Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1933)
- Date
- 1933-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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13. Juli 1933 Der Jsraetll Die Grundeinstellung ist das Problem unsres Verhältnisses z u G' t t > ob wir in Seinen Wegen wandeln und Seiner Thora gehorchen wollen. Cs ist eine metaphysische Frage, eine Gewissensangelegenheit. Cs ist die Frage, ob der religiös und sittlich Beste uns führen soll oder der Wirtschaftssachverständige und Politiker. Cs ist die Frage, ob das Cwige oder das Zeitliche uns bestimmen soll, ob uns, den „Menschen auf der Flucht", den Propheten und Messiassen G'ttes, wieder des Jona Antwort auf die Berufsfrage zu eigen wird: ich bin Hebräer und den G'tt Himmels und der Lrden fürchte ich. Schuldig aber wird jeder, der nicht immer erneut allen jüdischen Zeitgenossen die Worte des Jesajas zuruft: „wer hat Jakob der Plünderung hingegeben und Israel den Raubenden? Ist es nicht der liebende G'tt, gegen den wir gesündigt und wollten nicht in Seinen Wegen gehn und hörten nicht ans Seine Tbora." lvochenrundschau. Brüder in Not! Unter dieser Devise hat sich ein R e i ch s a us - f ch u ß aus Volksdeutschen und kirchlichen verbänden gebildet, um die Deut sch eit i n Sowjet ru ßl a n d vor dem h u ng e r t o d e zu retten. „Line furchtbare Hungersnot", heißt es in dem vom Reichsausschuß erlassenen Aufruf u. a. „breitet sich über Rußland aus. Millionen von Menschen, Bauern und Arbeiter, sind ihr bereits zum Opfer gefallen. Ganze Landstriche sind ausgestorben, Verzweiflung und Grauen sind in die Dörfer und Städte eingezogen." Und in diese Hungerkatastrophe sind, wie im Aufruf mitgeteilt wird, 1 >2 Millionen Deutsche mit hineingerissen. Zehntausende von ihnen werden von der Hungerpest dahingerafst. Angesichts dieser entsetzlichen Todesnot der deutschen Brüder könne man nicht länger schweigen und warten. Cs geht jetzt nicht mehr um diese oder jene Form des Lebens, es geht um das nackte Leben selbst. Das gesamte deutsche Volk wird aufgerusen, zu Helsen und zu retten, che es zu spät ist. Wenn wir den Aufruf, den unsere Leser aus der politischen Tagespresse im Wortlaute kennen, hiermit in die Sprache der jüdischen Brüderlichkeit übertragen möchten, so geschieht es gewiß nicht, um jenem Hilferuf Abtrag zu tun oder nur, um unsere Sonderwünsche und Sonderinteressen anzumelden. Aber wenn schon einmal Brüder für Brüder aufgerufen werden, so dräpgt sich uns der Gedanke an den jüdischen Bezirk auf der schwarzen Crde der russischen Rot von selber mit Allgewalt auf. vor kurzem erst sprachen wir an dieser Stelle von der Million jüdischer Brüder, die in Sowjetrußland, seit Jahren schon durch Deklassierung und unsägliche Gewissensnot zermürbt, nunmehr buchstäblich dem h u n g e r t 0 d e p r e i s g e g e b e n s i n d. Briefe, die von dort hierher gelangen, lefett sich wie alte Dokuntente aus der Zeit der Zerstörung Jerusalems. Schauder erfaßt einen bei dem Gedanken, daß die Schilderungen nur zum kleinen Teile der Wahrheit entsprechen könnten, inzwischen wird aber von zuverlässigster Seite bestätigt, daß sie im Gegenteil nur einen kleinen Teil dessen zum Ausdruck bringen, was in Wirklichkeit geschah und geschieht. „Brüder in Rot!" dringt der Appell auch an unser jüdisches Herz. Wenn wir im besagten Artikel den Gedanken aussprachen, daß die Welt und die Völker nicht schweigen dürften zu dieser fürchterlichen Katastrophe, die sich fast vor unseren Augen abspielt, so müßten wir die Aktion in Deutschland und den 71 u f - r u s des R e i ch s a u s s ch u s s e s wie eine teilweise Crfüllung jenes ausgesprochenen Wunsches begrüßen. Schon darum allein sind wir überzeugt, daß bei allem und allem die Juden mit ihrem Obolus für dieses Sammelwerk nicht Zurückbleiben werden. Aber darüber 'hinaus töne in unsere Ohren und unsere Herzen: „Brüder in Rot!" — jüdische Brüder!! Geben wir — es ist ach so herzlich > wenig — was wir noch erübrigen können und rütteln i wir die gesamte jüdische Welt, mit dem Danke für das, was sie für uns fühlt