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Der Israelit · 1933-06-15 · Heft 24 (15.6.1933) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 24 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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L-öite 2 Nr. 24 Der Israelit 15. Iurri 1933 Eigenlebens gewährt. i} i e c soll umgekehrt der Staat so eng mit dem Mehrheitsvolkstum identifiziert werden, das; er der Minderheit ihre kollektiven Rechte gleichsam als Entgelt für den Verzicht auf die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Einzelnen konzediert. Daß eine solche Regelung von der ungeheuren Mehrheit der deutschen Juden abgelchnt und ihr nur gewaltsam oktroyiert werden könnte — obgleich sie bei einigermaßen loyaler Durchführung immerhin eine Türe für den legalen Kampf um die wredererriugung der Gleichberechtigung offen ließe —, ist ohne weiteres einleuchtend. Dennoch bedeutet cs — im Vergleich beispielsweise mit der vorige Woche besprochenen Textierung des Erbhofgesetzes — einen Fortschritt, wenn von amtlicher Seite der Diffamierungsmethode und der durch sie hervorgerufenen Vergiftung aller Beziehungen zwischen Deutschen und Juden, ehrlich entgegengetreten und die Lahn einer prinzipiellen Auseinandersetzung beschritten wird. Für die Orthodoxie, die einzige Gruppe der Iudenheit, die das Judentum mit mehr oder weniger Bewußtheit in seiner geschichtlichen Gegebenheit als durchaus einseitig religiös bestimmtes Volkstum, als absolute Identität von Konfession und Station durch alte Stürme des Ghettowie des Lmanzipattons-Zeiitakters trc'u bewahrt hat, für die Orthodoxie ist jeder Vorschlag als Diskussionsgrundlage geeignet, der der Würde wie der wirtschaftlichen Lebensmöglichkeit Wer Juden in Deutschland Rechnung trägt und dabei vor allem die freie Entfaltung des religiös-nationalen Eigenlebens, die Souveränität des G'ttesgesetzes in Gemeinde und Schule ermöglicht. Weil die Orthodoxie in der Mitte steht zwischen denen, die aus Begriffsverwirrung die Tatsache der jüdischen nukivleugnen zu dürfen glauben, und denen, die sie unter Verleugnung der reliZio zuni alleinigen Grundfaktor jüdischen Seins erheben, scheint uns heute gerade die jüdische Orthodoxie in Deutschland berufen zu sein, bei dem unvermeidlichen Gespräch zum Nutzen der Gesamtheit bestimmend mitzuwirken, das denn doch — früher oder später — flattfinden muß, wenn nicht unendlicher Schaden für alle Beteiligten aus dem Chaos der Einzel-Aktionen erwachsen soll, die drinnen und draußen immer größere Verwirrung anrichtcn. Wechsel auf lange und längste Sicht, wie etwa der jetzt von studentischer Seite lancierte und von dem bekannten Dr. von L e e r s empfohlene Gedanke, die Völker sollten durch gemeinsames handeln dem heimatlosen „wandernden Juden" ein Territorium zur Gründung eines jüdischen Staates zur Verfügung stellen, um ihn auf diese Weise los zu werden, bilden keinen Beitrag zur Lösung der deutschen Iudenfrage. Auch wenn die Auswanderung noch so sehr von innen und außen erleichtert werden sollte, werden doch Hunderttausend^ im Lande bleiben, und ihre Existenz als Menschen und Juden gilt es auf eine gesunde Grundlage zu stellen. Wochenrundschau. ''S'. Religion und Rasse. Wir bezeichneten es jüngsthin als eine der Unbegreiflichkeiten unserer Tage ,daß die Konfessionen bis dahin noch nicht aus der Tiefe ihres religiösen Denkens und der Konstruktion ihrer Kirchen heraus zu dem R a s s e n p r i n z i p, das im heutigen Deutschland über Religion und Konfession gestellt wird, klare Stellung genommen haben. Um so erfreulicher wirkt nun der H i r t e n b r i e f d e r d e u ts ch e n Bischöfe, der, etwas spät, aber in einer öffentlichen Kundgebung vom!V. Juni doch noch gekommen ist. Rach einem rückhaltlosen Bekenntnis zur neuen Staatsautorität heißt es im Hirtenbriefe wörtlich: „W ir glauben, daß eine Volkseinheit sich nicht durch die Blutsgleichheit, sondern auch durch die Gesinnungsgleichheit verwirklichen läßt, und daß bei der Zugehörigkeit zu einem Staatswesen dne ausschließliche Bekenn ung der Rasse und des Blutes zu Ungerechtigkeiten führt. — Was bisher für jede Volksgemeinschaft galt, baß die Gerechtigkeit die Grundlage aller Volkswohlfahrt sei, muß erst recht bei der Neuordnung des deutschen Volkswesens