Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1933)
- Date
- 1933-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- Safed 3× ep/1046078
- Hebron 1× ep/1047559
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s Beilage Hr.27 mr 51 Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Lin Sendschreiben ging von Preßburg aus, das wie ein Entsetzensschrei aus den Trümmern von Safed wirkte, zugleich aber auch wie ein Flammenrnf von oben, dem sich keiner verschließen konnte. wer die lapidaren Worte las, war von jenem Wirbel ergriffen, der die Däuser und die Menschen ln dem fernen und doch so nahen Lande ins Unglück gerissen hatte. „Zion weint bitterlich und Jerusalem erhebt seine Stimme! . . ." Eine große Zionsgemeinde hatten die Worte des Schmerzes und der Liebe zusämmengeschmiedet, die von Preßburg bis Frankfurt» von Wien bis Amsterdam, von Prag bis Wilna reichte. Und die Groschen flössen noch reichlicher denn die Tränen. Schon in kurzer Zeit konnte' den Ueberlebenden in Safed und den umliegenden Ortschaften geholfen werden, die Käufer wieder errichtet, die niedergefegten Existenzen wiedev aufgebaut werden. Damals erhielt das wiederaufgebaute Lehrhaüs in Safed, ohne daß Rabbi Mosche gleich etwas davon erfuhr, den Namen „ Iefch iwah d c s E h a t a m G o f e r." Verehrung und Dankbarkeit hatten dem Rabbi ein Denkmal gesetzt auf der Erde, der feine Seele, je mehr sie über den alternden Leib jetzt hinausleuchtetc, um so stärker, in Liebe und Sehnsucht zustrebte. Stimmen hörte er, die ihn anriesen und er wußte nicht, daß es die Stimmen der hundert Jünger waren, die seine Responsen lernten, im Lehrhause, das seinen Uamen trug ... Rach einigen Wochen wurde im Preßburger Rabbinechaus ein Postpaket abgegeben/ Man packte ans. Ein Stück Holz mit knorriger Kruste kam zum Vorschein. Man staunte, wollte jemand sich einen ungebührlichen Spaß mit dem Rabbi leisten? Unten aber lag ein Zettel. Ein Zettel aus Jerusalem, der Rabbi kannte die Bogen und die Schrift zur Genüge. .Da.stand es mit großen farbigen Ouadratbuchstaben: „Holz vom Eschelhaume.Abrahams vor Hebron. Das Geschenk und der Dank'des vierländerkolel Jerusalem, Hebron,. Safed und Tlberias an den „Moro .de aro Israel", den Herrn und Freund von Erez Iisroell . . .." . Die Augen Rabbi Mosches leuchteten in jugendlichem Feuer -auf. was .das braune knorrige Holz auf einmal für Farbe und Glanz, für wert und Bedeutung erhielt! Er umklammerte es mit beiden Händen, glättete es liebevoll und zog -es an seine Lippen. Tranen traten ihm in die Augen, als ständen feine Füße auf. dem heiligen Loden vor Hebron und als küßte der Mund das heilzge Gemäuer vor dem Vätergrabe. :; '■ Dana trat der Rabbi an den Schrein. Ein rascher Entschluß war in . ihm gereift. Wie verjüngt sprang der hohe Siebziger auf die Bank, um aus' dem obersten Gefach etwas herauszuholen. In einem Futteral, in Watte sorgfältig gebettet, lag öäs winzige M e s f e r ch e n , das einzige und letzte Geschenk von seinem Frankfurter -Lehrer, Rabbi Rosson, mit dem er nun bald -fünfzig Jahre lang die Bbffchneidungen vollzogenhätte. Er hatte vor einem' Jahre etwa das wefferchen beiseite gelegt, in der Befürchtung, die-Hand könnte zu zittern beginnen, in der Meinung, es sei angebracht, die heilige Arbeit jüngeren Händen zu überlaffen. Roch wußten die Dabeistehenden nicht, was der Rabbi jetzt mit diesem Messerchen vor hatte. „Wan rufe Urban, den Drechsler," befahl er. Und wie dieser, ein biederer nichtjüdischec Handwerker, in Lederschurz und Hemdsärmeln kam, fragte er