Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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ilttb als am Neumondstag des Adar 5575 (1816) — Rabbi Nlosche zählte damals 52 Jahre — Sarlc eines Sohnes entbunden wurde, herrschte in der Gemeinde nicht weniger Freude, als wenn in einer Residenz, nach Jahren vergeblichen Harrens die Glocken die Geburt eines Prinzen, Trägers der Dvnastik, verkündeten. Das Blut zweier Großen, Geist vom Geiste der beiden Fürsten, strebte und rankte sich zu Eigenleben empor im Kinde, das den Namen Abraham S ch m u e l Vinjamin trug. Zwischen zwei großen Ahnen lebte der Frankfurter 0of er im Namen des ältesten Sohnes Rabbi Mosches. In kurzen Intervallen folgten weitere Kinder, noch zwei Söhne und sieben Töchter. Darüber waren anderthalb Jahrzehnte vergangen. Bei der Geburt der jüngsten Tochter näherte sich Rabbi Mosche den Siebenzig, schien aber von Weib und Kindern in eine neue Jugend hinnbergeführt zu werden. Der älteste Sohii, 'Abraham Schmuel Binjamin, zählte damals fünfzehn Jahre und hatte, obwohl ihn der Vater nicht gern aus dem stillen Winkel des Lehrhauses ins offene Licht stellte, bereits den Kamen eines jungen Rabbi, der lernend schon lehrte. Der neunjährige S ch i m e o n aber überstrahlte durch seine Cinfälle und seinen Lerneifer fast noch den älteren Bruder. Rabbi Mosche widmete sich der geistigen pflege seiner Söhne mit all der Sehnsucht und Liebe, die Jahrzehnte vergeblichen Martens auf dieses Glück bei ihm angehäuft hatten. Tinen guten Teil der Korrespondenz, die zwischen preßburg und Posen spielte.' nahmen das Glück und die Sorgen um diese Kinder ein. Daneben aber beschäftigten Israels Gesamtsorgen die Führer, in einer Zeit reicher innerer und äußerer Umwandlungen. Napoleons Stern kam ungeahnt rasch ins Sinken, die von diesem ins Ghetto' gefallenen schwachen Strahlen hingen noch eine geraume Zeit über dem westlichen Judentum, man wollte sie uni jeden Preis festhalten. Cs war nur Kampf um den Schein. Cs galt für den ersten Führer in preßburg, der großen ungeblendeten jüdischen Gemeinschaft das jüdische Sein sicherzustellen. (Fortsetzung folgt.) einer weiß, daß er eine solche Aufgabe menschenfreundlich auffaßt, dann glaubt er, seiner schweren Verantwortung schon Genüge geleistet zu haben. Es stimmt freilich nicht, wenn sich die Selbstzufriedenheit auch verstehen läßt. Greifbarer mußte Sommer .seine Unzulänglichkeit eigentlich in dem wissenschaftlichen Verein liegen. Hier sollten Vorträge über Judentum, jüdische Geschichte und Literatur gehalten werden. Doch der einzige Fachmann im Vorstand war der Rabbiner. Von ihm allein hingen daher Führung und Programm ab. Trotzdem sprachen auch seine Vorstandskollegen frank und frei über das Judentum, als ob sie in ihm bewandert seien. Aus diesem Mißverhältnis erwuchs dem Rabbiner manche schwierige Situation, die freilich mitunter zu Nutzen gedieh. So kam es auch heute. Bald eine halbe Stunde war schon vorüber, und noch immer fehlten zwei Herren zur Sitzung. „Endlich!" — Wir wollten schon anfangen," rief man allgemein, als jetzt Kollege Simon eintrat. „Entschuldigen Sie die Verspätung. Mich hat leider ein trauriger Grund zurückgehalten. Soeben ist eine Depesche eingetroffen, daß unser lieber Freund und Kollege Heß auf der Reise gestorben ist." Bestürzung malte sich auf den Gesichtern, und Fragen umürängten den Ueberbringer der Unglücksbotschaft, ob er Näheres wisse. „Auch das. — Heute früh erhielt Frau Heß einen Bref, daß ihr Mann durch den Genuß von Austern am Typhus erkrankte.