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Der Israelit · 1933-07-06 · Heft 27 (6.7.1933) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 27 (6.7.1933)
Date
1933-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 27 Der Israelit will, möge die Entbehrung willig auf sich nehmen. Wer aber glaubt, auf Fleischgenuß, ohne dauernde Schädigung seiner Gesundheit nicht verzichten zu können, der möge ohne Gewissenspein sich dem Zwange fügen. Er möge um so peinlicher die von dein Staats gesetz nicht getroffenen jüdischen Lebensformen beobach ten. Er möge durch Heiligung des Sabbats und der Festtage, durch sittliche Lebensführung, durch innige Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde, durch liebevolle Pflege häuslicher Frömmigkeit das für ihn zur Zeit unerfüllbare Religionsgesetz ersetzen." Wiewohl wir dessen gewiß sind, das; außer denen, die auf diesen “inn nicht erst gewartet haben, kein jüdischer Mensch diese gewiß nicht von Mut und Kraft zeugende Konzession ernst nehme n w i r d , zeigt sie doch wieder einmal, wie wenig die liberalen Führer aus der Zeit und den uns von G'tt auferlegten Prüfungen gelernt haben. Statt den mit Flammenschrift uns allen gewiesenen Weg zur Tschuwoh ihre Gemeinden zu führen, gebärden sie sich so, als hätten sie die Macht, zu binden und zu lösen und walten ihres Amtes, die Gewissen zu be ruhigen und zu entlasten, wo sie doch die Aufgabe hätten, zu wecken und aufzurütteln! Was ist jüdische Theologie? Von Rabbiner Dr. Alexander Allmann in Berlin. UI. Cs ist die Tendenz -des Liberalismus, das halachische Clement des Judentums, das in seiner Volksgebundenheit notwendig partikularistisch ist, ins Uni versale, allgemein Menschliche aufzulösen. In jüngster Zeit hat man bereits auch im liberalen Lager den unaufhebbaren pactikularistifchen Charakter der Halacha erkannt. Wie aber der bereits genannte Aufsatz Mar Wieners zeigt, hat sich für das liberale Bewußtsein nunmehr eine nicht zu übecbrückende Kluft zwischen dem partikularistischen Clement der jüdischen Theologie, der Halacha, und dem-universalen Ideengehalt des Judentums, wie ihn die spezielle Theo-logie (worunter wir die weltanschaulichen Lehren über G'tt, sein Wesen und Walten verstehen) ver kündet, aufgetan. Diese Kluft besteht u. C. nicht. Um das zu sehen, wird es nötig fein, den grunö sätzlich partikularistischen Charakter, der auch der speziellen Theo-logie eignet, ins Blickfeld zu rücken. Der Primat des Halachischen in der jüdischen Theologie wirkt sich nicht nur im Rangoerhältn i s von Halacha und eigentlicher The'o-logie aus, sondern auch in der besonderen Uote der theo-logischen Arbeit selbst. Das Theo-logische in der jüdischen Theologie steht durchaus unter der methodischen und sachlichen Botmäßigkeit des Halachischen, so daß die Gesainttheologie (Halacha und Theo-logie im spezifischen Wortsinne) halachische Färbung und balachisches Wesen trägt. Rach zwei Richtungen hin bezeichnten wir diese Abhängigkeit, nach der methodischen wie nach der sachlichen. Das Crstere besagt: die Methoden der halachischen Forschung (Cxegese auf Grund der tradierten Deutungsregeln) werden auch auf das Theo-logische (in der Aggada) übertragen. Schärfster Ausdruck hierfür ist der Sachverhalt, daß nach Ansicht des R. Simson aus Chinon, in dessen „Sefer hakeritot" die bekannte Baraita des R. Clieser den R. Jose haGelili über die 52 Middot erhalten ist, die restlose und gleichzeitige Anwendung dieser 52 exegetischen Regeln sogar nur kn der Aggada gestattet sei. (vergl. außer der neueren Literatur zu dem ganzen Fragenkomplex Z. H. Katzenellenbogens Vorreden zum „Retiwot Olam"). Diese Uebertragung darf keinesfalls als selbstverständlich erscheinen, von Hause aus ist die von den Midbot beherrschte, exegetische Methode nur im Halachischen verständlich. Cin Gesetzbuch kann, da die Vielgestaltigkeit des Lebens immer neue Rcchtsprobleme gebiert, exegetisch so behandelt werden, daß unabhängig vom ursprünglich gemeinten Wortsinn aus hermeneutischem Wege neue Sinnmöglichkeiten erschlossen werden. Bei Fragen aber, die theo-logische Dinge betreffen, dürfte der Gebrauch exegetischer Regeln sich aus dem Gesichtspunkt heraus verbieten, daß über G'ttes Sein und walten keine anderen Vorstellungen gehegt werden dürfen als die feststehenden, ausdrücklich geoffenbarten. Tatsach-! lich