Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1933)
- Date
- 1933-06-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450780--79676-2537460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
22. Juni 1933 Nr. 25 Seite 5 Der Israelit Korrespondenzen * Nachrichten Deutsches Reich. CrzichunSsamt des Halberftädter Verbandes. Halberstadt, 20. Juni. Auf Grund einer am letzten Sonntag stattgehabten Aussprache gesetzestreuer Schulmänner hat der Vorstand ^des „Bundes gesetzestreuer Gemeinden Deutschlands beschlossen, ein E rz i eh u n gs amt zu errichten, dem die Prüfung der heute besonders brennend gewordenen Fragen des jüdischen Unterrichtswesens und der Jugend bildung überhaupt übertragen werden soll. In das Erziehungsamt hat der Vorstand des Verbandes einstwei len berufen die Herren Studiendirektor Schlesinger Berlin, Rektor der Jeschiwo Dr. Breuer, Frankfurt, Studiendirektor Dr. Elias und Rektor Ochsenmann Frankfurt, Studienrat Hardt, Köln und Lehrer Oppenheimer, Rhina. Kooptation bleibt vorbe halten. Eine jüdische Weltwirtschaftskonferenz? Frankfurt a. M., 19. Juni. Es ist bekannt, daß verschiedene jüdische Organisationen seit Monaten über den Plan verhandeln, zu einer Besprechung der jüdischen Wirtschaftsnöte zusammenzukommen, wobei lediglich helfende und aufbauenüe Arbeit geleistet, in keiner Weise aber politisch demonstriert oder wirtschaftliche Maßnahmen im Dienste politischer Zwecke ins Auge gefaßt werden sollten. Während diese Pläne bisher nicht zu einer gemeinsamen Willensbildung gereist sind, wird der Welt nun plötzlich die überraschende Mitteilung, daß am 15. Juli eine „jüdische Weltwirtschaftskonferenz" in London stattfinden soll, zu der aus Amerika Herr Samuel Unterweyer, aus Paris Prof. William O u a l i d erwartet werden. Es handelt sich hier um ein Unternehmen, dem die großen jüdischen Organisationen: Voard os Deputies, I. C. A., American Jewish Committee, Alliance Jsraelite usw. völlig fern stehen und an dem auch die Orthodoxie, insbesondere „Agudas Jisroel" keinerlei Anteil hat. Das Ganze soll lediglich der bereits in voriger Nummer von uns charakterisierten verantwortungslosen Boykottbewegung gegen Deutschland dienen, und es liegt darum im Interesse der deutschen Juden, von diesem Privatunternehmen Lord Melchetts und seines Boykott- Komitees mit aller Entschiedenheit abzurücken. Die elektrische Betäubung. Frankfurt a. M., 21. Juni. Es ist in manchen Kreisen die unsinnige Behauptung verbreitet worden, der als halachische Autorität weltberühmte „Ragotschower Gaon", Rabbi Joses Rosin in Dünaburg, habe sich zustimmend zur elektrischen Betäubung vor dem Schächten geäußert. Demgegenüber möchten wir den folgenden Brief im Auszug veröffentlichen, den dieser Gaon kürzlich auf eine an ihn dieserhalb gerichteten Anstage geschrieben hat: „Ich habe dies, G'tt behüte, nie erlaubt, sondern, gerade im Gegenteil, vielen, die mich anstagten, erwidert, daß dies (ein Schächtschnitt nach vorangegangener Betäubung) überhaupt keime Schech i t o sei. Dazu kommen schwerwiegende weitere Bedenken, die ein so getötetes Tier trefo und newelo erscheinen lassen. Man kann dies also keinesfalls, G'tt behüte, erlauben." Feststellungen zu einer sächsischen Erklärung. L e i p z i g, 15. Juni. In einer in sächsischen Zeitungen veröffentlichten Erklärung des sächsischen Wirtschaftsministers heißt es: „Es hat sich in letzter Zeit gezeigt, daß in einigen Zweigen der Industrie, soweit nichtarische Auftraggeber als Grossisten oder Einzelhändler in Betracht kommen, die Auftragserteilung in bedenklicher Weife nachgelassen hat, zum Teil sogar völlig ins Stocken geraten ist. Diese Geschäftsstockung hat in verschiedenen Industriezweigen zu Arbeiterentlassungen und zu Stillegungen geführt. Die nichtarischen Firmen begründen ihre Zurückhaltung in der Tätigkeit neuer Abschlüsse mit der Depression und Unsicherheit ihrer Geschäftslage, da sie noch irgendwelche Eingriffe der Reichsregierung oder der Länderregierungen befürchten. Demgegenüber