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Der Israelit · 1933-06-15 · Heft 24 (15.6.1933) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 24 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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15. Juni 1933 Der Israelit Nr. 24 Seite 3 Wenn man aber dem entgegenhält, daß das alles Arier seien, dann muß ich sagen: wenn man alle Arier kulturell und zivilisatorisch gleich hoch einschätzen, alle Semiten ihnen aber unterstellen will, dann müßte man den primitivsten Hindu über Albert Einstein stellen. Und damit werden sich die Engländer, die Nation, die ihrem jüdischen ..Ministerpräsidenten D i s r a e l i mehr verdankt, als vielen vielen anderen Menschen, nie einverstanden erklären." Dekan Inge verwirft zum Schluß den fi. o m in un i s nt u 8 und erachtet es als Pflicht der Selbftcrhaltung, wenn sich die Rationen gegen ihn zur wehr fetzen. „ A b c r das hat n i ch t s in 1 t irge n deinem Haffe n p r i n z i p z u t u n u n d scho n gar nt ch t mit d c n Jude n. Da irgendwelche Philosophische Theorien vorzuschützen, um Verbindungen herzustellen, kann auf ernst denkende Menschen keinen Eindruck machen, wer religiös und ch r i st g l ä u b i g ist, wird alles verabscheuen, was Brutalität und Intoleranz züchte t." - wir haben nur den einen Wunsch, daß diese Worte über den Kanal.dringen und auch die maßgebenden kirchlichen Instanzen In Deutschland aus ihrer Reserve heraustreten lassen. Pseudowissenschaftliche Fantasien. Die unter dem Rainen „Die Brücke" erscheinende Sonntagsbeilage des „Berliner Tageblatts" ist in ihrer letzten Rümmer der Iudenfrage in Deutschland gewidmet. Zu Worte kommen eine Anzahl Schriftsrcllcr ans verschiedenen Lagern, Richtjudon und Iuden, von jüdischer Seite ein Rabbiner Dr. Ielski und der sattsam bekannte Herr Dr, Max R a u - m a n n. Das; die Aufsätze nichts Reues enthalten können, liegt auf der Hand. Bemerkenswert erscheint uns nur eine an erster Stelle abgedruckte Arbeit eines von der Redaktion als besonders sachverständig eingeführten nationalsozialistischen Schriftstellers auf dem Gebiete der Rastenfrage, F. R. R o r d, der in einer wissenschaftlichen Sprache mit anscheinender Objektivität die Gründe des Antisemitismus behandelt. Der ganze.. Gedankengang des Verfassers ist auf der These aufgebaut, daß die Juden nur „sekundär palästinensisch", primär aber Araber, also R o - maöen seien. Aus dieser These, die natürlich vollkommen in der Luft schwebt, wird dm deutschen juöctt des zwanzigsten Jahrhunderts, im Gegensatz zu sämtlichen „Ariern", ein besonders geartetes.geistiges Assimilationsvermögen angedichtet, dessen Wesen, kurz gesagt, in der Psychologie der Steppe begründet ist. „Frei und unabhängig im Raume, eigentumslos" schöpfe der Romade seinen Lebensbegriff aus der Steppe; was heute ihm gehöre, könne morgen einem anderen gehören und umgekehrt. Folgdann oft genug dazu, daß wir falsche Maßstäbe anlegten und vom rechten Pfade der heiligen Lehre abbogen. Das verschuldete dann die Unterschätzung unseres Judentums außerhalb unserer Reihen und wurde unseren Gegnern, den Feinden unseres Judentums, häufig eins Waffe gegen uns und unsere heilige Lehre. Wie oft konnte man im Kampfe gegen die Schechito den Hinweis hören, daß soviele unserer Glaubensgenossen nicht mehr diese Satzungen als verbindlich betrachten! Jetzt müßte eigentlich allenthalben Selbstbesinnung einkehren, und auch in der Wahrnehmung und Förderung unserer religiösen Belange sollten sich alle Juden eins fühlen und vor der großen weiten Welt das Bekenntnis zu G'tt und Thora ablegen: Mehr als unsere materiellen Güter gilt es unser Sinaierbe zu verteidigen und mit aller unsrer Kraft uns dafür einzusetzen, daß wir unsere Selbstwllrüe wieder erlangen und uns als Träger heiliger Ueberlieferungen freudig und willig Opfer auferlogsn, die die Zeit von uns fordert. Das ist das Gebot der Stunde, daß wirs beherzigen: irr man brr „Rur empört euch nicht gegen G'tt." Gewinnen wir wieder Achtung vor unserem Judentum und seinen Satzungen, dann wächst unser Vertrauen und wir sprechen selbstbewußt: . -un« tram n wa fon qk „Wenn der Herr Wohlgefallen an uns findet, so wird er uns bringen" an das Ziel, das wir ersehnen. Derantwortltch für den allgemeinen Teil und das Feuilleton <5. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. V.: S. S ch ach - nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, ln Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon ©. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M. lich (das wird nur schamhaft angede-utet) sind, weil vor einigen tausend Jahren die Araber eigentumslos in ihrer Steppe herumwanderten, die deutschen Iu-! den nicht ohne weiteres imstande, ein genügendes was; jvoil sozialer Sittlichkeit und genügendem Respekt vordem Eigentum zu entwickeln! Das deutsche Judentum wird leise ermahnt, diese verderblichen Rasse-Anlagen möglichst zurückzudrängen und Gerechtigkeit in den Vordergrund seines Handelns zu stellen. wenn man derartige Gedankententwicklungen liest, hält es nun wirklich schwer, Ernst und Ruhe zu bewahren. Selbst wenn die Schlußfolgerungen, die der Verfasser von der Lebensweise der Romaden auf. die Eharaktercntwicklung zieht, wissenschaftlich so hjeb- UNd stichfest wären, wie sic cs nicht sind, müßte man das Ganze doch als einen von politischen Instinkten eingegebenen Trau in bezeichnen. Die Juden waren niemals Romaden, wenn man von dem kurzen Zeitraum ihrer 40 jährigen Wüstenwanderung absieht, und sie haben nachher m e b r a l s e i n I a h r t a n - send als Ackerbau treibendes, s e ß Haftes Volk auf ihrem palästinensischen Loden gewohnt, warum diese geschichtlich erwiesene palästinensische Vergangenheit des jüdischen Volkes „sekundär", die zu durchsichtigen Zwecken erfundene Romadenlegende aber „primär" zur Beurteilung der jüdischen Tharakterqualität maßgebend sein soll, bleibt das Geheimnis des Herrn F. R. Rord. Was ist jüdische Theologie? Beiträge zur jüdischen Neuorientierung. Von Rabbiner Dr. Alexander Altmann in Berlin. I. Die heutige Situation der Juden in Deutschland hat nicht nur einen Komplex sozial-wirtschaftlicher Fragen aufgeworfen. Sie hat die gesamte Existenz mit Einschluß der letzten geistigen Wertsetzungen unter das aufrüttelnde, besinnungfordernde Diktat der Stunde gestellt. Ein Neuaufbau der jüdlschen^weltanschauung aus der Grundlage der jüdischen Tradition bereitet sich vor oder ist bereits im Gange. Das träge, saturierte Dahindämmern in einem Leben ohne jüdische Substanz, wie es der individualistische Liberalismus gezeitigt hat, ist einer jähen Ernüchterung über die unaufhebbare Realität des jüdischen Kollektivschicksalsj das seine eiserne Klammer ausnahmslos um alle schlingt, gewichen, wir erleben eine unverkennbare Rückkehrtendenz zur jüdischen Volksgemeinschaft, die, wie es in der alten großen Galuthcede des Propheten Iecheskel heißt, die bereits verdorrten Gebeine unter dem Anhauch des einherfahrenden Sturmes zur Einheit des Volkskörpers zusammenweht: „und sie näherten sich einander, Gebein zu Gebein". Die Sammlung beginnt. Aber ein mechanischer Druck zeugt noch kein Leben. Die Umwelt sagt uns, wohin wir gehören. Aber der Nachdruck ihrer Geste macht uns noch nicht de facto zu Juden im Sinne einer gelebten jüdischen Existenz. Das jüdische Leben müssen wir selbst zu wecken wlssen. So ist Besinnung auf die letzten Seinsgrundlagen jüdischen Daseins das eherne Gebot der Stunde. Zwei in ihrer Bvsonderung extreme Reaklionsweisen hat die Situation bereits beschworen: die Flucht aus dem Liberalismus in den jüdischen Rationalismus, der von den Rlasseii größtenteils bcschrittene weg. Der Zionismus erfährt unter dem Aspekt dieses Sachverhalts seine große Stunde. Die andere Reaktionsmöglichkeit ist eine rein religiös erlebte: Abkehr von allen Formen der Säkularisation des Judentums, auch von der kulturellen Synthefe-Idee (Thora im Derech Crez), Rückkehr in die Verkapselung einer rein immanentistischen, kulturnegierenden Judentums. Auch diese Forderung ist schon erhoben worden, und auch sie findet inmitten der geistigen Ratlosigkeit, wenigstens der theoretischen Tendenz nach, Beifall und Gefolgschaft. Beide woge sind in ihrer krassen Verabsolutierung als falsch zu bezeichnen, weder erlaubt eine geschichtsmetaphysisch orientierte Analyse des jüdischen Schicksals