Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 24 Der Israelit 15. Juni 1933 „Volksprotest gegen jüdische Rechtsverdreher" folgende Schilderung: „Kaum war es bekannt geworden, daß die nach einer Verfügung des Neichsjustizministers wieder zur Amtsführung zugelassenen jüdischen Rechtsanwälte am Montag ihre Tätigkeit am Duisburger Amts- und Landgericht wieder in Person aufnehmen würden, als sich auch schon vor den Zugängen des Gerichts an der Königstraße ^ind am Königplatz erregte Menschenmassen ansammelten, die ihrem Unwillen über das Wiedererscheinen der Juden an Gerichtsstelle lauten Ausdruck verliehen. Währenddessen begannen im Gerichtsgebäude selbst in den verschiedenen Zivilsitzungen dei Verhandlungen, bei denen mehrere Parteien erstmalig wieder seit der Sperre durch jüdische Anwälte vertreten waren. Gegen 10 Uhr drangen die Demonstranten spontan in das Gebäude ein und durchzogen die Korridore mit lauten Protestrufen, in die sich immer wieder die Forderung mischte: „Juden heraus!" Verschiedene Anwälte jüdischer Abstammung zogen es vor, freiwillig und fluchtartig das Gebäude durch den Keller zu verlassen, nachdem sie vorher ihre Zuflucht in allen möglichen Verstecken gesucht hatten. Einzelne, darunter die Rechtsanwälte Levy, Simon, Dr. Kaufmann I, Katzenstein und Löwenberg, wurden durch die sich immer mehr vergrößernden Menschenmassen aus den Sitzungssälen gefegt. Dem Eingreifen des Pg. Rechtsanwalt Dr. Winkler gelang es, jede Gewalttat zu vermeiden. Er brachte persönlich den auch mit Wissen und Willen des Nationalsozialistischen Juristenbundes bei den Duisburger Gerichten — dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung entsprechend — zugelassenen jüdischen Anwalt Dr Cohn aus Ruhrort unter sicherer Bedeckung aus dem Gebäude heraus, woraus die Menge, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß in keinem der Sitzungssäle ein Jude mehr amtierte, sich ruhig und geordnet zurückzog. Der Vorgang ist ein Beweis dafür, daß die Anordnung des Neichsjustizminifteriums dem Volkswillen, der sich die Erfolge der nationalen Revolution nicht in das Gegenteil verkehren lassen will, nicht entspricht. Gegen viele der jüdischen Anwälte wird zudem der Vorwurf wucherischer und unbarmherziger Ausbeutung ihrer Klienten und ihrer Gegnerschaft erhoben und man verlangt stürmisch eine andere, der Verhältniszahl gerechter werdende Regelung der Anwaltsfrage." Studenten, die mit jüdischen Nollegen verkehren, droht Aechtung. Breslau, 8. Juni. Am schwarzen Brett sämtlicher Breslauer Universitätskliniken und medizinischen Institute hat die Klinikerschaft folgenden Erlaß bekanntgegeben: „Im Einvernehmen mit dem Führer der Deutschen Studentenschaft empfehle ich allen Kollegen, die sich hinter die Deutsche Studentenschaft stellen, den Umgang mit den jüdischen Studierenden zu vermeiden. Andernfalls müßte die Deutsche Studentenschaft zu der Ansicht kommen, daß diese betreffenden Kollegen nicht zu ihr stehen. Sie mühte daraus ihre Konsequenzen ziehen. Aufführung von Namenslisten jüdischer Studenten an unmöglichem Orte hat zu unterbleiben. Ebenso haben die öffentlichen Anpöbelungen jüdischer Studenten innerhalb des Vorlesungsbetriebes Wegzufallen. Wer gegen diese Anordnungen verstößt, hat ein disziplinarisches Einschreiten gegen sich zu erwarten. Der Herr Dekan hat einer Anzahl von Privatdozenten (es handelt sich um jüdische Dozenten. Red.) angeraten, bis zur völligen Klärung der Sachlage keine Vorlesungen abzuhalten. Eine Anzahl von Kollegen haben versucht, diese Herren zum Abhalten ihrer Vorlesungen zu veranlassen. Derartige Einzelaktionen haben in Zukunft zu unterbleiben." Auch eine „Lösung". München, 8. Juni. In der letzten Nummer der „Nationalsozialistischen Monatshefte" veröffentlicht der bekannte Theoretiker der nationalsozialistischen Bewegung, Dr. v. L e e r s , unter der Ueberschrift „Das Ende der jüdischen Wanderung" einen Artikel, in dem er u. a. eine großzügige Lösung der Judenfrage in territorialistischem Sinne vorschlägt. „Nur ein Barbar", schreibt Dr. v. Leers, „ein außerhalb der letzten