ihn, ob sich nicht aus diesem Holz ein Stiel für das Mefferchen unfertigen ließe. Meister Urban besah sich das waterial, befühlte und beklopfte es, roch auch daran. „Eichenholz," erkannte er gleich, aber von einer Sorte, wie er sie noch nie in der Hand gehabt. „Gehört eigentlich zum Schmied," scherzte er, ^denn es ist hart.wie Eisen und mttallblank, aber wir machens!" Rabbi Mosche blieb dabei. Unter seinen wachenden Augen kamen die beiden heiligen Gegenstände zu einander, das Mefferchen Rabbi Roffons und Holz von Vater Abraham ...; - Und wie das Mefferchen nach einigen Tagen im herrlichem Holze, gedrechselt nnö poliert, mit schwungvollen Bogen, ruhte, war es Rabbi Mosche, als wäre ec von neuem zu seiner heiligen Aufgabe aufgerufen, von Rabbi Rosson, seinem Lehrer, von Vater Abraham selbst. Zum Staunen der ganzen Gemeinde nahm ex beim nächsten Bus das Wohelamt, das ihm ehrenhalber immer noch angetragen wurde, wirklich an unb führte es. mit einer Freude und sicheren Geschicklichkeit aus, als führte ihm eine geheime Kraft die Hand. Cr übte auch noch in den folgenden Jahren das heilige Amt aus. Die Greifenhand hatte jugendliche Kraft, wenn das heilige Messer mit dem heiligen Griff in ihr'ruhte. XXXI. Es wendet sich der Tag. . . Roch nie waren zu den Hohen Festen so viele Schüler — alle Schülergenerationen, darunter Rab- .hiner in angesehener Stellung, sahen zu Rabbi Mosche ' immer noch als zu ihrem Lehrer hinauf — in Preßburg zusammengeströmt, wie in diesem Jahre 5600 (1640). Es hatte sich etwas herumgeredet, und jeder ahnte etwas und wagte nicht, es über die Lippen zu bringen. . An einige alte Freunde hatte Rabbi Mosche in halachischen Antwortschreiben lakonisch die Worte Vater Isaaks angefügt: „Hine no sokanti, ich bin gealtert-. . ." Der nicht ausgeschriebene Rachsatz setzte sie in Schrecken. Es sickerte auch einiges durch, was zu denken gab. Seinem Sohne Rabbi Abraham Schmuel Binjamin, der vor der Entscheidung stand, eine Rabbinerstelle anzunehmen, hatte er dunkel gesagt: „Bleibe, es wird dir bald der Platz geräumt ..." Zum ersten Male lehnte er es ab, am kommenden Iomkippur wie üblich das Reiilohgebet zu verrichten und bat, diese Ehre seinem ältesten Sohne anzütragen. „Es senkt sich die Sonne . . sagte er etwas unverständlich mit den Worten dieses Schlußgebetes. \ . _ Eigentlich war die Gestalt yoch aufrecht, aber die Stimme klang etwas- .matt,, und der Gang war schleppend. Oft mußte jetzt der Greis, — in den Tagen zwischen Roschhaschono und Iomkippur waren es s i e b e n u n d s i e b e n z i g Jahre, daß dem Soffer in der Frankfurter Schul, damals am Freitagabend, bei Donner und Blitz die Geburt des Sohnes angezeigt wurde-— von Schmerzen geplagt, - zu Hause bleiben, den Lehrbetrieb in der Ieschiwah und die Amtsgefchäste in der Gemeinde dem ältesten Sohne überlassend. Roch einmal wollten die Schüler.und- Freunde heilige Tage mit dem Meister und dem Gestalter ihres geistigen Lebens verbringen. „Mir," sagte Rabbi Mosche, als ec die vielen älteren und jüngeren Gäste in seinem Hause sah, „mir war es nicht vergönnt . . . Ich war weit -wetz von meinem Rebben, als sich dieser zur letzten Fahrt rüstete ..." Keiner von den Gästen wagte, das heilige Schweigen, das diesen Worten folgte, durch irgend eine Bemerkung zubrechem Und als er xvclche erblickte, die er mit seinen alten Augen auf den ersten Blick gar nicht mehr erkannte,! ans deren Ramen er sich erst entsinnen mußte, zitierte ec das jefajanische Wort: „Mi jolad!i es ele, wer hat mir all diese gezeugt? Und ich dünkte mich