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Der Israelit · 1933-07-13 · Heft 28 (13.7.1933) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 28 (13.7.1933)
Date
1933-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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13. Juli 1933 Nr. 28 Frankfurt a. M., den 19. Tammus 5693 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Oi Abonnenrent ab Juli 1839: Deutschland ILO Mark monatlich; Ausland: Vterteltahrpreise (en sprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lfterretch: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 8 sh.; ab 1 Juli Frankreich 33 Fr.; Belgien ab 1.7.37. BelgaS. Holland 3fl.; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Ingo« slavien 85 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 27.160 Lei; Bolen 4 deutsche Gold« mark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowaket 38 Kronen; Ungarn Pengü 8 ab 1. Juli 1837; Dänemark 3,50 Krön.; Norwegen 3.80 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Doldpf. für die stebengesp alten» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuche« und Familtenanzeigen nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Tertseite 3.— Mk., vorletzte Textsette 380 Mk.; Thiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbrtefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträgen tarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. v. H., Frankfurt a. M., Rechneiarabenstratze 7, Tel. Hansa 31084 sow. durch sämtl. Annoncen-Trped. d. In» und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Eeschäftsanz.: Jul. Schmidt, Ostendstratze 83 Tel. 45868. Platzvorschr. ohne Berbtndlichk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Verlag des Israelit und Hermon E.m.b.H., Frankfurt (Main) Nr. 19803.—Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr.78668.—Postsparkassenamt Budapest Nr. 18434.— Postscheckkonto Varschau Nr. 19U757. — Postscheckamt Zürich Nr. V1U 7381. — Postscheckamt Amsterdam Nr. 34889 — Postscheckamt Prag Nr. 79.080 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten sich ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M._ SB Wer ist schuld? Von Oberrabbiner Dr. Jos. Carlebach in Altona. Wenn ein Unglück die Menschen trifft, kommt über sie die bange Frage: wer ist damit schuld? Menschliche Torheit sucht meist die Schuld im Andern. Blind gegen eigene Fehler, späht man selbstgerecht und überheblich der Schwäche des Nächsten nach und müßte sich sagen lassen: Nimm lieber den Balken aus deinem Auge! So wird der Mensch, statt durch den Ernst der Leidensprüfung gebessert, zum Splitterrichter, zum Verleumder und Angeber. Statt an sich selbst zu arbeiten und seiner Mitwelt zum Segen und Vorbild zu werden, vergrößert man durch Ungerechtigkeit die eigne Schuld und beleidigt und verdirbt Unschuldige im heiligen Gefühl ihrer Ehre . . . Seit den Wochen des Schreckens, die über die deutsche Iuöenheit kamen, sehen wir das Schauspiel, daß die einzelnen jüdischen Gruppen und Richtungen die Frage leidenschaftlich erörtern: wer unter uns trägt an alledem die Schuld? Der Prophet Jesajas hat ein für allemal für uns die Antwort vorweggegeben: „wer hat Jakob der Plünderung hingegeben und Israel den Raubenden? Ist es nicht der liebende G' t t, gegen den wir gesündigt und wollten nicht in Seinen Wegen gehn und hörten nicht aus Seine Thora." Es ist eine Schuld Israels gegen G' t t und nicht gegen Menschen. Es ist die große, besondere Forderung G'ttes an uns, der wir nicht entsprochen haben, um deren Vernachlässigung willen wir schuldig geworden sind. Aber kein Volk und keine Ration ist von sich aus berechtigt, den Juden einen Vorwurf zu machen, sie ZU quälen und zu entrechten, weil wir ihnen gegenüber schuldig geworden seien. Es ist nicht wahr, daß wir schlechter als andre sind, daß wir den Vergleich mit Andren zu scheuen hätten, baß etwa in unseren Reihen, relativ oder absolut gemessen, es mehr Intellektualisten oder mehr Fidelsten» mehr Kapitalisten oder mehr Sozialisten, mehr Anhänger oder mehr Gegner einer geistig politischen Richtung und Haltung gäbe, daß wir entwurzelter, unproduktiver, inernationaler oder was sonst immer sind als andere. Vor dem Richterstuhl der Wahrheit zerstieben alle solchen Vorwürfe ins Richts. Die so sprechen kämpfen gegen ein Phantom, gegen ein Zerrbild des Judentums, das sie sich selbst gemacht. Sie kennen das Judentum und die Juden nicht; denn immer. und immer wieder, wenn inan ihren Vorurteilen zu Leibe rückt, hört man das schäbige Eingeständnis: „dich haben wir nicht gemeint. Ja, wenn sie alle wären wie du!" Aber die Anderen kennst du ja gar nicht! Wie die Karrikaturen des jüdischen Gesichts, von denen die Zeitungen voll sind, so gut wie nirgends zu treffen sind, so sind all die generellen Urteile über Stammes- oder