Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Welche hebräische Sprache soll gelten? Von B. C. (Vgl. Lit. Warte 1931, Nr. 14.) Wer nicht nur mit öen Lippen, sondern mit dem Herzen die Worte des Gebetes und des Pint aufnimmt und vielleicht auch sonst im Leben zu hebräischer sprachlicher Verständigung Gelegenheit hat, muß ein schmerzliches Empfänden darüber wahrnehmen, daß es zwei verschiedene hebräische Sprachen zu geben scheint. Die hebräische Sprache unserer Tage Ist nicht die unseres G'ttesbauses, nicht die unserer Verständigung. Ist die Sprache unserer Großen ein totes kirchenslavonisch, bas für die Gegenwart nicht mehr belebt werden kann? Ist unser Neuhebräisch ein Produkt des Daschinenzeitalters und nicht für religiöse Gedanken verwendbar? Ist die Sprache, die Seele Israels völlig zerrissen? Wir stehen vor der Tatsache: Ts gibt nicht nur mehrere Aussprachen, sondern auch mehrere Sprachen, die sich hebräisch nennen lasten, vergleicht man Ane ebenso sprachlich fehlerlose wie inhaltlich wohldurchdachte Teschuwa eines neuzeitlichen Thoragroßen, dessen wahre Größe ebenso die sprachliche wie die sachliche Genauigkeit beachtet, mit einer Dummer einer palästinensischen, auch orthodoxen hebräischen Zeitung, so stimmen diese Texte wohl in Schrift, Vokabelschatz und Grammatik zum Teil überein. Dennoch kann es selbst bei gleicher Aussprache Vorkommen, daß die Verfasser der beiden Texte einander n i ch t verstehen. Im „ Ieschurun " 1923—26 war der Nachweis versucht worden, daß öen Ausspracheweisen des Hebräischen geistige Unterschiede zugrunöeliegen, die der Wesensart der verschiedenen Kulturkreise entstammen, in die uns das Exil geführt hat. Zum Beispiel ist ja feste Stammbetonung, wie wir sie bei den Aschkenastm feststellen, deutliches, für Jedermann untrügliches Zeichen des sachgebundenen germanischen Denkens, während die sefaröische Tnöungsbetonung an das formgebundene romanische Denken erinnert, was damals von der Aussprache gesagt wurde, gilt nicht minder vom Stil. Und wie damals die Gleichwertigkeit und Gleichaltrigkeit aller Aussprachen als möglich nachgewiesen wurde, so sei heute das Problem erörtert, ob nur ein einziger Stil des Hebräischen den Anspruch erheben darf, ein formvollendetes Hebräisch darzustellen. Die wackeren Aufrufe des Herrn S. Geis, das Hebräische (vgl. Ur. 14) als demnächst -einzig verbleibendes geistig einendes Land der verstreuten' Glieder Israels bei uns allen als geläufige Umgangssprache zu pflegen und auszubilden, können nur dann sinngemäß befolgt werden, wenn eine solche gegenseitige Gleichachtung der hebräischen Stile Sitte wird, wir sollten, obwohl am cabbänischen Stil geschult, auf unserer Seite nicht mehr dem nun einmal zum palästinensischen Verständigungsmittel gewordenen dortigen Hebräisch den geringschätzigen Namen -Nenhebcäisch oder Llektco- Hebräisch geben. Aber auf der anderen Seite sollte man mit Werturteilen über öen in sich durchaus prinzipiell festgelegten und gar nicht reizlosen „Lhaje- Odom-Stil" sparsamer werden, der immerhin „chaj" lebt. Was hätte sein sollen, was ist und was sott sein? Die naüonaljüdische Idee hätte , von Anfang an reiigionsgesetzlich gebunden sein sollen; dann wären ihr auch auf ihrem Himmelsfluge die Schwingen der Prophetensprache gewachsen, und ein neuer Sinaj wäre der Menschheit geschenkt, mit Thoragedanken, mit Thoraworten. Sie wollte aber nur Sachwalter der jüdischen Angelegenheiten fein, und ihr Begründer wollte nur europäische Staatenkonstitution für die Juden aller weit im Lande der Väter ermöglichen. So selbstredend wie europäischer Geist war für ihn daher europäische Sprache in diesem Staat; daher dachte er gar nicht daran, das alte Hebräisch für diesen Bedarf umarbeiten zu lassen, sondern wollte ursprünglich eine Mehrheit europäischer Sprachen im heiligen Lande heimisch machen, wie wir sie etwa in der Schweiz nebeneinander domiziliert sehen. Das war noch konsequent gedacht. Ans Gefühlsgründcn bat man später diese Konsequenz aufgegeben und das Hebräische zur Sprache des palästinensischen Wirtschafts- und Staatslebens mngebaut. Man darf nicht behaupten, dieser Umbau sei unorganisch und plötzlich vorgenommen worden. Man hatte ja schon Tradition. Man batte das Hebräische der vorherigen nationaljüdischen und bürgerlich-maskilischen Zeitungen des Ostens vorgefunden, das schon längst „weltliteraturreif" und vom biblisch-rabbinischen Hebräisch nur noch im Notwendigsten beeinflußt war. Das zwanzigste Jahrhundert mit feinen zahlreichen technischen Neuerungen kamen in die Geistesatmosphäre dieser hebräischen Sprache ebenso