Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 23 Seite 11 8. Juni 1933 Korrespondenzen * ßacbricbten. Dänemark. Hilfsaktion der Kopenhagener Gemeinde zugunsten deutscher Juden. Kopenhagen, 2. Juni. Die Jüdische Gemeinde Kopenhagen hat ein Komitee gebildet, dessen Aufgabe es ist, junge Leute, die aus Deutschland kommen und nach Palästina gehen wollen, für ein Jahr als Land w i r tf ch a fts f ch ül er auf dem Lande unterzubringen. Ferner wurde von der Gemeinde eine großzügige Geldsammlung eingeleitet. Aus Anlaß einer Eingabe, die 90 aus Deutschland eingetroffene Studenten zum Zwecke der Fortführung ihrer Studien an die Kopenhagener Universitätsbehörden gerichtet haben, äußerte sich der Univerfitätsadminifträtor Professor Dr. $). Munch-Petersen, daß die Erlaubnis trotz Ueberfüllung der UnverMt sicherlich erteilt werde. Was aber die Möglichkeit einer späteren Berufsausübung anbelangt, fuhr Professor Munch-Petersen fort, so dürften die jüdischen Studenten, die hierher kommen, nicht vergessen, daß Stellungen und Aemter nur dänischen Staatsbürgern gegeben werden — zwar ohne Rücksicht auf arische oder nichtarische Abkunst, — daß aber andererseits das dänische Bürgerrecht erst nach ISjährigem Aufenthalt erteilt werde. Im Uebrigen fei die Universität A a r h u s (Jütland) für das Studium zu empfehlen, weil dort im Gegensatz zur Kopenhagener Universität noch kein Platzmangel herrscht. England. Reden hn englischen Unterhaus über die La§e in Deutschland. London, 27. Mai. Im Unterhaus hielt der ehemalige Außenminister, Sir Austen Ehamberlain, im Verlauf der Abrüstungsdebatte eine Rede, in der er sich mit der Lage der Juden in Deutschland befaßte. Er erklärte u. a., der Geist, der sich in der Aechtung einer Rasse innerhalb der Grenzen Deutschlands bekundet habe, würde, wenn man ihn in außenpolitischen Dingen gelten ließe, eine Bedrohung der ganzen Welt darstellen. Auch der Abgeordnete Barnett Jänner kam.während dieser Debatte aus die Judenfrage in Deutschland zu sprechen. Er erklärte, ein Volk, das für sich selbst Gleichberechtigung in Anspruch nehme, dürfe diese eigenen Bürgern nicht vorenthalten und nicht Männer und Frauen, die sich auf allen Gebieten des Lebens eher Anspruch auf Anerkennung und Wertschätzung erwarben als ein Ausrottungsurteil verdient hätten, als eine Klaffe von Heloten beijanMn. Er hoffe, der deutsche Reichskanzler werde schließlich doch einsehen, daß Menschlichkeit etwas zähle, und werde jene jüdischen Menschen, die in der Vergangenheit soviel geleistet hätten und innigst wünschten, auch in Zukunft wieder dem Staate und der Menschheit zu dienen, wieder in den Bereich der deutschen Nation zurückbringen. Palästina. plan der wafferleitung für Jerusalem genehmigt. Jerusalem, 22. Mai. In einem Regierungskommunique wird verlautbart, daß die technische Abteilung des Colonial Office den Plan einer großen Wafferleitung für Jerusalem, die Wasser aus dem Parkon-Fluß nach Jerusalem leiten soll, genehmigt hat. Eine Gruppe jüdischer Finanzleute hat sich bei der Regierung um Erteilung der Konzession für die Errichtung der Wafferleitung beworben und sich bereit erklärt, ein Kapital von 300.000 Pfund in dieses Unternehmen zu Investieren. Wie die technische Abteilung des Magistrats der Stadt Tel-Awiw mitteilt, wurden im Monat April 1933 192 Baubewilligungen, darunter 66 für Neubauten, erteilt. Von den Neubauten waren 13 dreistöckige Häuser. Die Baubewilligungen betressen 537 neue Wohnräume, davon 142 in bestehenden Gebäuden. Das an der Peripherie von Tel-Awiw gelegene B o ro ch ow - V i e rte l soll jetzt mit finanzieller Unterstützung einer Gruppe englischer Juden, die ein Kapital