aber hat, wie wir sahen, die halachische THetboSe' auch die aggaöische bestimmt. Die Legitimation liegt darin, daß auch das theo-logische Wissen von G'tt halachische Prägung, erhielt, sich aus statischem wissen, aus totem Besitz, Rn lebendige, dynamisch in den Alltag transponierte und von-hier -aus um das Wort und seinen Sinn exegetisch ringende Haltung hinübergewandelt hat. Die Theo-logie hat sich im In dentum dramatisiert und somit halachistert. Das theo-logische Haben von Vorstellungen wurde in nerc Handlung. Gerade weil die ruhende Kirche fehlte, die selbstsicher Heilswissen bewahren und spen den konnte, weil somit auch die Möglichkeit einer autoritären Dogmenformulierung fehlte, konnte auch die spezielle Theologie den offenen Cntfaltungscharakter des Halachischen annehmen, als dessen Symbol und Merkzeichen der Gebrauch der Middot angesehen werden kann. wir sprachen zweitens von der sachlichen Abhängigkeit der Theo-logie von der Halacha. Als das sachliche Wesensmerkmal der Halacha darf ihr Partikularismus bezeichnet werden. Der halachische Anspruch richtet sich als jüdisch-theologischer (nicht etwa noachitisch-universalerp an ein bestimmtes Volk, an Israel. Ein ganz bestimmtes Gesetz sucht seinen ganz bestimmten Träger und Ge stalter. Beide Korrclationsglieder: Gesetz und Volk tragen partikularistischen Sinn. Das Volk ist auserwählt, es stellt einen unauswechselbaren Ausschnitt aus der Menschheit dar.. Sein Daseinssinn läßt sich nicht in eins setzen mit dem des „Menschen über Haupt". Israel ist feiner Aufgabe und seinem Schick salserbe nach nicht reduzierbar auf den Begriff der Menschheit schlechthin. Cs bleibt ein unauflösbarer Rest, ein nicht ganz einsehbares dunkles Schicksals faktum, das zwar bezogen werden kann auf einen Heilssinn für die Menschheit, das aber für sich immer als Problem unerfaßt stehen bleibt. Ist so Israel das Rätsel unter den Völkern, so ist der Kodex der Halacha der einsame, absonderlich erratische Block unter den Codices der Völker! Die Forderungen der Halacha sind unauflösbar in die Univerfalia der Cthik oder der „vernünftigen Religion". Die Halacha ist nicht übersetzbar in ein ethisch, religiös, philosophisch, psychologisch oder mythologisch einsehbares, allgemein „verstehbares" Gesetzbuch. Sie ist in keine universale Uormensprache transponierbar. philos Allegorisierungsversuche wie Hirschs Symbolik fallen beide, wenn auch graduell verschieden, unter dieses Diktum. Cben so wenig hat die gesamte mittelalterliche Religionsphilosophie es vermocht, die Halacha in das System der universalen Philosophie hineinzubeziehen. Wie steht es nun mit dem spezifisch theo-logischen Lehrgehalt des Judentums, der doch offenbar universalistisches Gepräge aufweist? In welcher Beziehung steht er zum Partikularismus der Halacha? W i e n e r hat es als die -dringlichste Aufgabe für die Grundlegung einer jüdischen Theologie bezeichnet, den D uai s m u ß : universale Rellgionsphilosophie — volksgebundene Halacha, der sich sachlich sowohl wie personell in den Gestalten des Maimonides u. a. (die als Halachisten partikularistisch und als Religionsphilosophen universalistisch dächten) darbiete,. zunächst Rar zu erfassen und ernst zu nehmen^ Wir sehen hier keine für die Struktur -der jüdischen Theologie charakteristische Spannung. Die Gestalt der jüdischen Theologie ist in sich durchaus einheitlich. Cs läßt sich keine Polarität von Univecsalismus und Partikularismus innerhalb der jüdischen Theologie elbst, sofern sie nicht verwechselt wird, mit Religionsphilosophie, feststellen. Und zwar deshalb, weil echte jüdische Theo-logie ebenso wie die Halacha, durchaus partikularistische Züge trägt. Gewiß hat alles Denken, im Gegensatz zum Handeln, -die Tendenz ins Universale. Theologisches Denken ist davon nicht ausgenommen. Aber erst die Formulierung eines Gedankens objektiviert ihn und setzt ihn der Kritik, also allgemeinen Maßstäben, aus. Insofern setzt der Katholizismus z. B. durch den Prozeß der exakten Formulierung und Dogmatisierung 'einer Lehrinhalte diese ins Licht der Kritik und der universalen (metaphysischen und wissenschaftlichen) Betrachtungsweise. Für das Judentum jedoch gilt dieser Sachverhalt nicht. Sein Charakter als volkhafte Bundesreligion enthüllt sich daran, daß es kein __ 6. Juli 1933 Dogma kennt, daß es schweigt-über