wenig unorganisch hinein wie die Poesie des östlichen Iunghebräertums, das mit Juda Steinberg in Aeußerungen wetteiferte, die kein biblisches Hebräisch benötigten. Dieses Hebräisch hatte in einem Jahrhundert die Tntwicklung des Deutschen von Luther bis Moltke, Einstein und R. H. Bartsch reichlich nachgeholt. Sprache ist Schrift der Seele.' Und zeugt für die Seele ihres Sprechers. Wäre es also nicht besser gewesen, die Herzl'sche Konsequenz beiznbehalten und im modernen Palästina eine moderne Sprache zu pflegen, die von der biblischen auch nicht den Anschein besitzt und — trübt? Ts hätte vielleicht von unserem Standpunkt aus so sein sollen. Aber was ist? Palästina wird mehr und mehr eine moderne Siedlung, und dem fügt sich auch seine Sprache ein. Die wenigen Kreise des alten Iischuw, welche sich dem Neobebräismus völlig fernhalten, verschreiben sich vielfach dem jüdisch-deutschen Jargon, einer dem westjuöen bald ebenso wie dem Sefardi fremdgewordencn Sprache. Die Minderheit der Spaniolischsprechenden, in Jerusalem selber eine beachtliche Minderheit, bleibt bei dieser Tntwicklung abseits und geht bm ewigen Geiste des Judentums auf diese Art verloren, wir müssen also Hebräisch in Palästina sprechen, und zwar, da das rabbinische Hebräisch zur Zeit nicht in gebrauchsfähiger Form vorhanden ist, das dort gültige m o d e r n e H e b r ä i f ch. Dann ist erst einmal eine gemeinsame geistige Atmosphäre geschaffen, was dann in dieser Sprache gesprochen und geschrieben würde, könnte wenigstens zu allen Juden unübersetzt und damit unverfälscht gelangen. Man vergesse doch nicht, daß auch die Begründer der Orthodoxie des Westens eine Sprache vorfanden, die ganz ohne Einfluß seitens des gesetzestreuen jüdischen Schrifttums entstanden ist, nämlich die deutsche und sich dieser zu ihrer Neubelebung des Judentums bedienten. Ts ist ihnen gelungen, die Schwierigkeiten der Sprachen der Seinswelt in titanischem Kampfe zu meistern und in dieser Sprache uns dem Dienste der Sollenswelt wiederzugewinnen. Das ist mit Hilfe der deutschen Sprache möglich gewesen, und es könnte gewiß erstrecht mit Hilfe der neohebräifchen geschehen, die dem Geistesleben unserer Ahnen um Erhebliches nähersteht, wohl hat der Meister die Uebersetzung seiner Schriften ins Hebräische für zwecklos erklärt, die der mit ihm verwandte Dichter Mendelssohn beabsichtigte. Aber diese Zwecklosigkeit galt nur für das rabbinische, wenig modernisierte Hebräisch dieses Dichters; wer noch damals imstande war, dieses Idiom zu lesen, war (damals!) viel zu wenig in die Probleme hineingewachsen, zu deren Lösung Hirschs Schriften beitragen wollten und bedurfte keiner solchen Schriften, die trotz ihres ewigkeitsgcladenen Charakters doch zunächst Gegenwartsaufgaben zu fördern hatten. Tiner Nebersetzung in irgendeine der modernen Kultursprachen, sei es russisch, englisch oder — — neohebräisch, hätte ans den für den vom Meister geltend gemachten obigen Gründen nichts im Wege gestanden. Palästina ist eine Tatsache, die moderne Einrichtung des dortigen Staaes gleichfalls und die moderne Sprache dieses Staates nebst den damit verbundenen Gefahren nicht minder. Also ist es schon so: Dort kann sich für alle Inden das Hirsch'sche Wunder nur auf Hebräisch wiederholen. Aber was soll sein? Soll es bei diesem Hebräisch bleiben? Ts ist ein gar zu schmerzlicher Gedanke, auch im Lande der Väter mit Juden sich nur in einer Sprache unterhalten zu können, die „nun einmal da äst," nicht in einer solchen, die unsere jüdische Bestimmung in sich verlebendigt. Das Ziel kann das nicht sein. Wenn die heutige Kulturentwicklung eine Verwendung des rabbmisch-biblischen Hebräisch unmögliche gemacht hat, dann können wir auf die Dauer als unserer Bestimmung treue Juden nicht eine dieser Bestimmung fremde Sprachweise pflegen, sondern müssen schließlich unser äußeres Geschick selber in die Hände nehmen und ändern, unsere äußeren Kulturbeöingungen uniformen, uns ein thora- und talmndgemäßes Milieu schaffen. Das können wir im Exil nirgends, auch in Palästina nicht überall, und ob uns innerhalb oder außerhalb des heiligen Landes einmal ein Territorium beschieöen sein wird, wo wir den Rekovdwahn des Westens ebenso wie den religiösen Umsturz des Ostens überwunden und eine Heimat neugrünöen können, in der alle jüdische Intelligenz für ihre richtige Verwendung frei würde — das ist vorerst nicht abzusehen, so unerläßlich es wäre, — und dennoch ist dies zweifellos eine vormefsianifche Aufgabe. Das Einzige, was wir zur Zeit zu -ihrer Verwirklichung tun können, ist also die sprachliche Hachschara. Das ist die