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Der Israelit · 1933-06-15 · Heft 24 (15.6.1933) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 24 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 24 Der Israelit 15. Juni 1933 Hummer und Schmerz bereitet. Wir tun, was wir können, und wissen doch, dass diese armen Menschen, kleine wackelige Existenzen, in der Außenwelt von vielen festen Berufet! zuruckgedrängt, oft zu jenen Bittgen geradezu gezwungen werden, die man bintennach ihnen und uns allen so schwer ankreidet. Aber glauben die Herren ernstlich, daß wenn jene Händler und Krämer eines Morgens als Musterbilder der Reelliläl, der Ehrlichkeit und Rechtlichkeit auswachten, daß der Haß, das Vorurteil und die Anschuldigungen dann plötzlich aufhörcn?" „vielleicht doch," warfen die zwei Herren ein. „Mindestens wäre utts der Kampf um vieles erleichtert." „Sie sind zu einem alten Rabbi um Rat gekommen, so müssen Sie es schon binnebmen, wenn ich zuletzt mit Bibelversen und Gleichnissen aus alten Büchern zu Ihnen spreche. Einstens, so wird erzählt, wurden alle Tiere vor das hohe Tribunal geladen, daß sie Rechenschaft ablegen für ihr bestialisches Tun. Der L' ö ii> e war angeklagt, so und so viele Menschen und Tiere zerrissen und Teiche unschuldigen Blutes vergossen zu haben. Richt weniger strafbar machte sich der Tiger, der Leopard, der Bär. Selbst der kleine j u ch s , und gar nicht zu reden vom Wolf, hatten manches Schlimme auf dem Gewissen. Ihre Verteidiger aber machten geltend, daß sie vom Instinkt oder vom Hunger getrieben, ihre Untaten begingen. Uebrigens hätten der Mensch oder das Tier, die ihr (Opfer wurden, sie irgendwie gereizt, herausgefordert. Was konnten sie auch für ihre Katar? Sie wurden alle nacheinander freigesprochen. Ganz zuletzt kam das L ä ttt m ch e n vor die Schranken. Es hatte sich auf fremde Weide verirrt und dort einige Blättchen, die nicht ihm gehörten, abgefressen. „Unerhört!", entrüsteten sich die Richter. Und kein Verteidiger erstand dem unglücklichen Lämmchen. Unerbittlich wurde sein Todesurteil ausgesprochen und ausgeführt. Und-", schloß der Rabbi, „die Herren haben sicher» schon einmal die Psalmen gebetet. So schließt der Psalm 145: „Ich irrte ab wie ein verlorenes Lamm, es sucht dein Dietter . . ." Ein auf fremde Weide abgeirrtes, richtiger vielleicht abgedrängtes,Lamm, es ist das jüdische Volk i m G o l u s. Die Bluttaten der änderet! können ihm nicht vorgeworfen werden. Seine Schuld, auf fremder Weide gegrast und ein paar vielleicht ihm nicht gehörende Blättchen abgefressen zu haben, wiegt aber im Urteil der Welt so schwer, daß ihm kein Verteidiger ersteht . . ." Der Rabbi schwieg. Es war ein abschließendes Urteil. Draußen meinte Herr Königswarter halb bewundernd, halb enttäuscht: „Ein merkwürdiger Mann, dieser Rabbi. Er denkt in psalmsätzen, in Talmudsprüchen. wir kommen mit Dingen des lebendigen Lebens und er lernt mit uns, lernt gut, aber lernt . . ." „Weil," ergänzte Rüben Tokew, ..für diesen höheren Menschen Lehre und Leben en'g verschlungen sind. Sie müßten einmal hören, wie er von der Kanzel herab in flammendem Zorn zu seiner Gemeinde spricht und ihr ihre Verfehlungen vorhält, zur Einkehr und Besserung mahnt, daß Tränen fließen und die besten Vorsätze reifen! Und wie konnte er heute in ein Feuer geraten, als er Israel verteidigte! Ist das tnit dem auf frenrde Weide abirrenöen Schäf- Ieitt nicht eitel Wahrheit? Er ist der größte Ankläger und zugleich der größte Verteidiger, dieser große Rabbi, wie einer von den alten Propheten!" „Aber wir können doch mit dieser rabbinischen Weisheit, mit solchem psalmodieren nicht vor die Behörden kommen," ärgerte sich Herr Taussing. „Ist auch nicht nötig," erwiderte Rüben Tokew. „Aber gestehen wir es uns ein, dieser weltfremde Rabbi hat uns die Richtlinien unseres Tuns klarer und deutlicher Umrissen, als all die langwierigen Verhandlungen in den Sitzungen und Versammlungen, als all die Resolutionen und Thesen auf den Akzeptbogen. Cr ist nicht gegen den Kampf für unser Recht und unsere Ehre. Cr segnet unseren Kampf, warnt aber davor, allzugroßes Vertrauen auf diesen Kampf zu setzen. Und im übrigen wünscht er die Stärkung der innere n Kraft, das große Besinnen, als Zweck und als Folge der äußeren Stürme. Das ist ein absolut klares Programm." (Forts, folgt.) Kochrezepte für die fleischloseküche. fMikgekeilt von der Jüdischen Haushalkungsschule, Frankfurt a. 2U., Cucie Laquer.) Gemüsebouillon. 