Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1933)
- Date
- 1933-07-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 28 Der Israeli! 13. Juli 1933 jüdischen Gesamtheit getroffen haben» falls diese ihn hätte zur Verantwortung ziehen können. Dennoch: wir sind schuldig» tausendmal schuldig» aber nur gegenüber G'tt» nur im Sinne einer höheren Verantwortung, von einer religiösen prophetischen Warte aus» von der her die Wenschendinge einer andren Beurteilung unterliegen» wo eine „inteltigible" Freiheit den Willen zur Ueberwindung aller menschlichen Bedürftigkeit aufcuft. vor dem Auge des Weltenrichters sind wir schuldig, und nehmen Seine Schickung als Strafe und Mahnung und Zucht und Läuterung hin. Aber wir wehren uns dagegen» und können nicht laut genug dagegen protestieren, als cd nach menschlichen, sei es juridsichen, ethischen oder politischen Begriffen uns eine Schuld, eine Sonderschuld träfe, als ob irgend jemand uns mit Fug erniedrigen und diffamieren, uns unr irgend eines Grundes» eines von uns verschuldeten Grundes willen strafen dürfte. Denn wahres Recht kennt nur persönliche v e r a it t w o r t u it g , die Schuld des (5 i n- 3 c 11! c n; feine Kollektivschuld und Gesamtverantworrung. Eine solche ist nur denkbar» wo eine Gemeinschaft die Macht und Möglichkeit hat» ein Individuum in seinem Tun und Lassen zu zwingen» ihm die Grenzen und Freiheiten seiner Unternehmungen vorznschrciben. Wir Juden als Ganzes gesehen haben aber gegenüber denen» die unsren Kamen tragen und unsres Stammes sind, keinerlei Befugnisse; usnsre Gemeinden waren auf den freien Willen der Einzelnen angewiesen, ob sie ihre Mitglieder sein» ob sie sich religiös oder moralisch in den Geist der Gemeinschaft einstigen wollten oder nicht. Kein gesellschaftliches oder Verwaltungstechnisches Zwangsmittel, kein erzieherisch bestimmbarer Einfluß auf Jung oder Alt stand ihr zu Gebot, Die Sünde des Einzelnen wird der Gesamtheit aufgebürdet, ohne das; ihr die Kraft gegeben war, sie zu verhüten und sich dagegen zu wehren. Jode Aeußerung eines Literaten, der weder 'Auftrag noch Fähigkeit befaß, namens des Judentums zu sprechen, der von Israels Art und Wesen nicht die geringste Ahnung hatte» wurde als »»Kundgebung des Judentums" in der Eeffenttichkeit verurteilt; jede von der Gesamtheit aller Juden verabscheute und bekämpfte Tat eines moralisch und geistig verwahrlosten als »»spezifisch jüdische" Schlechtigkeit angeprangert. Es ist der Fluch unsres Galuthschicksals» daß wir jedesmal „an der Schuld des Andren" zu Fall kommen. Schon der Prophet Ezechiel hat es deshalb ein für allemal der Disaporagemcinde gegenüber festgestellt: die sündige Einzels e e l e, die allein soll des Todes sein. Rur in dem höheren Sinn des religiösen Verantwortungsbegriffs ist in Israel einer für den Andren und für Alle haftbar» jenes Arewuth» das jeden Menschen zum messtanlschen Bürger emporhebt und ihm für die Erlösung Aller die Kraft und die Solidarität uberträgt. Rur als Ewed Laschem bekennt Israel im genannten Iesajaswort sich schuldig: »»war es nicht G'tt» an dem wir gesündigt haben." Blicken wir aber aus die letzten 50 Jahre deutscher Geschichte zurück» so erkennen wir mit Schaudern, wie gerade der Antisemitismus die Möglichkeit unseres gemeindlichen Einflusses als der Voraussetzung der Gesaintverantwortung zerstört hat. In allen Gassen wurde die Religion der Juden geschmäht; der meineidige Professor Rohling, der Intrigant Wider den Fürsten Bismarck» Adolph Stöcker» der Lügner Justus» der Fälscher Brafmann» „der Renegat und Iudenstämmling Wilhelm Marr» dem die iWelt — o köstliche Ironie! — Harne und Begriff des „Antisemitismus der Raffe" verdankt»" sie durfj ten trotz des Widerspruchs der gelehrtesten sachveri ständigen Christen» eines Ehwolfon» eines Strack»! eines Röldecke immer wieder durch falsche Zitate und! Entstellungen die (Quellenschriften des Judentums ver-! unglimpfen. Das Judentum war foren- : [ i [ et) e ß Freiwild, niemand fragte sich: wie kann die jüdische Gemeinde ihre Glieder zur Ehrfurcht» zur höchsten Sittlichkeit erziehen, wenn man diesen den Glauben an ihre Religion zerstört, alles Jüdische als minderw ertig herab setzt und dadurch in den Schlechten und verkommenen die Gereiztheit und Skrupellosigkeit des Ausgeftoßcnen erweckt? Unsere