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Der Israelit · 1933-06-29 · Heft 26 (29.6.1933) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 26 (29.6.1933)
Date
1933-06-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 26 Der Israelit 29. Juni 1933- Weiterhin muß aber eine überstürzte Auswanderung aus Deutschland verhütet werden. Aufgabe der Hicem wird es fein, den schweren Weg der Auswandernden in günstigere Bahnen zu lenken. Zur Frage der Hilferufe einzelner deutscher Organisationen an den S. I. G. bedauerte der Redner in Uebereinstimmung der Pariser Organisation, diese Einzelfürsorge ablehnen zu müssen, da weder tatsächliche Hilfe gebracht, noch ihre Notwendigkeit' von hier aus geprüft werden könne. Die Agudo-Pletition wegen der Anerkennung der palästinensischen Orthodoxie vor dem Völkerbund. Genf, 23. Juni. Wie bekannt, hat die in der Herbstsession der Mandatkommission des Völkerbundes stattgehabte ausführliche Debatte über di Frage der öffentlich-rechtlichen Anerkennung einer selbständigen orthodoxen Organisation im heiligen Lande neben der „Kneses Israel" damit geendet, daß die Mandatkommission zwei formulierte Fragen zu diesem Gegenstand an die Mandatarmacht richtete, um deren Beantwortung ersucht wird. Es war von vornherein anzunehmen, daß die Beantwortung dieser Fragen seitens der englischen Regierung erst nach eingehender Prüfung und infolgedessen nach geraumer Zeit erfolgen werde. In der Tat liegt die Antwort der britischen Negierung auf die beiden Fragen der Mandatkommision noch nicht vor, so daß eine Weiterbehandlung der Agudo-Petition und die Entscheidung darüber erst in der nächsten Session der Mandatkommission erfolgen kann. Trotzdem hatten sowohl die „Kneses Israel" als die „Agudas Israel" zur dieswöchentlichen Tagung der Mandatkommission Vertreter nach Genf entsandt, um die Mitglieder der Mandatkommission über den Standpunkt der beiden Parteien noch weiter aufzuklären. Die „Kneses Israel" war vertreten durch Oberrabbiner U s i e l von Tel-Awiw und Dr. M o s s i n s o h n, die „Agudas Jisroel" durch Rabbi Mosche Blau aus Jerusalem und Generalkonsul Sally Guggenheim aus Basel. Beide Deegationen hatten eingehende Rücksprachen mit den Mitgliedern der Mandatkommission, insbesondere dem Berichterstatter Dr. Ruppel. Die offizielle Weiterbehandlung wurde dann bis zur nächsten Session vertagt. England. Tine londoner Kundgebung. London, 28. Juni. In der Londoner Queens hall fand am Dienstag abend eine von vielen Tausenden, zumeist Nichtjuden, besuchte Kundgebung zur I u d e n f r a g e in Deutschland unter dem Vorsitz von Lord Buckmaster statt. Hauptsprecher war der Erzbischof von Canterbury. Außerdem waren mehrere Parlamentsmitglieder, darunter Lord C e c i l, Sir Herbert Samuel. Lord R e a d i n g anwesend. Der Erzbischof von Eanterbury legte eine Entschließung vor, in der gegen die Lösung der Judenfrage in Deutschland protestiert, gleichzeitig aber betont wird, daß die Versammlung weder den Wunsch noch das Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen und die Aufrechterhaltung der freundlichen Beziehungen zwischen England und Deutschland wünsche. Der Erzbischof von Eanterbury trat für eine Gleichberechtigung Deutschlands in der Welt und eine Gleichberechtigung der Juden in Deutschland ein. Palästina. Bestattung -es Rantors Rofcnblatt in Palästina. Jerusalem, 21. Juni. An der Bestattung des in Jerusalem plötzlich verstorbenen bekannten Kantors Jossele Rosenblatt haben 6000 Personen teilgenommen. Die