Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1933)
- Date
- 1933-07-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Versammlung ausscheide. wurde sodann Bericht über die D a r l e h ns k a s s e erstattet, deren soziale Wirksamkeiti in zahlreichen Fällen zur Stützung von Mittelstandsexistenzen beigetragen hat. Einige Ersparnismaßnahmen im Gemeindeapparat wurden beraten und beschlossen, dazu gehören neben Gehaltskürzungen auch Versetzungen mehrerer Beamter in den Ruhestand. Der Vorsitzende des Vorstandes, Direktor Heinrich Stahl, berichtete noch über die soziale Lage der Gemeinde und ihrer Mitglieder. Es seien von der Gemeinde im Einvernehmen mit der R e i ch s v e r t r e t u n g der deutschen Juden besonders zur Regelung der Schulsrage alle zweckentsprechenden Maßnahmen getroffen worden. Aus Antrag des Gemeindevorstandes wurde beschlossen, Herrn Rabbiner Dr. Jacobooits zum G e - nreinderabbiner an der Synagoge Kottbuser Ufer zu wählen. Fleischversorgung auf den Rurplätzen. Oberhof (Thür.), 2. Juli. Vom Verein jüdischer Hotelbesitzer und Restaurateure e. V. wird uns geschrieben: Wir schließen uns dem Aufruf aus Bad Kissingen voll und ganz an. Ergänzend möchten wir bemerken, daß nicht nur in den größeren, sondern auch in allen kleinen Kur- und Badeorten die Versorgung mit frischem Fleisch durchaus geregelt ist. (Siehe auch Bericht aus Bad Brückenau in Rr. 25. Red.) Das Wichtigste jedoch ist, daß wir trotz der bekannten sehr erheblichen Verteuerung des Auslandsfleisches unsre Preise nicht erhöht haben, um dem Reisepublikum einen Anreiz zu bieten, nicht nach dem Ausland zu fahrssn, sondern unsere Häuser aufzusuchen. Leider sind unsere Hoffnungen auf das Solidaritätsgefühl und das Pflichtbewußtsein des jüdischen Reisepublikums bisher sehr schwer enttäuscht worden. Wenn nicht sofort Hilfe kommt, wird der größte Teil unserer Mitgliedsbetriebe zusammen - brechen. In diesen Zusammenhang gehört ein Rundschreiben, in dem der Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser Hamburg und der Verein jüdischer Hotelbesitzer und Restaurateure O b e r h o s gemeinsam daraus Hinweisen, daß die jüdischen Hotels in Deutschland auch in heutiger Zeit in der Lage sind, ihren Gästen en echtes jüdisches Heim in guter, moderner Aufmachung zu bieten und daß die Versorgung der Gäste einschließlich ständiger Belieferung mit frischem Fleisch bestens organisiert ist. Angesichts der besonderen Notlage des jüdischen Hotelgewerbes und der allgemeinen Zeitumstände darf erwartet werden, daß jüdische Geschäfts-, Ferien- und Erholungsreisende an allen Plätzen, an denen sich jüdische Hotels befinden, diese aufsuchen, dort ihren Aufenthalt nehmen und dort speisen. Angarn. Eine Rede Adolf Frankls im ungarischen Gberhause. Budapest, 2. Juli. Adolf Frankl, der „grand old man" der ungarischen Orthodoxie hielt im Oberhause, dem er als rabbinischer Vertreter seiner Konfession angehöct, eine vielbeachtete Rede. Herrn Frankl wurde während der Debatte über die Etat-Vorlage der Regierung das Wort erteilt. In seiner großangelegten Ansprache verwies er zunächst auf die ungeheure, wirtschaftliche Not, in der sich Ungarn befindet. In dieser schweren Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit muh wenigstens die Gleichheit des Rechtes und die Gewißheit der Ordnung den schwergeprüften Bürgern gewährleistet werden. Die Berufenheit des Ministerpräsidenten Gömbös hat die ungarische Nation anerkannt. Durch die Jahre einer stürmischen Jugend geläutert, schwang er sich — nicht nur als harter und entschlossener, sondern auch als abgeklärter und weiser Führer — an die Spitze der Nation. Der Ministerpräsident bekannte sich öfters zur Realpolitik. Dies ist das klarste Programm, und klingt reiner und beruhigender als jede tönende Phrase. Er, der berufen ist, im hohen Hause seine orthodoxen Glaubensbrüder zu vertreten, erklärt in voller Aufrichtigkeit, daß ihn die von mancher Seite ängstlich ausgenommene Deutschlandsreise des Ministerpräsidenten überhaupt nicht beunruhigt. Ser Ministerpräsident. erwerde. Die Gründung der Sondergemeinde würde dem wies sich während seiner kurzen Regierungszeit als ein Ausschluß, der holländischen Reformjudtzn aus den. Ge.