Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1933)
- Date
- 1933-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 10 Nr. 26 Der Israelit 29. Juni 1933 Um so reicher und fruchtbarer floß seine Liebe iUntler Zion von der Ferne zu. Das Sammelwerk für die damals von den Schülern des Wilnaer Gacm und des Ladver Raw im heiligen Lande gegründeten Niederlassungen trieb er zusammen mit Rabbi Akiba Lehren in 'Amsterdam und anderen auf eine Höhe, aus der, wie der Tau vom Hermon, sich reicher Segen für die heilige Trde ergoß. Genoß er einmal, ohne daß er je danach gestrebt hätte, die Anerkennung und die Gefolgschaft der ivelt, so mußten diese nah bar angelegt werden, auch für das Heilige Land. ' Die Sache der li o l a l i m , des ungarischen wie des deutschen und polnischen, machte er zu der eigenen Sache. 'Aus dem Groschen, den das arme, jüdische R)cib beim 'Anzünden der Sabbatlichter unter heißen Tränen und Gebeten in die Samnielbüchse warf, wurde Brot für arme Gelehrte, die die treue Wacht bei den heiligen Ruinen hielten und diese mit ihren Gebeten und Lernmelodien zu neuem Leben weckten. R a b b i l\\ c i c, der große wundermann vor Tiberias, so oft bei großen und kleinen Anlässen angerufen, will nicht umsonst bemüht sein. Wan liefere mit den Pfennigen, Groschen und Kreuzern Rausteine zu jenem Wunderwerke, das sich mit dem Lehrhause an seinem Grabe und mit den anderen Lehrbäusern im naben Safcd erhebt. War es Rabbi Mosche in Preßbnrg nicht vergönnt, gleich dem Rachmanides und dem Scheloh, seine Sendschreiben a u s der heiligen Stadt in die Diaspora zu schicken, so setzte er sie für die heilige Stadt und die heiligen Städte in Israels Gemeinden ein, in so flammender Sprache, daß — wie man sich in Anlehnung an ein bekanntes Mifchnahwort ansdrückte — „Lichtsignale von Höhe zu Höhe sich verpflanzten, bis daß die ganze Golah wie c i n Feuermeer aufstrahlte." Damals schon gab es welche, die die Rcuerungen in Kult und Ritus auch auf die Wohlfahrt und das Sammelwerk zu übertragen suchten und „die Züchtung von Schnorrern in Palästina" scharf bekrittelten. „Richt mit Almosen, mit Spaten und Pflugeisen sollte man die alte Erde auflockern und die Menschen zur produktiven Arbeit erzieben," sagten sie sebr klug. ‘ „Mit Spaten?", lachte der alte Rabbi wehmütig. „Bei G'tt, eine gute Idee! I i s ch u w C r e z I i sr o e l, ein Gebot der Thora wie alle anderen. Und wäre ick nicht ein alter Mann und könnten meine Hände noch den Spaten führen, ich schätzte mich glücklich, die heilige Trde zu graben. Auch das kann noch kommen. Aber sollten wir darum heute schon im Heiligen Lande das Feld brachliegen lassen, das uns im Golus genährt und zweitausend Jahre getragen und gehalten hat?" Dann las er den Satz aus dem dritten Abschnitte der Dätcrsprüche vor und deutete ihn in seiner Art. „Hamhalech baderech . . . Der da des Weges geht und lernt, und er unterbricht sein Studium und spricht: wie schön ist doch dieser Raum, wie schön dieser Acker, der hat sich an seiner Sccse versündigt . . . „Zweitausend Jahre bald sind wir unterwegs, durch der Völker Wüste — und wir lernen! Die Thora war unser Acker, den wir bestellten, die geistige Heimat, die uns bei aller Zerstreuung zusammenhielt. Run sollten wir im „Lernen" stillhalten, das geistige Rand durchreißen — mafsik — und alles Sinnen und Trachten nur auf die schöne Baumpflanzung, auf den schönen Acker richten? Ts ginge wahrlich um u n s e r e S e e l e . . ." Für Israels Seele in Israels Land, rief Rabbi Mosche