und tut, zugunsten derjenigen unserer Brüder auf, bei denen es t a t s ä chl i ch u nr s nackte Leb e n g c h t. Lassen wir in einer Zeit, da anderswo Brüder für Brüder einflehen, unsere vielgerühmte und vielerprobte j ü - d i s ch e Brüderlichkeit nicht beiseite treten, auf daß uns — im Sinne des nnvn inn — das Liebeswerk der Anderen nicht zur 'Anklage wird, nicht zum Maßstabe u n s e r e r Versäumnis genommen wird. Der „Baker des Jüdischen Nationalheims" spricht zu dessen Söhnen. Auf einem Londoner Bankett des Jewish R el i g i 0 u s C d u r a t i 0 n Board, dem der frühere Ministerpräsident Ll 0 d George mit seiner Jirmejahu uns für den Weg durchs Golus aller Zellen eingeschärft hat: .rmainn rvtsin nb cnp „Heiligtum G'ttes bleibt Jisrael, Erstling seines Ertrages." Mosche Rabbenu. Von Rabbiner Dr. Kaah in Hindenbucg O. S. Nach überliefertem Brauch wird öem Namen unseres großen Lehrers Mosche die ehrfurchtsvolle Bezeichnung Rabbenu hinzugefügt und zwar wird zuerst ber Name genannt und dann die Apposition, also nv»> Be. allen anderen Gesetzeslehrern wird ber Titel Rabbi bem Namen vorangestellt, wie das auf jeder Seite des Talmuds und der rabbinischen Schriften zu lesen ist. Das gilt auch für den Titel Rabbenu, ber sowohl im Talmud als auch in späteren Schriften angewendet wird, z. B. Rabbenu Gerschom, Rabbenu Tam. Auch Rambam wird Rabbenu Mosche genannt, so baß zuweilen bei einer Polemik das Wortspiel gebraucht wirb: „Dies ist ein Lehrsatz von Rabbenu Mosche, aber nicht von Mosche Rabbenu." Bei letzterem folgt stets die Apposition nach. Vgl. z. B. Sabbat 92a, Jebamot 49b. In der Bibel ist die Stellung der Apposition keine einheitliche. Sie steht bald vor bem Namen, bald nach ihm, z. B. ms lusnai Ex. 14, 31, dagegen n®a ms Num. 12, 7 ebenso ts’sn nwa Ex. 32, 1, dagegen ts'sat ntsn Num. 12, 3. Oder *m -sivr 1. K. 1, 1, aai>v -sinn 1. K. 1, 48, dagegen liwü an 2. Sam. 13, 39, nvi-v 1. Kap. 12, 2. Es ist anzunehmen, baß immer ein besonderer Grund dafür vorliegt, baß einmal der Name vorangestellt wird, bas andere Mal nachfolgt. Wenn ber Sprachgebrauch bei unserem großen Lehrer Mosche regelmäßig den Namen voranstellt und ihn ständig Mosche Rabbenu nennt, so bürste der Grund der sein, daß dadurch eine besondere Auszeichnung zum Ausdruck kommen soll. Das geht aus einer Sifre-Stelle zu Deut. 1, 14 hervor, die von Raschi in seinem Pentateuchkommentar z. St. zitiert wrd. Dort heißt es ausnahmsweise nicht Mosche Rabbenu, sondern Rabbenu Mosche: 1321 nsnnts»* Hier dürfte deshalb vom sonstigen Sprachgebrauch abgewichen sein, weil diese Worte Mosche -selbst in den Mund gelegt sind, und er in seiner Demut aus sich selbst nicht die auszeichnende Benennung Mosche Rabbenu anwendet. Wochenkalender. vom 15.—22 Juli 1833 - vom 21.—28. Tam. 5683 fllM' Samstag 15 21 vnvv Sonnrag 1b 22 K’j? Montag Juli 17 23 n'p Dienstag 18 iran 24 i’P Mittwoch 19 25 -ty Donnerstag 20 26 ivp Freitag 21 27 TBp tnnn 'pvv mvv Mauled Samst. nachm. Samstag 22 28 vp 3 Uhr >/>» Min. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. S ch a ch n o w i tz, Frankfurt a. M.; Inserate 1.58.: S. Sch ach - «owttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon ©. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. Nr. 28 Seite 3 Anwesenheit Glanz verlieh, wurde dieser von Rahum ® o f o l o vt> als der „Vater des Jüdischen Rationalheims" gefeiert, väterliche Mahnungen soll man aber beherzigen. Darum seien Georges goldene Worte auf eben diesem Bankette Herrn Sokolow und all seinen Kollegen von der alten und jüngeren zionistischen! Kulturliga, die für die heute auch die zionistischen Führer mit tiefer Sorge erfüllenden Crziehungsmetho- ^den im neuen Palästina zumindest mitverantwortlich sind, zur dringlichen Beachtung empfohlen, j „Ich bin selbst Angehöriger einer kleinen Nationalil tat," sagte der greise Staatsmann, „einer Nationalität, die kleiner ist als die Ihrige und die nicht so bemerkenswerte Beiträge zur allgemeinen Kultur geliefert .hat wie die j Ihrige, wenigstens bis jetzt noch nicht. Aber wenn es ' jemanden gibt, den ich