Tharakterfebler der Juden falsche Analogieschlüsse, unberechtigte Verallgemeinerungen. Soweit die Dinge vom Willen und der M o - r a l des Menschen abhingen, haben die Juden, als Gesamtheit gesehn, keine noch so strenge Prüfung ihrer Haltung und Leistung zu fürchten. Wo sie im Vergleich zu Anderen ein Manko aufweisen, hat es die übermächtige Gewalt der Verhältnisse, nicht ihrer freien Entschlüsse bewirkt. Wenn wir z. B. keine genügende Anzahl vou Bauern oder Handwerkern unter uns haben, wenn unsre Berufsschichtung eine anormale ist, lag das etwa an der jüdischen Moral, am jüdischen Willen? „Erst schlagt ihr uns die Hände ab, und dackn macht ihr uns den Vorwurf, daß wir sie nicht brauchen," hat schon Moses Mendelssohn denen zugerusen, die unter solchen Vorwänden seine jüdischen Zeitgenossen angriffen. Wir sind nicht von gestern und vorgestern. Wir haben eine Geschichte. Wir waren ein Volk von Bauern und Handwerkern. Roch heute gibt es ganze Landmannschaftcn unter uns, die vom Handwerk und Kleinbauerntum ihr Dasein fristen. Was wir seelisch sind, das allein ist unser Werk; ob wir Bauern oder Rechtsanwälte wurden, hing von den Lebensmöglichkeiten ab, die Andre uns aufzwangen. Wenn der Jude Hausierer oder Altkleiderhändler im Trödelladen war, so geschah es nicht aus angeborener Schacherlust, sondern infolge einer feindlichen Gesetzes- und Verwaltuugspraxis, die ihm diese Art der Lebensfristung aufoktro^ierte. Dieser jüdische Trödler war voll der Moral, treu und sparsam, fleißig und nüchtern, keusch und bescheiden; er erfüllte eine wirtschaftliche Mission und war bei Bauern und Bürgern, denen er verkaufte, gern gesehn. Diese waren ihm nie feind, früher so wenig wie heute. Der Thaluz, -der jetzt auf palästinensischem Boden arbeitet, ist, moralisch gewertet, nicht um einen Gran besser; dieser wie jener tut seine Pflicht im Schweiße seines Angesichts, dieser wie jener verdient sein Stück Brot durch schwere gewissenhafte Arbeit, dieser wie jener dient, indem er verdient und soviel als er verdient. Es ist eine völlige Verkennung, die antisemitische Kurzsichtigkeit sich zum Maßstab nimmt, vom Ehaluz als einem „neuen Juden" zu reden, der einen besseren Menschent^p und höhere Werte repräsentiere. Der Durchschnittschaluz ist nicht besser und nicht schlechter als der Durchschnittsjude in der Iudengasse; beide sind Helden, die das Juden schicksal verklären, die bei einem Minimum von Lebensraum und Entsaltungsmöglichkeiten ein Maximum an Energie und Lebensbescheidung ausbringen. Was aber soll man dazu sagen, wenn ein führendes jüdisches Blatt sich vernehmen läßt: „Daß die Iudenfrage einer Klärung bedarf, wurde von uns niemals geleugnet; aber wenn nran an Stelle einer Klärung ein Phantom setzt, so ist niemandem damit gedient. Die Führer des neuen Deutschland scheinen in der Iudenfrage ganz feststehende Ansichten zu haben, die vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt eutstaudeu sind, für die mau aus verschiedenen dazu passenden Erciguisseu Bestätigung ziehen zu können glaubte, die aber offenbar niemals später überprüft worden sind. Die regierenden Persönlichkeiten wissen offenbar auch nichts von der Existenz eines neuen Judentums, das nicht in der Form vou Korruptions-Skandalen von sich reden machen konnte." Kann es eine schlimmere Diffamierung und unberechtigtere Anklage des deutschen Judentums geben, als daß nur im „neuen Judentum" Korruptionsskandale unerhört sind? Dieser Gesinnung gegenüber sei auf die schönen Worte des Talmud hingewiesen, die im Idiom des neuen Judentums lauten: „kol hancgaim adam roe chuz minig'e azmo; kol hapossel bemnmo possel." In gleicher Weise wird uns berichtet, daß die „national-deutschen" Juden in skandalöser Weise durch eine Kundgebung an den Anschlagsäulen Berlins sich zum Ankläger ihrer Brüder aufgeworfen, als die einzig nationalen sich aufgespiclt und damit nur um so mehr bewiesen haben, daß sie weder Inden noch deutsch gesonnen sind; denn „deutsch sein heißt gut sein, treu sein und echt, kämpfen für Freiheit, Wahrheit und Recht." Alle Juden aller Schattierungen aber haben in allen Perioden ihrer deutschen Pflicht vollauf, nrit Gut und Blut gedient; aus allen Kreisen sind Männer der größten Selbstlosigkeit, verehrungswürdiger Menschlichkeit hervorgegangcn. Wo der Einzelne gesündigt und die Mitwelt geschädigt hat, hat er nicht weil er Jude ist, sondern obwohl er Jude ist, obwohl er zum Reich der Priester und zum heiligen Volk gehört, in Verkeimung seiner selbst, in Nichtachtung seines idealen Persön-- lichkeitskerns so gehandelt, hat er seine Geschichte und seine Berufung verleugnet. Was ihn als Strafe und Sühne wegen seines Tuns trifft, trifft ihn als schlechten M e nschen , nicht als Juden, würde ihn in genau derselben oder noch strengeren Weise von der

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