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Der Israelit · 1933-07-06 · Heft 27 (6.7.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 27 (6.7.1933)
Date
1933-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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6. Juli 1933 Der Israel!! Nr. 27 Seite 3 nationalen Beziehungen vergiftenden Anklagen gegen Deutschland führen. Daß die deutsche Außenpolitik mit Recht den größten Wert darauf legt, im Ausland um ein gewisses Verständnis für die Iudenpolitik des dritten Reiches zu werben, zeigt die an anderer Stelle wiedergegebene große Rede, die der Leiter des außenpolitischen Amtes der NSDAP, am 28. Juni in der Kroll-Vper gehalten hat. -Au dem Gedankengang dieser Rede Stellung zu nehmen, ist hier nicht der (Ort. Sie verrät jedenfalls den ehrlichen Wunsch, die politischen Waßnahmen gegen die Juden nach' sachlichen und ethischen Gesichtspunkten gewürdigt zu sehen, erkennt also diese ethischen Gesichtspunkte als höheren Beurteilungsmaßstab an. Das läßt immerhin hoffen, daß man, was auch im Glauben an die staatspolitische Rotwendigkeit einer gewissen Härte geschehen sein mag, im Laufe der Zeit auch wieder Erwägungen der Toleranz und der-Menschlichkeit in höherem Maße Raum geben wird. Aehnlich möchten wir auch die Erklärung werten, die, wie vorige Woche gemeldet, der Deutsche Industrie - und Handels tag im ausdrücklichen Einvernehmen mit dem R e i ch s m i n i st e r für volksanf k l ärung und Propag a n d a gegenüber der Handelskammer Pforzheim über die w i r t s ch a f t l i ch e Witarbeit der deutschen Juden an dem Wiederaufbau Deutschlands abgegeben hat. Es wird darin festgestellt, daß auf wirtschaftlichem Gebiete keinerlei A u s n a h m e g e s e tz e g e g e n d i e I u d e n b est ä n d e n und j e d e r b e i d e r Witarbeit a n d e r W i r t s ch a f t willkommen sei, d-e v guten Willens ist. Es wird darum ein in der Goldschmiede-Innung gestellter Antrag v e r w o r - f e n, der den Witgliedern den Warenbezug bei jüdischen Großhandelsfirmen verbieten will. Hach dieser unzweideutigen Erklärung sollte inan annehmen, daß auch die Aussperrung jüdischer Firmen von der Lieferung für kommunale und staatliche Stellen, wie sie heute besteht, ebenso die vielen Fälle offenen Boykotts gegen die jüdischen Geschäfte in allen Teilen Deutschlands, Uebergangserscheinungen darstellen, die dem eigentlichen Programm der nationalen Regierung widersprechen. Wir stellen alle diese Symptome zusammen, weil wir erstens der Weinung entgegentreten möchten, als hatten die deutschen Juden gar nichts mehr zu verlieren und dürften sich einer Desperado-Stimmung mit allen ihren gefährlichen Konsequenzen überlassen: zweitens aber, weil auch dem Ausland gesagt werden muß, daß in deni Prozeß der inneren Auseinandersetzung zwischen den deutschen Juden und ihrer Regierung die letzte Entscheidung noch nicht gefallen heit von Samuel bei der Königswahl verworfen. „Schaue nicht auf feine schöne.Gestalt und den schlanken Wuchs: denn nichts ist's, was der Mensch sieht. Der Mensch sieht nur auf.den Schein, G'tt aber ins Herz." wo -de? '■di 'si'n feafn „Trügerisch ist die Anmut und eitel die Schönheit; 'ein Weib mit G'ttessurcht ist rühmenswert." (Sprüche Salomos.) Wir haben uns seit alten Zeiten daran gewöhnt, beim Eintritte ins G'tteshaus mit dem Worte 'iai n» den Fuß über die Schwelle zu setzen und an die Schönheit des heiligen Raumes zu denken. Opfert man doch Millionen für massige Bauten, prunkvolle innere Ausstattung moderner G'tteshäuser! Man hat vergessen, daß bei jener dramatischen Szene auf Bergeshöhe das Stiftszelt so gut wie unbeachtet blieb und der Heide nur von „guten Wohnstätten" Israels sprach, nicht von schönen.!pind unsere G'tteshäuser schön, wenn sie leer stehen oder unjüdischer Geist sich in ihnen entfaltet? Sind unsere Wohnstätten gut im unversälschten Sinne des i2iv n», wenn Sabbat und Feiertage dort entweiht werden, die rituelle Wirtschaftsführung fehlt, man von nHvn und sonstigen mix» nichts sieht und merkt? Es sind öde, kalte Räume trotz allen modernen Komforts. Sie hatten einen Vieam niemals begeistert. Vicht, behagliche Wärme, Freude und Friede fehlt ihnen. Das kann nur gedeihen und beglücken, wenn das iaiv n» im ursprünglichen Sinne wieder zur Geltung und Wirkung kommt: Wie gut sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, o