Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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30. Mai 1933 Der Israelit Nr. 22 Seite 3 von privater Hand zuteil. Das Einsammeln der Spenden seitens der Bedürftigen geschieht in einem Stadtteil an einem bestimmten Tage. Ich konnte etwa 100 Arme zählen, die nur dank der Wohltätigkeit, die in großzügiger Weise geübt wird, ihr Dasein fristen. Es sind meistens alte oder gebrechliche Menschen. Die Jugend pflegt Geselligkeit ohne Unterschied des Standes. Der Drang nach Bildung ist sehr groß. Der Lemberger Jude ist besonders gastfreundlich und höflich . Zusammenfassend "kann gesagt werden, daß das Judentum in Lemberg ein Zentrum des galizischen Judentums bildet. Max Auerbach. 3m Suchen nach der Wahrheit. Ein Märchen für Erwachsene. Von Heinrich Linskädler. Ein König hatte einen Sohn, der besonders begabt war und erfüllt von edlem Tatendrang. Da sich aber in der Heimat kein Feld fand, auf dem er sich nach Wunsch betätigen konnte, sandte ihn sein Vater mit drei Aufgaben in die Fremde. „Zieh' hin, mein Sohn, durch die Länder dieser weiten Erde, und suche drei Dinge: die herrlichste Landschaft, die köstlichste Frucht und den gütigsten Menschen. Du wirst viel prüfen und wiederholt.untersuchen müssen, bis dein Urteil endgültig feststeht. Dann beschreibe genau, was du ausgesucht hast, und bringe mir deine Schilderungen; denn ein Herrscher, der sein Volk glücklich machen will, der must es in ein gesegnetes Land führen, muß ihm guten Erwerb verschaffen und ihm Vorbilder geben, um seinen Geist zu verdeln." Der Prinz erkannte die Wichtigkeit seiner Aufgaben, und da er seinen Stamm von ganzem Herzen liebte, wünschte er, für ihn eine ganz besonders geeignete Landschaft zu suchen. Er durchzog viele Länder und fand fast überall Gegenden, die mannigfache Reize aufwiesen. Aber wenn er länger blieb und genauer untersuchte, da machte er die Erfahrung, daß das eine Land wohl im Sommer allerlei Vorzüge bot, aber im Winter unwohnlich war, daß das andre einen wunderbaren Pflanzenreichtum aufwies, aber zeitweise von schweren Krankheiten heimgesucht wurde, daß dieses wohl Flüsse und Seen besaß, die aber im Sommer austrockneten, und daß ein anderes von wilden Tieren und gefährlichen Mückenschwärmen geplagt war. Endlich kam er in eine entzückende Gegend, die ihm von Tag zu Dag reizvoller erschien. Schon glaubte er, am Ziele angelangt zu sein. Da erhob sich eines- Tages ein furchtbares Erdbeben. Eine.Springflut überschwemmte die herrlichen Ufergefilde, ein Wirbelsturm verwüstete die üppigen Wälder und die Behausungen der Menschen im Innern. Enttäuscht begab sich der Königssohn aus den Heimweg. Cr wollte nur noch das Tal aufsuchen, wo er die köstlichsten Früchte angctroffcn hatte, von denen er seinem Vater eine Probe mitbringen sollte, und noch einmal bei dem Manne einkehren, den er als den gütigsten Menschen kennengelernt batte. Er fand das Tal; doch bemerkte er sofort, daß die Bevölkerung sehr traurig war. Rach der Ursache befragt, erzählten die Leute, daß ein bisher unbekannter Pilz ihre Ernte vernichtet batte, und daß alle Bemühungen, ihn zu bekämpfen, bisher fehlgeschlagen waren. Rach dieser neuen Enttäuschung war der Prinz sehr unzufrieden. Er entschloß sich, den klugen