^ En guter. Kunde hatte , ihn zu einem vergnügten Abend eingeladen." Einer der Herren schüttelte den Kopf. „Heß' Vater war sehr fromm. Aber er selbst hatte auch noch einen koscheren Haushalt." Es klang wie ein Vorwurf. Julius Sommer, der stets die gleiche Inkonsequenz, im Haushalt das Koschere zu wahren, draußen aber nicht nach Koscher zu fragen, geübt hatte, fühlte sich getroffen. „Tausende Juden leben heute nichtrituell, bleiben aber trotzdem gesund und werden alt. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. OSTENDSTR. 83 TELEFON 45866 Der Entschluß. Von Saly Geis in Tel-Awiw. Wer vierzig Jahre ununterbrochen und angestrengt auf der Reise und im Büro gearbeitet hat, darf an seinem sechzigsten Geburtstage zu jüngeren Kräften sagen: „Kinder, jetzt nehmt ihr das Heft in die Hand! Ich will nun endlich andere Werte des menschlichen Lebens kennen lernen." Julius Sommer, der Seniorchef eines bedeutenden Engrosgeschäftes, war so vernünftig, sich an seinem Ehrentage mit diesem Entschluß selber das wertvollste Geschenk zu geben. Er dachte aber keineswegs daran, von nun an des Morgens im Schlafrock und Pantoffeln zwei Stunden die Zeitung zu studieren, die Geranien und Rosen auf der Blumenetagere zu begießen, dem Kanarienvogel Futter zu geben und dann Toilette für einen Spaziergang zu machen. Auch wollte er nicht sein Mittagsschläfchen in einen Mittagsschlaf bis zur Kaffeezeit ausdehnen, um dann an irgend enem Stammtische mit einigen ebenso beschäftigungslosen Bekannten bis zur Abendbrotzeit Karten zu spielen. Julius Sommer war Jude. Das hieß bei ihm, daß er, obwohl er herzlich wenig von den Lehren des Judentums wußte, noch von feinen Vorfahren her ein Etwas der ihnen Führer gewesenen Lehren im Blute pulsieren fühlte. Freilich hatte die ausschließliche Einstellung seines Denkens auf den geschäftlichen Erfolg dieses Etwas zurückgedrängt. Nun endlich war der Tag gekommen, an dem der zarte Trieb sein Aufknospen sah. Denken und Arbeiten für ideelle Zwecke, diese Besonderheit der jüdischen Gemeinschaft, wurden nun zum Programm des an rastlose Arbeit Gewöhnten. Wohl betrat er ein Gebiet, für das ihm Kenntnis und Erfahrung fehlten. Doch er sah, daß andere mit der gleichen Vergangenheit sich fest und sicher auf diesem Boden bewegten. Er erwählte einen sozialen und einen wissenschaftlichen Verein innerhalb der jüdischen Gemeinde, — und freudig nahm man den angesehenen Mann sogleich in die Vorstände der beiden Vereine hinein. In dem sozialen Verein eine Art Vorsehung für die Schicksale der Bittsteller zu spielen, bot wahrlich mehr Reiz und seelische Befriedigung als das Feilschen mit der Kundschaft. Genau betrachtet, lag auf der neuen Tätigkeit eine große moralische Verantwortung. Wenn aber Die jüdischen Speisegesetze haben sich in der heutigen Kulturmenschheit überlebt und werden bei den Nichtorthodoxen nur noch aus Pietät beobachtet. Pietät kann einen aber nicht veranlassen, die Schwierigkeiten des Reifens sich noch schwierger zu gestalten. Heute hat der Staat eine Fülle von Einrichtungen getroffen, die die Gesundheit seiner Bürger schützen. Auch sind durch die Schulbildung