Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 22 < Schulter, der Stock wandert in die linke und das Cllcnmoß in die rechte Hand. Bin ich müde, dann setze ich mich auf einen Stein und sinne weiter. Cs sind ja so viele viele Steine auf allen Wegen und allen Landstraßen von Crez Israel. II. Kleine Ruhestätten sind schon vorausbestimmt. Ich habe sozusagen meine festen Stationen. Ihrer eine befindet sich am Schoideweg vor der jüdischen Moschawa „Ramat Rachel" im Süden Jerusalems. Ein schwarzer Pfosten trägt an der Spitze ein schwarzes Schild, darauf in schönen hebräischen Lettern die Worte: Vm nnn- Wie schön und anheimelnd diese Worte. Wie ein Gruß der Mutter in finsterer Rächt. Der (Quader vor diejein Zeichen ist eine meiner liebsten Ruhestätten. Hier ist wohl die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Crez Israel. Im Rorden blühende Aecker, im Süden heilige Gräber. Die Wege hier stimmen wehmütig und zugleich aufrichtend. Wenn ich von Tel-Awiw nach Magdicl wandere, von Chedcra nach Aplith oder von Haifa nach Bcth-Schan, gelangen Lieder an meine (Qhrcn, und Hammer und Kelle schlagen aufs harte Gestein. Cs ist das Lied der 'Arbeit, des Aufbaus. Hier, südlich von Jerusalem, um „Ramath Rahel" herum ist alles still und traurig. Bei Rächt geht wie ein stilles Weinen durch das Gelände: „Meine Kinder sind ausgezogcn und nicht mehr da! . . ." Ich liebe mehr den Gesang des Aufbaus, aber eine unwiderstehliche Kraft drängt mich immer und immer wieder nach dem Süden. Da bin ich schon an „Ramath Rachel" vorbei und stehe vor den; R a h e l g r a b. Schauerlich sicht bei Rächt die einsame Mauer aus, hinter der die Mutter von siebzehn Millionen Juden ruht, ruht und weint: '□mn rnxa rrn bv nsa» „Rahel weint um ihre Söhne, weigert sich, Trost anzunebmen! ..." HI. Und von dort geht der Weg weiter, nach Be t hl e h e m. Diesen alten guten jüdischen Ramen hat der Platz bei allen historischen Wandlungen behalten. Biele andere jüdischen Ramen haben erst die Christen, dann die Türken, dann wieder die Araber geändert, Bethlehem ist Bethlehem geblieben. Und ich weiß nicht warum: Jedes hebräische Wort, jeder jüdische Buchstabe in diesen! Bethlehem erschüttert mich aufs Tiefste. Ich lese die hebräischen Lettern unter den englischen und arabischen auf den amtlichen Schildern und Bekanntmachungen, und die verwaisten Buchstaben tun mir bis ins Herz weh. Wer beachtet euch hier, wer kümmert sich um euch? Die gleichen Buchstaben, die in einer jüdischen Riederlassung Leben und Auferstehung bedeuten, sind hier vereinsamt, in die Fremde verbannt, verdorrt und verkümmert. Bethlehem in Judäa steht im Zeichen des Kreuzes. Wohin man hinschaut, das Zeichen der Kirche. In den Auslagen Heiligenbilder und Cmbleme der Kirche. Ich fühle mich so vereinsamt, als wäre ich einer jener einsamen hberäischen Buchstaben. Der einzige ewige Jude unter allen diesen Bildern, Menschen und Abzeichen. In Bethlehem von Judäa bin ich und finstere Angst umfängt mich. Unter den unzähligen Kirchen aller Konfessionen ist auch eine moslemitrsche Moschee zu sehen. Eine Synagoge ist in Bethlehem nicht zu sehen. Die Psalmen werden hier gesungen in allen Sprächen der Welt: griechisch, latem, armenisch, sogar äthiopisch. In der Sprache, in der der Psalmsänger seine Psalmen verfaßt hat, der königliche Sänger, der hier in Bethlehem gelebt und gesungen hat, hört man sie hier nicht ... * Gibt es jüdische Seelen in Bethlehem? wir glaubten immer, es lebten keine Juden hier. Ich habe auf