Grabreden hielten Oberrabbiner Kuck und Rabbi Teitelbaum, die kantoralen Funktionen wurden von den gegenwärtig in Palästina zu Besuch weilenden berühmten Kantoren Herrschman und Ro itman versehen. (Siehe Seite 11.) Um das Attentat von Dr. Arlosoroff. Tel-Awiw, 25. Juni. Ueber die Person des verhafteten Mörders, Abraham Stawsky, wird verlautbart, daß er aus Brest- Litowsk in Polen erst vor drei Monaten ins Land gekommen ist. Die Gruppe, mit der er ankam, wurde von der Landungsbehörde zurückgewiesen, und erst aus Intervention Dr. Arlosoroffs konnten einige ins Land kommen, unter diesen auch Stawsky. Er bewohnte mit Achimeir das gleiche Zimmer, wo er auch verhaftet wurde. Achimeir selbst, der bei der Haussuchung die Polizei beschimpfte, war mit verhaftet worben. Er wurde wegen Beleidigung und Widerstands gegen die Gewalt zu einer Geldstrafe von Lst. 1.— verurteilt und wieder in Freiheit gesetzt. In revisionistischen Kreisen wird immer noch an der Version festgehalten, daß Stawsky das Opfer einer Verwechslung oder ein kommunistischer Provokateur unter revisinoistischer Maske fei. Die Histadruth (Allgemeiner jüdischer Arbeiterverband Palästinas) hat eine Proklamation erlassen in der die Arbeiter aufgefordert werden, sich aller Gewalttaten gegen die Revisionisten zu enthalten. Unter den Behörden und hochZöstellten Persönlichkeiten, die der Witwe und der Organisation ihr Beileid ausdrückten, befanden sich auch der Hochkommissar Sir Arthur Wauchopeund der frühere Hochkommissar Sir Herbert Samuel. Biel bemerkt wurden Beileidsschreiben transjordanischer Scheichs. Nach dem zweiten Täter oder Mithelfer wird noch gefahndet. Es ist festgestellt, daß einer mit einer Taschenlaterne Dr. A. blendete, während der andere blitzschnell aus nächster Nähe den Schuß abgab. Dr. Arlosoroff war noch mehrere Stunden bei vollem Bewußtsein und unterhielt sich mit dem Bürgermeister von Tel- Awiw, D i z e n g o f f, der gleich zu seinem Freunde ins Hadassahspital geeilt war. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Täter keine Juden seien. Als unmittelbare Folge des Mordes wurde von der Palästina-Regierung in Jerusalem erneut ein Verbot des Waffentragens und von Ansammlungen in den Straßen erlassen. Personalien. Dr. Maurice Ascher zu seinem 60. Geburtstage am 24. Iuni 1933. Zürich, 22. Juni. Der bekannte Pädagoge Dr. M. Ascher vollendet sein 60. Lebensjahr. Er wurde in St. Inner geboren. Nach Absolvierung der Schulen in Corcelles urö) Neuchatel, zog sein Vater zu dem eigenen Zwecke nach Frankfurt a. M., um dem damals 14jährigen Sohne das Leben in einem jüdischen Milieu zu. ermöglichen. Dort in Frankfurt besuchte der junge Ascher die Hirsch-Realschule und kam in die kaufmännische Lehre. Der Wissensdrang des Lehrlings opponierte aber gegen die berufliche Beschäftigung: der Lehrling flüchtete aus dem Kontor in die Studierstube wissenschaftlicher Arbeit, er bereitete sich auf eigene Faust zum Abiturium vor, das er in Kürze und ohne Schwierigkeit bestand und ging nun zu dem Oberrabbiner Amram Hirsch nach Hamburg, dessen Lieblingsschüler er wurde. Die Schärfe seines Geistes und sein unermüdliches Streben machten ihn in verhältnismäßig kurzer Zeit zum Beherrscher von 12 Sprachen, die ihm den Posten eines Gesandtschaftsattaches bei der spanischen Gesandtschaft in Berlin eintrugen. Die schon erkannte Bedeutung des jungen Dr. Ascher wird am besten durch die Tatsache dokumentiert, daß der damalige Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha ihn, den