Israel! Verantwortlich für den allaemeinen Teil und das Feuilleton <5. Schachuorvitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: <5. © * cufi « nowttz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag ves Israelit und Hermon ®. m. b. ©., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei. Frankfurt a. M. ist, daß leise keime friedvoller Entwicklungen nicht mir groben Soldatenstiefeln zertreten werden dürfen. Das möge sich insbesondere Lord Welchett und sein „Industrie-Komitee" zu Gemüte führen, das — entgegen der W einung aller ernsthaften jüdischen (Organisationen und F ü h rer — anscheinend noch immer an der unglücklichen Idee einer „jüdischen Weltwirtschaftskonserenz" sesthält. hinter dieser sogenannten Weltkonferenz wird zwar niemand stehen, aber mit ihren Kampfproklamationen und Kriegserklärungen kann sie mehr Zerschlagen, als verantwortungsbewußte, nach höheren Gesichtspunkten urteilende Politiker in Jahren stiller Arbeit auszubauen vermögen. Wir hoffen noch immer, daß -diese Tat des Wahnsinns unterbleiben wird. Die jüdische Schule. Ein überfüllter Saal in einer süddeutschen Großstadt. Das deutsche Indenproblem ist letzten Endes ein Ingen dp rodle m , unserer Hot schwärzester Teil, die H o t u n s e r e r K i n d e r. So kamen denn die vielen Väter und Wüner, denen man die Kinder aus den öffentlichen heberen Schulen heimgeschickt hat, oder die sie aus der geladenen Luft des Klassenzimmers und Schulhofes freiwillig heimgeholt haben, um aus dein Wunde eines jüdischen Schulleiters zu hören, was mit ihren Kindern nun geschehen soll, was der jüdische Kreis, auf den sie nun verwiesen sind, ihnen als Ersatz für die öffentliche Schule zur geistigen Versorgung ihrer Kinder zu bieten gedenkt. Der Schulleiter, dessen Schule die bösen Winde draußen schon erklecklichen Zuwachs zugetrreben haben, spricht aus einem neuen Krastgesühl heraus über die pädagogische Situation der j ü - d i scheu Jugend nach der nationalen R e v o l u t i o n. Er schildert die Psyche des jungen werdenden Wenschen, gestaltet und beeinflußt durch Elternhaus, Schule, Lehrervorbild und Verkehr mit den Witschülern. Er schildert die seelische Rot des jüdischen Kindes in der ihm fremd, und feindlich gewordenen Umgebung. Und von hier ist der Uebcrgang zu der dringenden Rotwendigkeit von eigenen j ü d i s ch e n U n t c r r i ch t s a n st a l t c n von selbst gegeben. Es müßten neue jüdische Schulen gegründet werden und die bestehenden Schulen müßten in die Lage gesetzt werden, mehr Schüler ausznnehmen. Und was hat die jüdische Schule in ihrer inneren Struktur aus den Verhältnissen, aus der seelischen Rot des Kindes, dem das Kinderland draußen, ohne daß es weiß, wieso und warum, zum fremden Lande geworden ist, gelernt? Wan hat allen an die jüdische Schule gestellten Forderungen ans k ö r p c r l i ch e und in a n u e l l e E r t ü ch t i - g u n g Rechnung getragen. Wan bat den Handf e r t i g k e i t s u n t e r r i ch t ausgebaut, die T u r n stund e n erweitert, sogar H o b e l b ä n k e für Schreinerunterricht angebracht. Ist das alles? Rein, man hat mit einigen n eube b r ä i s ch c n K n r s e n und h e b r ä i s ch e n L e h r g ü n g e n für die ans den allgemeinen Schulen neu hinzugekommenen Schüler und Schülerinnen auch dem jüdischen Charakter der Schule den nötigen Tribut gezollt. Aber ist das alles? mußte sich die zahlreiche Hö- -rerschaft und müssen sich die Leser des Berichtes fragen, Aus einer nationalen Revolution ist die neue pädagogische Situation der jüdischen Jugend hervorgegangen. Wo bleibt die innere Revolution, die in mutigem Zupacken und Abtragen alter ausgelöschter Illusionen die geistig heimatlos gewordene jüdische Jugend der altneuen Heimat aus jüdischem Boden wieder znführt? Wit der Hobelbank und mit der Turnerei, so sehr wir deren Wichtigkeit in dieser harten Zeit anerkennen, ist cs nicht getan, und mit den paar neuhebräischen Stunden erst recht nicht. Ein Geistiger war unter den Hörern, und -er erhob seine gewichtige Stimme. Er verlangte, daß der Geist der Religiosität die Schule in ihrer Totalität erfasse und beherrsche, wenn sie, die Zeichen der Zeit verstehend, in Wahrheit eine jüdische Schule zu sein die Aufgabe verspüre. Zustimmung ans allen Bänken. Das in dein langen Vortrag des verantwortlichen Schulleiters charakteristischer Weise