Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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15. Juni. 1933 Der Israelit Nr. 24 Seite 11 Christentum öffentlich Rede und Antwort stehen mußte. Der Disput fand im Juli 1265 auf dem Markte in Barcelona statt und dauerte vier Tage. Der König selbst mit seinem ganzen Hofstaate waren anwesend. Auch viele Bischöfe und Ritter waren zu dem öffentlichen Schauspiele gekommen. Der Ramban war von einigen Rabbinern begleitet. Rachmanides beschränkte sich auf Beantwortung der an ihn gestellten ^fragen, da er die Geistlichkeit nicht herausfordcrn wollte. Zwar hatte ihm der König volle Redefreiheit zugesichert. Dennoch schien es für einen Juden gefährlich, und schließlich auch nicht nötige die Gefühle Anderer zu verletzen. Rur die Angriffe auf die jüdische Religion roMe er abwehren. Und dabei sprach er so klug und schön und überzeugend, daß sein Partner, der Täufling, bald nichts mehr zu sagen wußte. Der König nickte dem Rabbi Beifall zu. Die Dominikaner gerieten aber in flammenden Zorn und wollten nicht eingestehen, von einem Juden in der Redeschlacht geschlagen worden zu §ein. Wie Rachmanides die Gefahr einsieht, will er der Aussprache ein rasches Ende machen. Der König aber besteht darauf, daß sie fortgesetzt werde, und der Rabbi muß das gefährliche Spiel weitertreiben. Da die Dominikaner den weisen Worten von Rachmanides nichts mehr entgegenzusetzen wissen, behaupten sic in ihrem Äerger, der Iudenrabbi hätte in seiner Antwort" das Christentum beleidigt, und schon zeigten sich die ersten Iudenbetzen in Barcelona und in anderen Städten Kastiliens. Die richtige Gefahr beginnt aber erst nach Beendigung des Disputs. Die Dominikaner fertigten einen Bericht aus, wonach Rachmanides, in der Angst besiegt zu werden, schleunigst aus Barcelona geflüchtet wäre. Demgegenüber veröffentlichte Rachmanides in einer Schrift, die uns heute noch unter dem Titel „Wikuach Ramban" erhalten ist, den ganzen Gang der Aussprache, aus der zu ersehen ist, welche traurige Rolle der Renegat ^fra Fable, dabei gespielt hat. Daß der Bericht des Rachmanides die volle Wahrheit enthielt, konnte für keinen zweifelhaft fein. Auch viele nichtjüdische Augen- und Ohrenzeugen bestätigten, daß sich die Sache genau so verhielt, wie sie der Rabbi dargestcllt hat. Dieser Bericht erregte aber noch mehr den Zorn der Dominikaner. Sie klagten Rachmanides bei dem König an, stets unter der falschen Behauptung, er hätte das Christentum beleidigt. Rachmanides wies nach, daß er nichts mehr und nichts weniger geschrieben habe, als was er beim Disput in öffentlicher Versammlung, auch vor den Ohren des Königs, gesagt hätte. Da die Ankläger aber nicht ruhten, ordnete der König in Gemeinschaft mit dem Bischof von Gerona an, daß die Schrift vernichtet werde und Rachmanides für zwei Jahre das Land verlasse. Rill diesem milden Urteil gaben sich aber die Dominikaner nicht zufrieden und brachten die Sache vor den Papst Klemens IV. Dieser ersuchte den König, strengere Maßnahmen gegen die Iudenschaft zu unternehmen und den „Lästerer" Rachmanides nach Gebühr zu bestrafen. Davon erhielt Rabbi Riofche (vielleicht 'sogar auf Veranlassung des Königs) Kunde und verließ schleunigst Spanien. Rach vielen Irrfahrten erreichte er im Jahre 1267 Palästina. lieber seine dortigen Erlebnisse und Handlungen ein anderes Rial. Ex profundis! Von Oberrabbiner Ph. Fischer in Sarofpalak. Besprochen von H. F. Unter obigem Titel erschien vor kurzem eine Sammlung von in Ungarn großes Aufsehen verursachten Zeitungsaussätzen bes aud) im Ausland rühmlichst bekannten Verfassers. Die nähere