Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton Br. 24 i-rr Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) i-,;i n •'.ää./ Der stürzende Stern Napoleons bedeutete einen Wetterumschlag auch für die Iudenheit der Welt. Mit den Truppenteilens die in die Berestna sanken, sielen auch die an den großen Korsen geknüpften messianischen Erwartungen des jüdischen Ostens ins Wasser. Ls kam der letzte Schlag mjt der S ch l g ch t bei Leipzig. Umittelbar' darauf die schweren Rückzugskä m pfe b e i F r chn kf u r t un d Hanau. Von seinem Freunde, Rabbi Mosche Tuwjo Sondheimer, dem in stiller Größe wirkenden Oberrabbiner von Hanau, erhielt Rabbi Mosche in preßburg eine genaue Schilderung der Kämpfe um die Stadt, der Brände in der Iudengasse und der A-engste und'Gefahren ihrer Bewohner, die ihn in. einigem an die Kriegsschrecken an der Donau vorFechs Jahren erinnerten, nur, daß hier schon nach einigen Tagen die Erlösung durch den endgültigen Abzug der Franzosen kam. Damals, bei den Kämpfen um preßburg, blitzten mit dem Feuer der Geschosse für große Teile der Iudenheit neue Hoffnungsstrahlen auf. . Der! e tz t:c; Donner der französischen Kanonen am Main : hinterließ dumpfe Stille und Hoffnungslosigkeit. Rabbi -Mosche, jetzt anerkannter Führer der Iudenheit und des Judentums in weiten Gebieten, hatte sich auf neue Aufgaben einzurichten. Zu den B e f r e t u n g s k r i e gen hatten die Juden in Preußen wie in allen anderen deutschen und öfterreiichschen Landen ihr Blutopfer in hohem Maße beigetragen. In der sicheren Ueberzeugung und natürlichen Empfindung, daß die ihnen von Frankreich her in den Schoß gefallene Freiheit kein französisches Geschenk, sondern die reife Frucht einer aus Donner und Blut hervorgegangenen menschlichen Zivilisation sei und von der neuen Weltordnung nicht mehr rückgängig gemacht werden könne. Reich dekoriert waren viele Juden aus den Schlachtfeldern heimgekehrt, noch größer war die Zahl derer, die als Krüppel, mit Chrenwunöcn bedeckt, daherhumpelten. Die von den Juden präsentierte Rechnung wurde aber von den Fürsten und Völkern als e ine fra nz ö s i s ch o; S ch u l d betrachtet und nicht anerkannt. 1SJ 6 trat der Wiener Kongreß zusammen. H a r d c nb e r g und Metternich, die die pflichttreue der Juden ausnächster Rahe kennen gelernt hatten und in soldatischer Ehrlichkeit Treue um Treue Für die Juden wünschten, fanden kein Gehöre-Sie mußten sich sogar nachsagen lasten, daß sie vom Frankfurter Meier Amschel Rothschild und anderen Iudenbaronen gekauft seien. Die Fürsten, im Vollgefühle ihrer wicdererlangten Macht, ließen sich nicht in moralische Bande einzwängen, Volk in Bauern, Sachsen und in den Hansestädten jubelte ihnen Beifall. Mit allen Spuren der französischen Fremdherrschaft mußten auch jene Toleranzedikte verschwinden. Das galt als patriotische Tat, höchste moralische Pflicht einer in fanatischer Deutschtümelei befangenen Generation. Die wenigen Rechte, die die Juden von früher her besaßen, wurden noch wesentlich beschnitten. Einige Städte kamen sogar mit Ausweisungsedikten nach. Aufreizende Reden wurden gehalten, judenfeindliche Schriften, zurückgreifend bis auf Eisenmenger und sogar bis auf Pfefferkorn, schössen aus trübem Sumpfboden in die Höhe. Längst totgeglaubte Rachtgeifler stiegen aus der Versenkung der früheren Jahrhunderte heraus und verwirrten die Gemüter. Dicht eine Miene verzog Rabbi Mosche, als ihm all diese Dinge und ihre Auswirkungen in unzähligen Briefen, Anfragen und Anklagen zur Kenntnis kanten. Rur an jenen Palast im Gleichnis dächte er. Wird er errichtet, sagte er, dann ist die Heimkehr in weite Ferne gerückt. Run wurde