Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 22 Der Israelit 30. Mar 1933 '' S kreidebleich. Griff sich mit der Linken an die Brust, tastete sich mit beiden Händen an der Mauer entlang^ stockte, schleppte sich weiter, hielt still, stammelte etwas, wankte, suchte sich mit einem Rucke vorwärtszubringen und fiel mit grellem Aufschrei langwegs aufs spitze Pflaster. Passanten hoben ihn auf, brachten ihn in den nächsten Laden. Lin Polizist kam hinzu. Der Arzt war bald zur Stelle und tastete den Bewußtlosen ab, nahm Wiederbelebungsversuche vor. Das Herz stand still. Die Polizei protokollierte: „Loris Malchow, Beamter der Akztsverwaltung, fünfunddreißig Jahre alt, an einem Herzschlag infolge großer Erregung aus uirbekanntenl Grunde auf der Straße gestorben." Cs kamen Klagen und Anklagen. Arme Witwen und sorgenbeladene Väter kamen mit ihrer persönlichen kleinen Rot. Cs gab auch vieles zu bessern und abzustellcn. Cs sammelten sich in der Burgenstadt auch sehr Viele von der jüngeren Generation, die sich die Rabbis und das ganze Treiben um sie herum ansehen wollten, kritisch überlegen, prüfend, vielleicht auch, um sich Material für den Kampf gegen „den alten finsteren Geist" zu holen. Cs war regelrechtes lebhaftes Meßtreiben in der sonst so stillen jüdischen Stadt. Aeltcre Männer kamen und nutzten die Anwesenheit der hohen Gäste zu einer Anklage aus: Draußen bei Weinstein, dem Sammelpunkt der Modernen, säßen sie jetzt und immer nachts und spielten. Karten natürlich, bei hohen Einsätzen, vergeudeten die kostbare Zeit und das kostbare Geld, indes in der Gemeinde viel Rot herrsche, für die gerade diese Leute Herz und Hand fest geschlossen hielten. Cs feien G'tt fei Dank nicht viele, einige feien jetzt von auswärts noch dazu gekommen. Aber es bedeute dieses Gefahr für die Jugend, die sich von diesem leichtfertigen Treiben locken lasse. Der gute Ruf der alten Gemeinde sei in Frage gestellt. „Spielen?" wunderte sich Rabbi Akiwa. „Ich kenne das von meinem Posen her. Eine gefährliche Sache!" „Was könnten wir dagegen tun?" fragte Rabbi Mosche. „Ich habe es in meiner Gemeinde mit Strenge versucht, sogar mit Androhung des Ch-erem. Cs hat bei denen, die diesem Laster verfallen sind, nicht durchgreifend gewirkt." „Ein lachender Teufel, der Spielteufel," meinte Rabbi Aktiva. „Wir kommen ihm nur m i t L a ch e n bei. versuchen wir es." Und schon erhob sich Rabbi Akiwa, griff nach dem Stock mit dem silbernen Knaufe und nahm den Schwiegersohn an der Hand. „Wir gehen gleich hin." Cs war vorgerückte Rachtstunde. Der Schames, Reb Iekel, ein grimmiger Mann mit langem Knotenstock, bahnte ihnen mit der Gellaterne den Weg. Aus dem Haufe Foiiisteiiis blinkten viele Lichter. Schon am Eingänge hörten sie ein Gewirre aninüerter Stimmen. Cs war schwer zu unterscheiden, ob sich die Leute Komplimente sagten oder Beschimpfungen an den Kopf warfen. Sie schrien laut und derb, aber in das Schreien mischte sich auch laute? Lachen. Rabbi Aktiva drückte kurz entschlossen die Türklinke auf. Mitten im Zimmer standen die beiden Rabbis, von allen gleich erkannt. Line kleine Verwirrung, fast eine Panik trat ein. Das laute Gerede verstummte sofort. Einige drückten sich scheu zur Seite. Liner suchte die Karten rasch zusammenzuwerfen und beiseite zu bringen. Lin Teller, vollgefüllt mit größeren und kleinen Münzen, stand in der rechten Mitte des Tisches, von denen, die vorhin ihre brennenden "Augen darauf gerichtet hatten, jetzt vollkommen im Stich gelassen. Der Mann, der.in Eile die Karten zusammenrasste, warf eines der weingcfüllten Gläser um, es gab ein Geklirr, und rote Flüssigkeit rann über den Tisch. Rach einer Weile dumpfen schweren Schweigens ergriff Rabbi Akiwa, der ältere, das Wort: „verzeiht, Rabbofai, meine Herren, wir haben euch gewiß in bester Unterhaltung gestört. Cs war aber gar nicht unsere Absicht. Wir kommen in wichtiger Angelegenheit. Da ist