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Der Israelit · 1933-06-08 · Heft 23 (8.6.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 23 (8.6.1933)
Date
1933-06-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Der preßburger Raw war nicht ganz zufrieden. „Line Guttat löscht die Sünde nicht aus," zitierte er flüsternd aus Talmud. Lr wollte noch weiter zitieren, doch der Posener Raw war noch gar nicht fertig: „Und nun, ihr lieben Menschen, noch ein Wort, nachdem ich euch für Belehrung so empfänglich finde. Ls ist hier aus dem Spiel eine gute Sache geworden. Cs wird nicht immer so sein, wißt ihr nicht, was die Mischna sagt von denen, die ihre Zeit mit Würfel- oder Kartenspiel verbringen? Unbrauchbar für die Zeugenschaft vor Gericht und. andere Lhren- und Vertrauensämter. Jeder Jude ist tagtäglich Zeuge der S ch ö P f u n g , Zeuge der G'tteswaltung, Zeuge vor dem Richter, der Welt. Ihr wollt doch nicht . .. ." Der Rabbi sprach das harte Wort nicht zu Cnöe. Jetzt fand der reiche Herr Rathansohn endlich seine Sprache wieder. „Der Rabbi muß uns nicht mißverstehen. Wir sind keine gewerbsmäßigen Spieler. Rur abends mal so ein Stündchen, um, wie man sagt, die Zeit totzuschlagen . . .", „Zeit totschlagen?!" wunderte sich Rabbi Akiwa. „Das ist, npt Verlaub ihr Herren, wieder kein schönes Wort! wo gibt es Schöneres und Kostbareres als die Zeit, und ihr wollt sie totschlagen? wenn Menschen gemeiniglich sagen, „wir haben keine Zeit," so haben sie in einem recht, denn „in Deiner Hand sind meine Zeiten," heißt es in den Psalmen, wir haben keine Zeit. Run da sollte ein Mensch, ein Jude, der Thora gelernt hat und der die Psalmen betet, etwas t o t schlag e n wollen, was gar nicht ihm gehört? wißt ihr, was das heißt: Zeit? Zeit ist die Ewigkeit, die Lwigkeit ist das All und Herr des Alls ist G'tt. Zeit! Ich will euch etwas von meinem Posen erzählen. Da herrschte voriges Jahr, G'tt behüte uns alle davor, die Lholeraepidemie. wir taten, was wir konnten, um den Unglücklichen, die davon betroffen wurden, beizustehcn. Aber wir sahen Hunderte dahinsterbcn. wie haben wir da um jede Minute und jede Sekunde ihres Lebens gerungen, der Aerzte Kunst eingesetzt und heiße Gebete zu G'tt geschickt, daß ihnen, den Kranken, noch e i n Tag, eine Stunde, einige Minuten 'ihrer Zeit erhalten werde!. . . Und da sollte es Menschen geben, die bei gesundem Leibe so mir nichts dir nichts ihre Z e i t t o t s ch l a g e n? Das habt ihr nicht überlegt und meint es auch gar nicht so ..." Tin großer Crnst, ein stilles Rachdenken legte sich auf die vor wenigen Minuten noch so heiter frohen Gesichter. Mit einem liebevollen Gutenachtgruß verabschiedeten sich die beiden Rabbis. Kurz darauf sah man auch die Lichter bei Feinstein erlöschen. Man bat m nächster Zeit von Zusammenkünften des Spielklubs nichts mehr gehört. , Der Preß bürg er Rabbiner meinte, als sie durch die dunkle Rächt nach Hause tappten: „Eine besondere Gabe hat der liebe G'tt dem großen posener Raw verliehen, die Gabe, mit den Menschen in ihre r eigenen Sprache zu reden und aus ihren Herzen Erkenntnisse herauszuholen, die wohl immer schon darin schlummerten. Mein Rebbe, Rabbi Rosson, er war ein Heiliger und nicht von ö i e s e r Cröe, konnte es nicht. Ich glaubte, die Gabe zu besitzen und muß jetzt in Gegenwart des Posener Raw einsehen, w i e der wahre weg zu den Herzen der Menschen ist." „Rein," wehrte der Posener ab, „so ist. es nicht. Im Talmud finden wir, daß der Größte 6er: Großen, Rabbi Schimeon, Sohn Schetachs, "sich in persönlicher Rot eines namenlosen Frommen bediente, daß er für ihn betete. „Der Diener vor dem