großen gütlichen Ordnung der Weltgeschichte stehender Mensch könnte einen allgemeinen judenfeindlichen Vernichtungskampf zur Ausrottung dieses Volkes empfehlen. Sache der hochrassigen Völker ist es nicht, dort Lösungen des Hasses vorzuziehen, wo noch eine Lösung des Problems in anständiger Form denkbar ist. Die einzig denkbare positive Lösung, die dem Judenproblem ein wirkliches Ende in Europa machen würde und zugleich dem Judentum eine wirkliche Volkwerdung, Verwurzelung im Boden und damit vielleicht eine Bindung seiner minderwertigen Bestandteile durch die höherwertigen ermöglichte, wäre die Bereitstellung eines ausreichenden außereuropäischen Siedlungsgebietes in gesunder Lage. Der Holländer van Vinghene hat in seinem Buch „Vollzionismus" zu diesem Zwecke einmal Madagaskar vorgeschlagen, man könnte aber auch an gewisse klimatisch geeignete andere afrikanische oder südamerikanische Gebiete denken. Ein solches Siedlungsgebiet müßte auf der einen Seite, im Rahmen der Ranmbeschaffung für die raumarmen Völker, dem jüdischen Volke eine wirkliche Nahrungsgrundlage durch produktive Arbeit ermöglichen, andererseits müßten schon heute in denjenigen Ländern, wo eine Trennung und Scheidung des Judentums von der nichtjüdischen Bevölkerung durchgeführt wird, die Juden, für die eine große Anzahl Berufe verloren gehen, für die Besiedlung dieses Gebietes durch Zusammenfassung zu Arbeitsgruppen und entsprechende handwerkliche und bäuerliche Ausbildung vorbereitet werden. Jene großen westeuropäischen Kolonialmächte aber, die stets aufs neue über die auftauchende Judenfrage und ihre Auswirkungen in Ost- und Mitteleuropa sich erregen, ohne die Zusammenhänge wirklich zu erkennen, täten nicht nur ein Werk der Menschlichkeit, sondern auch der staatsmännischen Weisheit zur Beruhigung der Welt und zur Lösung einer ihrer ernstesten Fragen, wenn sie durch Bereitstellung eines solchen Siedlungsgebietes auf der einen Seite Europa von dem jüdischen Problem entlasten, auf der anderen Seite dem Judentum die Volkwerdung ermöglichen. . . . versuchen muß man es noch einmal, eine anständige Lösung dieser Frage durchzusetzen. Zu ihrer tatsächlichen Lösung sind wohl diejenigen Juden berufen, die nunmehr nach Jahrhunderten des Kampfes um die Judenfrage erkannt haben, daß der Traum einer jüdischen Weltherrschaft sich nicht verwirklichen läßt und die darum bereit sind und sein wollen, Volk unter Brüdern zu werden; berufen sind diejenigen Völker, denen die Frage am stärksten durch die bei ihnen vorhandenen jüdischen Massen auf den Nägeln brennt; berufen sind insonderheit die großen westeuropäischen Kolonialmächte mit dem überreichen Landbesitz, denen es nicht gestattet sein darf, sich mit billigen Humanitären Schlagworten um eine anständige Lösungsmöglichkeit herumzudrücken, die mit einem Schlag die Judenfrage, deren Auftauchen sie immer wieder entrüstet, beenden würde." (Siehe Leitartikel. Wir kommen auf das hier angeschnittene Problem demnächst nochmals zurück. Red.). Die jüdischen Volksschulen in Württemberg scheiden aus dem staatlichen Schulsystem aus. Stuttgart, 12. Juni. Das Württembergische Staatsministerium hat in einer unter dem Vorsitz des Reichsstatthalters abgehaltens Sitzung ein Gesetz über die israelitischen Volksschulen beschlossen, nach dem die allein noch übrigen zwei israelitischen Volkschulen im Sinne von Art. 13 des Volksschulgesetzes und ebenso die wenigen israelitischen freiwilligen Konfessionsschulen im Sinne von Art. 14 des Volksschulgesetzes aus den württembergischen Volksschulen ausscheiden. Diese israelitischen Schulen können jedoch als Prioatschulen weiter bestehen. Des weiteren wurde beschlossen, die Staatsleistungen an die Israelitische Religionsgemeinschaft, die, wie betont wurde, von jeher in vollem Umfang freiwillige gewesen seien, von nun ab einzustellen. Das Recht der Erhebung von Kirchensteuern durch die Israelitische Religionsgemeinschaft wird dadurch nicht berührt. Freistaat Danzig. Danziger Nationalsozialisten bekennen sich zum Minderheitenschutz. Danzig, 12. Juni. Nach dem Wahlsieg der