gelten. Diese Gerechtigkeit darf auch dem bisherigen Feinde gegenüber nicht versagen. Den politisch nur Andersgesinnten aber wird diese Gerechtigkeit, sofern er aufrichtig entschlossen ist, im neuen Staat ehrlich und opferwillig zu dienen, nicht einem ungewissen Schicksal überliefern, sondern feine Mitarbeit wiederum ermöglichen." Ferner tritt der Hirtenbrief u. a. für konfessionelle Schule und konfessionelle Lehrerbildung ein. Die Deutsche evangelische Kirche, die jetzt ihre feste Organisation und in einem Reichsbischof ihre Spitze hat, hat zu diesem Thema das Wort noch nicht ergriffen. Doch regt sick in England eine evangelische Stimme, die auch in DmFchland nicht überhört werden kann. Der Dekan W. R. Inge, einer der populärsten Priester und Prediger im Lande und dabei ein scharfer und bewußter Gegner des Kommunismus in allen feinen Formen, äußerte sich einem Vertreter der „Reuen Freien Presse" gegenüber zu diesem Thema in einer weise, die als die Weinung der führenden kirchlichen Kreise in England überhaupt betrachtet werden kann. W. R. Inge beantwortet zunächst die Frage, wieso es komme, daß es in England keinen Antisemitismus und natürlich auch keine „zerfetzenden Juden" gibt. „Weil wir die Juden immer als ebenbürtig behandelt haben^ weil wir ihnen, in jeder Hinsicht die gleichen Rechte zubilligten, wie allen anderen Staatsbürgern und weil sie daher notgedrungen auch in geistiger und politischer Hinsicht die gleichen Pflichten gegenüber Staat und Gesellschafk tragen mußten. Schaltet man die Juden ans, unterdrückt, verfolgt, beschimpft und verachtet man sie, dann nehmen sie die Eigenschaften aller Unterdrückten und Verfemten an, und erst dann werden sie „staatsgefährlich". Das sollte Deutschland erkennen. Jedes Land hat die Juden, die es verdient, und England hat die besten Juden der Welt, weil es sie immer am besten behandelt hat." Das ist natürlich nur bedingt richtig; nur insofern, als die Juden dem Staate, der sie gut behandelt, es durch ihre Leistungen und Verdienste hundertfach lohnen. England und Holland sind Beweise dafür. Die Jahrhunderte des dunklen Wittelalters legen aber auf der anderen Seite Zeugnis, davon ab, daß der Jude auch durch Leiden und Prüfungen sich nicht zu d e r Stufe hinabzerren läßt, auf die Inge ein „verfolgtes Israel" verweist, sondern daß er in seiner Flucht zu G'tt, in unentwegter Welthoffnung und im Glauben an sich und seine Zukunft, eher noch steigt. Doch gehört das alles auf ein.anderes Blatt. Hören wir, was dieser vornehme Vertreter der englischen Kirche von der Rasse und dem Verhältnis der Religion zur Raffe sagt: „Für einen Christen gibt - es keine Deutschen oder Franzosen, Engländer oder Amerikaner. Vor G'tt wird jeder nur nach' seinen Handlungen und seiner Lebensführung gerichtet, und jeder, der an G'tt glaubt, jeder, der ein wahrer und aufrichtiger Christ ist, kann daher nur alle Menschen nach ihrem Tun und nicht nach ihrer Herkunft beurteilen. Das ist sine religiöse UsberzsugunZ, an die man glauben muß. Fehlt einem dieser Glaube, dann muß man sich in seelischer Verarmung einengen, aber, will man immer noch ehrlich sein, zumindest die exakte Wissenschaft gelten lassen. Und vor der exakten Wissenschaft kann keine Theorie von Rassenüberlegenheit oder Russenunterlegenheit irgendwie standhulten, weil es in ganz Europa keine reinen Rassen mehr gibt. Wir Engländer, die man im allgemeinen nicht als minderwertige Promenadenmischung zu bezeichnen pflegt und deren nationale Fähigkeiten eigentlich von niemandem in Europa in Zweifel gestellt werden, sind nichts weniger als eine reine Rasse. Wir haben nordische und mediterrane Elemente unter unserer Bevölkerung: Kelten und Iberer ebenso wie^ Angeln und Sachsen. Selbstvertrauen. Von Rabbiner Dr. Al. Lewin in Hamburg. Folgenschwer erwies sich die Sendung der Kundschafter für Israel. Das heilige Land war bereits Abraham als Besitztum Israels verheißen. Nachdem das Volk aus Mizrajim erlöst und von neuem G'ttes machtvolle liebreiche Hand an des Meeres Gestade geschaut und dann am Sinai der Offenbarung gewürdigt worden war, mußten all diese Erlebnisse doch Israel eine Bestätigung sein für die nahende Erfüllung der Verheißung. Unsere Alten wenden da ein schönes Gleichnis an. pn 'rxi '»s «a *iaixi i»? mnm anix & mnv ,7181 18? 