von 10.000 Pfund beistellen, um 40 neue Häuser erweitert werden. Die Rückzahlung der Anleihe soll im Laufe von sieben Jahren erfolgen. Libanon wünscht Einwanderung deutscher Juden. Jerusalem, 22. Mai. Wie dem „Doar Hayom" aus Beirut gemeldet wird, hat sich sine Delegation angesehener libanesischer Kaufleute an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Beirut, Salim H a r r a r i, mit der Bitte gewandt, seinen Einfluß bei der Jewish Agency dahin geltend zu machen, daß ein Teil des jüdischen Auswanderungsstromes aus Deutschland nach dem Libanon-Gebiet gelenkt werde. Der Sprecher der Delegation erklärte, das Libanon-Gebiet brauche die Energie und den Unternehmungsgeist der fleißigen deutschen Juden, um zu wirtschaftlicher Blüte gelangen zu können. Sammelkampagne des palästinensischen Komitees zur Anstellung deutscher Juden. Jerusalem, 27. Mai. Das Vereinigte Komitee zur Ansiedlung deutscher Juden IN Palästina hat eine Sammelkampagne proklamiert, die am 26. Mar eröffnet wurde und während des ganzen Monats Siwan fortgesetzt werden soll. An der Spitze der Kampagne steht Miß Henriette Szold. Die gesamte palästinensische Judenheit soll während eines vollen Monats zur Aufbringung von Geldmitteln für den Siedlerfonds mobilisiert werden. Die Stadtgemeinde Tel-Awiw hat für die Sammelarbeit städtische Amtsräume zur Verfügung gestellt. Die Vereinigung deutscher Juden in Palästina, Hitachduth Olej Germania, wird bei der Durchführung der Aktion mit dem Drive- Komitee Zusammenarbeiten. (ITA.). . Tcl-Awiwer Brief. Tel-Awiw, 30. Mai. Die neue Einwanderung hat hinsichtlich der öffentlichen Beobachtung des Sabbat eine sichtbare Verschlechterung gebracht. Der „Mischmereth Schabbat- Verein" hatte deshalb das Rabbinat, den Vorstand der Kehillah, der Agudath-ha-Charedim, des Misrachi ufw. zu einer Beratung eingeladen. Awrohom Azulai, der Vorsitzende, zeichnete die Situation. Dadurch, daß der größte Teil der jetzt einströmenden Massen ohne jegliche Kenntnis der Theorie und der Praxis des Judentums und nichts von einer Rücksicht auf den Sabbat weiß, rechnet der wirtschaftliche Konkurrenzkampf immer mehr mit dieser Tatsache. Mehr als die Hälfte der Friseure arbeitet bereits wieder noch einige Stunden nach Beginn des Sabbat, einige sogar auch am Sabbat am Tage. Ein Drittel der Bäckereien backt am Sabbat, ein weiteres Drittel tut dies wohl nicht, bereitet aber den Sauerteig. Die Kinos beginnen, um zwei Abendvorstellungen veranstalten zu können, schon vor Schluß des Sabbat. Die Milchhändler radeln durch die Stadt. Für die arabischen Schuhputzer ist der Sabbat der beste Geschäftstag. Das Strandleben zeigt eine solche Fülle der Entweihung des Sabbat, daß jeder Traditionstreue sich an diesem Tage vom Strande fernhält. Der Vorsitzende betonte, daß die Stadtverwaltung auch ohne Gesetz verschiedene Möglichkeiten habe, die Entweihung des Sabbat zu begrenzen, doch da den meisten der Stadtväter und der städtischen Beamten selber der Sabbat nicht verbindlich sei, so fehle das Interesse, das Nötige zu tun. Bei ehrlichem Willen und Energie hätte die Stadt auch längst von der Regierung ein Gesetz erreicht. Um aus die Stadt Einfluß auszuüben, müßten vor allem alle traditionstreuen Schichten als eine einheitliche Front zufammengefchloffen fein. Dem Berichte schloß sich bis spät in die Nacht eine Beratung an. Auch die beiden Oberrabbiner der Stadt sprachen. Hoffentlich geschieht nun endlich das Mögliche. Die Hauptsache freilich bleibt die Erziehung der Jugend — und die bedeutet vorerst ein ungelöstes Problem. In der chafsidifchen Synagoge veranstaltete der S a - dagorer R.ebbe am letzten Sabbat Schalosch Sudoth. Der