Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1933)
- Date
- 1933-07-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 27- 3 er Israelit 6. Juli 1933 Welt, verwirft „Aguöas Iisrocl" die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gerueiuschaftsorganisatiou, die beispielsweise durch Anerkennung des Fraumwahlrechts, durch die Wahl nichtqualifizierter Persönlichkeiten in die repräsentativen Aemter der Gemeinschaft, durch direkte und indirekte Förderung unjüdischer Crziehungsinstitutionen das Land zerreistt, das jede jüdische Geincinschaflöbildung an den Willen des gütlichen Gesetzgebers fesselt. Darf Agudas Iisrvel, darf die palästinensische Orlhoöoxie für diese Treue zu ihrem G'tte und seinem Gesetze durch R't i n d e r b e w e r t u n g , durch v e rs a g u n g der vollen g e s c tz l i ch c n Gleichb e r e ch t i g u n g bestraft werden? Kämpft 'Agudas Iisroel nicht einen heiligen Kampf um G'tteswahrheit und Menschenrecht, wenn sie die gleichen nichtjüdischen Instanzen, v o n den e n allein Zionismus und Kneses Israel ihre IN o n o p o l st e l l u n g e n erwirkt haben, über de n wahren Sachverhalt aufklärt und so unerhörtes Unrecht aus der Welt schaffen will? Die INandatkommission des Völkerbundes hat in ihrer perbsttagung sich mit dein Ruf der palästinensischen Orthodoxie nach gleichberechtigter Anerkennung eingehend besaßt und in dem deutschen Berichterstatter der Mandatkommission, Dr. Ruppel, hat dieser Ruf erfreulicherweise einen verständnisvollen Interpreten gefunden. Die beiden Fragen, die schließlich auf Ainrag des Berichterstatters von der Mandatkommission und dem Rate der Mandatarmacht formuliert und unterbreitet worden sind, müßten, wenn sie ohne alle Rebenabsichtcn in voller Objektivität beantwortet werden, logrscherwrise zu einer vorbehaltlosen Anerkennung der Ansprüche der agudistischen Kreise des heiligen Landes führen. Rach der geltenden Gemeinde-Gesetzgebung ist nämlich die „Kneses Israel" nicht etwa eine n a - t r o n a l e , sondern eine rein religiöse Kör - p e r f ch a f t. Es ist nach Lage der Gesetzgebung daher sinnlos, dieser rein religiösen Körperschaft, aus der jeder nach freiem Willen austreten kann, M o - no p o liechte zu gewähren gegenüber einer anderen religiösen Körperschaft, die noch dazu das viel ältere geschichtliche Judentum repräsentiert und mit der Kneses Israel nichts zu tun haben will. Die Frage der Einheit des palästinensischen Judentums Zur Wahrung seiner politischen und w i r t s ch a s t l i ch e n Interessen, zur Wahrung seiner eigenen nationalen Interessen hat mit dieser Frage der religiösen Körpers ch a f t s r e ch t e nicht das Ri i n d e st e zu tun. Richte könnte den Gesetzgeber hindern, die Kneses Israel und eine etwa neben ihr in gleicher Weise organisierte religiöse Körperschaft, Agudas Iisroel oder wie sie sonst beißen möge, in irgend einer Form zusammcnzufassen und auf diese Weise eine einheitliche politische Vertretung der Inden Palästinas hcrzustellcn. Diese einfache Sachlage wird nur dadurch heute verschleiert, daß die „Kneses Israel" sich, entgegen den kl a r e n Be st i tu m unge n der K.eIiZious Communities Ordinance u 2 - t! o i! a l e Rechte a n nt a ß t, die ihr it i ch t z u k o m nt e n und die ihr gar nicht zukoinnien k ö nii e n und d ü r f e n , solange Zehntausende von Juden ah\ s religiösen Gründen ihr nicht anzugchören vermögen! In der letzten Sitzung der Mandatkommission in Gens haben offizielle Verhandlungen über den Gegenstand nicht stattgefunden, weil die Antwort der britischen Regierung auf die beiden Fragen der Mandatkommission noch nicht Vorlagen. Aber die Vertreter beider Parteien bemühten sich privatim, die Mitglieder der Mandatkommission von-der Gerechtigkeit ihrer Standpunkte zu überzeugen. Dabei ist cs nun besonders schmerzlich, erleben zu müssen, daß das a sticken asi sch e Obcrrabbinat, an seiner Spitze Gbcrrabbiner K u f, in dieser Lebens- und Rechtsfrage der Orthodoxie in Reih und Glied mit der religiös neutralen „kneses Israel" und ihrer Vertretung, dem Waad leumi marschiert und sich einspannen läßt in den Kampf gegen den Aufbau und die Entwicklung eines wahrhaftigen jüdischen Zibbur aus dem Boden des