vermißte Wort wurde wirksam nachgeholt und von den Hörern mit Dank quittiert, vermag aber ein gesprochenes Wort ein S y st e m aus den Angeln zu heben, die Struktur einer S ch u l e, die eine hundertdreißigjährlge unreligiöse, ja traditionsfeindliche Tendenz hat, von Grund auf umzumodeln? Und ist nicht das Wort selbst viel zu allgemein, zu unklar und zu sehr deutbar gehalten? Der Wann, der dieses sprach, — nennen wir ihn gleich bei Hamen, Wartin B u b er, — predigt seit drei Jahrzehnten den G e i st der Religiosität in so vollendeter Form, daß er sich Gehör in der großen Welt verschafft hat. Es fing mit dem Chassidismus an, sagen wir richtiger, mit der ch a s s i d i s ch e n R o m antik. Es war „Geist der Religiosität". Aber so viel Geist, daß daneben nur wenig von — der Religiosität, sagen wir deutlicher von nnox übrig blieb. Was aber nickt ausschließt, daß Buber, ein Hellseher von starker intuitiver Kraft, inzwischen viel gelernt und ein paar feste Schritte weiter vom Geiste zur Religiosität gewagt hat. Die Entwicklungen der letzten Jahre sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Entscheidender: Er hat inzwischen mit Franz Rosenzweig und später allein an der U e b e r t r a g u n g der B i - b e l gearbeitet, und ist, wie bei uns von berufener Feder schon angedeutet wurde, gewiß nicht bei der Technik des Wortes stehen geblieben. Wer von der Flamme des Prophetengeistes so wie er berührt und erfaßt wird, muß, ob er will oder nicht, in die P.'.ophetenlande hinauf getragen werden, wo der Geist der Religiosität nicht eine abstrakte Idee, nicht eine Romanze für die blaue Hackt des jüdischen Golus ist, sondern der Boden, ans dem uns die r e l i g i ö s e Pflicht des Tages erwächst, die Basis, auf der allein wir uns mitten im Wanken und Schwanken der Zeit halten und bewegen können. G e i st d e r Religiosität spricht aus dem Wunde des erwachenden Kindes mit dem mia» Geist der Religiosität leitet das müde Kind mit dem Hackt-paw in die süßen Träume hinüber. Und dazwischen hat die jüdische Schule Geist der Religiosität durch ein ausgedehntes jüdisches Lehrprogramm so zu wecken, daß dieser auch bei den anderen Disziplinen nickt zum Schweigen kommt, im Gegenteih diese beseel! und aus ihnen neue Befruchtung erhält. Solche Schulen besitzen wir G. s. D. in F r a n kf u r t, auch in Bern n und H a m bürg, in Köln, Fürth und Breslau. Einen solchen jüdischen Schultyp hat uns Samson R a p h a e I Hirsch vor achtzig Jahren, als hätte er unsere Zeit und ihre Röte vorausgesehen, als OTij? nxisi geschenkt, wo in jüdischen Gemeinden solche Schulen noch nicht existieren, müssen sie, der Hot der Zeit gehorchend, gegründet werden. Wo sie aber da sind und heute leider noch so schwer zu ringen haben, müssen sic von all denen mit Freuden in Anspruch genommen werden, die als Reaktion aus die Zeit und die seelische Hot unseres Kindes nicht „eine Schule für Juden", sondern die jüdische Schul e wollen, die Schule in der die Seele des Kindes der G'ttesofsenbarung in nnivv.-n mifD.n itvin entgegenjubelt. Wehe uns, wenn stattdessen „Schulen für Iuöen" gegründet und gefördert werden, in denen Generationen dem Unglauben, der religiösen Skepsis oder dem areligiösen Rassenjndentum entgcgenreifen.' Liberale Gewiffensenklastung. In einer „Richtungsweisenden Anregung" nimmt Ich der Vorstand des L i b e r a l c n R a b b i n e r - verbandes in D c u t s ch l a n d das Recht heraus, der Gewissensnot seiner Gläubigen mit folgendem Freibriefe entgegenzukonnnen: „Im Wesen bes liberalen Judentums liegt es, in jeder Zeit die religiöse Vorschrift in Einklang mit der Lebensmöglichkeit zu bringen, um einer gänzlichen Abkehr vom jüdischen Leben »orzubeugen. Die Religion loll eine Religion des Lebens sein. Wo das Leben eines Menschen gefährdet erschien, wurden darum zu allen Zeiten Dispensationen vom Religionsgesetz ausgesprochen. Wenn in dieser Notzeit der deutschen Iudenheit das Staatsgesetz den Genuß von rituellem Fleisch unmöglich macht, erachten wir es als unsere Pflicht, zu erklären, daß das Religionsgesetz dort seine Grenze hat, wo ernste gesundheitliche Schädigungen eintreten können. Wer mit üeischloser Kost ohne Einbuße der Gesundheit auskommen kann, wer aus moralischen Gründen einem Eingriff des Staates in die religiöse Sphäre sich nicht beugen

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