Gegner waren psychologisch blind. Man sah nicht oder wollte nicht sehen, daß man das Gegenteil von dem erzielte, was ein wahrer Menschenfreund hätte erstreben müssen: die Hebung und Besserung der Schäden durch den Appell an die ideale Verpflichtung jedes Einzelnen, durch die Stärkung der sittlichen Macht der jüdischen Gemeinschaft, durch Erweckung des Vertrauens zu den heiligen Traditionen der Geschichte. Es hat einmal die hessische Regierung einen Erlaß gegen' antisemitische Gehässigkeiten herausgegeben, worin in vorbildlicher Weise eine andre Stimme zur Geltung kommt: „Rach dem Willen Sr. Königl. Hoheit sind Allechöchstderen israelitische Unternamen in ihren verfassungsmäßigen und gesetzlichen Rechten ebenso wie Allerhöchstdercn Untertanen anderer Konfessionen zu schützen. Wenn inzwischen gesagt ist» daß es zu d c m Aufhören jener Gehässigkeiten wesentlich mit beitragen werde, wenn der sittlich höher stehende Teil der israellti scheu Bevölkerung es sich nach Kräften werde angelegen sein lassen, den Ursachen zu Klagen über die Handlungsweise m a nch e r seiner Glaubensgenossen n a ch z u f o r s ch e n und denselben mit den g e e ig n e t e n W i t t e l n a b z u h e l f e n »9 so ist damit nicht mehr ausgesprochen» als eine wohlmeinende landesväterliche Mahnung» bei weicher Nichts ferner lag» als der Gedanke» den unmittelbar vorher ausgesprochenen schärfsten Tadel der gegen die Israeliten gerichteten Angriffe und deren allerhöchste Mißbilligung wieder aufzuheben oder auch nur abzufchwächcn und den so gekennzeichneten Bestrebungen irgendwelche Berechtigung zuzugestehen. Eine derartige Auffassung ist gänzlich ausgeschlossen und steht in gradem Gegensatz zu den allerhöchsten Intentionen. So wenig es an sich tadelnswert fein kann» im. öffentlichen Leben Bestrebungen zu unterstützen» welche rein und ohne R e b e n a b s i ch t e n F die Erhaltung und Hebung deutschen Wesens und christlicher Sitte bezwecken» so verwerflich erscheint es» wenn dieselben» wie die bisher fast -ausnahmslos bei der antisemitischen Bewegung im Großherzogtum hervorgetreten ist» ganz wesentlich darin gipfeln» Haß und Bosheit gegen die israelitische Bevölkerung zu erregen und mehr oder weniger offen zur Verfolgung und Beeinträchtigung der Letzteren in ihren Rechten anzureizen und auszufordern." (Rack Lrülls Monatsschrift Dez. 1892)?) Wer so spricht und nur wer so spricht» verrät» daß er das allerhöchste Menschheitsinteresse im Auge hat» überall die Guten und Edlen als die Maßgeblichen» als die Erzieher der großen Masse einzusetzen» einen idealen Wetteifer um moralische Ertüchtigung zu entfachen. Diese echt staatsmänmsche Gesinnung» die den Bürger zu reinster» alle Gebrechen sühnender Menschlichkeit aufruft» fragt nicht: wer ist schuld» sie richtet nicht mit generellem verdammungsurteil» sondern weist die Angehörigen jeder Religion und jeden Stammes in die Bahn der Selbstvervollkommnung» ln die Abhängigkeit und Richtung feiner Besten und Wertvollsten. Darum sollten auch wir heute in der Rot unsrer Tage nicht uns mit solcher Selbstbefleckung erniedrigen» unsre gemeinsame Schuld den uns Mißliebigen aufzubürden. Wir alle haben unsre geschichtliche Situation verkannt, wir alle unsre jüdische Äufgabe nicht erfüllt. Gegen unsren G'tt haben wir gesündigt und wollten auf Seine Thora nicht hören. Wir bedürfen der Selbstbesinnung, der Tschuwa. Wir k ö n n e n mit keiner politischen oder wirtschaftlichen Neugestaltung diese geschichtliche Schuld sühnen. Solche Fragen sind Fragen der Zweckmäßigkeit, der Klugheit, die wohl eine große Bedeutung haben, aber nicht die Grundeinstellung des Lebens betreffen. *) Von uns gesperrt. 2) Diese Zeitung verdanke ich Herrn Buchhändler S. Markus-Harburg. WM Pinchas. Von Rabbiner Dr. 2N. Lewin in Hamburg. nx 7X2pa bxir?' '2a V?a man nx a'vn pan pnx p itpbx p onra >’nx2pa Vxi?' 