußt werden. Israel steht immer wieder von neuem vor der untilgbaren Gegebenheit seines geistigen Erbes, das es irgendwie zu bewältigen unöb feriedigend sich einzuverleiben hat. Cs ist die Aktualität des „Höre Israel" (vgl. die Ausdeutung. dieses Fundamentalsatzes bei Adolf Altmaun, Sinn und Seele des „Höre Israel"). Daß aber dieser Aktualitätsanspruch gehört werde, ist die Funktion des jüdischen Schicksals in seiner tragischen Singularität. vom jüdischen Schicksal aus führt der Weg in die immer neue Beachtung des Geoffcnbartcm Denn dieses Schicksal in seiner Richtnormalisierbarkeit und stets neuen Bewährung des Vorherverkündeten ist selbst offenbart, es selbst, trägt theologische Oualität. So offenbart sich dem jüdischen Menschen als Träger jüdischen Schicksals der stets neue Anruf G'ttes, der ihn: den Zugang ins aktualisierte jüdische Sein mit mächtigem Griff eröffnet.' Schoeps hat dieses plus an jüdischen Sondermcrkmalen in seinem 1952 erschienenen Buche — allerdings auch in seinen neuesten Veröffentlichungen — übersehen. (Er ist vorbeigegaugen an dem Unbegreiflichen, das schicksalsmäßig und unlösbar auf dem Juden lastet und ihm sein unliierbares spezifisches Dasein bezeugt, von diesem Schicksal aus gibt es nur ein Entweder- Oder: den Weg ins Dunkel einer ohnmächtigen Verzweiflung, also den Rückstoß in die Immanenz, oder den Weg ins Licht, den Vorstoß in die jüdifch-erlobte theologische Sphäre. Dieser Weg aber geht nicht vom Individuum sondern nur von der Entdeckung des Volkstums aus. Das Individuum, das sich nur als solches fühlt, muß unterliegen, vom Volkstum her gesehen erst erschließt sich der Sinn und rundet sich der Kreis, dessen Stromlauf eben bestimmt ist durch die beiden Pole Offenbarung und jüdisches Volk. Die Dynamisierung und Aktualisierung des jüdischen Offenbarungsbegriffs braucht also nicht, wie im Ehristentum, erst theoretisch vollzogen zu werden. Die immer neue Sprache G'ttes au Israel ist das jüdische Schicksal, das sich immer wieder als identisch erweist mit der Verheißung und somit auch das Erbe der Thora in seiner Totalität legitimiert. Das Christentum ist nicht in der Lage, diese Kategorie des Schicksals als theologische Kategorie etwa des kirchlichen Kollektivnms zu besitzen. Gewiß, auch es lehrt: die Welt steht unter dem Gericht. Aber da sich Kirche nicht deckt mit einer natürlichen biologischen oder kulturellen Gruppe, kann das Schicksal niemals den sondernden, adeludcu?• erweckenden Sinn Huben, wie ihn das fürchterliche, glückliche Los des jüdischen Volkes besitzt. Das heißt aber: der jüdische Mensch muß die theologische Oualität seines Volkstums zugleich mit der seines Schicksals wieder entdecken. In der Tat sind wir heute auf dem besten Wege dazu. Die Struktur der jüdisch-theologischen Denkweise tritt aus ihrer latenten vorgegcbeuheit allmählich wieder ins Bewußtsein. vom Schicksal her weist der Sinn in die Offenbarung und von der Offenbarung zurück in das erhöhte, theologisch begriffene Volkstum. Dabei ist zu bemerken, daß heute ein Begriff, dem in unechten Phasen des theologischen Prozesses überbetonte Wichtigkeit zugemessen wurde, in den Hintergrund zu treten beginnt, nämlich der Begriff der G e - m e i n d e. An seine Stelle schiebt sich der primäre Hinblick aus das Rvbcrgreifende des Volkstums. Die Gemeinde besitzt im Judentum ursprünglich keine theologische Eigenbedeutung. Der einzelne Zibbur ist kein theologisch in sich ruhendes, vor G'tt isoliert denkbares Gebilde. Cr hat eine aktuelle Funktion. Ec kann Gefäß sein für G'ttes Gegenwart. Aber er ist — anders als im Christentum — nur ein fluktuierendes, in einem höheren Ganzen ausgehendes Teilgebilde. Der Begriff der „Gemeinde" als einer Insttution, eines Ausfüllenden und Tragenden ist christlich. Die Kirche ist ohne die „Gemeinde" als ihr Organ nicht denkbar. Das Judentum ist wesenhaft Volksgemeinschaft. Das Volk als Volk, nicht als gemeindliche Gruppe, ist bereits theologisch qualifiziert. Die Gemeinden sind Repräsentationen des volksganzen. Cs ist falsch, wenn Cohen und B a e ck davon sprechen, int Judentum sei anstelle der Kirche die Gemeinde getreten, vielmehr steht anstelle der christlichen Struktur Kirche-Gemeinde die jüdische des Volkes. Es ist eine Erscheinung der Galuth, wenn im Bewußtsein des Judentums das Problem der gemeindlichen Konstituierung eine solche Ueberbewertung erfahren und die Idee der volksgemeinde zurückgedrängt hat. Es dürfte heute an der Zeit sein, die jüdischen Massen durch die Gemeinde hindurch wieder mit aller Energie und

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