mehr verachte als einen Juden, der behauptet, kein Jude zu sein, so ist es ein Waliser, der sich als Anglosachse ausgeben möchte." Lloyd George würdigte die Leistungen des Jewish Religious Education Board in der Erziehung der jüdischen Jugend und erklärte in diesem Zusammenhang, daß, abgesehen von geistigen Erwägungen jüdischer Unterricht die Selbstachtung der Kinder hebe, was ihnen für ihr ganzes Leben einen starken Rückhalt gewähre. Durch diesen Unterricht werben sie mit der größten Literatur ber Welt vertraut gemacht, einer Literatur, die von Menschen ihrer eigenen Rasse und ihres Blutes geschaffen wurde. Dies stelle er fest als einer, der die jüdische Literatur noch früher als die seines eigenen Landes kennen gelernt habe. „Vergessen Sie nicht," sagte Lloyd George, „welche Bedeutung es hat, daß Sie den Kindern von den großen Heroen Ihrer Geschichte erzählen; bas wird sie instand setzen, den Schwierigkeäeu des Lebens ins Auge zu sehen. Kein Rüstwerk sei so zuverlässig wie die Kenntnis der unschätzbaren nationalen Schöpfungen der eigenen Rasse." „Die Verfolgungen, denen Sie van Generation zu Generation ausgesetzt waren, haben Sie zu gutem Stahl gehämmert, den nichts zerbrechen kann, den keine Politik vernichten oder mit dem Staub fremden Bodens vermengen konnte. Mit Stolz darf ich sagen, daß in biesem Lande nicht die Gefahr besteht, daß solche Verfolgungen versucht werden könnten; aber solche Bewegungen haben Rückwirkungen; nicht nur besteht hier keine Gefahr dieser Art, sondern vielmehr tiefer Unwille über das, was in anderen Ländern geschieht. Der jetzige Ausbruch von Antisemitismus entspricht dem, der die Geschichte des Mittelalters und die Rußlands bis zur Revolution verdüstert hat. Ich habe uni fair play für Deutschland während der Verhandlungen in Versailles und nachher gekämpft; ich habe während bes Krieges ntein Möglichstes getan, den Sturz Deutschlands herbeizuführen, und ich habe später mein Möglichstes getan, einen fairen Frieden für Deutschland zu erzielen. Deutschland ist ein großes Land, sein Volk ein großes Volk mit großen Leistungen, Traditionen und Eigenschaften. Es darf nicht vergessen werden, daß die Deutschen im dreißigjährigen Krieg den größten Kampf aller Zeiten um religiöse Freiheit geführt haben. Ich glaube nicht, daß die Verfolgung der 9v a f f e, z u der der Stifter von Luthers Religion gehörte, das letzte Wort sein wird, bas das deutsche Volk der Welt in ber Frage menschlicher Freiheit zu sagen hat. Schließlich kann m a n n i ch t e i n e Rasse ächten und gleichzeitig d e in Glauben ihrer Lehrer an hängen, wie dies bei den Deutschen jetzt der Fall i st; es i st dies ein offenkundig unhaltbarer Zustand. Aber der Sturm wird über Israel hinweggehen und ihm keinen Schaden tun. Richtet weiter Eure Botschaft an die Welt. Ihr wart stets auf die Wohlfahrt aller Nationen bedacht. Heute, da der Nationalismus aufgehört hat, ein Glaube zu fein, und ein Fieber geworben ist, braucht die Welt mehr als je Eure übernationale Betrachtungsweise von Weltfragen. Wieder und wieder werdet Ihr Eure Botschaft uns zu verkünden haben, unter Donner und Blitz, wie einst vom Sinai." Was vom Standpunkte der jüdischen Politik zu diesem Bekenntnis menschlicher Xrvaft und Größe zu sagen ist, wurde von Revillc Laski, dem Präsidenten des „Jewish Board of Deputies", treffend und wirksam zum Ausdruck gebracht. Die Rede, sagte er, beweise, daß die Juden das Gewicht der uichtjüdischeu öffentlichen R'leinung für ihre Sache gesichert haben; diese einmal gewonnenen Sympathien gelte es nun, sich zu erhalten. Dies könne nicht g e s ch e - den, i n d e m vo n j ü d i s ch e r S eitc auf theatralische A r t durch Veranstaltung von De m oustratiousm ä rsche u 3 e h utausend e r I u d e n reagiert w c r d c. A u ch nicht durch L o v k o t t. „Wir wollen," sagte Revilte Laski, „auf Krieg n i ch t mit Krieg antworten. Wir müssen still und würdevoll unser bestes tun. Solange wir eine geistige Botschaft zu verkünden haben, werden wir geachtet; ohne sie könnten wir eben so gut unter die übrigen Rationen versinken."