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Der Israelit · 1933-05-30 · Heft 22 (30.5.1933) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 22 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton, Settage Nr. 22 lgrr Lichk aus dem Westen. Erzählung aus der Zeit der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Die Hochzeit selbst trat hinter die Feierlichkeiten, die dem Hochzeiter und seinem Schwiegervater galten, ganz zurück. Die Stunde der Trauung war nicht bekannt gegeben. Rabbi Mosche wünschte, seinen zweiten Tempel nur vor zehn Zeugen aus der nächsten Umgebung in aller Stille zu errichten. Als aber in der Abendstunde die Fackellichter im Schulhofe aufflackerten, eilten doch Hunderte heran, die Zeugen des Vorganges sein wollten. Sie fanden ein geschlossenes Tor und noch dazu ein paar handfeste Gesellen vor dem Lingange, die mit kräftiger Faust die Anstürmenden zurückörängt-en. Ueber die Mauer rief die Menge das Amen zu den leise hergesagten Segenssprüchen des posener Raw, über die Mauer schickte sie ihr hunöertstimmiges M a s o l t o w hinüber, als das Klirren des Glases das Lude des feierlichen Aktes anzeigte. Die Braut selbst hatte außer den zur stillen kleinen . Familienfeier geladenen Gästen kaum einer zu Gesicht bekommen. Rach den Hochzeitsfeierlichkeiten blieben Schwiegervater und Schwiegersohn in Gesellschaft . vieler rabbinischer Gäste noch einige Tage in Lisenstadt. Die sonst so ruhige Stadt des Burgenlanöes erinnerte an einen Konferenzort der vierlänöerf y n o d e, in dem in früheren Jahrhunderten die großen jüdischen Fragen ausgetragen wurden. Aller in Stadt und weiter Umgegend angesammelter Stoff, viel Zündstoff darunter, wurde vor das hier einmal errichtete Forum gebracht und von diesem restlos aufgearbeitet. Streitigkeiten in Gemeinden und Familien, die Jahrzehnte die Gemüter erregten und die Menschen entzweiten, wurden nach Gesetz, Recht und Billigkeit geschlichtet. Langwierige Prozesse fanden vor diesem höchsten Tribunal ihre endgültige Erledigung. Cinzelne kamen mit ihrer privaten Rot, mit der Last ihrer Seele und fanden Gehör, Hilfe und Erleichterung. „Helft, Rebbe," jammerte eine junge verhüllte Frau und ließ die flehenden Augen vom Schwiegervater zum Schwiegersöhne wandern, ohne zu wissen, welcher der größere und zuständige sei. Das wußte auch sonst keiner. „Mas wünscht eine jüdische Tochter?" fragte Rabbi Akiwa gütig. Eine längliche Geschichte erzählte die Frau beredten Mundes und wehen Herzens, deren Inhalt aber beiden Rabbis aus hundert anderen Fällen wohl bekannt war. Das ewige Iammerkapitel der Ag u n a , der verlassenen, an irgend einen verschollenen Ramen geketteten Frau! Hier hatte der Fall noch seine eigene Rote. Die Frau war aus gutem Haufe, fromme Tochter frommer Cltern, war vermählt mit einem der Reuen, von dem man aber nicht wußte, wie weit er bereits gegangen war. war kleiner Beamter und strebte nach weiterem Aufstieg und . . . Die Frau bedeckte mit der flachen Hand das Gestcht und weinte, wie konnte sie in dieser reinen Atmosphäre, vor diesen Männern, die wie die Engel des Himmels sich in diese Stadt herabließen, um den Beladenen zu helfen, das grausige Wort herausbringen? ... „Und er ließ sich taufen", ergänzte Rabbi Akiwa. Auch das kannte er. Ja," weinte die Frau, ohne das Wort auszusprechen. „Die Rabbiner sagen, ich müßte Scheidebrief von ihm haben. Cr aber, sein Rame sei