meinen Wanderungen auch nie einen jüdischen Menschen hier angetroffen. Die letzte Volkszählung aber verzeichnte dennoch ein paar Dutzend jüdischer Seelen Der Israelit in Bethlehem. Des Rätsels Lösung bietet mir ein kundiger Beamter. In Bethlehem ist das Landesfrauengefängnis und darin sitzen auch einige jüdische grauen. Hier ist auch eine Irrenanstalt und ein Regierungshospital, die mehrere Juden aus Jerusalem beherbergen. Das ist unser jüdischer Menschenbestand in der Stadt des Boas und des David. Wo ist der Brunnen, aus dem, nach der Crzählung der Bibel, die drei Helden das Wasser für David geschöpft, nachdem sie sich einen Weg durch die Philisterheere gebahnt hatten? „David weigerte sich, das Der Fels aus der Vogelschau. Die Photographie ist von der nördlichen Seite der Kuppel aus der Höhe ausgenommen. ■> Wasser zu trinken und goß es vor G'tt aus . . Wo sind die adeligen Gutsherrn von Bethlehem, die Schnitter und Schnitterinnen und hinter ihnen die Sammlerinnen der Rachlese auf den Feldern, das „Volk am Tore" und „die Alten", Ruth und Raami, Plön,! und Almoni und der würdige Boas? Nichts ist von all dem zu merken im heutigen Bethlehem, der Szenerie des stillen Idylls im Buche Ruth. Kirchenglocken begleiten mich hinaus aus Bethlehem in Judäa. B. R. Am Skrande von Tel-Awiw. Mit 2 Bildern. Tel-Awiw, die hundertprozentige Judenstadt in Erez Israel, ist auch eine Kurstadt, mit einem Strande am blauen Mittelmeere, der im Sommer nicht nur die Tel-Awiwer, sondern auch Tausende aus dem Jnnen- 30. Mai 1933 lande an die blauen kühlen Fluten lockt. Rapid geht die Entwicklung der Stadt und wirft alle statistischen Zahlen über den Haufen. Gaben wir vor einem Jahre die Beoölkerungszahl mit 45 000 an, so greift man heute schon nicht zu hoch, wenn man von 6 0 0 0 0 spricht. Die neue Alijah und die lebhafte Bautätigkeit, die über Nacht: ganze neue Stadtviertel entstehen lassen, werden die Entwicklung im Fluß halten, so daß in absehbarer Zeit die Hunderttausendseelenstadt, die erste Großstadt Palästinas, vollendet fein wird. Der wundervolle Hafen wird zwar in Haifa eröffnet, weshalb Haifa die Stadt der Zukunft genannt wird. Die Stadt der Gegenwart aber ist und bleibt Tel-Awiw. Das reiche fruchtbare Hinterland mit seinen blühenden Feldern und Plantagen, der Kranz von Kolonien rund herum, geben der Stadt das Gepräge. Ihr Gesicht bekommt sie aber, wie schon gesagt, durch den herrlichenStrand, der mit seinen Cafes, Badekabinen, Liegestühlen, allen guten und schlechten Einrichtungen und Bergnügungsetabliffements fast an eine der vornehmen deutschen oder holländischen Seebäder erinnert.. Schon in der Hauptstraße Allen by-Stre et leuchtet einem der blaue Spiegel entgegen. Man geht an dem Verkehrsschutzmann vorbei, der in seiner schmucken Uniform und in den weißen Aermeln auf dem Podium den Verkehr mit (links) und pv'n (rechts), '»ijsj -pin (der Weg ist frei) redigiert, und kommt an den Autobus, der sich mit seinen hebräischen Aufschriften als „der Autobus zum Meere" legitimiert. Er ist im Sommer immer so voll besetzt, daß der Nahag (Fahrer) die anürängenden Massen immer zurückhalten muß: mpv prr nn'^v (Verzeihung, kein Platz mehr). Man rückt zusammen, man rchtet sich ein, man will ja ins Blaue und ist friedlich gestimmt. Man bekommt einen hebräischen Fahrschein in die Hand und entrichtet dafür seinen halben Piaster, der ebenfalls hebräische Zeichen trägt. Schon ist man am Meere. Glücklich, wer noch einen Liegestuhl erwischt. Kostet einen halben