Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1933)
- Date
- 1933-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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seite 2 Nr. 26 Der Israelit 29. Juni 1933 Zigarren AQ Wolf ^eil 4v Tel. Hansa 27930 religiöse Kultur betrafen, immer noch Geld und Sinn genug für die sogenannten „kulturellen" Bedürfnisse der Jugend, für ihre Passionen auf deni Gebiete von Sport und Spiel, Wau nar vielleicht nicht immer erbaut von den Heißspornen, die in ihrem Ueberfchwang der Organisation zu schaffen machten, aber man hatte unter dem Gesichtspunkte des ans/jn i,7N2" irasV ein verstehendes und wohlwollendes Lächeln für die „Teufelskerle", die, aus Bot und Druck kommend, sich nun auf dem freien Loden des eigenen Heimatlandes ein wenig austoben müßten. Daß ste all die religiösen und sittlichen Radikalismen aus dem Kampfe der Heimat mitbrachten und ganz ohne Rot ins Land verpflanzen wollten — man sab es nicht, oder nahm es nicht ernst. Bis ein Schuß knallt und ein Opfer sich in seinem Blute wälzt. Run schreit man hinterher nach einer „besseren Erziehung der Äugend", nun jammert man über die Gefahr und Schande, die aus jener die Gehirne verwirrenden Kopiers u ch t und der b o rn b a st i s ch e n Phraseologie über Land und Volk kommen. Auf einmal sieht man ein Menetekel an der Wand. W i r sahen und zeigten die Flammenschcift seit gut einem Viertels ahrhundcrt, zu einer Zeit, als eine Abstellung, eine Austrocknung der geistigen Sümpfe noch möglich und leicht war, heute fitzt das Uebel schon zu tief, als daß es durch einen oder ein paar Schüsse, zum Abträgen reif, bloßgelegt werden könnte. Man erfährt, daß dieser unselige Abraham Stawskv vor einigen Monaten von den Oinwanderungsbehörden zurückgewiesen wurde und erst a u f Intervention Arlosoroffs ins Land gelassen wurd e. Der Dank ließ nicht lange auf sich warten. Arlosoroff ist hierin für uns e i n 0 p m b o I f ü r den Zionismus schlechthin, der mit einer gewissen Jugend auf seiner rechten und linken Seite Rattern an der Brust nährt, die die Wohltaten mit ihrem Gifte quittieren. Das jofajanische '2 ivws öjti v&tu v'12 wird zum Schicksalswort nicht allein für Arlosoroff, sondern für die ganze Organisation, aus deren Volks- und Jugenderziehung solche Menschen und solche Erscheinungen ihr erwachsen. Wenn die „Jüdische Rundschau" heute selbst erkennt und es ausspricht, daß „eine best i m tu t e A r t der Propaganda undder Erziehung fast mit R o t w e n d i g k e i t zu jenen t r a u r i g e n F o I g e n f ü h r e n m u ß , " so mag das eine beachtenswerte Selbsterkenntnis sein. Uns ist damit nichts Reues gesagt. Wer sich in Geschichte und im Leben ein wenig auskennt, weiß, daß >i"$ □’sn M2'2wi nny /nbu stets zusammengehören, weiß, warum unser Sittengesetz und unsere Morallehre ihre schwersten Geschütze schon gegen jede letzte Ausstrahlung vonn2'22ia2t.ini2Mufftihreit, als das erste Vorstadium von ll'va rii2'2L'. warum hat man in offiziellen zionistischen Kreisen gewartet, bis sich ein Opfer in seinem Blute wälzte? Das erste Opfer vor sieben Jahren tat es nicht — es mußte erst ein zionistisches Edelopfer fein?! Sie kommen spät, aber — s i e k o m m e n auch je tz t n o ch nicht g a n z. Wenn das zionistische Organ nunmehr, von jenem Schüsse aufgeschreckt, „das Evangelium des Geistes und das Ethos des Glaubens" für die nationale Entwicklung wünscht, so sagt es uns nicht klar und deutlich, was damit gemeint ist, der Glaube an die eigene Sache und eigene Kraft oder der Glaube an G'tt, der doch im G'tteslande seine natürliche Heimat hat. Die Ouelle des Uedels liegt tiefer, als in der volkserziehung, sie liegt in der K i n d e r e r z i e h u n g , in der Schule, und so lange hier nicht energisch durchgegriffen wird, mit, — um mit der I. R. zu sprechen, — dem Evangelium des Geistes, des echten jüdischen Geistes und dem jüdischen Ethos, wie cs hier auf heiligem Boden von den Propheten und Lehrern verkündet wurde, werden sich die Literaten von Zeit zu Zeit aufregen, aber das den Thorageist verleugnende Leben wird in seinen gewohnten Bahnen weitergehen, mit Liedern und Fahnen, mit Davidsstem und