ausgelöscht, weigert sich, Get zu geben." „WM Geld erpressen," wußte der posener Raw Bescheid. „Ja, soviel, daß ich es nie werde aufbringen können, und hält mich gebunden in Rot und Elend, mich und meine armen Kinderchen . . ." „Ist alles versucht worden, ihn zu ermahnen, zu erweichen?" Ja, es war alles versucht worden, und alles war vergebens. Rabbi Mosche in preßburg befaßte sich schon wiederholt mit dem Falle. „Man müßte der armen Frau helfen," meinte der posener. „wie aber?" „weiß der preßburger Raw („posener Raw" und „preßburger Raw", so und nicht anders betitelten sich die beiden auch nach der Verbindung) ein Mittel, den Meschumad (Renegaten) hierher zn zitieren?" Rein, er wußte keines. Aber Einheimische, die den Fall und den Mann gut kannten, wußten was. Ehrgeizig, war Boris, der sich auf Kosten der Religion in ein kleines 'Amt hineingeschlichen hatte, ehrgeizig über alle Maßen. Lin Held wollte er sein um jeden Preis, machte sogar seine Fahnenflucht zum Heroentum; Feigheit ließ er nicht aus sich sitzen, wenn man ihn beim Ehrgeiz packen könnte! ... Frühere Freunde -erboten sich, einzugreisen, machten sich auf und redeten auf Boris Malchow, alias Boruch Malkiel, ein: „Hast du wirklich Mut, dann folge der Einladung der alten Rabbis und stecke es ihnen richtig! . . . Fürchtest du, ein Mann von Welt und Bildung, hohe Amtseprfon, die alten verknöcherten Rabbis? Solltest dir einen Spaß daraus machen, ihre verrosteten Weisheiten anzuhören und abzutun. Bist du so feige, Boris Malchow, Oberinspektor (er hoffte, cs einmal zu werden) des Akzisamtes? ..." Rein, feige war er nicht, gerade das nicht. Lr mußte und konnte es beweisen. Und er trat mit überlegenem, hochfahrendem Grinsen vor das Kollegium der Rabbis. Rabbi Mosche.wandte das Gestcht ab. „Cs ist verboten, ins Antlitz eines Frevlers zu schauen." Aber in seinen strengen Mienen spielte auch ein Ausdruck von Schmerz, tiefem Schmerz über eine Israel verlorengegangene Seele. Wehe Erinnerung stieg in ihm auf, Erinnerung an einen störrischen Schüler, der Mordechai Saphir hieß. Cs war lange her . . . Rabbi Akiwa aber war ganz Güte, eitel Mitleid, mit der unglücklichen Frau und mit dem verlorenen Sohne. Wohl sah dieser mit seinem aalglatten Gesichte, den kurzgeschorenen Haaren und dem gezwirbelten Schnauzbarte unter der Rase wenig zugänglich für ein jüdisches Wort, eine jüdische Mahnung aus. Line dunkelblaue Amtsjoppe mit blanken Messingknöpfen und goldgestreiften Achselklappen vervollständigten die unjüdische Erscheinung. Aber Rabbi Akiwa hatte in seinem stark fortgeschrittenen Posen gelernt, auch mit Leuten dieses Schlages umzugehen. „was sollte euch davon abhalten, der Frau den -Scheidebrief zu geben? werden es euch gewiß nicht schwer machen," sagte er bittend und gütlich zuredend. . „Prinzip!" versteifte sich der Herr Akzisbeamte. „Gebe einfach nichts auf den Unsinn. Habe ja der ganzen Religion, der ganzen Iuöenschaft den Scheidebrief gegeben,- sie ist mit eingeschlossen, was wollt ihr noch von mir?" „Das mit dem Scheidebrief an die Indenschaft," belehrte der posener Raw in eiserner und zugleich gütiger Ruhe, „ist eine andere und eigene Sache, was Israel in seinem Verhältnis zu G'tt anbelangt, so ist er,. G'tt, der Gemahl, und e r hat den Scheidebrief zu geben, nicht sie, die Israelgemeinde. Aber gerade das tut er nicht. Sagt doch Jesajas: „wo ist der Scheidebrief, den er euerer Mutter