Piaster. Photographiert wird man, ob man will oder nicht. Kinder ziehen auf und machen ihre turnerischen Hebungen. Indes in den Wellen die Schwimmer ihre Kunststückchen «zeigen. Mit allen Freuden des Strandlebens fehlen, zumal am Sabbat, leiben auch dis Auswüchse desselben nicht. Hier muten sie aber , noch geschmackloser und 'stilwidriger an, da man doch in Erez Israel ist. Lemberg. In den Bauwerken der malerisch zwischen grünen Hügeln ausgebreiteten Stadt Lemberg find west und osteuropäische Stilarten eines halben Jahrtausends bunt üurcheinandergewürfelt. Rot flammender Spätgotik ontworten zierliche zartfarbige Rokokko-Türme, hinter schwerfälligen klassizistischen Palästen steigen funkelnd vergoldete byzantinische Kirchenkuppetn aus. Enge, malerisch-schmutzige Gäßchen liegen neben weiträumigen Plätzen und Parks. Vor Wallfcchrtsbildern knieen ständig Männer und Frauen unter freiem Himmel auf dem Straßenpflaster. Es ist nicht leicht, die verwirrende Fülle der großen und kleinen Völkerschaften genauer zu unterscheiden, die sich hier unter der wechselnden Herrschaft verschiedener Machthaber angesiedelt haben. Man muß dazu vor allem ihre Gotteshäuser sehen. Religion und Nationalität sind im europäischen Osten noch eng miteinander verbunden. In den Straßen von Lemberg hört man polnisch, jiddisch, deutsch, ruthenisch/ hie und da auch einmal russisch. Eine fest in sich geschlossene Masse bilden in der Stadt Lemberg die zahlreichen Juden. Lemberg, das Reservoir des galizischen Judentums, bietet ein geschlossenes geistig jüdisches Leben. Schätzungsweise wohnen dort etwa. 10 bis 15 000 jüdische Familien, die sich vom Handel, zum großen Teil auch vom Handwerk ernähren. Sie führen im engsten Rahmen ein bescheidenes Leben. Die Hälfte der Juden gehört der orthodoxen Schicht an, die zweite Hälfte ist assimiliert, jedoch hat die Assimilation der Judenheit nicht das Gepräge gegeben, wie in den westeuropäischen Städten. Im Osten ist die Familie jüdisch, der Sabbat ist jüdisch, mit Ausnahme weniger Juden, die aber deswegen im allgemeinen verpönt sind. Das Straßenbild der Stadt von 300 000 Enwohnern legt Zeugnis für die Sabbatruhe ab. Schon am Sabatmorgen bieten die Gassen ein Bild des echten jüdischen Lebens. Fast in jeder Straße ist eine Synagoge oder ein Beth-Hamidrasch, wo gelernt oder Tehilim gesagt wird. Die Synagogen sind zum Teil von schönster Bauart und mit Kunstmalerei ausgestattet. Heute noch werden Synagogen errichtet. Die Synagogen sind während des G'ttesdienstes sehr gut besucht, ja, fast bis auf den letzten Platz gefüllt. An jüdischen Fragen und Angelegenheiten nimmt der Oftjude regen Anteil, auch an poltischen Dingen und Ereignissen ist er stark interessiert. Die wichtigsten Probleme werden auf der Straße' durchgesprochen, auch Geschäfte werden auf der Straßebesprochen und gemacht. Die Zeitungen für Juden erscheinen alle in jiddischer Sprache. Die Wohlfahrtspflege ist zwar gut organisiert; jedoch werden die Hilfeleistungen den armen Familien mehv *- mwz Der Fels von der Südrvestecke aus gesehen. Die Photographie ist von einer Stehleiter aus ausgenommen. Man steht hinter dem Zolzgttter den Westabfall des Felsens und erkennt die Vertiefungen, die als Fingermale der Engel bezeichnet werden (Grundriß Punkt f). Die geringe Erhebung der sogenannten zweiten Stufe und der Anstieg zum Gipfel des Felsens, sowie (ganz im Hintergrund) der Schatten des von der zweiten Stufe aus in den Felsen geschlagenen Einschnitts (Grundriß Punkt l) sind sichtbar.