rotem Tuch, mit Faust und Polizeiknüppel. Bis ein neuer Schuß fällt und den letzten vergessen macht. Und wir? Sollten wir darob m unserer Liebe zum Heiligen Lande Nachlassen? Sollte jener Schreckschuß von Tel-Awiw unsere Hoffnung, da wo sie am hellsten und schönsten glühte, vernichten? Keineswegs! Diese Tragödie und ihr hier gezeichneter Hintergrund zeigen erst, wie bitter n ö t t g d i e Oll i\ ab von frommen jüdischen Wen - scheu uns und dem Lande täte. Es muß aber eine starke, ihrer geschichtlichen Mission b e w ußte, unabhängige g e s e tz e s - treue Organisation im Lande sein, und wo sie nicht ist, geschaffen werden, als Sammelbecken für die neuen Kräfte, die ins Land strömen, wenn sic nicht nach rechts und links abfließen und uns verloren gehen sollen. Was würde uns die orthodoxe Einwandernng nützen, wenn wir, wie man es bei dem Aufstieg von Tel-Awiw nach der vierten Alijah erlebt hat, eine Mehrheit von Gesetzestreuen, aber keine akt tonsfähige, gefetzcstrene Mehrheit erhielten! So ist denn der Tel-Awiwer Mord ein Menetekel auch für uns: Schaffen wir in Erez Israel eine große Plattform — es sind Menschen dafür genug vorhanden — und eine 211mo f p fi äc e, in 6er die Mendel Glaß und A b r a b a m Stawskps nicht gedeihen können. Wochenrundschau. Hunger! Es geht in der jüdischen Tragödie oft wie auf der Bühne: Der letzte Akt ist nicht der erschütterndste, aber er stellt, eben weil er der jüngste ist, den vorletzten, der alle Höhepunkte der Tragik erreicht hat, in den Schatten, bringt ihn in Vergessenheit. Muß heute daran erinnert werden, daß es gestern, als der eiserne Vorhang vor dem jüdischen Drama in Deutschland noch nicht hochgegangen war, da erst sozusagen die Instrumente, noch etwas verloren und chaotisch, für dieses Trauerspiel gestimmt wurden, eine russische I u d e u f r a g e gab, eine Tragödie, wie wir sie vielleicht feit der Zerstörung Jerusalems nicht schlimmer und erschütternder erlebt haben? Es muß daran erinnert werden, obwohl jener Akt ja immer noch mit zunehmender Kraft spielt, denn die Augen und die Ohren der Welt, und auch der jüdischen Wett, sind von jener Buhne abgelenkt, von dev Tragödie jüngstem Teile festgebannt, der „D c u t f ch« l a n d" heißt. S Wir sind die Letzten, die die Welthilfsaktion für die deutschen Juden bagatellisieren oder zurückdämmen wollten. Cs bedeutet für uns deutschen Juden den einzigen Trost in unserem tiefen Leide, diese Brüderlichkeit, dieses Mitfühlen; und wir dürfen tiefstes: Mitleid mit uns selber empfinden, wenn wir iw Deutschland, stets gewohnt, zu geben und zu helfen,, nunmehr selber Gegenstand des Mitleides, Objekt von Hilfsaktionen sind. Wir wissen den Brüdern in der Welt heißen Dank für all das 'Mitfühlen und Mithelfen. Rm so mehr obliegt uns die Pflicht, gerade uns, in die jüdische Welt hinauszurufen.: Vergesse t derer nicht, d e u e n o s noch ungleich' schlechter geht! vergesset nicht der Huuderttausende von Juden in Sowjetrußland, bei denen: nicht mehr von einer politischen und wirtschaftlichen Rot gesprochen werden kann, sondern die, Männer und Frauen, Greise und Kinder, b u ch st ä b l i ch dem H u n g e r t o d e p r e i s g e g e b e n find,, wenn wir nicht auf irgendwelchem Wege sofort helsend eingreifen. Wan möchte es nicht glauben, nicht wahr haben und nicht aussprechen, aber cs wird doch von allen Seiten bestätigt, daß in Sowjetrußlanö das jeremijanifche pmib' ibw’n rrpiom wörtlich zutrifft. Können, dürfen wir „stille stehen beim Blute unserer Rächsten" und unser Gewissen beschwichtigen: „Ruß- Ilm die Seele unserer Kinder. Von einem „72jährigen Großvater" erhalten wir „einige Mitteilungen und Anregungen aus seinen Erziehungserfahrungsn", dis wir in sinsr Zeit, da dis Zukunft unserer Kinder uns am meisten Sorgen macht, dem Gedankengange nach hier wiedergeben möchten. Von dem Grundsätze ausgehend, daß “ip’y rnsn «b ovrmo xtm.daß die Tat über dem Forschen steht, indem, wie gerade ni?n 's zeigt, dem menschlichen Forschen Grenzen gesetzt sind, sei man darauf bedacht, das ganze Tun und Lassen des Kindes in den Strahlenkranz der Thora zu binnen. Dazu muß in erster Reihe auch das Familienheim dienen. Am Sabbat