die Moral und das Verständnis des Volkes bereits so gehoben, daß das Anbieten von gesundheitsschädlichen Speisen als Ausnahme angesehen werden darf. Gewissenlose Menschen kann es aber auch unter denen geben, die koschere Waren verkaufen. Während vierzig Jahre bin ich häufig wochenlang auf Reisen gewesen und habe in chrstlichen Hotels gewohnt und gegessen. An der Hoteltafel saßen in der Regel in der Mehrzahl jüdische Gäste. Mir schien das schon im Interesse der Anbahnung freundlicher Beziehungen ZU den Andersgläubigen als empfehlenswert. Es schien mir praktische Arbeit gegen den Antisemitismus zu sein, denn gesellschaftlich kommen wir doch nur selten mit den Andersgläubigen zusammen. Auch könnten die auf Geschäftsreisende angewiesenen Hotels, wenn die Juden sämtlich in jüdischen Hotels wohnen und speisen wollten, nicht bestehen. Wir Juden müssen die Konsequenzen aus unserer Emanzipation ziehen." Der vorherige Sprecher ergriff wieder das Wort. „Herr Sommer, Ihr Weg führt zu einem fortgesetzten Abgleiten vom Judentum und nützt politisch nichts. Doch über politische Gesichtspunkte wpllen wir in unserer Körperschaft nicht debattieren. Dagegen glaube ich, in unserer aller Namen zu sprechen, wenn wir unseren verehrten Herrn Rabbiner bitten, uns über die Bedeutung der jüdischen Speisegesetze zu belehren." Der Rabbiner erhob sich. „Meine Herren, Sie stellen mir keine leichte Aufgabe. - Wem die Thora die Offenbarung G'ttes bedeutet, der kann ihren Inhalt nicht wie mathematische Lehrsätze vorlegen. Menschliche Einsicht kann Offenbärungen nie ausschöpfen, sondern nur Ausstrahlungen ihrer Lichter erfassen. Vermessenheit wäre es daher, zu behaupten, eine Zeit habe irgendwelche Gebote der Offenbarung bereits erreicht und auf solche Weise überflüssig gemacht. Unsere Speisegesetze wollen keineswegs .Gesundheitsgesetze sein. Es ist aber selbstverständlich, daß sie nebenbei der Gesundheit dienen. Im zweiten Buch Moses', Kap. 22, Vers 30, wird das erste Speisegesetz mit den Worten vorgeführt, das Fleisch eines zum. Essen nicht erlaubten Tieres deshalb nicht zu essen, um „Menschen heiliger Bestimmung" zu sein! Bei den Speisegesetzen im dritten und fünften.Buch Moses' wird das Gleiche — „heilig zu sein", „ein heiliges Volk zu sein" — als Begründung gesagt und noch hinzugefügt: „Daß ihr eure Seelen nicht zum Abscheu machet." Es ist doch klar, daß das Verbot des Blutes und die Erlaubnis nur bestimmter friedlicher pflanzenfressender Säugetiere auf das Triebleben des Menschen einen günstigen Einfluß ausüben muß. Das aber kann in kritischen Momenten des Lebens' in der Entscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen die Seele de? Menschen für das Gute retten. Auch das Verbot, das Junge in der Milch seiner Mutter zu kochen — welches Verbot zu der Trennung zwischen Milch- und Fleischspeisen geführt hat — trägt seine ethische Tendenz aus der Stirne. Die jüdischen Speisegesetze sind sicherlich noch in mancher anderen Hinsicht ein Mittel unübertrefflicher Pädagogik. So erziehen sie zur. Mäßigkeit. Auch gewöhnen sie, nicht unachtsam und gedankenlos zu genießen. Wahrlich, die Gesetze unseres Judentums sind unsere Weisheit in den Augen der' Völker. Ihre treue Bewahrung zieht nur ein gutes Verhältnis der Völker zu uns nach sich. Meine Herren! Hoffentlich genügt diese flüchtige Skizze, Sie