Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1933)
- Date
- 1933-06-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr. 26 Seite 3 29. Jun; 1933 ___ land ist weit und wir haben unsere eigenen Sorgen?!" Völkerbund und Parlamente in Europa und Amerika werden in Bewegung gesetzt zugunsten der deutschen, Juden, wobei, — wir machen kein Hehl daraus — nicht immer die Liebe zu den Juden die treibende Kraft ist. Warum hat das Weltgewissen kein Wort für das gewaltige Heer der jüdischen Deklassierten in Rußland, za der H u n g e r a r m e e d e r jüdischen Kinder auf den Straßen von Woskau und Leningrad, von Winsk und Charkow, warum ist die Weltpresse stunnn und taub für die Rot der j ü d i s ch e n p a ß l o s e n , die matt in die weite Provinz adschiebt, damit sic irgendwo abseits verhungern, warum hat sie kein Wort für die Wenge derer, die in den Gefängnissen v e r - faulen, weil sie das „schwere verbrechen" begingen, einige Dollar von ihren verwandten in Amerika zur Stillung ihres Hungers bekommen zu haben? Lin Heer von Ädelsmeisschen, von Talmide Lhachomim, früher geistige (Elite unserer Gemeinschaft, verelendet, verhungert, geht zu Grunde, und die Welt schweigt, und auch wir Juden schweigen. vor einiger Zeit hörte man etwas von eittee großzügigen Aktion in paläftin a für die russischen Juden. Heute entnehmen wir palästinensischen Zeitungen, daß die ganze Sammelaktion in Jerusalem Lstr. SO.— erbracht hat. Die Arbeiten des Hilfskomitees für die russischen Juden wurden nach dein ersten Anlauf eingestellt, von dem Problem der deutschen Juden abgelöst. Warum? Wäre es nicht noch dringender und auch crfolgverheißender. -einen Teil von den Unglücklichsten der Unglücklichen, aus ihrer Uot zu befreien und in Palästina anzusiedeln? Gerade wir in Deutschland, die wir, ohne unser verschulden, es verursacht haben, daß die Augen der Welt von der furchtbaren Tragödie in Rußland abgelenkt wurden, gerade wir sind befugt, ja berufen, die Welt daran zu erinnern, daß die russische Iudennot durch das Hinzukommen der deutschen n i ch t ,,aufgehört, ja mächtig angestiegen ist, wie eine wilde Flut über die Wenschen hinbraust, verheerend und vernichtend. An alle jüdischen Instanzen in1 Europa und Amerika ergeht der dringende Ruf: R e h m e t d i e -H i l f s a rb e i t f ü r Rußlands Juden wieder auf; mit der Kraft und Energie, wie sie die derzeitige verzweifelte Lage erfordert. Wir in Deutschland werden nicht eifersüchtig fein, wir werden im Gegenteil, bei all der unsäglichen eigenen Rot, nach unserem schwachen Können sogar noch unser Scherflein dazu beitragou, eingedenk des ethischen Lehrsatzes im Talmud, der demjenigen die Hilfe G'ttes irr gesteigertem Ria sie verspricht, der in seiner eigenen Rollage der Andern gedenkt. -nb'nn mya rrin narr by y?sn»n Vd Vorsicht; Roch ganz kurz vor seinem tragischen Tode weilte Dr. A r l o s o r o f f in Deutschland und entwickelte in Berliner Beratungen einen großzügigen plan zur U n t e r b r i n g u tt q deutscher Kinder i n _p et 1 ä st i n ensis ch e n Schulen, insbesondere in den neueren Kwuzotb, wo sic für die Landwirtschaft erzogen werden sollen. Dr. Arlosoroff ist, wie seinerzeit Dr. de Haan, einem entsetzlichen Verbrechen zum Opfer gefallen. Darüber an anderer Stelle. Wir wollen hier objektiv von dem plane Arlosoroffs als feinem letzten Vermächtnis sprechen. Arlosorff war ein Raine, der auch in den Kreisen außerhalb des Zionismus, ja bis -in die der Gefetzestrenen, etwas bedeutete. Lediglich diese Tatsache hielt UNS davon ab, seinem plane, deutsche jüdische Kinder in kollektivistischen Riederlassungen Palästinas unterzubringen, a priori mit aller Schärfe entgegenzutreten. Aber was zu Lebzeiten des besonnenen Führers, der gewiß . lediglich das volkswirtschaftliche abseits -einer jeden geistigen Wifsion -im Auge hatte, noch diskutabel schien, wird jetzt, nach seinem Tode, da die Ausführung des planes in die Hände von Kultnrfanatikern der Kwuzoth gerät, zur f ch w er en Gefahr, über die die jüdische Öffentlichkeit nicht hinwegsehen darf. Wenn man