Inhaltsangabe hat auch für den ausländischen Leser so manches Interessante zu bieten, indem sie auch eine kurze Darstellung gewisser, in der Landeshauptstadt Ungarns voriges Jahr aufgetauchten Bewegungen bildet, daher sei hier der Inhalt der Sammlung angegeben: I. Der erste Aussatz: „Sind die neologen Juden von Pest als Reformjuden zu betrachten?" wendet sich gegen den bekannten Journalisten Sos Endre, der in dem Organe: „Szombat" (Der Sabbat) den Sturmangriff zugunsten eines fabbatlichen G'ttesdienstes am Sonntag mit der Motivierung begann, daß die große Masse der Pester Neologen so wie so keinen Sabbat hält, keinen koscheren Haushalt führt usw. usw., daher es nur recht und billig sei, daß man für sie einen Sabbat-G'ttesdienst am — Sonntag einrichten soll, damit das religiöe Bedürfnis wenigstens damals befriedigt werde! Hiergegen wendet sich nun unser Autor mit aller Schärfe, indem er wohl zugibt, daß es auch im Kreise der ungarischen Neologie seit dem Auftreten des Orader Reformrabbiners Chorin stets einzelne Persönlichkeiten, darunter auch Rabbiner gab, die für radikalste Reformen prinzipiell eintraten, daß aber die große Menge nie und nimmer einen Sinn für solches prinzipiell e s Reformjuüentum hatte. Das große Lager der ungarischen Neologie besteht eben seit jeher aus cn'imv und nicht aus v'v2n^ a’ima. Auch die Neologen fühlen es rm Innersten, daß sie mit Uebertretung des Sabbats usw. gegen das Judentum sich vergehen, sie glauben aber aus nvano — oder Bequemlichkeitsgründen solches tun zu müssen. Prinzipiell leugnen sie aber nicht die Verbindlichkeit jener Vorschriften. Auch weist Vfr. darauf hin, wie übrigens der sonntägliche Sabbatg'ttesdienst selbst in Berlin keine allzugrohe Zugkraft bewährt! Sodann widerlegt er einzelweise die Gründe für den sonntäglichen G'ttesdienft. Namentlich aber macht er darauf aufmerksam, daß eben für die studierende und gewerbetreibende jüdische Jugend, in deren Interesse Sos Endre in erster Reihe den sonntäglichen Sabbatg'ttesdienst wünscht, ein solcher geradezu katastrophal wirkte, indem er eine der schärfsten Scheidelinien zwischen Christentum und Judentum: den Sabbat! aus deren Bewußtsein wegwischte und den Weg zur radikalsten Assimilation noch mehr ebnen möchte!. Nicht der Sonntagsg'ttesdienst, sondern einzig und allein echte jüdische Schulen können die Jugend retten! II. Hiernach folgt der Abdruck der ebenfalls in einem Pester Organe erschienenen i>nan N2^-Predigt des Verfassers von vorigem Jahre. Hierin wird ansgesührt, daß das Judentum, das die Menschheit mit den größten religiösen Werten bereicherte, darunter auch mit dem Sabbat-Gedanken, es nicht nötig habe, aus der Fremde den alten Schatz in neuem Umschläge zu importieren. Die Annahme eines sonntäglichen Sabbats seitens unserer neologen Brüder müßte zu einem gänzlichen unheilbaren Bruche im Judentums führen, wie ihn seinerzeit die Hellenisten, Sadduzäer, Karäer und in neuerer Zeit die Sabbatianer und Frankisten verursachte! Abhandlungen III und IV enthalten in ziemlich scharfem Tone gehaltene Entgegnungen auf die Angriffe des Redakteurs Dr. Kurländer, in dessen Organ „S z o mb a t" jener Artikel von So's, wie auch später andere zugunsten des Sonntag-Sabbats erschienen sind, wenn auch festgestellt werden muß, daß später (Ende gut, alles gut!) der Redakteur Dr. K. selber gegen diese Bewegung Stellung nahm. Dr. K. warf nun unserem Autor vor, daß die Orthodoxie kein Recht habe, sich in die inneren Angelegenheiten der Neologie wie z. B. Sonntagsg'ttesdienst usw. hineinzumengen oder hierzu Stellung zu nehmen, und berief sich hierbei sonderbarer Weise auf das