2 Möhren, 1 St. Sellerie, 1 St. Lauch, Spargelschalen, Kartofselschalen, 1—2 Tomaten, % Zwiebel, Vlumenkohlstrunk werden geputzt, gewaschen und mit 30 Gramm Fett; ll/2 Liter Wasser angedünstet, 2 Stunden gekocht, durchs Sieb gegeben, mit Salz abgeschmeckt und mit einer Suppeneinlage aus Bisquitschwämmchen versehen. Visquilschwämmchen. 1 Eischnee, 1 Teelöffel Mehl, 1 Eigelb, Salz, Muskat werden vorsichtig vermischt und auf die kochende Suppe gegeben, zugedeckt und nach 3—4 Min. zerschnitten. Äpargelomeletle.Auflauf. Spargelgemüse von ll/> Psd. Spargel, Kochwasser, 40 Gramm. Fett, 60 Gramm Mehl, Liter Spargelbrühe, Salz, Muskat, Omelettes aus insgeasmt 5 Eiewiß, die steif geschlagen werden, 5 Teelöffel Mehl, Salz, 5 Eigelb, Backfett werden vorsichtig darunter gemischt und in der hei- . fjen Pfanne mit Vackfett aus je einer Seite goldbraun gebacken. Das erste Omelette kommt mit der ungebackenen Seite nach unten in die Auslaufform, das Spargelgemüse darüber, das zweite Omelette mit der ungebackenen Seite nach oben darauf. Eierpastetchen. Kl. mit Butter bestrichene Tassen werden mit geriebenem Käse bestreut und mit 3—4 in Würfeln geschnittene Tomaten belegt. Das Innere verwendet man anderweitig. Alsdann schlägt man vorsichtig in jede Tasse je ein Ei, gibt zuletzt geriebenen Käse darauf, stellt die Tassen in ein kochendes Wasserbad, läßt sie 15—20 Min. zugedeckt kochen. Ein Tomaten-Beiguß aus 40 Gr. Butter, 40 Gr. Mehl, 1 Eßlöffel Tomatenmark, yz Liter Wasser, Salz; Pfeffer, 2—3 Eßlöffel Wein gibt man über die gestürzten Pasteten. Eierauflaus mit Spinat. 1 Pfund Spinat wird geputzt und gewaschen und in 30 Gr. Fett gargedünstet. Eine bestrichene Auflaufform wird damit belegt und mit 1 Eßlöffel Käse bestreut. 4—6 Eier werden vorsichtig darüber gegeben und eine Sauce von 30 Gr. Fett, 20 Gr. Mehl, l/2 Liter Milch, 1 Eßlöffel Salz. 50 Gr. geriebenen Käse darüber gegeben und mit Käse bestreut und y. Stunde überbacken. Verlorene Eier auf Toast. Bon einem Kastenbrot werden 12 Scheiben geschnitten, geröstet und mit Sardellpaste bestrichen. 6—12 Eier werden in Essigwasser ohne Schale gekocht und nachdem man den Rand ein wenig abgeschnitten hat, auf je eine Toastscheibe gelegt. Bon 2 Eigelb, 1ja Liter Del, Zitronensaft. Salz. Pfeffer. Zucker, ger. Zwiebel rührt man eine Mayonnaise, die man noch nach Belieben mit Tomatenmark oder Petersilie färbt. Man überzieht die Eier mit der Mayonnaise und verziert mit Tomatenscheiben, Gurkenscheiben, Eischeiben. Petersilie. haselnußpudding. 4 Eigelb werden mit 75 Gr. Zucker schaumig gerührt, Saft und Schale einer abgerieb. Zitrone, 145 gemahlene Haselnüsse, steise Schnee der Eiweiß darunter gemengt. Die Masse wird in eine Pnddingsform gefüllt, man kocht den Pudding eine Stunde im Wasserbad. Wein oder Karamelbeiguß dazu., Luifenpudding. 4 Milchbrötchen werden in 1 cm große Würfel geschnitten und auf dem Feuer mit 1U Liter Wein, 90 Gr. Butter, 90 Gr. Zucker zu einem dicken Kloß abgerührt, der sich vom Topf lösen muß. Man läßt den Teig erkalten, gibt 3—4 Eigelb, iU Pfund kandierte Früchte. 