- Mann der seine Nation über alles'liebt, und der stur"meinden zur Folge hüben. deren Gedeihen wünscht. Es ist gewiß, daß feine kläre.! In derselben Sitzung wurde das Budget für 1933/34 zielbewußte Urteilsfähigkeit ihn von jedem Schritt zuin der Höhe von 36,800 Hfl. angenommen. Dem Hilfsrückhalten wird, derdie Weltmeinung gegen Ungarn komitee für deutsche Juden wurde ein Beitrag von 1000 wenden könnte. Hfl. bewilligt. Die Zurücksetzung der Juden in Deutschland erfüllt ihn, gleich seinen übrigen Glaubensbrüdern, mit tiefem Schmerz. Es ist erfreulich, daß gerade die Kirchenfürsten der chrisllichen Konfessionen ihr warnendes Wort erhoben. Er hofft, daß mit G'ttes Hilfe und infolge anderer Einsicht die ersten radikal-revolutionären Strömungen überwunden, und die deutschen Juden wieder in ihre bisherigen Rechte eingesetzt werden. Die ungarische Regierung muß mit allen möglichen Mitteln zur Vertiefung der Religiosität beitragen. Die Jugend, die unnatürlicherweise verhindert ist, sich eine Existenz und das damit verbundene, beglückende Familienheim zu begründen, muß durch die Kraft und den Trost des Glaubens gestärkt werden. Diejenigen Etatposten, die religiösen Zwecken dienen, müssen'erhöht werden. Man müßte entgegen der Liga der russischen Gottlosen eine fanatische Aktion der positiven Religionen einleiten. Es wäre beglückend für ihn, wenn seine schwache Stimme bei den Kirchensürsten, gläubigen Gelehrten und Staatsmännern Gehör finden würde und sie sich alle, mit geeinten Kräften zusammensinden, um zu verhindern, daß Glauben und Heil der Menschheit geraubt werden. Auch aus dem Grunde, weil die Regierung sich eindeutig auf die Basis der Religion gestellt hat, stimmt er der Etat-Vorlage zu. Die Rede, der der vornehme Ton eine besondere Note verlieh, war eine wirkungsvolle Kundgebung für die wahre Sache des orthodoxen Judentums und hinterließ bei den Abgeordneten einen mächtigen Eindruck. Auch die Presse — sowohl die jüdische als auch die allgemeine — zollte dem illustren Redner volle Anerkennung. Möge es ihm vergönnt sein, seine segensreiche Wirksamkeit zum Wähle seines Landes und des Judentums noch lange Jahre fortzusetzen. Schweiz. Arbeitsvermittlung für jüdische Auswanderer auf der Internationalen Arbeitskonferenz. Genf, 2. Juli. Aus der Internationalen Arbeitskonserenz in Genf wurde mit 80 gegen 2 Stimmen eine Resolution des portugiesischen Regierungsvertreters und des finnischen Arbeitgeberoertreters angenommen, in der auf die große Schar der aus ihrer Arbeit und Existenz herausgedrängten und zum Teil ins Ausland geflüchteten deutschen Juden hingewiefen wird, wodurch für die Nachbarländer sich die Gefahr eines Anwachsens der Arbeitslosigkeit ergibt. Unter Berufung auf Präzedenzfälle ersucht die Konferenz den Verwaltungsrat, das Internationale Arbeitsamt zu beauftragen, ohne Verletzung der deutschen Staatshoheit, die Sache zu untersuchen und für die Unerbringung der Flüchtlinge in den verschiedenen Ländern in der Weise Sorge zu tragen, daß daraus kein 'Schaden für die Volkswirtschaft der betreffenden Länder entsteht. Bei der Aussprache, die der Annahme der Resolution vorausging, setzten sich ganz besonders die Vertreter von Holland, Kanada und Frankreich für eine Bekundung der Solidarität mit den Unterdrückten ein. Auch der britische Regierungsvertreter befürwortete die Resolution. Die Entschließung wird auch dem Völkerbunds unterbreitet. Holland. Ausschluß -er Reformjudcn aus den jüdischen Gemeinden Hollands? Amsterdam, 2. Juli. In der letzten Sitzung des Zentralkomitees des afchkenasischen Verbandes befaßte sich dessen Präsident A. Ascher mit den Bestrebungen der religiös-liberalen Juden Hollands, eine jüdische Sondergemeinde zu schassen, und versicherte, daß