Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1933)
- Date
- 1933-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 23 Der Israelit 8. Juni 1933 versucht man, in einem Stadium von allgemeiner Revolution und Umwertung, i n n e r j ü d i s ch die „Indenfrage" irgendwie zu lösen, indem man mit den Methoden liberalistischen und außerjüdischen Denkens eine neue Synthese von Judentum und Zeit zu schaffen bereit ist, — ohne in jeder Hinsicht endlich den Weg zur Anerkennung des Primats der jüdischen Tradition und der Gegebenheiten des jüdischen Ge setzes zu gehen. Ulan will Ueuordnung, manruft sogar nach dom Ja-Sagen zum Judentum; aber man bricht nicht konsequent sämtliche Brücken hinter sich ab, die zur Epoche der Reform und der systematischen jüdisch-geistigen Auflösung führen. Das geschichtliche Judentum, dessen abgerissenen Faden man jetzt, im Aufbruch einer neuen nationalen Epoche, würdevoll und stolz weiterspinnen will, ist weder denkbar noch lebensfähig ohne die fundamentale Bereitschaft zum jüdischen Gesetz, zu einer in der Autorität des Geistes festgegründeten jüdischen Haltung. Line Haltung, die lediglich die Parolen der Gegenwart schablonenhaft aus eine Art jüdische Gemeinschaft pfropfen möchte, -— jedoch die Untermauerung durch die spezifischjüdische Lebens g e ft a l t u n g vergißt, wird bestenfalls eine weitere Episode im Komplex liberaler Versuche und Teillösungen bleiben. Erschütternd, was inan in diesen Wochen der Aufrüttelung und einer neuen jüdischen Propaganda an bizarren Kombinationen erleben muß! Oft sind es weniger die „großen" Konflikte, die ein kennzeichnendes Licht werfen. Klan trifft daneben eine nicht geringe 'Anzahl jener „Fälle", wo man schon so etwas wie einen neuen Wortschatz jüdischer Begeisterung und den großzügigen plan einer neuen jüdischen Konstitution entdeckt und zugleich sehen muß, daß die — Schinkenbröte noch nicht überwunden sind! Dieser Typus einer zeitgemäßen Assimilation droht! Diese seltsame neujüdische Mischung von der leisen Ahnung eines guten Willens und der hartgesottenen Bequemlichkeit liebgewordener Gewohnheiten! Jüdische verbände rufen nach Führung. Manche rufen den Diktator, und die meisten meinen wohl jemand, der da imstande ist, die Tragik persönlicher Cinzelschicksale zu mildern. Alle aber halten sich selber für den archimedischen Punkt, von dem aus man eine überholte Epoche aus den Angeln heben kann. Ein Streit hangt überm Judentum, der die Dualität des Führertums nach der Ouantität der Jahre abgeschätzt wissen möchte. Wer soll führen? Junges oder altes Judentum? Riemanö wird bestreiten, daß es in der Tat ein trauriges Ergebnis langer Jahrzehnte deutsch-jüdischer Erziehung darstellt, wenn man sehen muß, wie führerlos das Judentum in den Stürmen einet sich selbst umwertenden Zeit umhertreibt. Eigentlich spiegelt diese Führerlosigkeit und die damit verbundene Diskussion, welche Altersklasse oder Generation führen soll, die ganze Katastrophe unsrer Situation wieder. Hier kristallisieren sich vor unseren Augen die vernichtenden Resultate einer Epoche von Illusionen und falschen Voraussagungen. Hier aber wird auch das Urteil über all die unter der Sonne des Parlamentarismus groß gewordenen jüdischen Parteien und Gruppen gesprochen. In mustergültiger Weise hat man die Formulierungen des Liberalismus und seiner Begleiterscheinungen erfüllt, — das Judentum selber ist jeglicher führenden Kraft beraubt worden. Kein Wunder, daß zu allem Unheil die Fragestellung auftaucht: Wer soll führen? Reichlich bekannt muten diese Aeußerungen an. Sie sollen revolutionär wirken. Sie wirken wie ein inhaltsleeres Rachplappern bloß. Weil hinter dieser Pseudo-Revolution nicht der zielklare und unerhört eindeutige Lebenswillen schreist W i c soll geführt werden, — wohin