sein Wissen und es nur offenbart durch'die aus dem Wissen geformte Tat. Cs tritt nicht auf, werbend und dadurch notwendig aufkläcend, sein Besitztum durch Kundgabeveräußernd... Cs dogmatistert nicht. G'ttes Offenbarung ist in 70 Sprachen, wie. der Midrasch, sagt, in die Welt hinausgeklungen,' ’aber Israel ' selbst schweigt, und selbst da, wo der Midrasch spricht, malt er nur in Bildern sein Trieben, ohne es durch dogmatisch-eindeutige Formulierung zu einer gangbaren Münze zu machen, vom Sabbat heißt -es -aber, sogar von G'tt aus-gesehen, er sei „bezinna", in der Intimität des „beni u-wen Lene Iisreal" -gegeben. So tritt sein Wissen von G'tt, sein Crlebnis der Rähe und Ferne G'ttes, nie ins krasse, blendende Licht der Öffentlichkeit. Cs ist ein keusches Wissen, das die jüdische Cheo-logie adelt. Cin Denken, das zwar auf das Universale, wie alles Denken,' hingeordnet ist, aber gewissermaßen den Vorstoß ins Formulierte, allgemein Einsichtige, Universale immer. wieder unterläßt, denn: „spricht die Seele, so spricht, ach schon die Seele nicht mehr". Begreift man diese Tendenz der jüdisch-theologischen Haltung, die sich auf Schritt und Tritt in der tälmudischen und midraschischen Literatur wie in der Faktizität aller großen theologischen Gestalten des Judentums manifestiert, so läßt sich die Rede von einem inneren Bruch der jüdischen Theologie, der durch die Polarität Universalismus-Partikularismus gesetzt sei, keineswegs.aufrecht erhalten. Die formale Struktur der jüdischen Theologie darf vielmehr als wesenhaft partikularistisch bezeichnet werden. - Das gilt schon deshalb, weil überhaupt kein echter theologischer Gedanke,, sofern er ein solcher bleibt und nicht unter philosophischem Aspekt in seine allgemeingültige „Ouintessenz" verflüchtigt wird, einen universal-einsichtigen Sinn bedeuten kann. Theologische Ideen —- und das gilt von allen Religionen — sind niemals Begriffe, die sich irgendwie schematisieren und damit universalisieren lassen, ohne damit das eigentliche'Wesen ihres Daseins einzubüßen. Bleiben wir beim Judentum. Auch die spezifische Theologie des Judentums ist nicht ins Universalistische übersetzbar. Sie läßt sich weder ins Rationale verdolmetschen (alle versuche, otaxr das ' „poked Awon Awot", den Begriff der „Reue G'ttes", das Ereignis an Moscheh in Cr. 4, 24, das Schicksal Ufas in H Sam. 6, 7, u. a. zu „begreifen", sind fehlgeschlagen), noch läßt sie sich durch irrationale Hilfsbegriffe wie den des „Heiligen" (R. Otto) unter einem universalistischen Aspekt so betrachten, daß der jüdische Charakter erhalten bliebe. Und zwar deshalb, weil auch die Gestaltqualität „das Heilige" wie jede andere universale Kategorie die . spezifischen Wertungstöne innerhalb des schon immer differenzierten Sinncharakters „Heilig" zum verstummen bringt. Cs gibt kein „Heilig" schlechthin, sondenr immer schon ganz' besonders strukturierte Sinnqualitäten, die in jeder Religion das ihr eigentümliche Heiligkeitsphänomen konstituieren. Cs ist die Aufgabe der Theologie, diese spezifische Tönung zu bewahren und zu verfeinern. Richt Uuiversaiisierung, sondern Differenzierung ist die ihr wesenseigene Funktion^ durch die allein sie zu leben und theologisches Erleben zu ztzugen vermag. Während cs immer der Sinn religionsphilösophischer Arbeit bleiben wird, den universalistischen Rlaßstab von außen an die Theologie anzulegen und so' die Auseinandersetzung zwischen der Religion und der Wissenschaft' zu führen, hat sich die Theologie ihres partikularistischen Charakters stets bewußt zu fein. Cine Theologie, -die ihr eigentümliches.Kolorit, 'ihre Unübersetzbarkeit preisgibt, giht sich selbst auf. , Cs ergibt sich daraus, wie verkehrt die -Intention des jüdischen Liberalismus gewesenist, den Gesichtsvunkl des Universalismus zum Prinzip der jüdischen Theologie zu erheben. Indem sie die Specifica des Judentums ins Rlenschheitliche zu überführen trachtete, ist ihr! die echte jüdische.Theologie aus den Händen geglitten. Die jüdische Atmosphäre,' die allein jüdische Gehalte fühlbar machen kann, hat sich in ein Richts aufgelöst, wie läßt sich aus diesem Richts heraus der Weg in ein Judentum gewinnen, das dem Halachischen wie dem Theologischen als einer -inneren Ciniheit wieder gerecht wird? (Fortsetzung folgt.)

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