er, kann: auf- 'gebaut, Stück für Stück, Stein für Stein a b ge - tragen. So darf denn der verbannte Prinz damit rechnen, daß der Vater nahe sei und all jene dumpfen Klänge Für die Heimberufung anzeigten . . . ,,Was, ihr stellt eure Rechnung? Sprecht von den Diensten, die ihr im Kridg und Frieden geleistet und verlanget Gegendienste? kennt ihr nicht das Beispiel des Rabbi Iosua, das er denen erzählte, die in den Straßen Jerusalems gebieterisch von Rom den ausbedungenen Lohn für die Kriegsdienste: Wiederaufbau des Tempels, verlangten? Der Kranich mit feinem langen Schnabel holt den Bisten aus bem Tia* chen des Löwen und rettet ihn vor dem Ersticken. „Wo bleibt der Lohn?" fragt der Vogel. „Lohn, du dummer Kranich? Hattest deinen Kopf im Rachen des Löwen und er ist heil wieder herausgekommen. Ist das nicht Löhn genug? . . ." F. - von Wien her kamen Delegierte nach preßburg, um in ihrem Kampfe gegen die neuen Strömungen und für das bedrohte jüdische Recht des Rabbi Meinung zu hören. Ihrer einer war der fromme, angesehene Herr Rüben Tokew. Den anderen,- den halbadeligen Herren Taus sing und König s w a r t e r, bedeutete Preßburg nicht so viel. Aber Herr Tokew machte sein Mittun davon abhängig, daß zuerst der preßburger Oberrabbiner . angchört werde. „Man schreit uns auf den Straßen „Hep Hep!" nach," klagte Herr Tausting. „Was ist das?" Der lateinkundige Herr Tausting erläuterte: „Soll heißen: „Hierosolyma est perdita“. Zu Deutsch: „Jerusalem ist verloren!" ' „Können die Buben, die das rufen, Latein?" „Rein, sic sagen es her wie ihr lateinisches Bekenntnis. Cs genügt für'sie zu wissen, daß sie uns damit beschimpfen." „Also mit „Rosche tewoth" (Abbreviaturen) kommen sie gegen uns? Da könnten wir mit besseren dienen. Darin sind w i r Meister. Mir sollten darüber lachen." „Lachen?" wunderten sich die Wiener Herren. „Warum auch nicht? Rabbi Akiba lachte, als er sah, wie Schakale auf der Tcümmecftättc des Heiligtums hecumtollten. Da war eigentlich nichts zu lachen. Das Lachen mußte begründet werden. Dieses „Hep Hep!" aber nach bald zweitausend Jahren ..." Und der Rabbi begründete sein Lachen: „Bald zweitausend Jahre nach der Zerstörung des Tempels schreien sie auf den Gassen: „Je-- rnsalem verloren!" Wozu das Geschrei, wenn Jerusalem wirklich verloren wäre? Genügten sticht zwei Jahrtausende, um Jerusalem ganz vergessen zu machen, warum schreien sie? Hatte man je gehört, daß einer gerufen hätte:-. ,F)agon.' ist gesunken", „Baal'ist verloren", „Rom ist gefallen" oder „die Götter des Olympus sind zerstört?!" All dies ist verloren und gesunken und die Jahrtausende haben es unter ihrem Staube für ewig begraben, darum spricht kein Mensch mehr davon. Uns schreit man heute, nach bald zweitausend Jahren, zu: „Jerusalem ist verloren!" — Weil es nicht verloren ist, weil es in unserem Herzen lebt, in unseren Gebeten lebt, ja in jenen Anpöbelungen und Schimpfrufen leht und uns erhalten bleibt . . . Kann cs bessere Beweise dafür geben, daß uns Jerusalem n i ch t verloren ist, als jene — -Ra, wie heißen jene Rufe? . . ." „Hep! Hep!" riefen die drei im Chore. . „Der Haß sitzt tief," fing Herr Tausting zur Sache an! „Sieht man mir etwa, Herr Oberrgbbiner, so sehr den Juden an? Unterscheide ich/mich in Aussehen, Barttracht und Kleidung in etwas von der Aristokratie des Landes? Und auch mir wird, oft „Jude" und „Hep" nachgeschrieen." „Und da danken Sie nicht dem Schöpfer dafür?" fragte Rabbi Mosche ganz ernst. „Danken?" „Ja, danken sollten Sie dem Schöpfer dafür, daß inan auch Ihnen, Herr Taussing, trotz aristokratischer Aufmachung, noch nach zweitausend Jahren ansieht, daß Sie ein Rachkomme von Abraham, Isak