treffen sich die die Woche über verstreuten Familienmitglieder am Tische der Eltern. Es werden im trauten Gespräche die Ereignisse des Tages, die politischen und die wirtschaftlichen, auch Fragen der Kunst und Wissenschaft, behandelt. Wie wichtig wäre es dann, wenn die Eltern in ungezwungenem heiterem Dialog ihre Kinder die Dinge und Erscheinungen selbst vom Standpunkte der Jüdischkeit und Menschlichkeit prüfen ließen, daß sie selber befinden, was dabei gut und empfehlenswert und was zu verwerfen fei. Auf diesem Wege könnten die Kinder lernen, auch I später alle Ereignisse und Geschicke des Lebens, über den vorübergehenden materiellen Nützen oder Schaden hinaus. auf ihren Wirklichkeitswert und Zukunftssegen hin zu werten. Und der Sabbat. Bund zwischen G'tt und Israel, wäre hierbei auch der Bund zwischen den Generationen, der Elija hu, der „das Herz der Väter mit dem der Kinder verbindet." Und gar erst die Feste und die besonderen feierlichen Anlässe! Wie groß und gewaltig kann die erzieherische Wirkung eines' Sederabends fein, wenn es der Vater versteht, die Hagada und die Sederordnung den Kindern so zu deuten, daß die Worte und die Melodien sie auch später ins Leben hinausbegleiten und sie in jeder Lage umrauschen. Das unerschütterliche G'ttvertrauen, das hier aus jedem Blatte und jedem Brauche auf dem Sedertische spricht, müßte den Kindern so eingehämmert werden, daß sie immun werden für alle Leiden und Prüfungen, die heute das Leben dem jungen Juden bringt. Wie leicht wäre es am Feste der Gesetzgebung. den Kindern das Sinaigesetz als Maß aller Dinge zu zeigen, als einzigen Wertmesser für jede Kultur und Zivilisation der Völker. Was gut und menschenbeglückend in dieser Kultur und Zivilisation ist. ist Nachhall des Sinaidonners. Was fern oder jenseits vom Sinai gedeiht, ist Pseudokultur und gereicht den Menschen zum Unheil. An tausend Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart kann man das gerade heute den Kindern anschaulich und überzeugend vor die Seele führen. Es kommen die ernsten Tage, Nosch Haschono und Jom Kippur. Der Schofar ruft und weckt, die herrlichsten Gebete und Melodien erklingen aus den alten Büchern, .jedes Stück ein Erziehungsmittel. Leicht und spielend könnten wir es dem Kinde beibringen. wie es am „Tage des Gedenkens" das Leben im vergangenen Jahre prüft, ob es auch das einer G'tteshuldigung war; wie es am Tage der Versöhnung mit? neuen guten Vorsätzen ins neue Jahr treten mag. Den! Hatz der Welt zwingt uns zur Schaffung einer Insel der' Liebe mitten in dieser Brandung, der Liebe zu G'tt, zu allen Menschen und allen Geschöpfen, der Liebe zun Thora und Guttat. „Vor G'tt sollt Ihr Euch reinigen!"' Wie sollten wir aber verlangen, daß uns G'tt reinigt, solange wir nicht rein vor ihm erscheinen, solange all! ~ unser Schmerz nur der materiellen Not und der persönlichen Erniedrigung gilt und nicht dem „Goluth hafdiG=- d)inat)?l“ Die Wertlosigkeit aller materiellen Besitztümer begreift der reine kindliche Sinn am besten in der Hütte des Festes, dem wankenden, dachlosen Zelte, in dem die echte Freude wohnt. Hier ist Gelegenheit geboten. dem Kinde zn sagen und zu zeigen, welche Bewandtnis es mit der wahren Freude hat. im Gegensätze zu den glitzernden falschen Lichtern, mit denen uns die weltliche Freude lockt. Und alles mündet am letzten Festtage in die Freude an der Thora ein. Sie ist der Quell, aus der wir Kraft und Dauer, Glück und Gesundheit schöpfen. Die Erziehungsmittel, die unsere Thora, unser Sabbat. die Skala unserer Feste dem Vater und Lehrer in die Hand gibt, sind keiner der vielen pädagogischen Wandlungen unterworfen, sie sind von durchgreifender Kraft und müßten auch in der heutigen trüben Zeit ihre volle Wirkung tun — wenn es die Mern nur verständen, von diesen Erziehungsmitteln stets den richtigen Gebrauch zu machen. Berantwortltch für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnoroitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Sch ach - nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. K a u f m a n n. in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck ESüssItSJ.?1’ 5 Hermon Druckerei, Frankfurt a. M>