nationalsozialistischen Partei' in Danzig, der 25 Proz. aller abgegebenen Stimmen zugefallen sind, empfing ihr Spitzenkandidat, der voraussichtliche künftige Präsident des Danziger Senats, Dr. Hermann Rauschning, Vertreter der Presse, denen; gegenüber er sich über die Richtlinien der künftigen Danziger Regierung äußerte. Bezüglich des innerpolitischen. Programms der Nationalsozialisten erklärte Dr. Rauschning, es sei notwendig, die Verfassung und die bestehenden Verträge zu respektieren. Was das Verhältnis zu Polen betreffe, so bekenne sich der Nationalsozialismus zum Grundsatz des Minderheitenschutzes. Er verbinde mit dem Bekenntnis zum eigenen Volkstum auch das Bekenntnis zur Achtung vor dem Volkstum der anderen. Er werde aber vor der großen Aufgabe stehen, bisher von den Danziger Regierungen nicht gelöste Probleme auf einmal zu bewältigen, und werde zunächst in Genf in taktische Schwierigkeiten kommen. (ITA.). Schweiz. Antisemitismus in der Schweiz. Zürich, 12. .Juni. Ein Besucher einer der Züricher Versammlungen der „Nationalen Front" berichtet über die dabei empfangenen Eindrücke: Es sprachen Emil Rüegsegger und Dr. T o b - l e r. Beiden Rednern kam es nicht auf eine wissenschaftliche oder objektive oder auch nur gedanklich klare Begründung ihrer Bewegung an — wäre etwas Derartiges die Absicht gewesen, man hätte den Abend als verfehlt bezeichnen müssen — sondern auf eine wortreiche und gefühlsbetonte Demonstration gegen Materialismus, Egoismus, Klassenkampf, Marxismus, Bolschewismus, Judentum, Pazifismus, Liberalismus. Die pofitiven Forderungen find: Korporationsstaat, d. h. berufsständifche Ordnung unter verantwortlichen Führern; Ausschaltung und, wenn nötig, gewalttätige Unterdrückung aller „volkssremden" Elemente aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben — wobei die Definition von „volksfremd" eindeutig durch die „Nationale Front" bestimmt würde . . .; Wehrhaftigkeit und Wehrfreudigkeit; Schaffung einer wahren Volksgemeinschaft. Es wurde heftig und hemmungslos Kritik geübt an dem verantwortungslosen Parlamentarismus unserer Demokratie und an der zersetzenden Parteiwirtschaft. Man forderte die Beseitigung des Klassenkampfes, dieser Teufelsgeburt moskowitischer Söldlinge, die Einordnung des schweizerischen Arbeiters in die Volksgemeinschaft und berief sich auß eine soziale Gerechtigkeit, die nicht näher definiert wurde. Die Haltung der beiden Redner war teils rein demagogisch, auf billigen, momentanen Effekt -eingestellt, teils fanatisch und für ahnungslose Gemüter verwirrend, weil sich eine warme und opferbereite Vaterlandsliebe unten 'alschen Voraussetzungen mit Problemen abgibt, deren Lösungen wahrscheinlich doch auf einer andern Ebene liegen. Die Versammlung war ausgezeichnet besucht, vorwiegend von jungen Leuten und solchen mittleren Alters; es waren die sogenannten „besseren Stände", Arbeiter sah man keine. Die Organisation der Veifalls- und Pfuirufe klappte nicht übel. Bezeichnend ist, daß in der „Neuen Züricher Zeitung" die auch im politischen Teile eine recht unklare Haltung einnimmt, es einige Schweizer der Mühe und der Kosten wert finden, sich in halbfpaltigen Inseraten gegen den Verdacht, sie seien Juden oder nichtarischer Abstammung^ zu verteidigen. Oesterreich. Beth Jakob-Sommerkurse in Oesterreich und der Schweiz. Wien, 8. Juni. Von der Wiener Zentrale der Beth-Jakob-Mädchenchulorganisation werden folgende Sommerkurse veranftaltet: Die. Hauptkurse der Lehrerinnenbildungsanstalt und der Kindergärtnerinnenkurs bleiben in Wien, so daß für Gastschülerinnen die Möglichkeit geschaffen ist, einen Ferienmonat in Wien zu verbringen und die Arbeit der Wiener Lehrerinnenbildungsanstalt genau kennen zu lernen. Beth-Jakob-Sommerknrs am Semmering: Im Semmeringgebiet wird so wie im Vorjahre auch in diesem Sommer jungen Mädchen Gelegenheit gegeben, neben körperlicher Erholung sich jüdische Geistesschätze anzueignen. Beth-Jakob-Sommerkurs in der Schweiz: Es ist der. Beth-Jakob-Zentrale in diesem Jahre zum ersten Male gelungen, zu erschwinglichen Preisen einen 'Kurs in der