angebliche Beispiel S. R. H i r s ch s, „dessen Lehren doch der Rabbiner Fischer so gut kenne!" Mit flammenden Worten weist nun der Autor diese Zumutung Dr. Kurländers zurück und weist eben auf den Meister S. N. Hirsch hin, wie dessen historisch hochbedeutsame Wirksamkeit zum großen Teil ein rastloser „ Stehkamps " gegen die Neformbestrebungen, wo immer sie auch auftauchten, gewesen war, und wie eben S. R. Hirsch mit der Erwirk u ng des A u s t r i t t s g e s e tz e s die Neologen und Reformer keineswegs ganz ihrem Schicksal preisgeben, sondern uneinneh mbare, feste Burgen für das einzig wahre Judentum errichtet haben wollte, wohin die Enkel und Urenkel seiner abgefallenen Zeitgenossen sich werden einst zurückretten können. Wie der Meister all dieses in solch erschütternder Weise in seinem zweiten Briese an S. B. Bamberger ausgesprochen hat! Solange das allerletzte Band um die Einheit Israels nicht zerrissen ist, haben wir Orthodoxen das Recht, ja die Pflicht, gegebenen Falles unseren neologen Brüdern zuzurufen: nnn ns ny. Bis hierher und nicht weiter, Brüder! Sonst muß es zum völligen unheilbaren Bruche kommen! Abhandlung V enthält unter der Aufschrift „Ex Profundis" die Erwiderung des Verfassers auf ein Schreiben des Journalisten Sos Endre, der den Stein des Anstoßes: die Bewegung des Sonntagsg'ttesdienstes eigentlich ins Rollen brachte. Dieses Schreiben wurde an den Vfr. nach dem Erscheinen seiner ersten zwei Artikel: „Sind die Pester neologen Juden als Reformjuden zu betrachten?" im „ Z s i d s U j s a g " gerichtet. Der Schreiber desselben sucht darin seinen Standpunkt genauer zu präzisieren und zu verteidigen. Hierauf erfolgt in 5 Abschnitten die zu einer Studie angewachsene Antwort des Verfassers, die zuerst, wohl mit Absicht, in dem den neologen Kreisen näherstehenden Organe „ Egyetertes " (Eintracht) veröffentlicht wurde. Diese tiefschürfende Studie erinnert an gar viele Stellen mit ihrer scharfen Zergliederung und klarer Beleuchtung der Argumentation der Gegenseite und zugleich mit der niederschmetternden Wucht und hinreißender Kraft ihrer Mahnungen -an die Schriften des unsterblichen Vorbildes unseres Verfassers: S. R. Hirsch! Nun einiges zur Inhaltsangabe dieser Studie. Nachdem im ersten Abschnitt das ausführliche Schreiben von Sos Endre zum Abdrucke gelangt, erwidert Vfr. im zweiten Abschnitt auf die Argumentation des Sos, daß „80 000 Privatangestellte usw." in Budapest ihre religiösen Bedürfnisse einzig und allein am Sonntage befriedigen könnten, daß doch dieses angebliche „religiöse Bedürfnis" auf sehr schwachen Füßen stehen müsse, sonst müßten doch wenigstens in den Sommermonaten die Freitagabenüg'ttesdienste in den Pester Tempeln, da sie doch erst abends nach 7 Uhr, also nach der Arbeitszeit stattfinden, von massenhaften Scharen der „80 000 Privatangestellten usw." besucht werden, was doch leider nicht der Fall ist. Auch ein Sonntagsg'ttesdienst würde keine Massen anziehen und wäre andererseits geradezu eine Konzession ans Christentum. Im dritten Abschnitt folgt nun eine prägnante Darstellung des Wesensunterschiedes zwischen dem jüdischen Sabbat und dem christlichen Sonntag, wobei als Quellen von jüdischer Seite die diesbezüglichen klassischen Stellen bei S. R. Hirsch und von christlicher Seite die Ausführungen von Professor Franz Delitzsch dienen. Und so wird am Schlüsse dieses Abschnittes die reinch r i st o l o g i f ch e Bedeutung des Sonntags klargemacht. Oer vierte Abschnitt ist eine scharfe und gründliche Auseinandersetzung mit Baron B e r t h o l d de Hatvan und dem neologen Oberrabbine von Ofen: Dr. Arnold Kih, die die