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Der Israelit · 1933-06-29 · Heft 26 (29.6.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 26 (29.6.1933)
Date
1933-06-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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MSN Licht aus dem Westen. Erzählung aus -er Zeit -er Shettodämmerung. (Fortsetzung.) Eingeweihte brachten die unbestimmte Voraussage -es 'Rabbi mit einer Lektüre in Zusammenhang, die ihm in den letzten Tagen aus Deutschland zugegegangen war. Tin deutsches Büchlein, in deutschen Lettern sogar, ganz eigenartige Responsen, neunzehn an der Zahl, von einem Naphtali _ an seinen Freund Benjamin geschrieben, herausgegeben von einem Ben Ustel. Cr kannte nur einen Ben Ustel, jenen Jonathan, der sein midraschisches Targum geschrieben hatte. Das Ganze mutete ihn so fremd an, daß er gar nicht wusste, wie stch dieses „deutsche Buch" auf seinen mit Folianten bis zum Brechen belegten Arbeitstisch verirrt hatte. Aber ein hebräisches Zitat aus dem Talmud auf dem Titelblatte sprach ihn an; als streckte sich ihm aus den Kolonnen der deutschen Worte eine jüdische Hand zum alten, guten Schaloingruße entgegen. Und die deutschen Freunde beschworen ihn, einen Blick ins Traktätchen zu werfen, es sei Geist vom jüdischen Geiste, von seinem eigenen Geiste. Uebrigens, verrieten sie, sei dieser' Ben Ustel ein junger Rabbiner in Oldenburg, von dem sich die Altfrommen in Deutschland viel versprächen Cr schreibe, wie jener große Ben Ustel, ö a s Targum seiner Zeit, wolle denen Geist und Gebot -er Thora nahebringen, die mit dem Inhalt auch das heilige Wort längst verloren haben. Etwas Größeres hätte der Verfasser vor: die Herausgabe eines umfassenden Compenöiums über Israel und seine Pflichten. Diese Briefe seien nur als Vorarbeit, als Vorfrage gedacht. Der Rabbi, baten die Freunde, möge doch ernstlich erwägen, ob nicht im jungen Rabbiner von Oldenburg — Samson Hirsch nannte er sich — den Treugebliebenen allenthalben in ihrem Kampfe um die Thora und gegen ihre Verächter ein wertvoller Verbündeter entstehen könnte. In der Stunde zwischen Tag und Nacht, da der Lehr- und Lernbetrieb ruhte, nahm sich Rabbi Mosche, nicht ohne inneres Widerstreben, die Schrift vor. Aber die kleinen, krausen, fremden Zeichen führten im Dämmerlichte des Vorabends einen wilden sinnlosen Tanz vor seinen alten Augen auf. Sprache und Stil waren so ganz anders als das Deutsch seiner Heimat in der Gasse, wo Rabbi Nosson sein Lehrhaus hatte und sein Vater notden heiligen Pergamenten saß. Wusste man auch „Deutsch" lernen? . . . Tin deutschkundiger Bachur aus dem Burgenlande mußte nachhelfen. Rabbi Mosche horchte auf. „Langsam, Salman,' noch einmal, das müssen wir noch einmal durchlernen." Was sagt da Benjamin von der Glückseligkeit? Ihm bietet die jüdische Religion nicht die Glückseligkeit, die Freiheit und die Freude, wie man sie von der Religion erwarten müsste? Armer Benjamin! Cr, Rabbi Moschest hätte ihm keine achtzehn Briefe geschrieben, sondern ihn in die Ieschiwahstnbe gebracht, ins Bethaus am Tage der Ruhe und Freude, an einen jüdischen 'Fümilie'ntisch am Freitagabend und gesagt: „Hier, Benjamin, lerne das wahre Glück und die wahre Freude kennen . . . wie heißt es doch im Talmud: ^„Begegnet dir der Verführer — oder verführte — ziehe ihn mit ins Lehrhaus . . Zum Glück gab es in seinem Kreise, unter den Hunderten seiner Jünger, und gar unter den schlichten-Menschen in den Gemeinden feiner geistigen Herrschaft, keine Benjamins; denen man auf solche Fragen und Zweifel Rede und Antwort zu stehen hatte, was da in den Briefen ausgesprochen, auseinandergesetzt und bewiesen wurde, — man fühlte es hier und tat . es ohne Worte und Grübeleien als etwas