1^.1 717718 „Ein König hat einen Freund und verspricht ihm: Komme mit mir, und ich werde dir ein Geschenk machen. Der tut, wie von ihm verlangt wird, — stirbt aber, ’mnxp runna '2 inn n'X p2X v8P et?x i2Nix bv 1:2b ^nn mx ,812 ii, wb Da spricht der König zum Sohne seines Freundes: Ist dein Vater auch nicht mehr da, so werde ich doch mein Versprechen einlösen. Komme du und nimm das Geschenk. Der Herr hat Abraham, der in Frömmigkeit mit ihm wandelte und ausersehen wurde, der Stammvater des G'ttesoolkes zu sein, verheißen: ,ai>i? 2? z?->ii>i najnx -f? rm-i nnx iw i>2 nx „Das ganze Land, das du siehst, dir will ich es ja geben und deinem Samen bis in Ewigkeit." Erst muß jedoch das Abrahamsvolk heranreifen, ehe G'tt sein Wort einlöst. Nun ist die Zeit gekommen, da Israel in die lachenden Gefilde des gelobten Landes einziehen soll. Nichts fehlt dem Volke mehr für diese seine- Bestimmung. Frei steht es du im Besitze seiner Lehre, geführt von den Edelsten und Vesten seines Stammes, mit dem sichtbaren Heiligtum, der „Wohnstätte" der G'ttesherrlichkeit in seiner Mitte. Aber eines fehlt ihm: Selbstvertrauen und Selb st würde. Das ist ein Fehler, der sich bitter rächen sollte. Das Volk fordert die Sendung von Kundschaftern, ohne zu ahnen, welches Verhängnis es sich damit selbst verursacht. G'tt spricht: iV mV» „Sende dir Männer", „Dir", wie die Alten sagen, wenn du willst, — wenn das Volk es so will. So ist es Norm: oirrv yra Den Weg. den der Mensch geht, den er sich selber erwählt. laßt man ihn wandeln. Der Mensch ist seines Schicksals Gestalter, und Israel hat es in seiner Macht, über seine Zukunft selbst die Entscheidung zu treffen. Wieviel Leid und Kummer, wieviel Gefahren und Sorgen blieben dem Volke erspart, besäße es mebr Selbstwürde und Selbstvertrauen, verlangte es nicht, trotzdem so siwtbar G'tt es leitete, die Insichtnahme des verbeißenen Landes durch seine Boten, die doch am Ende in ihrer menschlichen Unzulänglichkeit sich kein Urteil bilden konnten, das für das Endziel irgend entscheidend werden durfte. Und wie das Volk, so waren auch seine Sendboten in ihrer Mehrzahl Schwächlinge, die gar zu sehr nach dem äußeren Schein urteilten. Ihrer Kraft, die aus der Allmacht G'ttes quellen sollte, vertrauten auch diese Erwählten des Volkes, die doch n2 ’pxn wenx v^a, „alle Männer, Häupter der Kinder Israel" waren, zu wenig. Das erklärt uns auch, daß sie ihren Bericht über ihre Erlebnisse im Lande mit den Worten schließen: pi traana nr?a ’rni D’^san p pa? na o’^’san fix irx-i dpi ,onn’?a «»»n „Die Riesen haben wir dort gesehen: die Anakssöhne von den Niesen, wir waren in unfern Augen wie Grillen, und so waren wir auch in ihren Augen." Vor der Resengröße der Menschen erzitterten sie und vergaßen: DNWX» DMX nxinn *op, „Nur, wer sie sieht, — äußerlich — fällt aus Furcht vor ihnen," anders aber, wer sich getragen weiß von G'tt, der Israel hält und schützt. Woher wußten die Voten eigentlich, wie des Landes Bewohner über sie urteilten? Was berechtigte sie zu der -Behauptung: oma^a ia"n pi» „und so waren wir auch in ihren Äugen." Was würde es auch am Ende bedeuten, wenn jene wirklich ein solches Urteil fällten? Sie mußten es doch eigentlich nach ihren bisherigen Erfahrungen wissen, vx -or» naa xi> „nicht durch Kraft siegt der Mann," wo sind des Pharao gewaltige Heerscharen und wo Amaleks Mannen? Sie besaßen eben kein Selbstvertrauen, darum waren ihnen die wenigen D'b'wüie Riesen, die sie zufällig sahen, die Repräsentanten der ganzen einheimischen Bevölkerung, und in ihrer großen Zaghaftigkeit dachten sie nicht an die Bestimmung ihres Volkes, die Israel -unüberwindbar machen sollte. Sie kamen sich winzig und schwach vor. und muhten bei solcher Mutlosigkeit und mangelnden Selbstwürüe allerdings folgerichtig schließen, Dnn'va vn pi und so waren wir auch in ihren Augen." Wer sich selbst gering schätzt, darf auch auf keine Achtung und Wertschätzung bei andern rechnen. Das ist häufig genug im Verlaufe unserer Geschichte so gewesen. Wir schätzten uns selbst, unsere Bedeutung als Juden, als Volk der Thora gar zu gering ein oder vielleicht noch richtiger, wir glaubten erst etwas zu bedeuten, wenn uns die Umwelt wertete. Das führte

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