'ra nx 'n'Va xbi aaina mx2p „Pinchgs Sohn, Elasars Sohns Aharons des Priesters hat meinen Grimm abgewandt, von den Söhnen Israels, indem er unter ihnen für mich eiferte, so daß ich in meinem Eifer die Kinder Israel nicht aufrieb." »nna fix ib> pa '220 lax 'aV „Darum sprich es aus: Siehe, ich gebe ihm meinen Bund: Frieden." Einst war es der Levitenstamm, der für G'tt geeifert und bei der schweren Verfehlung der Egelsünde dem Volke Errettung gebracht. Und Aharon hat, vom gleichen 'Geiste beseelt, als G'tterkorener der Seuche gewehrt, 0"N,1 j»ai D-’nan pa. „da er stand zwischen den Sterbenden und den Lebenden." So zauderte auch Pinchas nicht, wo es galt, in Hingabe und Eifer für G'tt ZU werben und Israels Gesamtheit zur Selbstbesinnung zu bringen. Da erweist sich der Enkel würdig seines großen Ahns. Mögen ihm auch die allzu ängstlichen Uebereifer vorgeworfen und ihm das schlimme Wort der Anklage ins Gesicht geschleudert haben: .bxiv'a V3V X'V2 2171 717 'via p Dfl’KI „Sefjt doch, wie dieser Fremdstümmige es gewagt, einen Stammesfürsten in Israel niederzumachen," — das G'tteswort adelt ihn und ruft förmlich über ihn in den Worten höchster Anerkennung aus: ,nan a’wa n nan a’a?a 'xap 73 ’X2p „Das Eifern für G'tt war ihm heilige Ueberlieferung, und so hat er sühnend und läuternd Heil und Segen dem Volke gebracht, ein würdiger Enkel Aharons des Priesters, der mit der Räucherpsanne Sühne erwirkte für Israel . . Und gerade dem eifernden Pinchas wird als Lohn der Friedensbund verheißen. Maß um Maß —, der Frieden ward in Israel gestört zwischen G'tt und der Gesamtheit, die dem Götzendienste zu verfallen in Gefahr war. Hier konnte nur entschlossenes mutiges Handeln den Riß vermauern, nur die rechte Hingabe an G'tt und das bedingungslose, vor keiner Gefahr zurückweichende Eintreten für die Heiligung des g'ttlichen Namens Beispiel und Vorbild der Gesamtheit werden und diese zu ihrem himmlischen Vater zurückführen, bis wieder der aibv der Friede obv ein ganzer, ungebrochener war und sich in inniger Harmonie und treuer Opfersreudigkeit auflöste. Wer für G'tt eifert und für die Durchsetzung seines Willens feine volle Kraft und Persönlichkeit einsetzt, der ist es wert, mit dem Friedensbund gekrönt zu werden. Dreifach ist nun das Priesterhaus erprobt — Aharon, Elafar und Pinchas, das sind frucht- und segenbringende Blüten des 7"1™ tio», des Aharonsstabes." Darum wird im Anschluß an die von wahrem Priestertum zeugende Tat des Pinchas verkündet: 133’7 ixV X2j? Ivx rinn abiv 772713 n'13 7'INX 75itbi 7b nn'777 'bxiv '23 bp „Ihm und seinem Samen 7'inx 7517V nach ihm fei ein Bund ewigen Priestertums darum, daß er eiferte für seinen G'tt und Sühne über den Söhnen Israels vollzog." Das Priestertum in Israel weist in seinem Wesen die beiden wichtigen Züge auf: Liebe und Milde aus der einen Seite und eifernde Begeisterung und Opserwilligkeit aus der anderen. In steter Dienstbereitschaft für die Menschen im allgemeinen und für Israel im besondern ist der echte Priester von inniger Liebe und Fürsorge und stetem Friedenssehnen erfüllt, aber niemals etwa unter Berufung auf den Frieden bereit, die Ideale des Judentums und das Streben nach Verwirklichung unserer heiligen Lehre preiszugeben. Das wohl meinen auch unsere Alten, wenn sie sagen: nna'a 'ttVx nt, „Pinchas das ist Elijahu". Es soll die Doppelnatur des jüdischen Priestertums hier veranschaulicht werden, wie sie das Judentum gestaltet und jene auch Israel, das Priesteroolk, erfüllen soll. Der religiöse Eifer schützt uns vor Entjudung und Entheiligung, der Geist der Liebe aber und Versöhnung, wie die G'tteslehre ihn in unserer Mitte großzieht, läßt uns allen, welchen Glaubens sie auch fein mögen, mit Teilnahme und Fürsorge begegnen. Das Judentum sieht seine Größe darin, dass es seine Bekenner durch die Fülle der heiligen Gebote an das Heilige und Ewige kettet, niemals aber feine Wahrheiten und Ideen den andern «UfdräNgt, sondern allen Edlen und Guten die ewige Seligkeit zuspricht. Das bleibt der Weg, den wir zu wandeln haben. Wir wollen von unserm bisherigen Pfade.nicht nach rechts und nicht nach links abweichen. Damit verknüpft sich von selbst unsere Pflicht, ungeachtet der Stürme, die uns umtosen, nicht den Glauben an die bessere Menschennatur preiszugeben und unentwegt mit dem Sehnen nach Frieden und Harmonie unter den Menschen uns auch die Hoffnung zu wahren, daß unser ideales Streben und unser Wille zum Deutschtum am Ende doch die rechte Wertung finden wird. Schließlich lehrt uns unsere Geschichte und mahnen uns die „drei Wochen", daß wir im Dienste G'ttes und in Selbstvereülung und Verehrung^ des reinen Menschentums am Ende immer noch den Anschluß an unsere Umgebung finden. Das ist es auch, was- /