Herrn," so wird das dort begründet, „darf sich einer simplen allverständlichen Sprache bedienen. Der Fürst muß Distanz halten." Der Preßburger Raw darf es sich leisten, daß die Menschen den weg zu ih m suche n und finden. Ts genügt, wenn er ihnen auf halber Strecke entgegenkommt und die Hand entgegcnreicht. Ich aber Erschrocken fiel ■ ihm Rabbi Mosche ins Wort: „Darf der Vberrabbiner von Posen gering von sich denken und reden?" „Oberrabbiner von Posen!", wiederholte der andere etwas wegwerfend. „Ist es dem Preßburger Raw bekannt, daß. ich, als ich von meinein stillen Märkisch-Friedlanö nach dem großen Posen berufen wurde mb' mit Schrecken die verantwortungslast) die in dieser großen Gemeinde meiner harrte, - erkannte, den ernstlichen Entschluß faßte, alle rabbinischen Aemter und-Ehren von mir zu weisen und als Melamed, als kleiner Kinderlehrer irgendwo mein Brot zu verdienen und mich ungestört dem Studium zu widmen? Man ließ mich nicht. Man setzte mich mit Gewalt auf den Thron. Die Freien, die Modernen und Fortgeschrittenen in Posen, erhoben ein Zetergeschrei, fürchteten den „Finsterling", der den neuen Berliner Geist bekämpfte, gingen sogar bis an die Regierung. Run sagte ich: jetzt erst recht, und blieb, da. .Ich begann die Arbeit, auch die Verantwortung und den Kampf zu lieben, und nun sind sie alle, jene früheren Gegner, sozusagen an meinem Gängelband, verehren mich und folgen auch im Ganzen in allen Gemeindcangelegenhiten meinem Rate und meinen Weisungen, wenn sie nur den Weisungen G ' t t e s i n d e r Thora so folgten! . . . Hierin bin ich mit meiner Arbeit und mit dem Erfolg noch ganz und gar nicht zufrieden. „von diesem Kampfe," setzte Rabbi Akiwa fort, „könnte man ganze Bücher schreiben. Ich hatte meine eigene Taktik und meine eigene Waffe, die nicht füralle zu empfehlen ist. Andere —- er sah dabei seinen Schwicgerfohn an — werden mit anderer Taktik und besserer Waffe gewiß mehr erreichen, ich machte ‘ es einmal so, wie es mir gegeben war. Da geschah cs einmal in der ersten Zesi, daß ich einen Schocket, der mein Vertrauen verlor,' außer Amt setzte. Dieser Mann hatte verwandtschaftliche Beziehungen zu der oberen Schicht. Ein Sturm erhob sich. Ich sollte den Gemaßregelten wieder in Amt und Ehren einsctzen. Man wollte an diesem ersten Fall meine rücksichtslose Unduldsamkeit der Gemeinde zeigen. Ich bewahrte meine Ruhe und sagte einfach und freundlich: Rein! Aber jene Schichten ruhten nicht und gingen bis an die höchsten Aemter, bis Berlin. Und eines Tages erhielt ick das Dekret, mit königlichem Siegel versehen. „Im Ramen des Königs." Ich hätte öffentlich in der Synagoge vor versammelter Gemeinde die ausgesprochene Absetzung des Beamten in aller Form wieder zurückzunehmen, was geschah? Ich tat es, oder richtiger, ich tat es nicht und konnte dennoch weiter in Pofen bleiben.-— „Ich tat es ganz nach Befehl und Geheiß. Eine Verordnung der königlichen Behörde ist Befehl, so gut wie Religionsgesctz. 2llso betrat ich am Sabbat nach dem Vorlesen der Thora das Almemor, verrichtete das Königsgebet wie üblich und knüpfte daran folgende Bekanntmachung: „Rabbosai, wie euch allen bekannt, habe ich den Schochet . . . aus den und den Gründen seines Amtes enthoben. Ich habe euch an dieser Stelle bekannt zu geben, daß „Hainelech jorum hoöo", seine königliche Majestät anderer Meinung sei und ihn für geeignet hält. Uwo le zion goel, und so möge Zion der Erlöser erstehen, bald in unseren Tagen, Amen! ..." Ein Helles Lachen überzog das Gesicht Rabbi Mosches. Aber Rabbi Akiwa erzählte in der natürlichsten und bescheidensten Art der Welt. Allda, wo er befürchten mußte, ein Wort