Ihre bisherige Auffassung noch einmal prüfen zu lassen." „Jawohl, Herr Rabbiner. Bei mir haben Ihre Worte schon gewirkt.. Ich sehe ein, daß es ein unwürdiger Zustand ist, in einer jüdischen Gemeinschaft ein Führer sein zu wollen und das Judentum nicht zu kennen. Dennoch trete ich nicht zurück, weil mein Rücktritt nichts ändern würde. Denn ohne den anderen führenden Persönlichkeiten unserer Gemeinde nahe zu treten, glaube ich, daß aych sie unser Judentum nicht kennen. Ich ziehe eine anderen Entschluß, ich will lernen: Darum, verehrter Herr Rabbiner, lassen Sie mich auf meine alten Tage Ihr Schüler sein. Auch Bücher über das Judentum erbitte ich mir von Ihnen zur Lektüre." Mit Wärme hatte Julius Sommer diese Worte gesprochen. Seine Wärme griff auch auf seine Kollegen über. Sie wollten vor ihm nicht zurückstehen, und so schlossen sie sich seiner Bitte an den Rabbiner an. Dieser aber — froh über den Vorschlag — lud die Herren ein, an einem bestimmten Abend jeder Woche sein Gast zu sein. Ein ungezwungener ausgewählter kleiner Kreis ernster Männer biete ihm weit mehr Möglichkeit, feine Hörer in die Tiefen des Judentumes zu führen, als ein gemischtes größeres Publikum es erlaube. — mit dieser Daüegung begründete er, warum er seine Predigten in einem allgemeinen Rahmen hielt. Julius Sommer aber meinte: „Ich sehe wieder einmal, daß ein guter Entschluß weitere gute Entschlüsse nach sich zieht. Dadurch, daß ich an meinem Geburtstag beschloß, von nun an nur ideell zu arbeiten, bin ich in meinem grauen Haar jetzt noch ein lernender Schüler geworden." Die „Rothschild-Schule" in Jerusalem. Wenn auch einem Teile der Leser dieser Zeilen der Name „Rothschild-Schule" unbekannt ist, so glaube ich, die Schule dadurch allen bekannt zu machen, wenn ich den Namen ihrer Leiterin nenne: Miß Landau. Wer hätte nicht schon den Namen dieser hochverdienten „Miß" gehört? Vor kurzem erst berichtete auch der „Israelit" von ihrem 60. Geburtstag. — Jetzt hatte ich Gelegenheit, Miß Landau, die durch ihr frisches Wesen einen viel jüngeren Eindruck macht, persönlich kennenzulernen. Ich halte mich nicht für befugt, ein Bild dieser Persönlichkeit zu entwerfen. Doch sei kurz hervorgehoben, wie diese so sehr beschäftigte Dame sich allen widmet, die sich an sie wenden. Ich hatte Gelegenheit, längere Zeit in „ihrer Schule" zu verweilen. Schon die Räume der Schule begeistern. Aber erst deren lebendiger Inhalt! Eiserne Disziplin paart sich mit familiärem Geiste. Wie man mir sagte, Wird in dieser Schule nur eine „Fünftagewoche" gehalten, weil der Freitag für die Mädchen frei ist, damit sie sich zu Hause betätigen. Als ich mich in fernstehenderen Kreisen erkundigte, wie eigentlich die Anstalt ihre Kinder für später erzieht, da wurde mir aus allen Kreisen gesagt, „tüchtige Mädchen entwachsen der Schule; was aber das Bedeutsamste ist: sie sind auch meistens wackere Jüdinnen." Wen sollte das wundern, bei der herrlich jüdischen Führung ihrer Leiterin? Wenn man gerade in so in Tel- Awiw erleben muß, daß moderne höhere Schulen ihre Kinder unreligiös erziehen, so freut man sich doppelt, in D’VBrrr> eine Schule zu sehen, die aus allen, Gebieten völlig ideal ist. Mögen recht viele o»i,m die Gelegenheit benutzen, wenn sie einmal in. sind, „die" Schule sich anzusehen. Es wird ihnen sicherlich ein wahres Erlebnis. I. L.