und zu welcher Konsequenz soll geführt werden? Und weil hinter dieser angelernten Frage nicht der Wille zur jüdischen Gestaltung schreitet. Weil diese Frage immer noch verkoppelt wird mit der Gesinnung der Reform, — und weil die Frager sich noch nicht zur Erkenntnis emporgerungen haben, daß die Selbstbesinnung der jüdischen Seele. Sie müssen zur Preisgabe einer Haltung zwingen, die weder jüdische gewesen ist,-noch überhaupt zu irgendwelchen jüdischen Leistungen treiben konnte, — sie müssen, gerade wenn sie (wie behauptet wird) -die jüdische Re volutioir wollen, zum Verzicht auf die Terminologien und Ideologien der Reform kommen. Jede liberale oder liberalisierende Konzession schaltet sich aus, wo wahrhaft der Schritt des ganzen, reinen, historischen Judentums erdröhnen soll. Die Führung muß also j ü d i s ch sein, — nicht in der Betrachtungsweise überholter Methoden, nicht als Definition einer Parteirealität, vielmehr auf Grund all der geschichtlichen und gesetzlichen Beziehungen, die allein berechtigt sind, das Jüdische zu repräsentieren und zum Wesensinhalt neuer 'Arbeit zu machen. Jede Führung, die nicht zur Totalität des sinaitischen Judentums den Weg bereiten will oder bereiten kann, mag in irgendeiner Form Rasse-Judentum verkörpern und ein Pendant zu gewissen zeitbedingten Weltbildern liefern, — aber sie verkörpert nicht das Prinzip der jüdischen Revolution, das einst am Sinai die gründlichste und erhabenste Umwertung aller menschheitlichen Werte gekündet hat, und das durch sein Gesetz und - seinen Geist, durch Glauben und Gewissen die ewig-wirkliche und ewig-gültige Wandlung bedeutet; An unsere Abonnenten! Um Irrlümer zu vermeiden, geben wir zur Kenntnis, dass Zahlungen auf unser Postscheckkonto nur unter folgender Bezeichnung geleistet werden können: Nr. 19802 Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H. Frankfurtern Main. die Auffassung von einer jüdischen Revolution abgrundtief getrennt ist von jenem chaotischen Experimentieren, das nur eine j ü ö i s ch e R e f o r m oder Reformation genannt werden darf. Die Revolution des Judentums und die Führung zu einer solchen innerjüdischen Umwertung brauchen Riemais ist der Sinn der jüdischen Revolution darin erschöpft, daß in den Stuben von Verwaltungsapparäten ein paar alte' Männer durch junge ersetzt werden, oder daß nunmehr an die Stellen der liberalistischen Routiniers von Vorgestern die religiös-indifferenten „Realpolitiker" der heutigen De mokratie treten. Die Erneuerer sollten sich davor hüten, bei der Erneuerung der Schlagworte stehen zu bleiben und sich dem Irrtum hinzugeben, man hätte revolutioniert, indem man wohl assimilatorische und unjüdische Phraseologien abschafft, aber sich immer noch, weigert, an den G eist, an den wesentlichen Kern der Führung überhaupt heranzugehen. Die Umstelluilg allgemeinkultureller oder wirk schaftlicher Struktur bleibt im Jüdischen ein Fragment, wenn ihr nicht die, restlose Aenderung einer seelischen Haltung vorausschreitet. So unendlich viel und laut ist von Erneuerung geschrieen worden, und zur Umwertung der jüdischen Seele, also der tatsächlichen Haltung des Judo-Seins, hat noch kein Führer aufgerufen. Man streitet sich, ob jung oder alt, ob die Anhänger der Minderheitspolitik oder die Raumannianer „führen" sollen, — und das heißt doch wohl: das Judentum in eine bessere Zukunft führen — der Streit geht beinahe um einen neuen Ausguß der liberalen Epoche und um eine neue (wenn auch unter modernem Motto segelnden) Auflage sattsam bekannter Gedankengänge, — der Kampf geht aber nicht um die Stabilisierung des jüdischen Geistes, um eine wirklich neue, revolutionäre Einstellung zum uralten jüdischen Besitztum, um die endliche Loslösung von Materialismus und Nachäfferei, — wir vermissen sehr, daß