Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450778--79648-2537430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit Nr. 23 Seite 5 8. Juni 1933 ES"- Korrespondenzen * Hach liebten. SeAtsches Held). Ein klares Wort zur Judenfrage. Berlin, 4. Juni. Die „Reichsvertretüng der deutschen Juden" erläßt Die nachfolgende Erklärung: ^,Vor dem deutschen Judentum steht das Schicksal, zum Entrechteten in. der deutschen Heimat zu werden. In ihrer Ehre getroffen können die deutschen Juden als die Wenigen sich nicht verteidigen; aber es darf ihnen nicht Verwehrt sein, ihre Haltung offen und aufrichtig kund- . zutun. Die Deutschen Juden weisen es von sich, als die Anchänger oder Urheber irgend eines „Systems" angeprangert zu werden, während sie in Wahrheit immer bewiesen haben und auch jetzt zu beweisen bereit sind, daß sie sich jeder staatlichen Ordnung willig und freudig unterordnen, wenn sie ihnen Würde, Arbeit und Freiheit läßt. Die deutschen Juden lehnen es ab, immer wieder auf ihre jahrhundertealte deutsche Kultur zu verweisen, auf ihre dauernde Verbundenheit mit deutschem Land und deutschem Geist. Die Wirklichkeit der Geschichte spricht für sie, spricht von ihrer Arbeit, ihrem Willen und ihrer Treue, von ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Volke. Wir dürfen erwarten, daß auch die Auseinandersetzung mit uns auf dem Boden des Rechts und mit Waffen der Vornehmheit geführt werde, daß ehrliche Klarheit über unseren Platz und unseren Weg in dem Raume, des Lebens geschaffen werde. Eine offene Aussprache,^ mii.deV'Reichsvertretüng der deutschen Juden, welche die Gemeindeverbände und die großen jüdischen Organisationen und damit die Gesamtheit des deutschen Judentums umfaßt, vermag zum Ziele zu führen, das Wohl Deutschlands erfordert es ebenso wie das der deutschen Juden." Zu der vorstehenden Erklärung wird seitens der Reichsvertretüng noch bekannt gegeben, daß es sich bei der in der letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau" veröffentlichten, von dem obigen Text abweichenden Erklärung insofern um einen Irrtum handelt, als der „Jüdischen Rundschau" nur der Text eines vorbereitenden Entwurfs Vorgelegen hatte, als sie die Veröffentlichung vornahm. Reine jüdischen Vereine in der staatlich geförderten Jugendpflege. Berlin, 4. Juni. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, weist der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Regierungspräsidenten daraus hin, daß alle Jugendpflege und Leibesübungen treibenden jüdischen Vereine und O r g a n i f a-t r o n e n aus den Orts-, Stadt-, Kreis- und Bezirksausschüssen für Jugendpflege auszuschließen und daß ihnen auch jegliche Vergün st ig ungen zu versagen find. Großrazzia im Berliner Grenadierviertel. Berlin, 2. Juni. Die „Berliner illustrierte Nachtausgabe" bringt genaue Schilderung euer am 30. Mai (mviav my) in der G r e n a d i e r st ra ß e vorgenommenen Razzia, in der es u. a. heißt: „Im Haufe Grenadierstraße 1 war eine Wohnung als Privat synagoge eingerichtet worden. Die Kerzen brannten noch, und mehrere Mitglieder dieser jüdischen Sekte hatten, sich dahin geflüchtet, vielleicht, weil sie glaubten, dort vor der Polizei sicher zu sein. In diesem Raum entdeckte man zwei verschlossene Blechkassetten, die nach Angabe der Hausbewohner bereits vor sieben Jahren dort abgegeben worden waren. Als man sie öffnete, fand-man darin alte außer Kurs gesetzte Silbermünzen und Wertpapiere. Bei einem Privatrabbiner in der Grenadierstraße 14, der schon seit Jahren Wohlfahrtsunterstützung bezogen hatte, wurden, unter der Wäsche versteckt, fünf Dollarnoten, 11 Reichs- Die Woche. Frankfurt a. 21t. Einen ähnlichen Aufruf wie kürzlich die Wiesbadener Stadtverwaltung hat jetzt der Magistrat von Bad Homburg erlassen. In der letzten Magistratssitzung wurde eine Erklärung beschlossen, in der jedem Kurgast, „gleichgültig welcher Einstellung, und Rasse", ungestörter und sicherer Aufenthalt, sowie „politische und konfessionelle Ruhe und durchaus gleiche Behandlung" garantiert werden. Berlin. Den neuesten Gesprächsstoff in allen Börsen- und Bankkreisen bildet der Austritt von Oscar Wassermann und Kommerzienrat Frank aus dem Vorstand der Deutschen Bank und Discontogesellschaft. — Bei Zahlungen für den Z e n t r a l a u s - schuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau (Postscheckkonto Berlin 70577), ist noch die Ergänzung „Sonderkonto Zentralausschuß usw." hinzuzufügen. — Nach den letzten Angaben des „Kirchlichen Jahrbuches" zählt man in Deutschland 1920 etwa 452 jüdische Uebertritte. In den folgenden Jahren vermindert sich die Zahl. Im Jahre ' 1930 waren 212 Uebertritte zu verzeichnen. Uebertritte aus dem Christentum zum Judentum gab es im Jahre 1933 in Deutschland 55. .— Wie die „Rassische Zeitung" berichtet, ist ein gewisser S o l l b a ch , der erst seit kurzem der NSDAP, angehört, verhaftet worden, weil er sich eigenmächtig zum Geschäftsführer der „Epa" in Bielefeld ernannt und die jüdischen Angestellten entlassen hatte. Damit habe er entgegen den wiederholten Anordnungen der nationalsozialistischen Betriebsorganisation eine Einzelaktion unternommen. München. Nach dem „Völkischen Beobachter" dürfen gemäß Bekanntmachung des Staatsministers der Justiz Personen nichtarischer Abstammung als Sachverständige nicht mehr öffentlich bestellt und beeidet werden. Die bestehenden Bestellungen solcher Personen sind zu widerrufen. — Im Alter von 66 Jahren verstarb aus seiner Besitzung in Murnau der bekannte jüdische Philanthrop James Loeb, ein gebürtiger Amerikaner, der sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland, wo er sich im Jahre 1907 niedergelassen hatte, wissenschaftliche und künstlerische Bestrebungen in , Broßzügigster Weise gefördert hat. 1888 war oeb in die von seinem Vater Salomon Loeb mitbegründete Vankfirma Kuhn, Loeb u. C o. in Newyork eingetreten, schied jedoch schon 1901 aus der Firma aus und widmete sich der Förderung der klassischen Philologie und humanistischen Kultur in Amerika. Magdeburg. Nach einer Meldung des Neuen Magdeburger Tageblattes hat der dortige Polizeipräsident im Verfolg der Bekämpfung kommunistischer Propaganda für die Polizeidienstgebäude jeden Warenhandel und jedes Anpreisen von Waren durch jüdische Firmen und deren Beauftragte auf das strengste untersagt. Es bleibt unverständlich, wie der Warenhandel jüdischer Firmen als kommunistische Propaganda betrachtet wird. — Nach dem;,Pößnecker Händlerblatt" vertrat auf einer Gautagung des Reichsverbandes ambulanter Gewerbetreibender der Gauführer den Standpunkt, daß die Juden auf den Messen, und Märkten radikal ausgemerzt werden müssen. Nur. bewährte Frontkämpfer sollten besondere Ausweise erhalten. Eine entsprechende Praxis wird im Einzelfall aus Konstanz und anderen Städten gemeldet. Mannheim. Das vom ' Reichsbanner zu Ehren des als Kriegsfreiwilliger 1914 an der Front gefallenen jüdischen 8 Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank er- 8 richtete Denkmal am Luikenpark in Mann- 8 heim ist jetzt' auf Veranlassung der Stadtver- 8 waltung entfernt und das Fundament ein- 8 geebnet worden. Bekanntlich war das Denkmal 8 vor wenigen Wochen schwer beschädigt und die 8 Gedenkplakette gestohlen worden. Wien. Ein 8 großes Kinounternshmen hatte im Verfolge 8 der „Gleichschaltung" alle jüdischen Angestell- 8 ten, von den Direktoren bis zu den Platzan- I weiserinnen, entlassen. Der Gerichtssenat | hob aber die Maßnahmen als rechtsungültig 8 auf. Paris. Das Hilfskomitee für jüdische Auswanderer aus Deutsch- - l a n d weist in der ersten Liste eine Einnahme von 1.375.000 Francs aus. Eine halbe Million stammt aus dem Haufe Rothschild. London. Im Unterhause gab Sir John S i m o n auf eine Anfrage einiger Abgeordneten Auskunft über die Bernheim-Petition in Genf und über den . Gang der Verhandlungen in der Sitzung des Völkerbundrates. «nnnmnHnBBBHMnnHisMHnBn mark und ein Sparkassenbuch über 2500 Mark gefunden. In 'Kelleroerschlägen und aus Böden beschlagnahmten die Peamte kostbare Lederkofser, Pakete mit Kleidungsstücken, Kassetten mit Schmucksachen, goldenen Uhren und große Ballen Stoffe. Verschiedene Personen hatten sich auf Hausböden und in anderen Verstecken verborgen, sie wurden aber ausfindig gemacht und festgenommen. Zunächst hatte man etwa 60 Personen zwangsgestellt, von chnen wurde aber ein großer Teil nach kurzem Verhör wieder entlassen. 