die Gemeinden der Welt auf. Und sie kamen, wie allen Aufforderungen, die von preßbnrg ausgingen, dem Rufe willig nach. Da kam an einem Frühlingstage des Jahres 1857 jene große Katastrophe, die dem vicrundsiebziger die größte Erschütterung seines Lebens brachte. Das gewaltige Erdbeben in S ase b und Umgebung begrub über zweihundert jüdische Menschen, von den besten und frömmsten, unter den Trümmern ihrer Häuser. Als nach einem Monate etwa die Runds in Turopa anlangte, fing dag mächtige Rachbeben in den jüdischen Herzen erst richtig an. Trschüttert, in lähmendem Cnisetzen hörten die Menschen, die mit ihren Gebeten im Heiligen Lande weilten, das Toben der Clemente, das Krachen der stürzenden Häuser, die Todesschreie der in den Untergang mitgerissenen Menschen. Rabbi Mosche schien um ein ganzes Jahrzehnt gealtert, seines Lebenswerkes ein Teil war vernichtet. (Fortsetzung folgt.) Kochrezepte für die fleischlose Küche. lrNilgeleilt von der Jüdischen Haushallungsschule, Frankfurt a. Zli., Cucie Laquec.) heringskarloffeln. 1 kg gekochte Kartoffeln mit der Schale, 2 gewässerte Heringe, Zwiebel. Salz, '/, Ltr. knapp saure Sahne oder 1U Ltr. saure Sahne und 1i.\ Ltr. Milch, 1 Eßlöffel Mehl, geriebenen Semmel, 20 Gramm Butter. Gare Kartoffel werden geschält, in Scheiben geschnitten, gesalzen und in Butter gebraten. Hiervon legt man eine Lage in eine vorbereitete Form von Blech oder Porzellan, darüber den in Würfel geschnittenen Hering, etwas geriebenen Zwiebel und Salz, dann wieder Bratkartoffel. Man gießt die mit Mehl verrührte Sahne darüber, legt kleine Butterstückchen darauf und bringt die Form in den Ofen und backt sie ah Stunde. Kartoffet-Auflauf. Zutaten: 21/, Pfd. Kartoffel. 1 Ltr. Wasser, 1 Eßlöffel Salz, V"> Ltr. Milch, 60 Gramm Butter, 2—3 Eier, wenig Muskat, 1 Eßlöffel Weckmehl, 20 Gramm Butter. Die Kartoffeln werden geschält, gewaschen, in Salzwasser weichgekocht, abgeschüttet und heiß durch ein Sieb getrieben. In die heiße Milch gibt man Butter und Kartoffel und schlägt den Brei auf dem Schneebesen möglichst schaumig. Nachdem er etwas abgekühlt hat, gibt man die Eigelb. Muskat, wenig Salz, sowie den steifen Eischnee leicht darunter, füllt die Masse ein in eine gut gestrichene Form, belegt sie mit Weckmehl und Butterstückchen und läßt den Auslaus in nicht zu heißem Ofen 1 Stunde aufziehen. kartofsetpudding. Zutaten: 500 Gramm geriebene Kartoffel, 60 Gramm Butter, 4 trockene Brötchen, 1 ' kl. Eßlöffel Salz, wenig Muskat, 3—4 Eier. Die am Tag zuvor gekochten, geschälten Kartoffeln werden gerieben und mit der schaumig gerührten Butter, den abgeriebeneu, eingeweichten, ausgedrückten und verzapften Brötchen. Salz, Muskat und Eigelb gut vermengt. Sodann fügt man den steifen Schnee der Eiweiß hinzu, füllt den Teig in die vorgerichtete Puddingform und kocht ihn im Wasserbad ll/2 Stdn. Tomatenkarloffel. Zutaten: 3 Pfd. Kartoffeln, 2 Pfd. Tomaten, 1 Eßlöffel Salz, Prise Pfeffer, 1 Eßlöffel verwiegte Zwiebel, Petersilie. — Die Kartoffeln werden geschält, nebst den Tomaten in Scheibchen geschnitten, erstere Messerrücken-, letztere 1U Zentimeter dick. Hierauf legt man sie lagenweise in eine gußeiserne, gut schließende Pfanne, streut dazwischen die Gewürze und stellt die gut verschlossene Pfanne ohne weitere Zutaten auf den heißen Herd, wo das Gericht unter öfterem Schütteln der Pfanne um ein Anbrennen zu verhüten, im Zeitraum von 1—\l/> Stunden gar wird. Erdbeerrahmfchnee. Zutaten: V« Pfd. Früchte, 25 Gr. Vanille, gewürzten Zucker, 1 Eiweiß, 1/:t