selbstbewußten, nur streng rituell lebenden Juden, zum Erzieher seiner Söhne berief, welche Funktion er mehrere Jahre ausüüte. Im Verlauf dieser Erziehungstätigkeit machte Dr. Ascher mit seinen prinzlichen Zöglingen auch verschiedene Weltreisen, so u. a. nach Indien. Nach diesem schon in jungen Jahren an äußeren Geschehnissen und inneren Erlebnissen reichen Leben, gründete Dr. Ascher dann nach seiner Verheiratung 1905 sein berühmtes, zunächst in Neuchatel gelegenes und später 1925 'nach B e x verlegtes Erziehungsinstitut, in dem er mit großem Erfolg und stark nachhaltiger Wirkung die reichen Erfahrungen seines Lebens und den großen Schatz seines ungeheuren sowohl jüdischen wie universalen Wissens einer ständig wachsenden Zahl von Schülern vermittelte. Auch der Außenstehende, dem. die unmittelbare Berührung mit dieser faszinierenden Persönlichkeit nicht vergönnt ist, wird bei der Lektüre der mannigfachen Schriften dieses so ganz positiven Philosophen aus das Stärkste gefesselt. Wir wünschen Herrn Dr. Ascher ein weiteres tatkräftiges Wirken für die Mische Wissenschaft und zur Erziehung jüdischer Menschen, mv v'-wvi nun iv Professor Dr. Alfred Loewy 60 Jahre all. Freiburg, 25. Juni. Der bekannte Mathematiker Professor Dr. Alfred Lo ewy beging am 20. Juni seinen 6 0. Geburtstag. Geboren in Nawitsch. erregte Loewy schon als Schüler die, Bewunderung seiner Lehrer und machte in München mit 21 Jahren das Doktorexamen. 1897 habilitierte er sich in F r e i b u r g als Privatdozent für Mathematik, wurde 1902 zum ao. Professor ernannt und erhielt 1919 das Ordinarat. Eine große Anzahl wertvollster und bahnbrechender Arbeiten haben sein Ansehen im In- und Ausland begründet. Von ministerieller Seite wurde er bei wichtigen Fragen und Organisationen als Sachverständiger zu Rate gezogen. Als akademischer Lehrer ist Loewy durch außerordentliche Lebhaftigkeit des Vortrags ausgezeichnet und hat die Freude, daß er durch eine stattliche Anzahl von Doktorarbeiten, die seiner Anregung entsprungen sind, Schule gemacht hat, daß viele keiner Schüler schon selbst als anerkannte Forscher und Hochschuldozenten wirken. Loewy ist durch eine geradezu außergewöhnliche Reinheit des Charakters, durch große Herzensgüte, durch eine vielseitige und gründliche allgemeine Bildung und durch ein staunenswertes Gedächtnis ausgezeichnet. Zu Beginn des Krieges hat Loewy — körperlich für den Heeresdienst untauglich — sich sofort für den Unterricht in Mathematik an den höheren Schulen zur Verfügung gestellt und ein Jahr lang am Friedrichsgymnasium unterrichtet. Daneben war er im Ausschuß für Kriegssürsorge einer der treuesten und unermüdlichsten Mitarbeiter. Ein bewußter Jude, der mit Tat und Gesinnung im Thoraglauben wurzelt, erfreut er sich der höchsten Achtung und des Vertrauens der jüdischen Gemeinschaft. Am Dienstag, den 20. Juni, veranstaltete die Freiburger Mathematische Gesellschaft im großen Hörfaal des mathematischen Instituts eine Feier aus Anlaß des 60. Geburtstags von Prof. A. Loewy. Der Dekan der mathematischen Fakultät, Herr Prof. Dötzsch, feierte Loewy als Gelehrten und Forscher, als Lehrer und Menschen und gratulierte ihm, vor allem auch namens der Fakultät und des Rektors, sowie namens der Fachkollegen der beiden andern Landeshochschulen. Geh. Rat Seith sprach namens der Mathematischen Gesellschaft. Dann gratulierte Geh. Rat Pros. Heffter namens der Freunde und übergab eine durch die Heidelberger Akademie herausgebrachte Festschrift, die .8 wissenschaftliche