doch einstens so einsam und verlassen! ..." Und er erblickte auch solche Jünger, die er längst verloren gab, von denen er mit Schmerz hörte, daß sie, fern von der reinen Preßburger Oucllc, irgendwo im tätigen-oder kulturellen Leben Wurzel gefaßt hatten. Auch sie waren gekommen, echte Schüler, die sich um ihren Meister scharten, die zu ihm so hinaufschanten, als hätten sie ihm etwas abzubittcn. Und Rabbi Mosche zitierte weiter aus Jesajas: „Wer sind sie, die da gleich der Wolke öahinfliegen und wie die Tauben in ihren Schlag hetmkchcen? ...." Und er erklärte, was ec dainit sagen wollte. „Die Wolke ziüht dahin, -verdunstet und verschwindet für immer. Die Tauben dagegen fliegen fort, und weit weg von ihrem Reste machen sie halt und kehren heim. Glaubte der Prophet, mit immerhin menschlichen Augen gesehen, die Jugend, seine Jugend, habe ihn gleich der Wolke verlassen, auf Rimmerwiodersehen, so erlebte er zu seiner Freude, daß sie sich findet, wie die Taube in ihr altes, warmes Rest zurückkehrt . . ." Und indem er so die jesajanischen Sätze vortrug und deutete, war er selber ein. Jesajas, der gealterte Dom zweiten Teile, der R a ch a m u j e s a j a ß» der, bar aller Schärfe und Strenge, nur noch zu trösten und zu besänftigen, zu hoffen und aufzurichten hatte, mit weit ausgestreckten Armen, mit samtweichen Worten. Eine weiche Stimmung lag über dem Lehr- und Famrlienhause des Rabbi an diesen Festtagen, wie die still abgekämpften Strahlen eines schönen Sonnenunterganges zur Sommerzeit in den Bergen. warum weinte der Rabbi am Roschhaschono so still in sich hinein, als er die Skala der Schofartöne vorsagte, so das; mit der „großen Telia" wie das Schluchzen einer Seele im Raume versickerte? warum weinte er so laut und so lange beim Schicksalsgebcte des „Unsanne tokef", so daß der Vorbeter lange mit bem Gesänge warten mußte? Es war, das hörten und erfaßten alle, kein weinen des Schmerzes» es waren Tränen der kindlichen Sehnsucht. wie eine Erscheinung aus lichten Höhen bewegte sich der weißumhüllte Rabbi im Lichtermeere der Wachskerzen am Vorabende des Versöhnungstages, und der überirdische Glanz blieb auf seinem Gesichte bis zum Ausflackern der Lichter zur Reiilahzoit. Fast jubelte es aus dem Rabbi heraus: „Der. Tag wendet sich, die Sonne weicht! . Wan batte ihn in die Schul In der Sänfte tragen müssen,, da die Kräfte zum Gehen nicht mehr ausreichtew Run stand er doch „vor Toresschluß" auf den Füßen und betete so laut, daß Vorbeter -und Gemeinde je warten mußten-, bis der Schluß des Gebetes vom Rabbinerplatze her verklungen war. Einzeln crgoffcn sich aus der erhöhten Stätte die letzten Gebetworte in den Raum, verklängen unter tiefem Schweigen der Gemeinde, wie himinlische Botschaft. wie überirdischen Schein wob der sinkende Tag in dieser Stunde um das Gesicht des Rabbi. Keiner wagte recht hinzufehen. -,-,Tc—ki—o—o! . . Schwach klang wieder die Stimme, sie zitterte. Auch der Schofarton aus dem Wunde Baruch Frenks zitterte -ein wenig und verebbte im Iubelchore der Gemeinde: „Im kommenden Jahre in Jerusalem! . : ." Keiner verließ den Raum, bevor die Sänfte mit dem Rabbi sachte hinausgetragen war. Draußen leuchtete vom nachtklaren Himmel der halbvollc-wond in den Schulhof hinab. „Unser wond," sagte der Rabbi schwach, „der Schutzpatron Israels. Hielt sich versteckt am ersten Tage des Gerichtes, um nicht wider Israel zu zeugen und taucht nun wieder auf, da uns, dem geläuterten Israel, Verzeihung und Vergebung geworden . . ." Und er betete langsam und innig die Gebete der Wondweihe,