Ltr. süßen Rahm. — Die Früchte werden durch ein Haarsieb gegeben und mit dem Zucker und dem Eiweiß 15 Minuten gerührt. Kurz vor dem Aufträgen zieht man den steifgeschlagenen Schlagrahm darunter und füllt die Speise in eine Glasschale. Rhabarbersuppe. —l Pfd. Rhabarber, 1V* Ltr. Wasser, kl. Stück Zimt. lU Zitronenschale, 1 Prise Salz, 15 Gramm Kartoffelmehl. Zucker. — Die Rhabarberstiele werden gewaschen, in Stückchen geschnitten und in das kochende Wasser geschüttet, Zimt, Zitronenschale, hinzugefügt. Sind sie weich gekocht, werden sie durch einen Durchschlag getrieben und aufgekocht. schmeckt mit Zucker und Salz ab und bindet mit Kartoffelmehl. Kirschsuppe. •'*/„—1 Pfd. Kirschen, IV, Ltr. Wasser, V, Zitrousnschalo, kl. Zimt fStangenzimt), Zucker, eine Prise Salz. 25 Gramm Kartoffelmehl. — Die gewaschenen Kirschen werden mit den Gewürzen weich gekocht, mit Kartoffelmehl gebunden, mit Zucker und Salz abgeschmeckt. Alarannen-Zuden. Rabbiner Ben Jakob, der — nach 400 Jahren Marannentum — der erste beamtete jüdisch-religiöse Führer der portugiesischen Juden ist, erzählt über seine Anirittsreise durch die portugiesischen Marannen-Gemeinden u.a. folgende interessante Einzelheiten: Ich habe, seit ich die Marannen persönlich kennen lernte, das über jeden Zweifel erhabene Gefühl, daß diese Geheimsuden bald einen wertvollen Teck des Weltjudentums darstellen werden. Ihre jüdischen Sentiments sind sehr stark ausgeprägt. Wo und wann auch immer man zu ihnen von ihrer jüdischen Abstammung, von unserer Lehre.und unserer Sitte spricht, hören sie mit einer aus innerstes Interesse deutenden Aufmerksamkeit zu und brechen oft in Tränen der Erschütterung und der Sehnsucht nach der jüdischen Gemeinschaft aus. „Schabbath Schalom!" am Wochentag. Als ich in Portugal ankam. hielt ich vor der mehr als 300köpfigen Gemeinde in Oporto auf portugiesisch eine Rede. Meine Zuhörer entstammten den verschiedensten sozialen Schichten. Da waren Soldaten, Regierungsbeamte, vornehme Damen der Gesellschaft, einfache Arbeiter und Matrosen. Während meiner ganzen, etwa zweistündigen Rede standen sie wie angenagelt mit weit geöffneten Augen und in so großer Regungslosigkeit, daß man deutlich dann und wann die kleinen Seufzer der alten Frauen, die hier die eigentlichen Bewahrer der Tradition sind, hören konnte. Als ich über die Lage im Weltjudentum sprach und davon erzählte, daß in Kunst und Wissenschaft, Diplomatie und Handel der großen Welt Juden führende Rollen spielen, und mit ihrer Zugehörigkeit zum Judentum stolzieren, — fingen sogar auch die Männer an zu weinen. Als ich geendet hatte, riefen sie alle laut und begeistert die einzigen Worte eines jüdischen Grußes, die sie kennen, nämlich: „Schabbath Schalom". Sie haben mir dann mit tränenllberströmten Gesichtern die Hände küssen wollen, und als ich sie ihnen entzog, stürzten sie sich. über die Gebetsutensilien, die ich zufällig mitgebracht hatte. Sie berührten sie erst mit gem Finger und führten dann die Hand zum Mund. Dieser Gruß „Schabbath Schalom" ist einer von den ganz wenigen Resten altjiidischen'Lebens, der sich bei ihnen unverfälscht erhalten hat. Sie begrüßen einander so an Festtagen, bei feierlichen Familienereignissen, und wenn sie es dreimal hintereinander sagen, so ist es bei ihnen ein Zeichen der Begeisterung und des Glücks, das sie zum Beispiel nach einer wohlgelungenen religiösen Zeremonie empfinden. Ein erschütternder Moment. In Eoviliam, einer Stadt mit etwa 25 000 Einwohnern, — erzählt weiter R. Ben Jakob, — kamen