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Der Israelit · 1933-06-29 · Heft 26 (29.6.1933) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 26 (29.6.1933)
Date
1933-06-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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29. Juni 1933 Der Israelit Nr. 26 Seite 11 derchafan, im Alter von acht Jahren nach Sadagora, denn die Familie zählte — wie auch er selbst — zum Kreise der Sadagorer Chassidim. Dort wurden die phänomenalen Gaben des Kindes auf dem Gebiete der Gesangskunst erkannt. Der Knabe verschönte und belebte mit seinem herrlichen Gesänge die Tafel des Rabbi und fand die höchste Bewunderung der Chassidimgäste. die damals aus allen Gauen nach Sadagora zum großen Rabbi Friedmann pilgerten. Dabei lernte der Junge fleißig und wurde in den Wegen der jüdischen Lehre und älter Frömmigkeit erzogen. So wurde er von dem Schicksal des Wunderkindertums bewahrt. Der Not gehorchend, fuhr Vater Rosenblatt, auf Anraten des Rabbi, in die Provinz hinaus, um mit seinem Jungen in fremden Synagogen oorzubeten. In desen Gastg'ttesdiensten war das Solo des kleinen Jossele vorherrschend und er eroberte aller Herzen. So ernährte er schon als Kind buchstäblich mit der ihm von G'tt vreliehenen Kunst, dis er zum Preise G'ttes verwendete, die ganze Familie. In Munkacz wurde er später, ein Siebzehnjähriger, festgehalten und von der Gemeinde als Chasan angest'ellt, von wo er ein Jahr später, achtzehnjährig und schon verheiratet, als Oberkantor nach Preßburg kam. In Preßburg, wo er fünf Jahre wirkte, erwarb er sich den ersten großen Ruhm, denn seine Stimme war inzwischen zu einem unvergleichlich schönen lyrischen Tenor ausgereift. 1906 kam Rosenblatt im Alter von 23 Jahren, ein Chasan von Ruf, hochgeachtet auch als Jude von jüdischem Wissen und inniger Frömmigkeit, nach Hamburg. Die Hamburger Wirkungszeit Rosenblatts ist in Deutschland weit über Hamburg hinaus in guter Erinnerung. Hier hatte er die Gelegenheit, aus dem Wege gründlicher Ausbil- Lotzele Rosenvlan ^rsidüng den phänomenalen Naturgaben vollendete Technik zuzugesellen. So kam er nach sechsjähriger Tätigkeit in Hamburg als Chasan vom ersten Rufe im Jahre 1912 nach Amerika, wo er gleich mit großem Jubel empfangen wurde und eine Anstellung als erster Kantor an der damals größten orthodoxen Synagoge deutschungarischer Observanz in Nswyork, „Ohew-Zsüsk", — in der Rabb. Dr. Philipp Klein ein langes Menschenalter als Rabbiner wirkte —, erhielt. In dieser Stellung verblieb er, indes sein Ruhm von Tag zu Tag wuchs, bis zum letzten Jahre, da er eine Stelle in der inzwischen zur noch größeren Bedeutung angewachsenen orthodoxen Schul der vereinigten nso »m unter günstigeren Bedingungen annahm. Vielleicht entsprach auch der sefardische Ritus und die sefardische Einstellung 'dieser großen Synagoge mehr der Erziehung und dem chassidischen Temperamente Rosenblatts. In Amerika eignete sich Rosenblatt noch mancherlei Kenntnisse an und brachte die technische Ausbildung zur Vervollkommnung. Er sang mit gleicher Meisterschaft englisch, italienisch, französisch. Besonders sein italienischer Gesang fand von der amerikanischen Kritik rückhaltlose, oft überschwengliche Anerkennung. Er sang in den letzten Jahren wiederholt neben jüdischen auch nichtjüdische Konzerte auf großen Bühnen und machte Tournees durch Europa. Dieses mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe. Es widerstrebte ihm, die heiligen Gebete des jüdischen G'ttesdienstes vor Ohren, die fis nur als Kunst hören und bewerten, vorzutragen. Er sang in den Konzertsälen nur einige wenige hebräische Stücke, aus der Peripherie des Gebetbuches, in der Hauptsache aber profane Lieder, jüdisch-deutsche Volkslieder und italienische Arien, mit denen er das Publikum geradezu faszinierte. Nie hat man Rosenblatt anders aus der Bühne gesehen, als mit breitem Käppchen, das den ganzen Charakterkopf bedeckte, nie anders als im langen Barte, der noch fast die Urform der chassidischen Heimat aufwies. Nie hat Rosenblatt am Freitag abend und Feiertagen in Konzerten gesungen. Als er in