oder eine Mitteilung könnte überheblich wirken, schränkte er die Bemerkung sofort durch eine Mitteilung von seiner Schwäche, von einem Mißerfolg 'ein. Er wollte vom großen Schwiegersohn lernen, wie man es in solchem Falle anders und besser mache ... Zwei Männer standen an den wagen, die nach zwei verschiedenen Richtungen sich in Bewegung setzen sollten. Zwei Könige im Reiche des Geistes, beide im Besitze unermeßlicher Reichtümer und doch so grundverschieden geartet. Des Einen Lande hatten großen Reichtum an leuchtenden perlen, nannten weite Goldminen ihr Eigen; der 'Andere mit der Residenz in Preßburg hatte der Welt Bücher und Bände gegeben, die, blühende üppige Frucktäcker, den Menschen, das tägliche geistige Brot reichten. „Mein Lehrer und Meister!" verabschiedete sich Rabbi Akiwa! „Mein Fürst und mein Führer!" sprach Rabbi Mosche. XXV! I. Das neue H a u s. Reucr Geist zog mit der Rebbezin ins Preßburger Rabbinerhaus ein, der sich bis in die letzten Winkel desselben auswirkte und über diese hinaus seine Spuren auch in der Gemeinde zeigte. Keinem konnte entgehen, daß Rabbi Mosche wie verjüngt in seiner schönen sauberen.Gewandung daherkam, mit lachendem Auge und frischer rosiger Farbe in den von den nunmehr grau öurchwirkten Haarwellen umflossenen Wangen. Klar und frisch klang wieder die Stimnre, jugendlich waren alln Bewegungen. Es gab wieder heitere Worte zur Einleitung des Schiur. Aus der neugewonnenen Elastizität des Geistes, gepaart mit der ruhigen Abgeklärtheit des auf der Höhe des Lebens Stehenden, erwuchsen neue Schriften, neue köstliche Gaben von ewigem werte. Sarle, die Rebbezin, war überall und nirgends. Sie war allgegenwärtig, wo es was zu tun und zu helfen gab und war unsichtbar im Momente, da sie ihre 2lufgabe erfüllt.oder die Grenze ihrer Kompetenz erreicht glaubte. Ihre wartende und schützende Hand ruhte auf dem geliebten Gatten merklich, auch wenn sie nicht dabei war. Ein gastliches Haus wurde das Rabbinerhaus, in dem eine Frau waltete, die in tiefster Verehrung zum Gatten hinaufsah, der aber Bewußtsein der 2lbstammnng und des Eigenwertes auch kräftige 2lktivität verlieh. Bald stand sie auch im Mittelpunkte aller von den Frauen geleiteten Liebeswerke. Sie legte Hand an beim letzten Liebesdienste im „Heiligen Sckwesternvereine", nähte selbst und allen voran für die 2lrmen im „Bekleidungsvereine", ihr oblag die 2lusstattung armer Bräute, und die B r o t v e r t e i l u n g ordnete, sie nach deutschem Muster, wie sie es ihrem Vater in Märkisch Frieöland und Posen abgeguckt hatte. Reberall, wo Frauen zur Pflege und Betätigung jüdischer Liebeswerke sich fanden, sah inan -an der Spitze die stattliche Frau in der schwarzsamtencn Haube, die bis tief in die Stirn sitzend, die klugen lackenden 2lugcn beschattete, preßburg hatte jetzt auch seine Rebbezin. Im Hause war alles wie umgewandelt. Dieselben Gemächer, das gleiche Möbel, und alles war doch blitzblank wie neu, jedes Stück an seinem richtigen platze. Ein Jünger konnte bei der Rebbezin sehr in Ungnade fallen, wenn er vergaß, die Schuhe beim Eingänge abzuputzen, oder das dem Regale entnommene Buch wieder an die richtige Stelle zu bringen. Aber sie hatten ihr Heim, die Jünger, im gastlichen Hause, wo der Rabbinerssran kräftige liebende Hand in allen Ecken zu spüren war. Sie w a r Mutter geworden all den jungen Menschen, denen Rabbi Mosche Vater war. Run da sich dieses Wort aber im anderen und eigentlichen Sinne zu erfüllen schien, strahlte eine Hoffnung auf, die Rabbi Mosche in stillem Glücke verklärte und sich auf die ganze Gemeinde übertrug.

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