Selbstverständliches. Line Belehrung und ein Appell Naphtalis, dachte Rabbi Mosche weiter, hätte hierzulande sogar seine Gefahr, hätte die wenigen, die weitweg außer Hörweite für Belehrungen, abgerückt waren, nicht erreicht, dafür aber bei anderen Zweifel und Fragen erst ins Bewußtsein gerufen, die zu bannen, Naphtalis Flickwort am Ende nicht mehr ausgereicht hätte, wer philosophierte hier über G'tt, Welt und Mensch, Israels Geschichte and Ausgabe? wer brauchte hier eine Definition von „Iiroh" und „Cmunoh?" Man hatte die Cmunoh und betätigte die Iiroh und sah nckt Abscheu, Befremden, auch etwas Mitleid auf die kleine Schar derer herab, die sie nicht mehr hatten und nicht mehr betätigten, wer zweifelte hier daran, daß „in der Wüstenei Iisroel ohne Land und Boden ein Volk geworden war, ein Körper, dessen Seele die Thora war, dem Boden und Segen und Staatseinrichtung nie als Ziel, sondern nur als Mittel zur Erfüllung der Thora sein können?" Jedes Kind hatte in der Schule Chuncksch gelernt und wußte, daß Iisroels Bestimmung H e i l i g h a l t u n g seines Lebens war. waren sie dort in seinem Deutschland schon so weit, daß man mit ihnen ganz vorne, sozusagen mit Olef Beth beginnen musste? Aber eines zog chn dann mächtig an, und er fing an, indem Salman, der Bachur, ihm die gewundenen langen deutschen Sätze langsam vorlas, es in seine eigene rabbinische Denkart zu übertragen: die Gliederung der T h orale h r e, daß sie, wie der Leuchter im Heiligtume, vom Mittellichtc her, das G'tt selbst entzündet, in sechs F l a m men nach allen Seiten ausstrahlte: Thoroth, Mischpotim, Chukim, Mizwoch, Cdoth und Abodah., Originell, neu im Wort, aber altvertraut im Gedanken, war auch die Beschreibung, die Grenzabsteckung eines jeden Bezirkes im Reiche der Lehre. Diese fünf Kapitel der Schrift mußten wirklich gelernt werden. Cr hätte vielleicht mancherlei dafür und dagegen zu sagen. Aber schon die. haarscharfe Teilung und Abgrenzung schmeichelte seinem Ordnungssinn gar sehr und nahm ihn von vornherein für den jungen Rabbiner in Oldenburg ein. Cs war das gute Recht des jungen Gelehrten, über gewisse Dinge anders zu denken und zu sprechen, es war feine Sache, in der Emanzipation „eine Morgenröte wiedererwächenden Menschtums in der Menschheit" zu begrüßen. Cr, Rabbi Mosche, dachte darüber anders, er sprach von dem verbannten Prinzen, der den Palast in der Verbannung nicht haben mag.. Aber solange der junge Rabbiner? in der Emanzipation nur einen w e g, nicht aber ein Ziel, nicht das Cnde der jüdi-- schen Aufgabe, sondern den A n f a n g einer u e u e n A u fgabe, einer neuen Prüfung und. einer noch viel schwereren, sah, wusste er sich mit ihm im Ganzen auch darin einig. Gewiß, als „eine Erleichterung und Vermehrung der Mittel für Israel, den Namen G'ttes unter den Völkern zu heiligen," wollte auch er, Rabbi Mosche, die neue Freiheit segnen, wird stch aber das neue Israel im Palaste der Freiheit d i e Sehnsucht und öen Schmerz und die Kraft wie in der Hütte der Verbannung erhalten können? Die ersten Pioniere der neuen Aufgabe, auf die der warme grelle Strghl der jungen Sonne fiel, bestanden die Prüfung n i ch t. ./ „Das -alles ist aber eigentlich nicht für uns," entschied Rabbi'Mosche, „wir wollen die Benjamins nicht rufest, solange sie, G'tt sei es gedankt, nicht von selbst zu uns stürmen. Ich wünschte nicht die Verbreitung dieser Schriften auf den Ieschiwoth und in den Gemeinden. Aber den jungen Menschen auf der anderen Seite dort in Deutschland, vereinzelt auch bei uns, die gern deutsch lesen und sich mit Philosophie abgeben, sollte man diese Schriften in die Hand geben. Und wäre es äüch nur, daß sie, die man aus der Cmunah hinausphilophiert hat, einsehen, daß man sich ebensogut auch in den Glauben