1 Eßlöffel Arak, 65 Gr. gemahlene Mandeln, den steifen Eischnee darunter, füllt die Masse in eine Form und kocht den Pudding 1 Stunde. Man reicht Weinbeiguß dazu. Ainderecke. Zeitgemäße Gebete. Unsre hebräischen Gebete besitzen ein ehrwürdiges Alter, und obwohl wir viele täglich und manche sogar täglich mehrmals verrichten, so ergibt sich daraus keinesfalls der Mißstand, daß darunter die Andacht des Betenden leiden müßte. Cs ist vielmehr Tatsache, daß Kenner der Gebete, die mit der Geschichte ihrer Entstehung, mit der Art ihres Aufbaues und den mannigfach vorhandenen Beziehungen zur Bibel und dem rabbinischen Schrifttum vertraut sind, sich in der Lage befinden, alle Vorkommnisse, die der Tag bringt, in eine ungezwungene Verbindung zu Gebetstellen zu setzen. Besonders sind es ältere Leute, die andächtig zubeten verstehen, indem sie Erinnerungen, Sorget:, Kümmernisse und Anliegen aller Art, Dank und Bitte an solche Stellen anzuschließen vermögen, die sich am besten hierzu eignen. Es liegt in der Natur der Sache, daß manche Gebete in ruhigen Zeiten von den Betenden nicht tief empfunden werden, und daß es erst ungeahnter Vorkommnisse bedarf, um sie ihnen seelisch näberzubringen. Gar mancher, der Hunger und persönliche Entbehrungen nie gekannt bat, mag gewisse Stellen des Tischgebetes jahrelang nur mechanisch gesprochen haben, bis die Erlebnisse der Kriegs- und Rachkriegszeit auch ihn lehrten, den zu preisen, der „es uns in feiner großen Güte nie an Speise fehlen ließ," und ihn anzuflehen, „uns auch ln Zukunft keinen Mangel leiden zu lassen." So wird der zweite Segensspruch des Tischgebetes in der Gegenwart für jene, die im Lande der Väter eine Existenz fanden, und für ihre Eltern, die Zurückbleiben mußten, an Bedeutung gewonnen haben. Wir sehen ihn vor uns, den jungen, strebsamen und für seine Freiheit begeisterten Ansiedler, aus dessen vollem Herzen es hervorbricht: „Wir danken dir, Ewiger unser G'tt, daß Du unfern Vätern ein köstliches, gutes und geräumiges Land als Erbgut zugewiesen hast," — und all das Folgende bis zu dem Schlußsatz: „Sei gesegnet für das Land und für die Nahrung." In diesem Sinne wollen wir auch des „langen öim «INI" erwähnen, der Montag und Donnerstag gebetet und öfters als „langweiliges Geklage" oder als „unnötige Wiederholung" gelästert wurde, und das im pan '« eingeschalteten '«-w» 'pb« Rn-Gebetes. Leider ist so mancher Satz, dessen geschichtliche Unterlage vielen unbekannt, blieb oder von ihnen vergessen wurde, inzwischen zum Erlebnis geworden, und die rührenden Bekenntnisse eigner Schuld besitzen nicht weniger Gegenwartswert als die erschütternden Klagen: „Sieb, wir sind zum Gegenstand der Verachtung unter den Völkern geworden" u. a. tu. Zu den am häufigsten verrichteten Gebeten gehört das miyy .nvvtV' dessen Schluß bitte nsa •’pVx wir anführen möchten als ein Schulbeispiel dafür, daß auch die Seite des Gebetes, die die Einwirkung auf den Beter selbst zum Ziele hat, in unsrer so „fortgeschrittenen" Zeit nicht weniger wichtig geworden ist. Könnten wir nicht vielmehr glauben, jener Absatz sei gerade für uns und die Mitlebenden verfaßt worden, wenn es da beißt: „Mein G'tt! Bewähre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen davor, etwas zu sprechen, was trügerisch ist. Denen gegenüber, die mir fluchen, möge meine Seele schweigen; dem Staube gleich soll sie gegen alle sein. Hingegen öffne sich mein Herz durch deine Lehre, und nur im Rahmen deiner Gebote zeige sich das Streben meines Wesens." Möchten doch wir alle den Sinn dieser goldenen Worte' verstehen lernen, Hamit wir als würdig erkannt werden, „den Frieden zu genießen, der bis jetzt nur in den Höben herrscht, die den Schöpfer des Friedens umgeben." H. C. Warum der Ramban nach Erez Israel ging. von Rio sch e Rachmanides, genannt Ramban, habt Ihr wohl alle gehör. Ihr wißt auch gewiß, daß er im Jahre l 267 nach Palästina auswanderte und dort, nach langer Unterbrechung, die jüdischen Niederlassungen aufrichtetc, aus denen sich das entwickelte, was man heute den alten Iisch u w nennt. Seine Reise nach Crez Israel war keine freiwillige. Er. mußte aus Gerona in Spanien, wo er Rabbiner war, flüchten, infolge einer öffentlichen Disputation, bei der er in Konflikt mit den Dominikanern, einem (Orden, der .damals den Juden sehr feindlich gesinnt war, geriet. Zu solchen Disputationen über religiöse Dinge wurden die jüdischen Gelehrten damals oft gezwungen. Um diese Zeit war es ein Renegat, (getaufter Jude) mit Ramen Fra Fablo, der es bei den Dominikanern und beim König von Kastilien durch-, gesetzt hatte, daß Rachmanides über Judentum und

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