die unhcroischc, platte Flucht ins reine, religiös-neutrale Volkstum, noch gestattet die konkrete Situation ein schlaffes, panisch erschrecktes Zigarren ACk Zeil WoBff Tel. Hansa 27930 Absinken in eine uugeschichtliche, überzeitlich gedachte Ghetto-Sphäre. Der Jude von heute kann, so wenig er in einem reinen Rationalismus sein jüdisches Selbst finden würde, in einem reinen Ueberzeillichkeitstypus seine reale Stelle im geschichtlichen Kosmos finden. Das Gebot der Stunde rückt vielmehr mit der ganzen Dynamik seiner unerbittlichen Tatsachenlogik die beiden Brennpunkte der jüdischen Wirklichkeit: G'ttes Offenbarung und konkretes jüdisches Volkstum, in gleicher weise ins Helle Licht des geschichtlichen Daseluvorständittsses: „Sieh', ich öffne eure Gräber, mein Volk, und bringe euch auf Israels Boden ... Ich gebe meinen G e i st in euch und ihr werdet leben!" (Jeck. 57, 12—14.) Dieses jüdisch-geschichtliche Daseinsverständnis, das fundiert ist auf den Begriffen Volkstum und Offenbarung, setzt aber eine ganz bestimmte theologische Legriffsstruktur, eben die spezifisch jüdische, voraus, auf Grund deren erst sich die konkrete Forderung des geschichtlichen Auge nb l i ck s: die der r e l i g i ö s-n a t i o n a I e n .E r- Neuerung, als gefordert erweist. So wird die Aufzeigung der spezifisch jüdisch-theologischen Sinnregion, die die folgenden Ausführungen für wesentliche Gebiete des jüdischen Daseins zu unternehmen Juchen, zu einer aktuellen, ans dem Ewigen ins Zeitliche führenden normativen Ausgabe. Zwei weifentliche Momente hat die in der jüngsten Zeit stattgehabte Arbeit am Begriff der „jüdischen Theologie" hcrausgestellt: den wesensnotwendig-en Bezug aller theologischen Arbeit auf das Phänomen der Offenbarung sowie die wesentliche Funktion des volksbcgriffs für die Struktur der jüdischen Theologie. H. I. S ch o e p s hat unter Berufung auf S. L. Stcinheim und Franz Roscnzweig, beeinflußt aber primär von der „dialektischen Theologie", das Transzendenzmoment der Offenbarung ins Zentrum der jüdischen Beachtung zu rücken gewußt. Er bat damit der jüdisch-theologischen Arbeit, die trotz Rosenzweigs Bemühungen immer noch religionsphilosophisch orientiert war oder zumindest die Grenzen zwischen Theologie und Religionsphilosophie nicht klar innehielt, die Blickrichtung ans ihre autonome Sinnregion gegeben. Das bleibt — bei aller radikalen verfehltheit seines Rnteriichmciis im einzelnen — unbestreitbar sein Verdienst. Wax wiener hat sodann in einem jüngst erschienenen Aufsatz in der „Monatsschrift" gleichfalls an den Offenbarungsbegrifs der dialektischen Theologie angeknüpft, sich aber nicht, wie SchoepS, ans da? übergeschichtlichc Transzendenzmoment beschränkt. Er hat vielmehr, was bereits von den Kritikern Schoeps' (Ignaz wahbaum u. a.) unter Berufung auf Franz Roscnzweig geschehen war, den Realitätsfakor des jüdischen volbstums als das der Offenbarung korrelative Konstitnenz der jüdischen Theologie aufgezeigt. Diese beiden Phänomene, Offenbarung und Volkstum, dürfen in der Tat als die beiden zureichenden und nicht weiter auslösbaren Elemente betrachtet werden, durch die das Sinngefüge einer konkret auszufüllenöen jüdischen Theologie a priori bestiinmt ist. Sie bilden in ihrer Bezogenheit aufeinander das strukturelle Schema „jüdische Theologie". Die auf Grund dieser Einsicht notwendige Aufgabe besteht darin, diese beiden tragenden Begriffe bis in ihre letzten Sinnverästelungen hinein zu analysieren und in einen alle Momente strukturell gliedernden Bezug zu einander zu setzen. Ein Unternehmen von solchem Umfang kann nicht Gegenstand des vorliegenden Aufsatzes sein. Hier sei nur der versuch unternommen, einige wesentliche Gesichtspunkte, die für die Grundlegung eines theologischen Daseinsverständnisses des Judentums entscheidend sind, zu explizieren. ■ Gibt es überhaupt eine „jüdische Theologie?" Wan hat bereits mehrfach die Ansicht vertreten hören, im Judentum sei an die Stelle der Theologie dag „Gesetz" getreten. ITlit dieser theoretischen Feststellung, die aus Wendelssohn zurückgcht, trifft sich eine in orthodoxen Kreisen zweifellos feststellbare

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