Arbeiten von Freunden und Schülern des Jubilars enthält. Loewy dankte, wies die Ehrungen als zu weitgehend bescheiden ab und sprach launig wissenschaftlich über die vollkommene Zahl 60. Dann hielt ein Schüler Loewys, Prof. Kroll, Erlangen, den Festvortrag über ein Thema der Algebra, die ja ein Hauptarbeitsgebiet Loewys ist; das andere Hauptarbeitsgebiet, Versicherungsmathematik, hatte Prof. D ö tz s ch schon gestreift. Anschließend fand noch in der Wohnung des Jubilars eine gemütliche Nachfeier statt. -v-viny Dad Kifsingen, 21. Juni. Anfangs Mai verließ Herr Jsak L u b i n s k i feine Stelle als und Kultusbeamter in Schweinfurt, wo er 7 Jahre zur vollsten Zufriedenheit der dortigen Gemeinde amtierte. Herr Lubiuski, der als tüchtiger vnis und großer mm p bekannt ist, gehörte mit zu den Gründern des Bayerischen Schochtlmveroanües und war seit dieser Zeit Vorstandsmitglied des genannten Verbandes, für den er erfolgreich gearbeitet und sich durch seine Wissenschaftlichen Referate bei Verbandsversammlungen die Anerkennung und Hochschätzung weitester Kreise. besonders der Kollegen erworben hat. Sein Wegzug wird deshalb allgemein bedauert. Herr Rabb. Dr. Stein hat dies ganz besonders anläßlich einer Abschiedsrede hervorgehoben. Wir wünschen Herrn Lubinski von Herzen, daß es ihm gelingen möge, bald wieder eine Stelle zu finden, die feinen Fähigkeiten und seiner wahren Frömmigkeit entspricht. Wangen a. Anlersee, 27. Juni. Der in weitem Umkreis bekannte Max Alexander ist am 11. Juni nach schwerer Krankheit vor uns gegangen. Am 13. gab ihm eine große Trauergemeinde das letzte Geleite. Herr Bezirksrabbkner Dr. Chons, Konstanz, sprach im Trauerhaus Worte des Trostes und schilderte den Verstorbenen als echten religiösen Familienvater, der nur für das Gute zu haben war. Aus kleinen Anfängen hat er es durch Fleiß und Sparsamkeit zu Ansehen gebracht. Möge die große Beteiligung sowohl von Glaubensgenossen von Nah und Fern als auch von Andersgläubigen den Hinterbliebenen ein Trost in ihrem großen Schmerz seink Vermischtes. Frankfurt a, ITC., 26. Juni. Ein provisorisches Komitee erläßt einen Aufruf an alle amtierenden Schochtim. in dem es heißt: „Es ist beabsichtigt, ein Hilsswerk im Ausland für die Schochtim ins Leben zu rufen, und fordert das provisorische Komitee Schochtim auf, zwecks Feststellung ihrer Betätigung und ihrer gegenwärtigen materiellen Verhältnisse ihre genaue Adresse anzugeben. Es wird denselben alsdann ein Fragebogen zugehen, der genau auszufüllen ist. Die Angaben sind zu richten an das provisorische Komitee i. A. A. Goldberg. Frankt a. M., Hanauerlandstraße 36. Mannheim, 25. Juni. Die Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland hat die Tendenz der Auswanderung nach Palästina mächtig gefördert. Wenn es auch in erster Linie wirtschaftliche Gründe sind, die die meisten zur Auswanderung veranlassen, so dürfen doch die ideellen Momente, die. gerade Palästina zum Ziel der Auswanderung machen, nicht aus dem Auge gelassen werden, und einer der wichtigsten Gesichtspunkte ist hier, daß der Ausbau sich aus jüdisch-traditioneller Grundlage vollziehe: denn nur. wenn der Zusammenhang mit der historischen Ueberlieserung gewahrt wird, kann man hoffen, daß das jüdische Volk sich wieder verjüngt und seine geschichtlichen Aufgaben, die im Galuth so lange vernachlässigt wurden, von neuem kraftvoll in Angriff nimmt. Es ist deshalb der Wunsch schon lange rege geworden, daß diejenigen

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