dem „Doar Hajom", der zwar oft die Dinge durch feine revisionistische Brille sieht, aber im Ganzen über die Lage und Stimmung int Lande gut informiert ist, glauben darf, spürt der linke Flügel der zionistische n Arbeiterpartei bereits Oberwasser und scheut keine Wühe, die ganze Hilfsaktion für Deutschland seinen Zwecken und Bestrebungen dienstbar zu machen. Alan will den experimentierenden Kwuzoch dadurch aushelsen, daß man billiges Arbeitsmaterial aus Deutschland bezieht und dafür, angeblich für die Ausbildungskosten, noch große Bezüge aus dein Hilssfond erhält. W e i z - m a n n , der entscheidenden Einfluß aus die Hilfsaktion für Deutschland in Europa uitb Amerika hat, soll diesen Bestrebungen der Linkspartei sehr geneigt sein, für welche Annahme wir allerdings dem genannten Blatte die Verantwortung überlassen inüssen. Für UNS ist diese letztere Frage von sekundärer Bedeutung. Weit bedenklicher ist, daß man jüdische Kinder aus der deutschen Rot heraushoten will, um sie in den Erziehungsinstituten des Emek, wie in „Beth Alfa" und „En Eharod", einer viel größeren Rot zuzuführen, dem W o k o ch d e r Gottlosigkeit auszuliesern. Wir sind der Weinung, daß die Zionisten selbst es dem Andenken Arlosoroffs schuldig sind, dafür zu sorgen, daß sein Erbe sich nicht zu m Fluche auswirkt für junge jüdisch e S e e l e tt. In Deutschland aber wird man gerade jetzt, nach dem Tode des Iitititators und besonnenen Führers, zur größten Vorsicht mahnen müssen. Wer wird führen? Eine Zukunftsfrage für das Judentum Im Warschauer „-Jiddischen Togblatt" veröffentlicht der bekannte jüdische Publizist Gedalja Vublik einen Aussatz, dessen Gedankengänge wir hier, zum Teile in eigener Formulierung, wiedergeben. Cs ist klar, daß eine Diaspora irgend ein geistiges Zentrum haben muß» wohin alle zerstreuten Teile des Volkes ihre Augen richten, in dem die religiöse Autorität wohnt und von dem die geistige Direktive für alle Teile ausgeht. Das Zentrum ist eine Lebensfrage für das verstreute Volk. Liuzelleile können ihre Lebensfähigkeit wohl durch Verbindung miteinander behalten, aber die Verbindung kann nur aus einer gemeinsamen Linie, die von einem Zentralpunkte ausgeht, Zustandekommen. Damit erklärt es sich auch, daß das über alle Erdteile versprengte jüdische Volk zu jeder Zeit ein Zentrum besaßt von dem es die einigende Kraft bezog. Am Wittelpunkte des jüdischen Lebens fanden die divergierenden Interessen dbreit Ausgleich, die vielen Fragen ihre Beantwortung. Die Kinder wurden dahin geschickt, daß sie dort lernen und sich das Rüstzeug für die Führung in ihren Bezirken holen. Der Einfluß, der von diesen Zentren ausging, kannte keine Entfernungen noch Grenzschranken. Immer gab es irgendwo ein Samntelbecken des jüdischen Geistes, das als die Kraftquelle des jüdischen Volkes galt. Der Sitz der Führung wechselte, war einmal da, einmal dort, aber das führende Land gab es immer. Einmal war es Babylonien, ein anderes Wal Spanien, dann wiederum Deutschland und zuletzt polen und R u ß l a n d. Welchem Land wird in der Zukunft die Aufgabe zufallen, das jüdische Volk zu führen? Dr. A. R u p p i n beschäftigt sich in seinein letzten Werke mit dieser Zukunfts- und Lebensfrage des jüdischen Volkes. Kleine Länder mit geringer Indenzahl kommen für die Führung - nicht in Betracht. Richt etwa, daß geistige Führerschaft von der Zahl abhinge, aber die Summe der geistigen Kräfte des Volkes ist doch schließlich von der Zahl der jüdischen Seelen bedingt. In Babylonien, in Spanien, wie zuletzt auch in Polen war der führende -jüdische Geist doch in der stärksten jüdischen Bevölkerung geborgen. Wan wird auch heute nicht umhin können, bei -der Suche nach einer Residenz für die kulturelle Führung im Judentum nach einem Lande mit einer jüdischen Willionenbevölkerung Ausschau zu halten. Solche Länder sind heute: - Rußland,Polen und A m er i k a. Rußland scheidet von vornherein aus wohlbekannten Gründen aus, so bleiben denn nur p o - l e n und 21 m erik a. Polen hätte eigentlich die besten Chancen, wie früher wieder die Führung zu