heiligen Landes. Ts ist ein geschickter Schachzug, daß der Waad leumi zu seinem Vertreter in Genf ebenfalls — charakteristi-, sehen Weise n e b e n dem radikalen Freigeist Mossin-! sohn — einen Rabbiner, den sefardiscben Ober-, rabbiner Usiel aus Tel-Awiw bestellt hat. Man mag psychologisch begreifen, daß Männer wie die : Rabbinen Kuk und Usiel die außerhalb der „Kneses Israel" stehenden wertvollen orthodoxen Kreise ntii; allen Mitteln in die von ihnen geleitete gemischte Gei mcinfdurft hineinzwingen möchten, um ihren eigenen! Einfluß zuni Besten der religiösen Interessen dadurch, zu stärken. Aber dennoch sollten sich diese Männer, die Entweihung des g'ttlichen Ramens vor Augen, führen, die darin liegt, daß hier vor den klugen der! ganzen Welt die eindeutige Wahrheit der R c b e r l i c f e c u n g in F r a g e g e st e \ 11 und gewiß gegen ihren Willen — der Scbcin erweckt wird, als entspreche es den Idealen des Judentums, jüdische Gemeinschaften ohne A n e r k e n n u n g der absoluten Autorität des G ' ttes -! g e s e tz e s auch auf dem heiligen B o d e n! Palästinas e r st e h e n z u lassen!! Der Kampf wird weiter gehen und er wird, wir! sind dessen sicher, dereinst mit dem Siege der Wahr-j beit und des Rechtes enden.! Wochenrundschau. Symptome. In Zeiten, wie sie die deutsche Iudenheit heutedurchlebt, kann es unseres Erachtens zwar nicht die Aufgabe einer verantwortungsbewußten jüdischen Presse sein, Schönfärberei zu treiben und das unverdiente moralische, wirtschaftliche und physische Leid irgendwie zu verschleiern oder zu verkleinern, unter dem Zehntausende jüdischer Brüder seufzen; aber es wäre andererseits auch ein schweres Unrecht, irgend ein günstiges Symptom zu verschweigen, das zur Hoffnung auf Linderung der inneren Spannungen nach irgend einer Richtung Anlaß geben kann. Als solch ein günstiges Symptom ist aus der vorigen Woche der Erlaß des p r e u ß i s ch e n U nt e r r i ch t s m i n i st e r s zu registrieren, der die in Preußen von jeher bestandene Rücksichtnahme auf die ~ abbatbeobachtung in den öffentlichen Schulen auch für die Zukunft ausdrücklich aufrecht erhält. In das gleiche religiöse Gebiet gehört die soeben eingehende Rachricht von der Aufhebung des unbegreiflichen Einfuhrverbots für Koscherfleisch in Baden. Auch die zweimalige scharfe Erklär u n g des Frankfurter p o l i z e i p r ä f i ö e n - t e n gegen die willkürlichen Festnahmen und Bedrohungen friedlicher Staatsbürger oder Ausländer jüdischen Aussehens ist ein dankenswertes Zeichen für den Willen zur Gerechtigkeit, der auch in dem neuen Beamtentutn noch lebendig ist. In ähnlichem Sinne ist von seiten des hessischen Polizeiministers ein Erlaß ergangen. Man darf hoffen, daß im Sinne dieser öffentlichen Erklärungen in der Tat scharf dnrchgegriffen und auch dem Denunziantentum — gegen das sich schon frühere Kundgebungen der Ministerialinstanz wandten — ein Ende bereitet wird. Setzt sich die Staatsautorität auf diese Weise gegenüber allen revolutionären Einzelaktionen allmählich wieder r e st l o s durch, so wird dadurch nicht nur der jüdischen Bevölkerung, sondern auch der deutschen Außenpolitik ein bedeutsamer Dienst geleistet sein. Denn die Lektüre der ernsten ausländischen Presse zeigt, daß nichts so sehr wie einzelne Vorkommnisse und Exzesse von der Art derer, gegen die sich die polizeilichen Erlasse wenden, die öffentliche Meinung in den westlichen Ländern erregen und dann allzuleicht wieder zu übertriebenen, die intcr- 121V M2 Wie gut — oder wie schön? Betrachtung zum Wochenabschnitt. Bon A. Mannheimer in Oetteibach. Drunten in weitem Talgrunde ein Meer von Zelten. Alle säuberlich geordnet und offensichtlich nach einem feststehenden Plan gruppiert um einen Mittelpunkt, ein durch seine Größe sich mächtig abhebendes Baugefüge. Sie nennen es Mijchkan, d. h. „Wohnung". Auch Ohel - Moed, Zelt 'der Zusammenkunft. Cs ist das Nationalheiligtum Israels und als solches der Zentralpunkt, um den fiel) nach allen Seiten die Wohnstätten des Volkes gruppieren wie zu heiliger Chreuwacht. Waldige Höhen umgrenzen das stille Tal und dort oben wandelt ein Mann mit außergewöhnlichen Geistesgaben'. die seltene Auszeichnung prophetischer Kraft wurde