eine arme Witwe mit fünf kleinen Kindern, hat kein Brot im Hause, die letzten Kissen verpfändet, wird heute mit ihren armen Würmchen auf die Straße gesetzt, wenn sie nicht ihre Miete bezahlt. Wir erkundigten uns nach den'guten wohl-' tätigen Menschen in der Stadt, die gern geben/ und man sagte uns, hier seien sie alle versammell und würden uns sehr danken, wenn wir ihnen zu einer guten Tat verhelfen . . ." Keiner unterbrach. Alle standen wie gebannt von der sanften, dunkel abgetönten Stimme des ehrwürdigen Rabbiners, die sich wie Gel mild und beruhigend auf die wogen goß. Richts von Vorwurf, keine Straf- und Moralrede. Roch weicher, noch liebevoller, so ganz einschmeichelnd klangen jetzt die Worte des posener Rabbiners weiter: „Run, wir sehen, wir haben uns nicht getäuscht. Israels Kinder find barmherzig, Söhne der Barmherzigen. Wie wir da draußen auf dem Vorplätze standen und lauschten und überlegten, ob wir am richtigen Platze seien, da hörten wir ein Wort drinnen fallen, ein herrliches Wort, nämlich da rief jemand: H e r z X st Trumpf! Ist das ein echtes jüdisches Wort! Herz, das j ü d i f ch e Herz, ist immer Trumpf! Das steht schon in der Thora bei der Gabe für das Stiftszelt: „Und Alle, die mit den Herzen spendeten!" Und was hatte der weise Salomo etwa anderes gesagt, da er lehrte: „vor allem bäte Dein H er ^, denn von ihm geht das Leben aus?!" Herz ist D.impf! Ich sehe, ihr habt schon vorgebeugt. Denn wie der eine das schöne Wort rief und dabei den Sammel - teller vorhielt, war jeder gleich dem Rufe mit seinem Obolus gefolgt. Hier ist ja schon ein hübsches Sümmchen beisammen. Ihr habt nur auf uns gewartet. Wollen mal zählen: Zehn, dreizehn, siebzehn, siebenundzwanzig, halt noch einmal fünf, also zweiunddreißig Gulden! vortrefflich. Dreißig Gulden für die Miete. Mit zwei Gulden kann die arme Familie ein paar Tage leben ..." Sprachlos standen die Leute, überrumpelt, wie noch nie im Leben, und dennoch so ins tiefste angesprochen. Bis der reiche R a t h a n s o h n kurz entschlossen in die Tasche griff, ein goldenes Zehnguldenstück herausholtc und klirrend in den Teller warf. Dankbar für diesen Ausweg, der Entspannung brachte, folgte ihm jeder der Korona mit einigen Gulden. Alles für die arme Familie. Herz ist Trumpf! (Fortsetzung folgt.) Kochrezepte für die fleischloseSüche. MttgekeUl von der Jüdischen Harishallungsschule, Frankfurt a. 211., Lucie Laquer.) 2. Lochvorführung am 17. Mai 1933. Gebackener Blumenkohl. Lin 2 pfundiger Blumenkohl wird in 3 Liter Salzwasser, dem man Vs Liter Milch beigibt, weichgekocht 30—40 Min. Man bereitet inzwischen einen dicken Butterbeiguß aus 50 Gramm Butter, 60 Gramm Mehl. V» Liter Blumenkohlwasser und läßt ihn auf kleiner Flamme durchkochen. Hierauf setzt man den abgekühlten, abgekochten Blumenkohl auf eine feuerfeste Platte oder Auflaufform, übergisßt ihn mit dem Verguß, den man mit 2 Eigelb und 1 Eßlöffel Nahm abgerül)rt hat. streut 1 Eßlöffel geriebenen Käse, etwas fernes Weckmehl darauf, belegt ihn mit 30 Gramm Butterstückchen und überbäckt ihn 40 Min. im heißen Backofen. Krautküchlein. 2 Pfund Weißkraut werden in 3 Liter Wasser, Salz weichgekocht, abgefchüllei. abgeschreckt und gut ausgedrückt. Dann wird es fern verwiegt und 'mit 1*4 Pfd. gekochten geriebenen Kartoffeln, 1 Ei. 2 Eßlöffel geriebenen Schweizerküfe, Muskat. Pfeffer, in Feit gedämpfte, feingeschnittene Zwiebel und Petersilie zu einem Teig verarbeitet, der zu runden Küchlein geformt wird. Diese bäckt man in heißem Fett auf beiden Seiten gut braun. Gefüllte Zwiebel. 