ist festzustellen, daß diese Befürchtungen unbegründet sind ..." Die Woche. Berlin. Wie der „Völkische Beobachter" mitteilt, soll an der Universität Leipzig ein Lehrstuhl für Rassenkunde errichtet und zu Beginn des nächsten Semesters beseht werden. Ein erster Einführungskurs in die Rassenkunde für Aergte findet im Oktober statt. — Das Berliner Sondergericht 'verurteilte einen 81jährigen Tischler zu zwei Monaten Gefängnis, weil er behauptet hatte, es fei ihm von deutschnationaler Seite gesagt worden, die ganze Auslandshetze gegen Deutschland sei nur ein Märchen, von MitAiedern der deutschen Regierung zum Zwecke der Judenverfolgung erfunden. — Ein jüdischer Druckereibesitzer erhielt die gleiche Strafe, well er einen Fall von Mißhandlung eines Juden weitergab, der sich als haltlos erwies. — Im Zusammenhang mit den Meldungen über die Nichtzulassung von Juden zur Promotion an preußischen Universitäten teilt der Rektor der Universität Frankfurt a. M., Professor Krieck, mit. daß ‘ diese Nachricht für die Frankfurter Universität nicht z u t r e s f e. Somit besteht nur noch an der Universität Breslau vorläufig ein Promotionsverbot für Juden. Köln. In der Schwimmbahn des Stadions in Köln am Rhein find Juden nicht zu gelassen. Ttiitnberg. Der „Verein Merkur" in Nürnberg, ein weitverzweigter kaufmännischer Verein mit behördlich genehmigter Krankenkasse veröffentlicht am Kopf der Mai-Nummer seiner Vereinszeitschrift, daß Personen nichtarischer Abstammung nicht mehr Mitglieder sein können und daß daher alle nichtarischen Mitglieder ihrer Vereinsmitgliedschaft enthoben wurden. — Die Bezirksdirektion Nürnberg der Deutschen Reichs-Postreklame G. m. b. H. hat auf einen Anzeigenauftrag folgenden Bescheid gegeben: „Mit Rücksicht auf den jüdischen Charakter Ihrer Firma haben wir die Weisung erhalten, von Ihrer Reklame im Amtlichen Fernspruchbuch Abstand zu nehme n." Dortmund. Wie der Dortmunder „Generalanzeiger" mitteilt, hat der Dortmunder Polizeipräsident den Verein selbständiger jüdischer Handwerker in Stadt und Umgegend auf Grund des § 1 der Verordnung des Herrn Reichspräsidenten vom 28. 2. 1933 verboten. Jegliche Tätigkeit im Interesse dieses Vereins hat zu unterbleiben. Men. Zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten veranstaltete der Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs eine H eld en gebe n k f e i e r auf dem Wiener Zentralsriedhos. Ungeachtet strömenden Regens waren 5000 jüdische Frontsoldaten unter Führung des jüdischen Generals Sommer zur Feier aufmarschiert. London. Eine große nichtjüdische Kundgebung für die Juden in Deutschland wurde von Lord Chancellor geleitet. Die Resolution, in der für die Wiederherstellung der jüdischen Gleichberechtigung in Deutschland eingetreten wird, wurde vom Erzbischof von Canterb ury eingebracht. — Für Sonntag, den 9. Juli, wurde in der Londoner Royal Albert Hall ein Massenbittg'ttesdienft für das Schicksal der deutschen Juden angesetzt. U. a. wird auch Chief-Rabbi I. H. Hertz eine Predigt halten. Lodz. Drei Mitglieder einer antisemitischen Partei, die in einem Städtchen bei Lodz eine judenfeindliche Propaganda betrieben hatten, wurden vom Lodzer Kreisgericht zu je e i n e m halben Jahre Gefängnis verurteilt. Jerusalem. Als der Brandstiftung im Valfyurwalde verdächtig wurden zwei arabische Knaben im Alter von etwa 13 Jahren verhaftet. Es wurden bei dem Brande 3000 Bäume (nicht 20 000 wie gemeldet) vernichtet. — Bei einer in Jabneel in Galiläa vorgenommenen Bohrung wurde eine Quelle erschlossen, die 350 Kubikmeter Wasser in einer Stunde liefert. Dieser Fund dürste von größter Bedeutung für die Kolonie und ihre Umgebung fein. haffa. Beim Versuch, einen Jungen vor dem Ertrinken zu retten, ist die 22jährige Handelslehrerin Zehora Schrodeck, Tochter eines Schachet in Leipzig, in der Bucht von Haifa ertrunken. Die Verunglückte ist vor vier Jahren nach Palästina gekommen und hatte sich hier sehr segensreich betätigt. INTERNATIONALE SPEDITION Frankfurt a. M. Telefon 305.76 Gufleufsfr. 