Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-06-15 · Heft 24 (15.6.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 24 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450779--79663-2537446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BR 15. Juni 1938 Schweiz mit erstklassiger Unterbringung in sehr schöner Gegend sicherzustellen. Anfragen sind zu richten an die Beth-Jakob-Zentrale, Wien II, Leopolüsgasse 26. Uneinheitliche Iudenpolitik der österreichischen Regierung. Wien, 11. Juni. Das Organ des österreichischen Bundeskanzlers, Dr. Dollfuß, „Der Vauernbündler", kündigt die Revision der Bundesbürgerschaftsverleihungen an zu gewanderte Ostjuden an. Das Blatt begründet diese Maßnahme, für die es die Zustimmung der „alteingesessenen österreichischen Judenaristokratie" als sicher voraussetzt, damit, daß die Sozialdemokraten in den von ihnen verwalteten Städten und Gemeinden eine große Menge galizischer Juden eingebürgert hätten. Die Ankündigung des „Bauernbündlers" hat in den jüdischen Kreisen Oesterreichs starke Beunruhigung hervorgerufen. Man will in dieser Ankündigung einen Beweis dafür erblicken, daß die Politik der Regierung in Bezug auf die Judenfrage uneinheitlich und widerspruchsvoll sei. Während einersekLs dem Ausland gegenüber beruhigende Erklärungen abgegeben werden, in denen Wahrung der Glechberechtigung der österreichischen Juden zugesichert wird, bereite man andererseits von staatswegen einseitig gegen jüdische Elemente gerichtete Aktionen vor. Besonders verstimmend hat es auch gewirkt, daß Bundeskanzler Dollfuß auf einer eben abgehaltenen Versammlung der Wiener Gewerbetreibenden die Erklärung abgegeben hat, jüdischer Einfluß und jüdischer Geist würden in Oesterreich ausgerottet werden. Der Bundeskanzler machte diese Aeußerung in offenbarer Unkenntnis der Tatsache, daß an der betressenden Versammlung auch jüdische Gewerbetreibende teilnahmen. Panik unter der jüdischen Bevölkerung. Wien, 12. Juni. Das Bombenattentat gegen das Geschäft des jüdischen Juweliers Norbert Futterweit hat ein zweites Todesopfer gefordert. En Passant, der zur Zeit der Explosion beim Geschäft vorüberging, ist seinen Verletzungen erlegen. Bei der Polizei haben sich noch drei weitere Personen gemeldet, die infolge des Vombenattentats Verletzungen erlitten hatten. In verschiedenen Stadtteilen wurden weitere Versuche, antisemitische Terrorakte zu verüben, gemacht. Im Cafe Produktenbörse, das in dem von Juden stark bevölkerten II. Wiener Gemeindebezirk liegt, wurde in einem Koffer eine Höllenmaschine gefunden. Polizei sperrte die Umgebung des Gebäudes bis zur Unschädlichmachung der Höllenmaschine ab. Zwei im Zusammenhang mit diesem Fund verhaftete junge Leute erklärten, man würde gegebenenfalls Juden auf der Straße überfallen und niedermachen. Gegen ein jüdisches Geschäft in der Favoritenstraße im IV. Bezirk wurde ein Sprengswssattentat verübt. Der Rolladen wurde zertrümmert, das Geschäftsinnere verwüstet. Infolge des Luftdrucks wurden zahlreiche Fensterscheiben an der gegenüberliegenden Straßenseite zertrümmert. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden gegen jüdische Geschäfte Steine' und faule Eier geworfen. Die Terrorakte der beiden letzten Tage haben zu einer Panik unter der jüdischen Bevölkerung Wiens geführt. Ungeachtet der außerordentlich scharfen Maßnahmen der Behörden fürchtet man, daß es in den nächsten Tagen zu weiteren Bombenattentaten kommen wird. Es wird damit gerechnet, daß Bundeskanzler Dr. Dollfuß im Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen seinen Londoner Aufenthalt abkürzen und in den nächsten Tagen nach Wien zurückkehren wird. Tschecho-Slorvakei. Eine Auslands-Stimme gegen die Konstituierung der deutschen Zudenheit als Minderheitsnationalität. Prag, 2. Juni. In der „Jüdischen Presse" veröffentlicht ein führender Politiker der slovakischen Orthodoxie einen beachtenswerten Aufsatz zur Frage der Minderheitspolitik, dem wir folgenden Auszug entnehmen: „Dem Völkerbund in Genf wurde dieser Tage eine „jüdische Petition" überreicht. Sie wurde von dem Wirbelwind in die Höhe der internationalen Politik geweht, den die Judenverfolgungen in Deutschland heroorgerufen haben, und verlangt die völkerrechtliche Erklärung der Juden in Deutschland zu einer gesonderten