übernehmen. Zusammen mit Litauen, Lettland und Htmiänicn, die noch treu zur Tradition haltende Wasseit mit eigener jüdischer Sprache besitzen, wäre Polen für die Führung prädestiniert. Leider aber ist die ö k o tt o m i s dt e Lage dieser Länder so sehr im 'Argen, daß sie nicht fähig wären, aus eigener Kraft die kulturellen Werte zu schaffen, die als Wittel zur Führung unumgänglich notwendig sind. Zur Führuitg ist vor allem eine respeklheischende Selbständigkeit erforderlich, .die aber unter Druck und 2lrmut nicht zu erreichen ist. — ■— Es ist nicht zu leugnen, daß Ruppin mit der Bewertung der materiellen Basis für die geistige Führung recht hat. Schon die Wischnah prägt den Satz: „Wo kein Wehl, keine Thora!" Heute im materialistischen Zeitalter gilt das Wort doppelt und zehnfach. Aber ein wichtigeres hat dabei Ruppin übersehen: Keiner kann heute Voraussagen, wie sich das religiöse Leben der polnischen Iudenheit weiterentwickeln und welche Wege diese gehen wird. Die geistigen Reservoire des Ostjudcntttms sind ltoch lauge nicht aufgebraucht und noch versorgen sie das Judentum der ganzen Welt mit Kraft und Leben. 2lber das jüdische Polen zehrt am Erbe der Vergangenheit, zu dem wenig hinzukontmt. Es sind leider schwache Anssichtcn vorhanden, daß Wilna, Krakau und Lublin je die führende Rolle in der jüdischen Welt von anno dazumal wieder erreichen wird. So fällt der Blick unwillkürlich auf 2l nt e r i k a. Itt der Union lebt jetzt mehr als ein vierte! der gesanrten Iudenheit. Dort wurden die größten Gemeinden ausgebaut, die das Judentum seit dem Untergang seines Staates gesehen hat. Die ökonomischen Verhältnisse in 2lrnerika sind, bei aller Krisis, immer noch ungleich günstiger als in Oft- und Wittelcuropa. Die amerikanischen Juden haben auch manches gelernt und haben vor ihren osteuropäischen Glaubensbrüdern das westliche Organisationstalent voraus. Das jüdische Amerika kennt auch keine bewußte Asstinilation im europäischen Sinne, keiner schäint sich dort [eines Judentums. Ihr Solidaritätsgefübl mH den notleidenden Brüdern in der Welt haben sie durch großzügige Organisationen und 2lktionen reichlich bewiesen. Das alles sind nicht zu unterschätzende Oualitäten für die Führung. 2lllein Dr. Ruppin zweifelt dennoch an der' jüdischen Hegemonie aus amerikanischem Boden. Er erkennt die Wichtigkeit und Bedeutung des amcrikanischen Iudentuins an, glaubt aber nicht, daß 2lmerika für das Weltjudentum einmal das werden könnte, was ihm früher Spanien oder Polen war. Was die amerikanische Iudenheit vor der Assimilation bewahrt hat, das war der lebendige Fluß der E m igratis n. Ob sich Amerika nach 2lbfchluß der Emigration und nach dein Abgeschnittensein voit dett jüdischen Kraftquellen des Ostens noch sein Iudentum rein genug für die Führung erhalten würde, bleibt mehr als fraglich. Wischehen und Taufen nehmen dort zu. Wenn nach zwanzig Jahren die Wajorität der amerikanischen Juden die auf amerikanischem Boden geborenen stellen, hat schon das jüdische 2lmerika ein anderes Gestcht. Die amerikanische Schule erzieht sic zu guten Amerikanern, nicht zu guten Juden. Es fehlt dein amerikanischen Juden die Tiefe und die Wärme. So ist es zweifelhaft, ob das jüdische Amerika noch lange die führende Position, die es sich in der Zeit itach dem Weltkriege errungen hat, wird halten können. Wie von Dr. Ruppin, diesem großen palästinafreund und Witarbeiter an dem palästinaanfbau, wohl nicht anders zu erwarten ist, möchte er nun, nach dem 2lusscheiden Polens und Amerikas, einzig Palästina die Führung für das Judentum der Zukunft zuweisen. Er macht geltend, daß die Juden Ercz Israels sich von denen in Amerika und Osteuropa damit auszeichnen, daß sie ein starkes jüdisches Leben auf neuer Basts entwickeln. Er erwähnt dabei das Hebräischsprechen, die Uitiversität, die jüdischen Städte und Dörfer usw. Ruhten doch die 2lugen der Weltjudenheit mit Stolz auf Erez Israel! Bedenklich aber sei die relativ geringe jüdische Bevölkerungszahl in Palästina. Es komme dieses Land erst dann für die Führerschaft in Israel eritst-