31 Lagerung, Verpackung, Umzüge, Gepäck, Versickerung Eigener Fuhrpark Sammelladungen innerh. Deutschi. u. nach d. Ausland PALÄSTINA-TRANSPORTE Zu dieser Erklärung wird aus jüdischen Kreisen des Chemnitzer Einzelhandels u. a. geschrieben: Es wird in der Erklärung gerügt, daß nichtarifche Firmen mit der Erteilung von Aufträgen stark zurückhalten. Zu dieser Maßnahme sehen sich jüdische Firmen veranlaßt, sowohl durch den Umsatzrückgang infolge der Witrschaftskrise als auch durch den Boykott ihrer Geschäfte. Behörden verbieten, wie jedes Kind weiß, ihren Beamten das Kaufen in jüdisä)en Geschäften: Kommunen entziehen laut überall bekannten und veröffentlichten Erlassen den jüdischen Firmen ihre Aufträge. Seit dem 1. April, dem Boykottsonnabend, ist den jüdischen Firmen jede Jnsertionsmöglichkeit in Chemnitz unterbunden. Sämtliche Taegszeitungen der Stadt lehnen die Aufnahme der Inserate dieser Firmen ab. Die jüdischen Geschäfte sind von der Einlösung der von der Stadt ausgegebenen Verbilligungsscheine ausgeschlossen. Wo soll unter diesen Umständen der jüdische Kaufmann den Optimismus für die Zukunft hernehmen, um auf Grund' dessen die für unsere Wirtschaft so überaus notwendigen Aufträge zu erteilen? Der jüdische Kaufmann hegt nach den bisher gemachten Erfahrungen die allergrößten Befürchtungen für seine künftige Existenzmöglichkeit. Wie aus Leipzig berichtet wird, sind dort 200 jüdische Angehörige des sogenannten ambulanten Gewerbes (Markthandel) mit ihren Familien in größte Not dadurch geraten, daß es ihnen unmöglich gemacht wird, auf Märkten und Messen fernerhin Ware zu verkaufen. Seitens der zuständigen jüdischen Stellen sind die notwendigen Maßnahmen unternommen worden. Reine Schulgeldermäßigung für jüdische Schüler ah 1. Oktober. Berlin, 14. Juni. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung hat in ihrer Sitzung vom 13. Juni bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten den im Mai d. I. vom Magistrat gefaßten Beschluß bestätigt, daß Schülern und Schülerinnen der städtischen höheren Lehranstalten und Mittelschulen, die von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammen, keine S ch u l g e l d e r m ä ß i g u n g gewährt werden soll, solange die Zahl der Schüler jüdischer Abstammung. über den Beteiligungssatz der jüdischen Einwohner an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches hinausgeht. Es genügt, wenn ein Eltern- oder Großelternteil jüdisch ist, insbesondere der jüdischen Religion angehört hat. Der Oberbürgermeister bestimmt den Zeitpunkt, von dem ab die Gewährung von Ermäßigungen nach der Schulgeldstaffelung bei Schülern und Schülerinnen jüdischer Abstammung wieder zulässig ist. Die neue Bestimmung soll erst am 1. Oktober d. I. in Kraft, treten, weil die Schulgeldveranlagungen bereits vorgenommen sind und gegen eine Aenderung innerhalb des Schulhalbjahres verwaltungstechnische Bedenken bestehen. Zii-ische Volksschulen im Regierungsbezirk Raffel. Kassel, 14. Juni. Durch Verfügung der Regierung waren zum 1. Mai 1933 25 Volksschullehrer im Regierungsbezirk Kassel beurlaubt und die von ihnen unterrichteten Kinder in die christlichen Schulen an den einzelnen Orten umgeschult worden. Nach den aufgenommenen Verhandlungen bei den Vorsteherämtern ergab es sich, daß die Maßnahme nur vorläufig war und daß zu erhoffen ist, daß die größere Zahl der Stellen sich halten lassen wird, wenn es gelingt, durch Zurücknahme von Kindern aus den. höheren Schulen und Hinzunahme von Kindern aus den Nachbarorten die Besuchsziffer der jüdischen Volksschulen auf durchschnittlich über 15 zu steigern. Man rechnet damit, daß die in Frage kommenden Gemeinden alles aufbieten werden, um die Volksschulstellen am Orte oder am Nachbarorte zu halten, da beim Besuch christlicher Schulen sich heute noch gegen früher gesteigerte Schwierigkeiten ergeben und eine Begründung von Privatschulen durch die erschreckende Verarmung der Landgemeinden kaum durchführbar ist.