Der I s r a e l i t „Minderheitsnationalität" mit allen Konsequenzen, die eine solche Erklärung politisch, wirtschaftlich und kulturell nach sich ziehen muß. Die Petition wurde von einem tschechoslowakischen Juden, dem Advokaten Dr. Emil M a r g u l i e s in Leitmeritz, Präsidenten der sogenannten „Jüdischen Parte" in der Tschechoslowakei, und einigen seiner engsten zionistischen Gesinnungsgenossen in erster Reihe im Namen der tschechoslowakischen Juden im Büro des Völkerbundes abgegeben. Dieser Umstand legt den Wortführern der jüdischen öffentlichen Meinung in der Tschechoslowakei mehr als der jüdischen Presse des Auslandes die Pflicht auf, der jüdischen und nichtjüdischen Welt aus das deutlichste zu sagen, daß die jüdisch-nationalistische politische Grundanschauung eines solchen Verlangens durchaus nicht als Ausdruck des allgemeinen politischen Credos der tschechoslowakischen Juden betrachtet werden kann. Die Juden in der Tschechoslowakei haben ebenso wie das gesamte thoratreue jüdische Volk weder Grund noch die Absicht, ihr historisch bewährtes Verhältnis zu ihren Mitbürgern nach der Rassentheorie eines irregegangenen Nationalismus umzumodeln und in die Reihe der gesonderten politischen „nationalen Minderheiten" einzutreten oder gar für dieses politische nationale Sonderdasein irgend welche fragwürdige internationale Rechtssicherheiten vom Völkerbund zu verlangen. Ein nationalistisches politisches „Minderheitsjudentum" ist eine historische und tatsächliche Unwahrheit. Die furchtbare Not der Juden in Deutschland zum Vorwand-zu nehmen, um das Rechtsleben des gesamten jüdischen Volkes in allen Ländern der Diaspora nach den Sonderwünschen extremer Zionisten auf solch falscher und brüchiger Grundlage umgestalten zu wollen, ist ein solch gefährliches Unterfangen, daß es eine unverzeihliche Unterlassungssünde an dem jüdischen Volke wäre, ihm nicht entgegenzutreten. Die jüdisch-nationalistische Petition an den Völkerbund läuft darauf hinaus, die zionistische „Nationalitätenpolitik", die von den Zionisten seit Jahren hier in der Tschechoslowakei gegen die Wahrheit, gegen die vitalen Interessen des Judentums und vor allem ohne irgend welche Willensbekundung des weitaus überwiegenden Teiles der tschechoslowakischen Juden eigenmächtig getrieben wird, den Juden aller Länder aufzuzwingen und für alle Fälle im Völkerbund eine völkerrechtliche Diskussion über eine innerjüdische Frage heraufzubeschwören, die zu allererst uns Juden angeht und über die unter uns Juden selbst ganz bestimmt kein beachtenswerter Teil so denkt wie die Zionisten, die in ihrer unüberwindlichen Anpassungssucht das jüdische Volk auch hierin nach den Denkmoden ihrer nichtjüdischen Umgebung „gleichgeschaltet" wissen möchten. Ist die Politik der „Assimilaton" wirklich bankrott, wie die Zionisten eingestehen, so bleibe sie bankrott und man suche nicht aufs neue einen Vorwand heraus, um mit dem ganzen historischen Charakter eine andere, viel schlimmere Angleichungspolitik zu treiben. Und. die deutschen Juden, zu deren angeblichem Wohl diese ganze politische zionistische Aktion eingeleitet wurde? Wir gehen sicher nicht fehl, wenn wir behaupten, daß nicht nur die religiösen, thoratreuen Schichten der deutschen Juden, sondern sehr weite Kreise über sie hinaus, ja selbst die besonneneren Teile der deutschen Zionisten in ihrer etwaigen Umwandlung in eine geänderte „nationale Minderheit" durch einen eventuellen Machtspruch des Völkerbundes nur eine Erhöhung ihrer Not und einen neuen Akt der Vergewaltigung erblicken würden. Den Vertretern der „nationalistischen" politischen Petition selber durfte es übrigens — wenn üe die klaren Aeußerungen des Ministers Benes gegenüber dem Korrespondenten des jüdisch-sozialistischen Newyorker „Forward" richtig verstanden haben — schon vor' Ueberrechung ihrer Petition klar gewesen sein, daß mit der „Diskussion" über die jüdische „nationale Minderheit "in Deutschland vor dem Völkerbund den Leutchen Juden praktisch nicht im allergeringsten geholfen werden könne. Der Weg der deutschen Juden führt allerdings zum Judentum zurück, aber nicht zu einem Judentum der nationalistischen Nachahmung, der politischen Phrasen, sondern zum Judentum der wahren jüdischen Eigenart, zum Judentum des Schowuosfestes, zum Judentum der