hineinphilosophieren kann . . ." „Aber cs ist ja alles Deutsch, Deutsch," wandte der Bachur ein. Und er wollte damit sagen: Der Rabbi, der Mendelssohn verwirft, nur weil er deutsch geschrieben, der „Handweg von der deutschen Bibel!" ruft, der, selber ein Deutscher, nicht duldet, das; in den jüdischen Schulen in deutscher Sprache unterrichtet wird, er wollte jetzt deutsche Lehrbücher, deutschen Mussar für irgendjemand empfehlen? Rabbi Mosche verstand und erklärte: „Cs ist immer die Frage, wer zu wem kommt? Steigt der heilige Text zu „Deutsch" herab, da sage ich n e i 11. wenn sich aber umgekehrt das „Deutsch" — er meinte das Profane schlechthin — zum heiligen Texte findet und zum jüdischen Gedanken, zu G'tt und zur Cmunah emporsteigt, warum sollten wir das nicht für diejenigen, die cs nötig haben, begrüßen? Die Wege G'ttes sind wundersam, er schlägt und heilt mit der gleichen Hand, hat ein Heiligtum durch Feuer verzehrt, und wird ein neues Heiligtum aus dem gleichen Feuer erstehen lassen. Deutsch war die Ouellc und der Ausgangspunkt aller Abkehr und allen Abfalles, warum sollte die Wendung und die geistige Rettung nicht aus -er gleichen Ouelle kommen, aus Deutschland und dem Deutschen?" „Aber nicht für uns und unsere Jugend," betonte -er Rabbi noch einmal. „Diese hat noch, G'tt sei Dank, den Talmuds /den Rambam, und, wenn sie durchaus Moralphilosophie will, den Cusari und den „Chowoth Halwawoth," sie kann Mussar in anderen Sprachen entbehren. Aber jener Jugend, die durch die moderne Schule gegangen ist, können diese Schriften ein weg werden . . ." „Cr, der Mann des flammenden Wortes, sollte Kampfgenossean der Seite des Rabbi werden," rieten die deutschen Freunde. „Mitkämpfer auf anderer Front," bestätigte Rabbi -Mosche. „Cs gibt Arbeit für uns alle. Wir hier hüten die Burg G'ttes, befestigen sie und bauen, Andere, — und dazu gehört jener junge Rabbiner, — der Sprache und der Taktik des Gegners kundig, fallen aus, wagen stch vor bis tief in die Reihen der Feinde, reden mit ihnen in ihrer Sprache und machen Gefangene . . ." Trotzdem konnte sich Rabbi Mosche nicht entschließen, nach -er Bitte -er deutschen Freunde dem jungen Oldenburger Rabbiner direkt oder in der Form einer Approbation ein Wort der Zustimmung und Ermutigung zu geben oder eine Aufforderung als Mitkämpfer an ihn zu richten, „was dort Glück und Heil bedeutet," schrieb er an -ie Freunde, „könnte für uns zum Fluche ausschlagen, und es soll nicht heißen, -er Preßburger Raw spräche mit zweierlei Herzen, mit zweierlei Zungen und empfehle dort, was er hier verbiete." wenn jetzt Chatam Gofer auf die besorgten Anfragen aus Deutschland vom Erretter sprach, der aus Deutschland für Deutschland erstehen werde, wollte er vielleicht damit nur eine unbestimmte Hoffnung zum Ausdruck bringen. Für die in Deutschland war aber diese Verheißung schon mit einem ganz bestimmten Namen eng verknüpft. Naftali sprach an -ie neue Jugend, und mancher. Benjamin horchte auf! . . . . XXX. Das kostbare Holz. Mit zunehmendem Alter wandte sich Rabbi Mosche mit doppelter Kraft dem H e i l i g e n Lande, wie der Wiege und Wurzel seines Lebens, zu. In jüngeren Jahren träumte ec oft davon, dahin zu pilgern und gleich Rabbi Mosche Nachmaniöes, Rabbenu Obaöja und dem großen Rabbi Jesajas Hurwitz die heiligen Steine mit seinen Tränen zu befeuchten, wie er aber im Steigen hineinwuchs in die Führung, in den Kampf und in -ie Weltgeltung, wußte er: Sein platz war hier, auf Außenposten, Schüler zu stellen, Lehre zu verbreiten, der Freunde Hand zu führen., und zu stärken im Ringen um den reinen Glauben und die überlieferte Lehre, -ie anzugreifen und ans den Angeln zu heben, immer neue Kampfesfcharen anstürncken.

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