18 große Zwiebeln werden geschält, ein Deckelchen abgeschnitten, mit dem Kartoffelbohrer vorsichtig ausgehöhlt. Man gibt sie in 3 Liter kochendes Salzwasser, läßt sie halbweich kochen, legt sie zum Abtropfen auf ein Sieb und füllt sie mit folgender Masse: 4 trockene Brötchen werden abgerieben, eingewöicht, ausgedrückt, verzapft und mit 2 Eier, Salg, Pfeffer, Muskat, gedämpfter Petersilie, 40 Gramm Käse vermengt, die gefüllte Zwiebel setzt man in eine mit Butter bestrichene Pfanne, setzt die Deckelchen darauf, beträufelt sie mit Butter und gibt zuletzt V\ Liter sauren Rahm darüber. So vorbereitet, stellt man sie in den gut heißen Ofen, wo sie 40—50 Min. bräunlich werden sollen. Quark-Strudel. Von 200 Gramm Mehl, Salz. 40 Gramm Butter, 3—4 Eßlöffel Wasser wird ein Strudel hergestellt, der dünn ausgezogen wird. Die Platte wird mit 50 Gramm geriebenen Semmel, die man in 40 Gramm Butter leicht gebräunt hat, bestreut. Man rührt mit 2 Eigelb schaumig, gibt 150 Gramm Zucker. 30 Gramm Rosinen, 30 Gramm Korinthen, 1 Eßlöffel geriebenen Mandeln dazu, zuletzt die durch ein Haarsieb gegebenen 2 Pfund Quark, rollt auf einem Tischtuch den Strudel zusammen, streicht ihn mit geschmolzener Butter vor und beim Backen (ca. y-3u St.). Ainderecke. Die Schul am Grabe vom Rabbi Schimeon ben Zochai. Wenn man nach M i r o n bei Safeö in Gbergaliläa, dem Orte, wohin am Lag bcomer viele Taufende zum Grabe des Rabbi Schimeon ben Iochai pilgern, sonst im Jahre hinkommt, ist man erstaunt, nicht allein Gräber, sondern auch Leben, Menschen und ein paar schöne Bauten zu finden. Die Synagoge am Grabe ist ein Prachtbau, wie er kaum in Europa schöner zu finden ist. Ueber die Entstehungsgeschichte dieser alten schönen Schul wurde uns in Miron von Arabern folgende Geschichte erzählt: Zu Zeilen des Rabbi Abraham Galanti ergab es sich, daß ein Araber aus Damaskus von einer Augenkrankheit befallen wurde und dann vollends erblindete. Cs ist bei den Arabern Sitte, daß sie in solchen Fällen nicht gleich zu den Aerzten, sondern zu den Scheichs, wie man die Dorfältesten nennt, gehen. Diese gelten auch als Wunöermänncr, die im Besitze vieler Heilkräuter und Genesungsmittel für alle Krankheiten seien. Auch unser Araber suchte den einen Wunderdoktor nach dem dem anderen auf, ohne sein Augenlicht wieder zu bekommen. Schon gab er die Hoffnung, noch einmal in die Sonne zu schauen, gänzlich auf. Da wurde ihm von Freunden überbracht, daß sich in Miron bei Sased das Grab eines jüdischen Heiligen befindet» än dem schon mancher Kranke und Unglückliche, wenn er fromm betete und spendete, ein Heilwunder erlebt hätte. Sofort begab sich der 'Araber aus Damaskus nach Miron. Dort fand er mitten auf freiem Felde zwei von einfachen Steinen eingefaßte Gräber. Ein dabeistehender Jude lehrte ihn, wie hier gebetet werden müßte, auch riet et ihm, drei Rächte am Grabe des heiligen Rabbi Schimeon zu verweilen. Cr gelobte, wenn die Heilwirkung eingetreten fei, ein großes B e t h a u s hier zu errichten. Als der Araber am vierten Tage aufwachte, tat er einen Freudenschrei, denn er konnte die Augen weit Öffnen unb ,in die Sonne sehen. Sein Augenlicht war wiedergekehrt und er ging hell und gesund von dannen wie alle Menschen. Sofort begab er sich zu Rabbi Galanti, der damals Rabbiner in Safed war. „Ich bin Baumeister von Beruf," sagte der Araber, „und will mein Leben daran setzen, mein Gelübde einzulösen und dem Heiligen ein Haus errichten. Leider bin ich aber sonst zu arm, um das Material zu beschaffen." Da sprach der Rabbi zu ihm: „Lasse mich für das Material sorgen und du sollst dein Gelübde mit deinen Händen und deiner Kraft einlösen, die mehr wiegt als Gold und Gut." Da wurden Steine herbeigeschafft und alles Rötige besorgt. Der Araber aber arbeitete mit feiner ganzen Familie Tag für Tag, bis in die späte Rächt hinein, viele Wochen und Monate, mit der ganzen Liebe seines Herzens, mit der ganzen Kraft seiner Hände und mit der ganzen Kunst, die ihm eingegeben war, bis der Bau fertig war. So entstand die erste Schul vor dem Grabe des Rabbi Schimeon, der nach und nach noch weitere Gebäude folgten. Cs ist interessant, daß diese Geschichte gerade von Arabern erzählt wird. Auch sie schätzen das Grab sehr hoch und beten dort gern.