jetzige Sproß der bekannten Dynastie ist ein noch jüngerer Mann mit abgeklärtem Gesicht und Würde in der Haltung. Seine Ruhe, seine Zivilisiertheit, die Ueberlegtheit jeder seiner Bewegungen ziemen einem Herrscher und stehen im Gegensatz zu der Aufführung seiner Anhängerschar. Die Orthodoxie hat die Einheit und Einigkeit nötig. Wie aber der Gegensatz zwischen einem „Thora-imderech-erez"-Orthodoxen und einem chassidischen Orthodoxen zeigt, bestehen in ihr trotz der allen gemeinsamen Verpflichtung zur Thora tiefgehende Differenzierungen. Dieselben zu überbrücken, ist eine wichtige Gegenw a r t s a u f g a b e. Auf dem Wege der Erziehung der Jugend ist auch dieses Ziel zu erreichen. Am Lag b'Omer wurden im Tel-Awiwer Rabbinat nicht weniger als 165 Trauungen vollzogen. S. G Amerika. Für Wiederherstellung der Gleichberechtigung der deutschen Juden. N ew y o r k, 27. Mai. Das Mitglied des amerikanischen Kongresses, Hamilton Fish, hat im Repräsentantenhaus einen Antrag eingebracht, in dem der Präsident der Bereinigten Staaten aufgefordert wird, bei der deutschen Reichsregierung in freundschaftlicher Form dahin vorstellig zu werden, daß diese die bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechte der jüdischen Bürger respektiere und der Zurücksetzung aus Gründen der Raffen- oder Religivnsverfchiedenheit ein Ende bereite. Die National Conference of Jews and Christians veröffentlicht die Namen von 1200 hervorragenden protestantischen Geistlichen der Vereinigten Staaten, die eine an die protestantischen Führer in Deutschland gerichtete Petition unterzeichnet haben, in der gegen die Zurücksetzung der Juden in Deutschland protestiert wird. Aus dem Wege zur Einigung des amerikanischen Judentums? N e w y o r k, 29. Mai. Innerhalb der amerikanischen Judenheit sind energische Bestrebungen im Gange, die Differenzen zwischen American Jewish Congreß und American Jewish Committee, zwischen denen Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich Taktik und Methoden in der Hilfsarbeit zugunsten der deutschen Juden bestehen, zu überbrücken. In Washington fand am 26. Mai eine Besprechung statt, an der Dr. Stephen S. Wise, Bernard Deutsch und Mark Eisner als Vertreter des American Jewish Congreß, Richter Joseph Proskauer als Vertreter des American Jewish Committee, Präsident Cohen und Dr. Rubinow vom Independent Order Bnei Brith, die Richter am Obersten Gerichtshof Vrandeis und Cardozo, Dr. Felix Frankfurter und die jüdischen Mitglieder des amerikanischen Repräsentantenhauses teilnahmen. Nach dieser Besprechung hatten der Präsident des American Jewish Committee Dr. Cyrus Adler, Richter Proskauer, Präsident Cohen und Generalsekretär Dr. Rubinow vom Orden Bnei Brith eine Unterredung mit dem Staatssekretär der Vereinigten Staaten, Hüll. Führende nichtjüdische Rechtsanwälte Amerikas erheben Einspruch. 1 Newyork, 29. Mai. 51 der hervorragendsten nichtjüdischen Rechtsanwälte der Vereinigten Staaten haben an den Staatssekretär (Außenminister) der Vereinigten Staaten Hüll eine Erklärung gesandt, in der sie gegen die Beseitigung von Richtern und Rechtsanwälten aus den deutschen Gerichten ausschließlich aus dem Grunde, weil sie jüdischer Abstammung sind, Einspruch erheben. Die Unterzeichner der Erklärung, unter denen sich die beiden ehemaligen Außenminister Elihu Root und Bainbridge Colby, der frühere amerikanische Botschafter IN Großbritannien, John Davis, der frühere amerikanische Botschafter in Deutschland, James Gerrard und der ehemalige Finanzminister Ogden Mills befinden, haben das amerikanische State Department (Außenministerium) erucht, ihre Erklärung an die deutsche Reichsregierung weiterzuleiten.