die aschkenasische Gemeinde die Verwirklichung dieser Bestrebungen nicht zulassen England. Die englischen Juden gegen Boykottierung Deutschlands. L o n b o n, 1. Juli. In einer Zuschrift an den „Manchester Guardian" rücken die beiden jüdischen Führer Laski und Monte f i o r e im Namen des Jüdischen Deputiertenausschusses (d. h. der offiziellen Vertretung aller Juden Englands) van der für den 17. Juli nach London einberufenen „Alljüdischen Internationalen Konferenz" ab, die dem Boykott deutscher Waren einheitlich organisieren will. Sie erklären, daß ihre Organisation in dieser Angelegenheit nicht zu biate gezogen wurde, und sagen auch, daß. eine Organisation aller Juden, für eine gemeinsame politische Aktion weder bestehe noch auch erwogen worden sei, womit sie also dem „englisch-jüdischen Handelsausschuh" das Recht bestreiten, sich als allumfassende jüdische Organisation zu bezeichnen. Die Kundgebung der britischen Christenheit. London, 2. Juli. Die am 27, Juni in der Queens H all zu London aügehaltene Massenversammlung führender christlicher Persönlichkeiten Englands, aus der, wie schon gemeldet, eine vom Erzbischof von Eanterbury, dem Oberhaupt der englischen Hochkirche, vorgeschlagene Resolution/ einstimmig angenommen wurde, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung des englischen Volkes und der englischen Christenheit für die Aufrechterhaltung der Grundsätze der Toleranz gegenüber religiösen und ethischen Minderheiten und ihres Rechtes auf Lebensmöglichkeit und freie Entfaltung. Den Vorsitz in der Versammlung, die von über 3000' Personen besucht war, führte Lord Buck m a st e r , ehemaliger Lord Chancellor. In seiner Eröffnungsansprache erklärte er, er suhle sich zur Leitung dieser Versammlung um so mehr berufen, als er weder durch Geburt noch durch persönliche Beziehungen in irgendeinem Zusammenhang mit der jüdischen Rasse stehe. Es wäre kaum möglich, irgendjemanden zu finden, der jüdischer Beeinflussung weiter entrückt sei als er. Diese Versammlung sei nicht eine Kundgebung von Menschen, die selbst unter Verfolgung zu leiden hätten, sondern von unabhängigen, von Gerechtigkeitssinn erfüllten Menschen, die Deutschland wohl wollen, aber gegen ein Unrecht, eine Ungerechtigkeit protestieren, für die die Verantwortung zu tragen sie niemals mit herangezogen werben wollen. Unmittelbar nach Kriegsschluß, fuhr Lord Buckmaster fort, versuchte man, mit den Deutschen hierin ähnlicher Art zu verfahren, wie sie es heute in Deufchland mit den Juden tun. Ich habe damals mit all meiner Macht gegen die Einführung solcher Bestimmungen protestiert. Der Vorschlag wurde im Oberhaus unter dem Eindruck der Reden Lord Newtons und des damaligen Erzbischofs von Eanterbury abgelehnt. Dadurch wurden Tausende von Deutschen in England davor bewahrt, aus ihren Stellungen verjagt und in das hungernde Europa getrieben zu werden. Zweifellos haben wir das Recht, vom deutschen Volk gehört zu werden. Ich glaube, daß unbedingt unparteiische Handhabung von Röcht und Gerechtigkeit nicht nur zwischen Mensch und Mensch, sondern auch zwischen Rasse und Rasse, Nation und Nation das einzige Heilmittel für diese gequälte Welt darstellt. Es ist versucht worden, Juden ausschließlich wegen ihrer Rasse aus dem Gerichtssaal, dem Hörsaal und dem Krankenhaus zu entfernen, ein Todesurteil über eine große Zahl harmloser Menschen zu fällen, denn heute wie immer bedeutet es, jemandem das Leben nehmen, wenn man ihm die Lebensmöglichkeit nimmt. Die Ausschaltung der Juden erscheint um so mehr als ein nicht zu rechtfertigender Akt der Grausamkeit, wenn man bedenkt, daß sie Menschen betrifft, die mitgeholfen haben, den Bau des Staates aufzurichten. Ich habe nichts über die Dankesschuld gesagt, die gegenüber dem jüdischen Volk besteht. Das Genie von Juden auf dem Gebiet der Musik, der Wissenschaft, Kunst und Philosophie war es, das dazu beigetragen hat, die deutsche Nation aus ihren hohen Stand geistiger Bedeutung zu erheben. In einer