ihm vom Allmächtigen verliehen. Er schaut ins Tal hinab, schaut und schaut. Doch nicht, um sich an dem idyllischen Bilde zu laben. Böses führt er im Sinne. Gleich vergifteten Pfeilen fallen seine Blicke nieder in Israels Lager, als wollten sie tödlich verwunden. Schwächen, Fehler sucht er auf allen Seiten zu erspähen, an die er einen Fluch anhängig machen möchte: denn fluchen will er, fluchen soll er auf Wunsch des Königs von Moab, der Israel haßt und sein Verderben sucht. Als Werkzeug hat er sich diesen heidnischen Seher verschrieben, seinen Jugendfreund Bileam. Und Israel? Es weiß nicht, es ahnt nicht, wer dort oben auf leisen Sohlen es umschleicht wie ein Tiger die Beute. Es ist eine „außerordentliche Inspektion", auf die es sich nicht erst vorbereiten konnte. Harmlos und friedlich lagert es im Tale. Was Bileam hier .schaut, ist nicht Tünche und Tusche, nicht Farbe und Firnis, nicht Schein und Schimmer, sondern Wahrheit und Wirklichkeit. Und dreimal wechselt der heidnische Prophet seinen Standort, um das Volk zu bespitzeln. Seltsame Wandlungen gehen dabei in seinem Innern vor. Regungen ungeahnter Art mallen in Geist und Gemüt auf und nieder. Ein Seelenkampf tobt. Bileam schaut und schaut, staunt und stiert. Das jedem Menschen naturhast innewohnende Rechtsempfinden und Wahrheitsgefühl wird wach, bäumt sich auf mit elementarer Gewalt gegen vorgefaßte Meinungen, gegen trügerischen Wahn und Plan. Tiefe Scham vor sich selber senkt sich wie mit bleiernem Druck in Bileams Seele, je öfters er und je länger den Mick auf Israels Lager richtet. So also sieht das Volk aus, das ich verfluchen und verwünfck)en soll? Ihm zittert die Seele. Rachegedanken und Ruchlosigkeit versinken in tiefen Abgrund und helle Begeisterung loht an deren Stelle empor. Es reißt ihn hin, unwillkürlich und unwiderstehlich. Die Gefühle drängen stürmisch zum Ausdruck und die Sprache nimmt dichterischen Schwung: i'tmrr laio nn „Wie gut sind deine Zelte, o Jakob, deine Wohnstätten, o Israel. Wie Bäche find sie ausgebreitet, gleich Gärten am Strome, Wie Aloebüume, die G'tt selbst gepflanzt, Gleich Zedern am Wasser . . . Man schaut nichts Böses in Israel, Nichts Verwerfliches in Jakob . . . 9, möchte meine Seele den Tod dieser Redlichen sterben Und mein Ende dem ihrigen gleichen!" Schöner und beglückender sind wohl selten Worte über Israel gesprochen worden als diese aus dem Munde des heidnischen Bileam. Der Weisen Blick, der nie an der Oberfläche haften bleibt, sieht in Bileams poetischen Ergüssen mehr als den trockenen Wortsinn. Was setzte ihn in solch hohe Begeisterung, was ließ ihn erschauern, als er die Lagerstätten Israels einer kritischen Betrachtung unterzog? Nicht deren Schönheit und Prunk, nicht Baustil und Lagerplan schlugen ihn in Bann. Ein aus den ersten Blick recht nüchtern anmutendes Moment hatte es ihm angetan: er sah und bemerkte, in» n? niw» an’rmtj vn rri>D daß ihre Türen nicht einander gegenüber geöffnet waren. Darin lag das Gute, das Bestechende, Ergreifende. Dem Neid, dem Vater des ersten Brudermordes auf Erden, war in plastisch erkennbarer Form ein Riegel vorgeschoben. Wo nrrzp nidjt existiert, da stellt fid) auch deren Mi.'chtchwester nicht ein, die nruv, der Haß, .der Streit. Da ist das Volksleben auf gesunder Basis aufgebaut, dem 'li’p' Wenn der große Weltreisende Sven Hedin in einer Neujahrsbotschaft kündete, er wünsche sich am liebsten in seine Wüsten zurück, dort thronte der Frieden souverän, die übrige Welt stelle nur ein ununterbrochenes Kriegstheater dar: in Moabs Stätten, wo Israel lagerte, hätte er gleich Bileam den verkörperten Frieden erschaut und wäre vielleicht wie jener erschauert. Niä)t das Mächtige, Prachtvolle, sondern i-rriv'qmnav», die schlichten Wohnstätten Israels. Sie sind nicht auffallend schön, prunkvoll gleich der Stiftshütte, aber gut, ■aiu nn- Oft, gar zu oft hat der Reiz der Schönheit verhängnisvoll gewirkt in Israels Vergangenheit; es ist heute niefjt anders geworden. Der ewige Kampf zwischen schön und gut. In jüdischem Sinne ist nur schön, was gut und reä)t. Niä)t umgekehrt. Wie ein roter Faden zieht sich der Kampf zwischen beidem durch unsere Geschichte. Davids älterer Bruder wird trotz seiner Schönmm