praktialen Gesetze des Judentums in den Organen „Szombat" und „Egzetertes" als „verfaulte Umzäunungen fremder Zeitalter", „überlebte Traditionen" und „bloße Formen, die das Leben hinweggeschwemmt hatte", darzustellen sich nicht scheuten! Nun weist Vfr. nach, wie ein Judentum im Gegensatz zu anderen Religionen sich die grundlegenden Lehren und Wahrheiten nicht in leicht und schnell verklingenden Dogmen, sondern eben in symbolischen Handlungen manifestieren. Daß also nun die wichtigsten Grundsätze des Judentums in Vergessenheit geraten müssen, so man ihre sichersten und ewigen Träger: die nixa aus dem praktischen Leben ausschaltet! Er weist aus die Lebensarbeit S. R. H i r s ch s hin, dessen glänzende Schriften die Herren belehren können, daß auch die scheinbar leblosesten nixa keine „toten M umien ", sondern lebensvoll st e Belehrungen in symbolischen Handlungen sind, und erinnert auch in ergreifendster Weise an eine ihm von dem gefeierten Präses der Agudah Jacob R o s e n h e i m in einem Privatbriefe gewordene Mitteilung, wonach der verstorbene große deutsch-jüdische Denker und Dichter Franz R o s e n z w e i g , der in ganz assimilierten Kreisen aufgewachsen und erzogen worden war. später derart von der Wichtigkeit und dem Ideengehalte der verspotteten „Zeremonialgesetze" überzeugt worden ist, daß er selbst in der letzten Phase seiner langwierigen, schweren Krankheit, da er schon fast ganz gelähmt in seinem Krankenbette dalag, es nie versäumte, mit Hilfe seiner Angehörigen T e f i l l i n anzulegen und so zu beten! Auch auf jene berühmte Stelle in Mendelssohns Jerusalem weist der Vfr. hin. wo derselbe feierlichst proklamiert, daß niemand im Hause Jakobs „ f i ch auf irgendeine gewissenhafte Weise vom Gesetze erledigen könn e." Am Schlüsse dieses Abschnittes wird Dr. Arnold Kih, der sich zur Behauptung versteigt: ,, das yrw ist das Wesentliche, alles Uebrige ist aber fließende Formalität!", geistvoll die Mischnah in Berachoth, 2 zugerufen: Vl? Vap’E? H3 V1QE7 DK ''vH zmv i"DDD3 HoV Nlllp p VL71N' '1 *1DK -N12V hy I'i>y i>2p' 2"NK1 ni"nn Dwv 7112^» Das Joch des himmlischen Königreiches ohne Betätigung der Konsequenzen dieses Joches;' die treue Erfüllung der ist ein leerer Schall, eine bloße Fiktion, die in letzter Schlußfolgerung nach dem Beispiele der Allegoristenschule in Alexandrien zu einem üogmengläubigen oder dogrnenlosen Christentum führt! Der fünfte Abschnitt setzt diese scharfe und eingehende Polemik fort und verweist die „Intellektuellen" in Ungarn, die angeblich keine Befriedigung in dem praktischen Judentum finden können, auf das Beispiel des Anstandes, wo in Befolgung des von S. R. Hirsch gewiesenen Pfades Hunderte, ja Tausende von „Intellektuellen" es wohl verstehen, das „praktische" Judentum mit ihrem Intellekt, der gewiß nicht hinter dem der „Intellektuellen" in Ungarn zurücksteht, in schönste Harmonie zu bringen. In dem Schlußabschnitt kehrt der Vfr. zum Schreiben des Journalisten Sos zurück, und führt mit eindringlichen Worten aus, wie das einzige Rettungsmittel der neologen Jugend nicht in Pflästerchen wie Sonntagsg'ttesüienste usw., sondern in der Gründung echtjüdischer Schulen mit echtjüdischen Lehrkräften liege! „Wer die Schule hat. hat die Jugend! Und wer die Jugend gewinnt, gewinnt die Zukunft!" Wochenkalender vom 17. — 21. Juni 1933 vom 23. — 30. Silvan 3693 ’»r> tp 'i 'n piQ -\b-rbv Samstag 17 23 71'«2' Mauted: Freitag früh 22 2 Uhr 23 Minuten Sonnrag 18 24 22 Montag 19 25 12 Dienstag 20 26 ns Mittwoch Iun 21 27 12 Donnerstag 22 1"° 28 T2 pp -,122 21' Freitag 23 |29 .'2 '2 'K p“12 N-,' Samstag 24 130 V2 2NN ffK'n 'K Dl'