über 2000 Personen zu meinem Vortrag. Sie hörten meine Rede ganz und gar stehend an. Als ich von einigen jüdischen Sitten und Gebräuchen sprach, nahmen sie einer nach dem anderen kleine Notizbücher heraus und schrieben sich meine Worte auf. Nach der Ansprache wurde ein Gebet verrichtet, das ich ihnen Wort für Wort vorsagte, von dem sie aber auch nicht eine Silbe verstanden. Während dieses Gebetes aber sah ich auf der Brust fast aller in den vorderen Reihen Stehenden goldene Kreuze. Ich konnte nicht an mich halten und sing an laut zu weinen. De Barros Basto, ein Führer der Marannen- Rückkehrbewegung, ergriff darauf das Wort und erklärte den Versammelten, warum. ich weinte. Und noch während er sprach, war es, als ob ein breiter Strom von Tränen und Aufschreien in den Saal einbrach. Ich habe noch niemals so viele Menschen so laut und so erschütternd weinen Hören. Es war ein Moment, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Viele von den Versammelten nahmen die Kreuze von der Brust, versteckten sie und warfen sie fort. Es gab Frauen, die ihre Ringe weinend fortschleuüerten und Männer, die in ihren Taschen nach dem Zeichen dem aufgezwungenen Glaubens suchten, um sie zu vernichten. Schma I israel! Einmal passierte es mir, daß ich alleine im Eisenbahnwaggon saß, Zeitungen lesend, die ich gerade an jenem Tage von Saloniki bekommen hatte. Plötzlich hörte ich, wie jemand auf dem Bahnsteig laut „Schma Jisrael!" rief und gleich darauf in mein Abteil stürzte. Es stellte sich heraus, daß das ein junger Mann war, der mich irgendwo hatte sprechen hören und nun seiner Freude darüber, mich wiederzusehen, nicht anders als mit dem Schrei „Schma Jisrael!" Ausdruck zu geben vermochte. Es war das einzige, was .er überhaupt vom Judentum wußte. Er ist dann mit mir gefahren und hat sich in glühendem Eifer sorgfältig alles ausgeschrieben, was ich ihm von der jüdischen Tradition erzählte. Heute ist der Fünfundzwanzigjährige schon einer der Führer und eifrigsten Werber der Rückkehrbewegung. Schulantisemitismus. Natürlich muß es auch, sobald es schon etwas Aehnliches wie Juden in Portugal gibt, einen Schulantisemitismus geben. In Eurio erzählte mir der Industrielle Francisko Moran. daß man sein Kind in der Schule „Hund" schimpfe, weil es nicht getauft fei und „hündische", das heißt marannifche Eltern habe. Der Jungs selbst aber hat mir, als ich ihn danach fragte, die folgenden bezeichnenden Worte gesagt: „Ich weiß sicher, daß die Jungens in der Schule mich nur beneiden wegen der neuen geistigen Lehre, die wir bekommen sollen;' aus keinem anderen Grunde prügeln und schimpfen sie mich." Jofsele Rosenblatt In Palästina, wo er sich als Tourist einige Wochen aufhielt und mit seiner unvergleichlichen Ehasonuskunst Triumphe feierte, e r l a g Josfele Rosenblatt am Montag, den 19. Juni einem Herzschlag. Zu sehr hatte sich der begnadete Sänger des Herrn, der nicht allein mit der Kehle, sondern mit dem Herzen arbeitete, um Herzen in Freude und Sehnsucht, in Jubel und Inbrunst zu G'tt zu entführen, ausgegeben, als daß es für ein' hohes Alter gereicht hätte. Mit 51 Jahren hatte er ausgesungen — im Lande seiner Sehnsucht, das er noch sehen durfte, dessen Menschen er noch Einmal mit seinem Gesänge erfreuen durfte. Nicht minder interessant und beachtenswert als der Chafan ist der Mensch Rosenülatt. seine Geschichte und der Weg, den er als Jude und Künstler gegangen ist. Einer frommen chasstdischen Familie in Rußland ent-- stammend, kam er mit seinem Vater, einem armen Wan-