und Jakob sind." * „So meinen d i e es. nicht," glaubte der jüdische Magnat den Herrn Oberrabbiner belehren, zu müssen. „Weiß ich wohl," sagte Rabbi Mosche. „Aber wichtig ist, wie wir cs meinen und aufnehmen. Dreimal im Jahre hatten früher Israels Söhne im Heiligtum vor GÜt zu erscheinen „ess p'ne Haschem elokecho" mit . dem Abglanz des G'ttcsantlitzes, wie ich das Wort versiehe und übersetze. Verlören.wir diesen gütlichen Widerschein im jüdischen Gesichte, und wir hätten alles verloren. Wie sollten wir. heute, da wir keinen Tempel mehr haben, es prüfen und wissen, ob wir jenen gütlichen Widerschein im Gesichte noch tragen? Die Buben auf der Straße sagen es uns: Sie schreien: „Jude! Hep! Hep! . . ." Während Rüben Tokew in glühender Aufmerksamkeit hinhorchte und jedes Wort wie eine Offenbarung einsog, zeigten die anderen zwei Herren einige Unruhe. Sie waren eigentlich nicht dazu gekommen, aus der IFchiwa des Rabbi eine Lernstunde abzuhalten. Dafür war jetzt wirklich nicht die Zeit. Sie drängtest z u r Sache. ' „Sie wissen, Herr Oberrabbiner," begann Herr Tausting sehr höflich und vornehm, „westen man uns Juden anklägt. Es ist nicht alles Legende, und bis tief in die "frommen und frömmsten Kreise hinein reichen einige Erblaster, die man uns heute allen zur Last legt und als Vorwand zu unserer Entrechtung nimmt. Gerade der Herr Oberrabbiner könnte kraft seiner unbegrenzten Autorität auf die Leute einwirkeu, daß sty bescheidener auftreten, ehrlicher sich verhalten in Handel und Wandel, manche Geschäfte lasten, die'uns keine Ehre machen. Durch Versammlungen, Sendschreiben und so . . ." Der Rabbi hörte still und nachdenklich die Worte an. „2luch Sprüche des Talmuds," setzte der jüdische 2lristokrat aus der Hauptstadt fort, „werden uns vorgehalten, die Unredlichkeit sanktionieren, Unduldsamkeit gegen Andersgläubige predigen sollen. Ich weiß nicht, ob mit Recht oder Unrecht. Wir, die an exponierter Stelle den Kampf für das jüdische Recht führen sollen, haben einen schweren Stand und sind leider zumeist auch nicht in der Lage, jene angeführten Zitate auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Sache der Lehrer, au deren Spitze des Herrn Oberrabbiners, wäre es, jene Stellen nachzuprüfen, sie richtig zu deuten oder, wenn nötig, ehrlich und mutig von ihnen abzurücken." - Rabbi Mosche fuhr erschrocken zusammen. So weit war es schon in jener Schicht, die sich die Führung anmaßte, gekommen? Aber er beherrschte sich. „Es ist wirklich ein tief bedauernswerter Zustand, daß Männer, die im Ramen des Judentums sprechen, seine heiligen Lehren nicht genügend kennen, um sie zu verteidigen." Er sprach es so sauft, so beherrscht, so sehr aus liebevollem Herzen heraus, daß der weiche u.ou die Schwere des Vorwurfes sehr milderte. Dann aber wurde seine Sprache fest und eindringlich. „Diese Vorwürfe sind alt, so alt wie der Judenhaß, und dieser begann bekanntlich schon mit dem ersten Juden. Diese Vorwürfe sind auch in den letzten Jahrzehnten schon hundertmal erhoben und hundertmal widerlegt worden. Und es wird auch jetzt nicht gelingen, diejenigen, die die Wahrheit nicht wollen, zu überzeugen." Er dachte an de Montfort, er dachte an das pariser Sanhedrion, an die „zwölf Fragen" und au deren, leichtfertige Beantwortung, die in manchem dem von den Wiener Herren verlangten 2lbrücken schier nahe kam. „So west von den talmudischen Zitaten," nahm der Rabbi nach einigem Schweigen das Wort wieder auf. „Was aber die Geschäfte der Juden betrifft, ihre angebliche Unredlichkeit ... Ich bestreite nicht, daß hier mancherlei zu ändern und zu bessern ist. Durch unsere Besdinstube geht so allerlei, das mir