N e w y o r k und L o n d o n in der Großen Oper bei ausverkauftem Hause sang, teilten die Plakate mit großen Lettern mit: „Heute, am Freitag abend fällt das Konzert wegen des Sabbats, den der Künstler in Ruhe und Weihe heiligt, aus." Ein Kiddusch Haschern UN den Plakatsäulen, sagten die Juden im Osten von Rewyork und London, und Hutten nicht ganz Unrecht. Ein Faktum, das uns den Charakter des Sängers im schönsten Lichte zeigt, wird uns verbürgt und mit Akten belegt. Ein großer Sprechfilm in Amerika wollte Bild und Gesang Rosenblatts in einem festhalten und zeigen und bot ihm ein Honorar von 100 000 Dollar an, wenn er sich entschlösse, in .Scrrgenes und Tallis Kol Nidre zu singen. Er lehnte glatt und leichten Herzens das glänzende Angebot ab. Er profaniere nicht, erklärte er. das Kol Nidre-Geüet vor dem Filmpublikum, zumal in den Gewändern, die ihm ein Symbol der Weihe und seiner heiligen Sendung waren. Jossel Rosenblatt erfreute sich eines glücklichen Familienlebens. Aus der Ehe, die er mit achtzehn Jahren einging, sind acht Kinder hervorgegangen. Der älteste Sohn hat auf ungarischen Jeschiwaus gelernt, seine Studien in Amerika vollendet und wirkt jetzt als Rabbiner in Baltimore. Im Juni 1928 hatten wir auch in Frankfurt Gelegenheit, die Chasonuskunst Rosenblatts zu bewundern. Roch am vfov nav ritz er in der großen Schul von Tel-Awiw mit seinen Gesängen die Beter hin. Am Montag hatte er zum Abschiede — er wollte die Heimreise antreten — noch einmal die Heilige Mauer und das Rahelgrab besucht, fuhr an den Jordan hinaus, um dort ein Bad zu nehmen, und verschied gleich darauf plötzlich in den Armen seiner Freunde. Erez Jisroel, wohin er später sein Domizil verlegen wollte, gab ihn nicht mehr frei. Er wird vom „Har Hasessim" aus nvi' fein für feine Betergemeinde, die sich auf das ganze Erdenrund erstreckt. -rrasjn Ainderecke. k Me kommt man nach Erez-Israel? (Die Geschichte einer Reise.) Me man nach Erez Israel kommt, weiß heute jedes Kind. Man muß nur feinen paß in (Ordnung haben und nicht vergessen, das nötige Kleingeld in seinen Beute! zu tun. Dann fährt man in etwa vier-- undzwanzig Stunden im D-Zug nach Triest oder Genua in Italien, geht dort, sagen wir, am Mittwoch mittag um ein Uhr aufs Schiff und wacht Montag in aller Frühe, nach angenehmer schöner Fahrt durch Golf und Kanal, an Inseln und Städten vorbei, in Palästina auf. So leicht hatte man es früher nicht. Die ersten jüdischen Reisenden, die sich von all den Stürmen, Mühen und Leiden der Reise nicht abhalten ließen, ins Heilige Land zu pilgern, brauchten oft lange Jahre, bis sie das Ziel ihrer Sehnsucht erreichten. Un.d wie viele fanden ihr Grab auf Hem Wege, ohne -das gelobte Land zu betreten?' Etwas bester ging cs R a b b e n u (O b a d j a aus B a r t e n o r a. von diesem -Lehrer haben die Jungen alle schon gehört, die einmal Mischna gelernt haben. Sein Raine als großer Erklärer ist mit Her Mischna so eng verbunden, wie der von R a s ch i mit der Gemoro. Ihr wißt auch wohl, daß Rabbenu (Obadja schon in jungen Jahren dem Drange seines Herzens folgte und die große gewaltige Reise von Italien nach Palästina unternahm. Er batte mehr Glück als viele vor und nach ihm. Immerhin brauchte auch er beinahe anderthalb Jahre für die Reise, und was er da alles erlebt und erlitten hat, schildert er ganz genau ineinem Briese an seinen geliebten Vater. Er hatte nämlich lange in seinem Innern zwischen der Liebe zum Vater, -den er auf feine' alten Tage nicht verlassen wollte, und der Liebe zum Heiligen Lande, .wohin es ihn mit allen fasern seiner Seele zog, schwer ZU kämpfen. Endlich hatte doch bei ihm die Liebe zu Erez Israel gesiegt, und im besagten Briefe bittet er den Vater immer und immer wieder um Verzeihung, daß er seine Kiuöespfiicht verletzt und ihn allein gelassen hätte. Von den Schilderungen seiner Erlebnisse auf Her Reise seien hier einige wiedergegeben. Am 10. Teweth 5247 (1487) verließ Rabbi Gbaöja die Heimat. In R e a p e l ging er zu Schiff und erreichte nach fünftägiger Reise, (viereinhalb Tage braucht man beute von Triest bis Jaffa) p a - l c r m o , die Hauptstadt von Sizilien. Rabbi Dbadja erzählt in seinem Briese, daß er in Palermo $50 jüdische Familien vorfand, die, in einem Ghetto eingepfercht, in Druck und Armut lebten. Sie mußten viele Zwangsarbeiten verrichten und sich mit einem Zeichen auf ihren Kleidern als Juden kenntlich machen. Aber sie hüteten die Gesetze und besaßen eine herrliche Svnagoge. Der Schmuck der Thorarollen allein war 4000 Golddnkatcn wert. Heber drei Monate blieb der Reisende in Palermo. Die Gemeinde hielt ihn dort fest, um jeden Sabbat sein belehrendes Wort zu vernehmen. „Viele," schreibt er, „haben sich durch mein Wort wieder auf den rechten Wog bringen lasten, und ich glaube nicht, noch jemals unter Menschen leben zu dürfen, die mich so ehren und achten werden, wie in Palermo." Aber es hielt ihn doch nicht länger in der Stadt. Rach den Feiertagen bestieg er ein französisches Schiff, das über Palermo nach Alexandrien in Äegspten segelte. Auf diesem Schiff traf Rabbi Vbadja zu seiner größten Freude seinen Freund Rabbi M e f chu! a m von Waltara (einen bekannten Gelehrten), mit dem er nun die Reise fortsctzte. In Messina legte das Schiff an und hielt vierzehn Tage lang. Rabbenu (Vbadja benutzte die Gelegenheit, sich mit den Juden von Messina und ihrer Lage vertraut zu machen. Dort gingen noch elf Juden au Bord. So konnte sie, dreizehn an der Zahl, die Reise fortsetzen und auf dem Schiff eine kleine Gemeinde mit G'ttesdienst und Lehrverträgen unterhalten. Auf dem Wege, vor den griechischen Inseln, zwangen fürchterliche Stürme das Schiff, mehrere Tage am Ufer zu halten. Einmal wurde es voin Winde achtzig Meilen zurückgeworfen. Endlich rasteten sie vor der'Insel Rhodos, wo sie von der dortigen Gemeinde mit großen Ehren ausgenommen wurden. Sechs Wochen mußten sic in Rhodos bleiben, und zwar infolge der Kriegsplänkeleicn zwischen dem Sultan von Aegypten und dem der Türkei. Da der Schiffskapitän als türkenfreundlich galt, stand zu befürchten, daß die Behörden von Alexandrien das Schiff konfiszieren könnten. Endlich setzte sich das Schiff in Bewegung und hielt nach sechs Tagen vor Alexandrien, aber der Kapitän wagte nicht, in den Hafen einzufahren und führte Verhandlungen mit dem Sultan von Kairo. Als am Freitag ein kleines Boot mit Mehl abgelasten wurde, giitgen einige Inden, unter ihnen auch Rabbi (Obadja, mit aufs Boot, in der Hoffnung, zu Sabbat in Alexandrien zu fein. Der Emir von Alexandrien ließ aber auch das Boot nicht aus Land. So blieben sie mehrere bange Tage in einem kleinen Boote, zwischen Schiff und Ufer, dein Spiele von Wind und Wellen ausgesetzt. Hunger und Durst traten ein. Ein furchtbarer Sturm bedrohte das kleine Brettergestell, so daß sic die Hoffnung auf Rettung schon ganz aufgaben. Als sich nachts der Sturm ein wenig legte, ruderten sie, ohne weiter zu fragen, ans Rfer, stiegen an Land und gingen noch achtzehn Meilen zu Fuß, bis sie, müde und zerbrochen, in A l e x a n d r i e n anlangten. ' Rabbi Gbadja beschreibt das Leben und die Gepflogenheiten, besonders auch die religiösen Gebräuche der Juden in Aegypten. Wir sehen ihn Hann auf dem Rücken eines Kamels auf dem Wege nach Kairo. Das Kamel läßt sich Zeit, es braucht für diese Strecke volle zehn Tage. Rabbi Vbadja erzählt von Hcn ü a r a i t c n (Bibeljuden), S et m aritaner n und Marannen (Geheimjnden, die äußerlich die Taufe genommen hatten), die er in Kairo angetroffen hat. Am 20.* Adar 5248 (1488) begaben sic sich von Kairo aus mit einer Karawane auf den weg nach Palästina. Der Weg führte durch Hie Wüste und ging glatt vonstatten, aber er dauerte gut z w e i W o ch c n. Erst am 7. Ristan betraten sie hinter Azah den Boden von Erez Israel. von dort geht dann der Weg nach Hebron zu den Gräbern der Väter und nach Letblehe m zum Rahelgrab. Ilm R ü st e t a g e z u m P e f f a ch - feste zog Rabbenu Obadja in Jerusalem ein. Der erste Brief schließt mit Worten der Liebe und der Sehnsucht nach der Heimat und dem Vater, die nur gestillt wird durch das beglückende Bewußtsein, im Lande G'ttes und der Väter zu weilen.

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