diejenigen, die angeblich zum jüdischen Führertum einer neuen Zeit und einer idealistischen Zcitgcstaltung berufen sind, daß diese alle kein Wort zum Sabbat-Gedanken, zum Sozialgesetz des Judentums, zu der Praxis der jüdischen Ethik, zur Erfüll u n g m i t j ü d i sch e m Wollen durch tägliches und planmäßiges Lernen, zur Durchsetzung der jüdischen Lehranstalten mit traditionell-jüdischem Bewußtsein, zur Unterstreiche n g des jüdischen Stolzes und der .jüdischen Würde und des j ü d,i sich e n A u f kr e t e n s durch das Bekenntnis zur H e i f i g Haltung des Gesetzes ü n d d e r ü c d e r l i e f er u n g gefunden haben! Wo ist dieses jüdische Führertum? Wo wird hier der Kampf 'dafür aufgenommen, daß' dieses- und: nur dieses Führertum die Eignung hat, dem zerrütteten deutschen Judentum die Revolution der Gegenwart zu bringen? ------- - ■ Wo bilden sich jüdische Aktionsausschüsse, nicht um das tragische Erleben einzelner. Juden — die zudem oft genug erst kürzlich - ihr Judentum entdeckt haben — zu mildern,' sondern um alles Leid' an Not und Entbehrung auf sich zu nehmen und uni über jedes Einzelschicksal hinweg die Gesamtheit der jüdisch-iHcallstjschm Forderungen, in die Tat umzusetzcn? Wo sind die Gruppen, die den Kampf für den Sabbat, für die Feiertage, für das Speisegesetz, für die Rettung der jüdischen Kleinexistenzen, für den in die Realisierung übergeführten Gedanken des Arewuth ausgenommen haben? . In ihrem Elan und! in der Unerbittlichkeit dieser Forderungen der Thora ruhen die Voraussetzungen für diejenigen jüdischen Menschen, die tatsächlich zur Führerschaft des deutschen-Judentums in dieser Situation berufen stnd! Alle anderen haben äbzutreten! Denn sie verkünden nicht die ewige und unwandelbare Botschaft des Judentums, — sondern bloß die Schaffung eines Flickwerks und einer Zvitgemäßheit, die kaum imstandesind, die Luft einer revolutionären Periode-zu überdauern. Den Sinn einer- Leitung mögen sie begriffen haben, und sie mögen auch alle Dualitäten haben, um organisieren zu können. Den Sinn eines F ü hr e r t u m s aber, und obendrein' eines j u ö i f ch e n Führertums, in' einer Gegenwart des völligen Reu- Aufbruchs haben sie nicht begriffen. Sie würden sonst nicht alle Deklamationen für „revolutionäre" Erneuerung derart blutleer und jüdisch-farblos in die Richtungslosigkeit der jüdischen Parteien schmettern. Welche Art einer Lösung des jüdischen Problems auch in Deutschland möglich sein wird, — eines sollten weder unsere nichtjüöischen Partner, noch aber weit mehr unsere jüdischen „Berufenen" vergessen: das junge I u ö e n t u in kennt nur 6 i e A r t einer (Er ne uerung, ö i e i tt der j ü - bischen Haltung und Verwirklichung verwurzelt ist. Das I n d e n t u in ohne d i e Fundamente der Tradition und des Sinai-Gesetzes, o h n e d i e Verschmelzung von Geist und Geschichte, von unerschütterlicher Gläubigkeit und Hingabe an D'tt und Lehre bleibt eine Farce. Rur in der Gesinnung einer W i c ö c r e.r o.jb e r u n g dcr jüöischcn Totalität u n d einer restlosen Rückkehr zu den Duellen u tt f r c r g e ist i g e n K r ä f t e u n ö zur Heimstätte d e r> Offenbarung schwingen unsere revolutioitaten litergien. Diese Reberzeugungen stnd - gleichzeitig die Mauern, die Klarheit zu bereiten haben. Auf der einen Seite haben die sogenannten „Leiter" zu stehen, die Techniker der Apparate, — auf de r andern Seite wachsen die Führer! Und Führer ist nur der, der am Sinai der Zeit die Offenbarung der Ewigkeit vernimmt! Wochenkalender vom 10. — 17. Juni 1933 vom 16 — 23. Siwan 6693 ■>»T> -*p Samstag 10 16 ns Sonnrag n 17 w Montag 12 18 rs Dienstag 13 19 ny Mittwoch Iun 14 20 tiy Donnerstag 15 ]VO 21 a Freitag 16 22 SB Samstag 17] 2.3 as 'T '1 j?-|D "> 7n j?">B Mauled: Freitag früh 2 Uhr 23 Minute»»