Thora." Man muß hoffen, daß diese Mahnung zur Besonnenheit auch in anderen ausländischen Kreisen, die in bester Absicht die deutschen Jckden vom Regen in die Traufe bringen wollen, Beachtung finde. Nr. 24 Seite 7 Schweden. Antisemitismus auch in Schweden. Stockholm, 12. Juni. In einem Brief aus Schweden in der Wiener „Wahrheit" lesen wir u. a. Wer als deutscher Jude heute nach Schweden kommt, muß wissen, daß ihm auch hier das Antreffen judenfeindlicher Lebensäußerungen nicht ganz erspart bleibt. Auch in Schweden gibt es eine nationalsozialistische Bewegung. Ich fand das Hakenkreuz an Stellen, an denen es sich in Deutschland nicht mehr zu zeigen braucht: mit Kreide an Hausmauern gemalt. In Malmö versicherte man mir, es solle Leute geben, die das Hakenkreuz angesteckt tragen. Die schwedischen Hochschulen sind übrigens keineswegs Keimzellen des Nationalsozialismus. Die schwedischen Studenten, an deren Vor- und Ausbildung sehr hohe Anforderungen gestellt werden, besitzen eine recht durchgeistigte Mentalität, die sie vor Schlagworttaumel, Phrasengläubigkeit und exzessiven Neigungen schützt. In den Mittelschulen sieht es freilich etwas anders aus. Hier glimmt der in Schweden immer latent gewesene Antisemitismus. Das Verhalten mancher Lehrer ist ebenfalls oft von einer gewissen Zweideutigkeit. Es kommt nie zu konkreten, offensichtlichen Pöbeleien; zur Zeit tritt der Antisemitismus noch reichlich leise und gibt sich in wecheren Formen als anderswo. Es existiert zwar eine nationalsozialistische Zeitung, die eine scharfe Tonart führt, es gibt Läden, in denen Zeitschriften und Bilder mit widerlichen Judenkarikaturen aushängen. Aber die breite Masse beachtet sie kaum. Wie überhaupt zur Zeit noch der Nationalsozialismus vielfach nur dem „On dit" nach bekannt ist. Die nicht sehr häufigen antisemitischen Versammlungen sind gut, wenn auch nicht übermäßig besucht. Sie zeigen teilweise denselben Stil wie in Deutschland, Fahneneinmarsch, Fanfarenmusik usw., teilweise aber auch einen anderen. So sind Diskussionen zuweilen gestattet und bringen oft manchen, vom Beifall vieler Anwesenden belohnten Kritiker ans Podium. In diesem Falle fehlt also die Suggestivkraft des unwidersprochen ins Publikum gehämmerten Schlagwortes. Auch Juden haben Zutritt, und machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Trotz dieses verhältnismäßig harmlosen Auftretens des Antisemitismus hat die Gegenbewcgung bereits eingesetzt. Die schwedische Regierung erwägt ein Uniformverbot, dessen Erlaß unmittelbar bevorsteht. Wenn man das deutsche Beispiel auswertet, dann erscheint es tatsächlich am richtigsten, Parteiunisormen in einem Zeitpunkt zu verbieten, in welchem viele Bürger überhaupt noch keine solche Uniform gesehen haben. „Principiis obsta" heißt die Regel, deren Nichtbefolgung anderswo böse Früchte getragen hat. Innerhalb der schwedischen Judenheit haben bereits Besprechungen stattgefunden, wie man der Gefahr zu begegnen habe. Die deutschen Juden haben leider im entsprechenden Stadium der heimischen Bewegung nur ein Lachen für diese Dinge gehabt. Der schwedische Nationalsozialismus bleibt somit im Abstrakten hängen und findet weniger konkrete Reibungsflächen, an denen er seine Agitation entzünden kann. Vielleicht stellt sich das seinem Eindringen in die Volksseele hemmend entgegen. Es scheint auch, als ob die deutschen Vorgänge in etwas anderem Sinne hinüberwirken, als es den vielen Deutschen lieb ist. Frankreich. Komitee zu Gunsten jüdischer Aerzte aus Deutschland. S t r a ß b u r g, 9. Juni. Eine internationale A e r z t e - O r g a n i s a t i o n ist zur Zeit im Ausbau begriffen. Für die jüdischen und nichtjüdischen Kollegen, denen in Deutschland die Ausübung ihres Berufes unmöglich gemacht ist, will diese Organisation Niederlassungsmäglichkerten in der Welt ausfindig machen und Verhandlungen mit den betreffenden Regierungen anbahnen. Die Erfolge einer derartigen Organisation werden sich begreiflicherweise erst nach Wochen, wenn nicht Monaten auswirken. Bis dahin wird den deutschen Kollegen geraten, daheim abzuwarten oder, soweit dies noch möglich ist, die Praxis weiter zu führen. Jetzt bereits auszuwandern ist nicht zu empfehlen, es fei denn, daß persönliche oder wirtschaftliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.