und edlen Mann, der ihm wie zahllosen anderen Fremden die uneigennützigste Gastfreundschaft erwiesen hatte, obwohl er seine vornehme Herkunft nicht kannte, aufzusuchen, sich chm zu eröffnen und ihn um Rat zu fragen. Aber wie erstaunte er, als er die gastliche Pforte verschlossen fand! Man erzählte, daß ein krasser Fall von Undank die Menschenliebe dieses Mannes geradezu in Menschenhaß verwandelt hätte. So kehrte denn der Königssohn unverrichteter Dinge heim, keine der drei Aufgaben hatte er lösen können, voll Kummer schilderte er seinem Vater diesen Mißerfolg. Aber der König war gar nicht darüber verwundert. „Mein Sohn," sprach er, „du hast die wertvolle Erfahrung heimgebracht, daß hien,jeden aus Erden nichts bleibend ist. Alles ist wandelbar, und kein Ding besitzt dauernden wert. Uur die Wahrheit besteht ewig! Ihr wert ist von Dauer, und wer sie besitzt, dem kann man sie nicht rauben. Darum, mein Sohn, durchforsche die Geschichte der Welt und suche die Wahrheit. Gar oft wird dir da nranches begegnen, was du für Wahrheit hältst, wenn du aber findest, daß es von anderen verdrängt wurde, so erkennst du, daß du dich getäuscht hattest. Die Wahrheit kann wohl vorübergehend verdunkelt ihre Ziele. Lehren und Gesetze entwickelten sich wie die Menschen selbst, und ihr Schicksal war schließlich das aller Erdenwesen: der Tod. Zur Zehn w orte fand ich, o Vater, die bewährten sich durch alle Zeiten, und alles wahre, Gute und Beständige steht mit ihnen im Zusammenhang. wer je sich ihnen entgegenznstemmen glaubte, dessen Anschauung mußte an Ifincu zerschellen. Sie stellten sich dar als Grundlage jedes wahren Fortschritts, als Kern jedes erfolgreichen Strebens sowohl des Einzelmenschen als kleinerer oder größerer Gemeinwesen. Liber sie entstammen nicht dem Denken und Sinnen von Menschen. „Ich bin der Ewige, dein G' t t " — das ist die durch alle Räume und alle Zeilen leuchtende Einführung^ und nie, niemals wird es Menschen gelingen, auch den mächtigsten nicht, sie auf die Dauer außer Kraft zu setzen. D i e L e h r e G ' t t e s i st I a u t e r, e i n Schild ist sie allen, die sich zu i h r b e k e n n e n." Da legte der Vater seine Hände auf seines Sohnes Haupt: „Gesegnet seist du, du hast die Wahrheit gefunden!" Der Fels von Nordwesten aus gesehen. Die Photographie ist von einer Stehleiler aus ausgenommen. Im Borde,- grund siebt man von der Holzschranke nach links die scharfgeschnittene Nordwand des Felsens, den in diese Nordwand gehauenen zunächst südlich, dann nach Westen gewandten Aufgang, die ihn gegen die Weststufen abgrenzende Felsschwelle. Unten die Platten über dem unterirdischen Tang. Auf der Felsenfläche die Schalenverttefung (Grundriß Punkt E). Rechts die äußere und die innere Weststufe und den von diesen aus in den Felsen gehauenen Einschnitt (Grundriß Punkt e). werden. Aber wie der Blitz ans dunklem Gewölk, so bricht ste inuner wieder uns der Finsternis hervor und erhellt die well mit ihrem Lichte." Da begab sich der Königssohn an bas Studium der Geschichte der Welt, des Menschengeistes und der ten vor Die nördliche Felswand- Die Photographie ist von der Nordostecke der Umfriedung mit auf die Holzschranke gestelltem Apparat ausgenommen. Im Hintergrund erkennt man den „Aufgang" anf den Felsen (Grundriß Punkt z—y). Gesetze, und viele bedeutende Gelehrte standen ihm zur Seite. Groß war die Mühe, aber noch größer die Befriedigung. Cr prüfte ohne Vorurteil und urteilte nach seines Herzens Stimme. Und als ihn eines Tages der König nach seiner Ueberzeugung fragte, die er sich erarbeitet hatte, da sprach der Sohn: „Mein Vater! Völker und Reiche sah ich entstehen, Völker und Reiche sah ich vergehen. Menschen fanden sich zusammen mit gleichen Grundsätzen und gleichen Zielen. Aber ihre Grundsätze waren nicht von Dauer, denn die Verhältnisse, unter denen sie lebten, veränderen sich und mit ihnen ihre Weltanschauung und Die Marranen in Portugal. (Siehe Illustrierte Beiü ge vom 7. Apiil ds. I?.) V. Lastos nüchternen Berichte über das wachsen der inarranischen Bewegung sind menschliche Dokumente von hohem Werte. Sie erzählen von mystischen Urgewalten, die elementar in den Alltag hincinbrcchcn, und der heiße Atem verschütteten Lebens strömt aus ihnen. Man kann das Gefühl nicht los werden, daß dort in den nordportugiesischen Bergen etwas Wunderbares geschieht: arme Menschen, von der Rot des Tages erdrückt, sammeln sich freudig um den g'ttersüll- Rufer, der die alte Fahne ihres Stammes ihnen aufrollt. Mitten in unserer erdenschweren Zeit vollzieht sich eine religiöse Wiedergeburt vor unseren Augen, echt und von innen heraus,. ganz unpolitisch und zwccksrei, verbunden mit mancherlei Begleiterscheinungen religiösen Erwachens: Märtyrorluni, Wunderheilungen, Messiasrausch . . . Achnliches hat sich in Israels Geschichte seit der zweiten Rückkehr aus dem babylonischen Erile nicht zugetragcn. In dieser Bewegung ist Basto alles in einer Person: Lehrer und Organisaor, Ucbcrsetzcr, Forscher, Laienpriester, Vorbeter, Prediger, Zeitungsmann. Er redigiert und schreibt selbst die portugiesische Zeitschrift „Ha-Lapid" (Die Fackel), die er seit April 1927 als Grgan des Marranentums heransgidt. „Ha-Lapid", von der nunmehr zwölf Hefte vorliegen, ist keine Zeitschrift im üblichen Sinne; vielmehr eine fortlaufende Sammlung von Lektionen in jüdischer Religion und Geschichte. Aus dem, was hier mitgeteiit wird, ist leicht zu erseheb, wieviel im Laufe der schmerzlichen Jahrhunderte verloren gegangen. Man findet hier beispielsweise ein Stück, enthaltend die zehn Gebote in wörlicher Uebersetzung. Andere Stücke enthalten: die von Maimonides formulierten Dreizehn Glaubenssätze, eine Sammlung der Lehren Hillels, Vorschriften über die Sabbatrnhe, ein Verzeichnis der religiösen Feste des Judentums, eine Aufzählung ber vierundzwanzig Bücher des Alten Testaments, einen Auszug aus Man affe den Israels Rituelbach „Dzar ha Dinim" u. a. Kurze Rotizen am Schluffe ber Hefte informieren fortlaufend über die Ausbreitung der Bewegung. Basto verfaßt und übersetzt Gebetbücher, kleine Lehrbücher und andere religiöse Schriften. Im verflossenen Jahre hat er u. a. erscheinen taffen eine Sammlung von Vorschriften über den Sabbat, eine Agende für den Freitagabendg'ttesdimst, die Sprüche der Väter und Gabirols „Königskrone" in portugiesischer Uebersetzung, eine portugiesische Hagaöah schel Pesach, eine Agende für Beerdigungen mit Ändachtsstncken für das Haus. Er gründete langsam, aber methodisch, eine Gemeinde nach der anderen, eröffnet Synagogen, sorgt