34 Personen aber, darunter neun Frauen, mußten-den Weg zum Polizeipräsidium antreten. Soweit sie sich nicht Ausweisen konnten, wurden sie dem Erkennungsdienst zugeführt, andere, die keine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland besaßen, wurden der politischen Polizei übergeben." Schweiz. Die Bernheim-petitron. Genf, 2. Juni. Die ■ sogenannte V e r n h e i m - P et i t i o n in Sachen der oberschlesischen Juden kam, wie schon angekündigt, am Montag nachmittag im Völkerbundsrat zur Vorbesprechung. Herr Lester, der Vertreter von Irland, verlas als Berichterstatter den Bericht, in dem er zunächst darauf hinweist, daß die deutsche Regierung sich in einer Erklärung am Freitag verpflichtet habe, die internatinoale Vereinbarung bezüglich der Minderheit in Oberschlesien einzuhalten und daß die Rechte der dortigen Juden wieder hergestellt werden sollen. Bei dieser. Sachlage würde der Fall Bernheim, wie alle anderen etwa bereits entstandenen Schäden, einem örtlichen Verfahren unterworfen werden. Im Namen der deutschen Regierung erklärte Herr von Keller, den Bericht nicht annehmen zu können, weil Bernheim kein ständiger Bewohner Oberschlesiens sei und. überdies auch kein Recht habe, im Namen aller Juden Oberschlesiens zu sprechen. Sollte B. Anspruch auf irgend einen Schadenersatz erheben, so sei dieser von den lokalen Gerichten Oberschlesiens, nicht aber vom Völkerbünde zu prüfen. Der Vorsitzende, Signor Biancherie, machte den Vorschlag, eine I u r i st e n k o m m i s s i o n zur Prüfung der deutschen Einwände einzusetzen. Damit erklärten sich der Berichterstatter Lester wie der Vertreter Englands einverstanden. Paul B o n c o u r, der französische Außenminister, bedauert die Verschiebung der Angelegenheit und meint, man könne sich nicht allein mit den Juden in Oberschlesien befassen und an dem Schicksal der Juden von ganz Deutschland desinteressiert bleiben. Auch der polnische Vertreter, R a c z i n s k y , erachtet es als eine moralische Pflicht, von Deutschland Rechtsgleichheit für die Juden im ganzen Lande zu fordern. Darauf kommt der spanische Außenminister Zuluetta zu Wort. Er schließt sich den Wünschen des französischen und polnischen Vertreters an. Spanien beobachte m i t ti e f st e m Mitgefühl und mit mütterlicher A n t e i l n a h m e das Schicksal der deutschen Juden. Daß die Juden vor vierhundert Jahrengezwungen w u r d e n,. Spanien zu verlassen, bedauere er heute aufs Tiefste. Der norwegische Vertreter, Lange, erkennt den internationalen Charakter der deutschen Judenfrage an. Auch er, — wie nach ihm die Vertreter der Tschechoslowakei und Guatemalas — möchte die Debatte auf das ganze Judenprobleni in Deutschland ausgedehnt sehen. In seinem Schlußworte legte der deutsche Vertreter v. Keller zunächst dar, daß er in keine Diskussion darüber eintreten könne, ob die jüdische Bevölkerung im Reiche den Charakter einer Minderheit habe oder nicht. Sonst wolle er alle Grundsätze über den Minderheitsschutz gern unterschreiben. Es sei zu konstatieren, daß bei früheren Debatten über Minderheitsrechte nicht mit so viel Emphase von Moral und Zivilisation gesprochen worden sei. Zur Einsetzung der Juristenkominission nehme er keine Stellung. Es wird schließlich die vorgeschlagene Juristenkommission zur Prüfung der Legitimation Bernheims eingesetzt. Genf, 7. Juni. Am Dienstag vormittag wurde in der Sitzung des Völkerbundrates die B e r n h e i m - P e t i t i o n weiter l