geschickt? . . ." G'tt verläßt sein Volk nicht, keinen aus seinem Volke gibt er frei, auch wenn einer von ihm gelassen hat . . . Darum und nur darum ist jene -arme Frau noch an euch gekettet, bis ihr sie durch Scheidebrief befreit . . „Ich habe -ihr meine Bedingungen Mitteilen lassen," erwiderte Boris gereizt, da Argumente gegen jene altrabbinifche Weisheit schlechthin nicht anzubringen waren. „Also Geld, viel Geld! wie paßt das zunl Prinzipe?" „wenn ich meine Hand zn einem jüdischen Aberglauben bieten soll, dann sollen sie stch's was kosten lassen." Herr Boris Malchow wurde stolz. Run hatte er vom Spaß genug, er wollte gehen. Cr war ja kein Schulbub, auch kein jüdischer Angeklagter vor dem zuständigen Tribunal, daß er warten müßte, bis er verabschiedet wurde. „Roch e i n Wort," bat Rabbi Akiwa. „was kommt da noch?" sagte der Andere grob und herausfordernd. „Habt ihr je itt der Jugend Talmud gelernt?" „Liegt sehr weit zurück," zuckte Boris verächtlich mit den Achseln. „Vielleicht auch einmal Traktat ü i d d u s ch i n," fragte der Rabbi unbeirrt weiter. Boris riß Un Mund auf und gähnte gelangweilt. „Also j a," deutete der Rabbi das Gähnen. „So sei denn zum Abschiede noch ein Wort aus jenen: Traktate Kiddufchm angeführt: „Der Mann traut sich sein Weib an auf drei 2lrten: durch Geld, Urkunde und Gemeinschaftsleben. Die Frau erhält ihre Freiheit vom Manne auf zweierlei Weife: durch Scheidebrief oder durch den Tod des Mannes . . ." Sehr scharf unterstrich der Rabbi das letzte Wort. „Und was berührt das mich, was euer Talmud sagt?" „Cs berührt euch. Eine jüdische Tochter, gegen die ihr lieblos gehandelt, m u ß von euch loskommen, so oder so. Den Scheidebrief lehnt ihr ab . .. Ucberlegt es euch recht, der andere Weg könnte sich auftun, und es wäre zu spät . . . Ueberlegt cs recht." 2luch bei dieser Eröffnung blieben Ton und Stimme so weich und mild, daß es mehr Bitte, denn. Warnung war. Line weile kam Boris gerade durch die sanfte Ruhe des Rabbi in eine Unruhe, die sich sichtlich zu einer Verwirrung steigerte. Cs tat sich etwas auf in seiner Seele, es riß sich etwas los aus längst verschütteten Gründen. .Cr sah mit abgewandtem Gesichte weit weg. Weiße Mutterhänöe legten sich über sein Haupt, weiche Töne kamen ans verklungenen Welten. Da fang eine Lernstimme: „Hoifch, der Mann traut sich fein Weib an . . ." Cs war ihm auf einmal so heiß und so eng in der Kehle. Cr rang nach Atem. Seine Füße wankten. Cr mußte sich mit zitternden Händen stützen. Dann aber lachte er überlaut auf. Cr gab sich einen Ruck und nahm sich zusanunen. „purer Aberglaube, und damit wagt man mir zu kommen!" Die früheren Freunde waren zugegen, er durfte nicht kapitulieren. Cs ging um feine Reputation. Viel hätte ec darum gegeben, nur eine Spur von der abgeklärten Ruhe des Rabbi hätte sich auf ihn übertragen. Aber indem er sich nun zusammenriß, alle Sentimentalität abzuwcrfcn und Haltung zn wahren, verlor er gänzlich die Fassung. Cr ballte die Faust und trumpfte mit dem Fuße. auf. Sein Gestcht blähte sich auf, als loderte rotes Feuer unter der Haut auf, feine Stimme überschlug sich. „Einschüchterung, grenzt schon an Bedrohung. Glauben wohl, sie hätten so ein. kleines Iüdlein vor sich, werde es euch schon stecken. 2lnzeigen . . ." Die weiteren Worte verklangen hinter der wuchtig zugeschlagenen Türe. „2llles verloren," quittierte Rabb! Mosche kopfschüttelnd. was gab es draußen, daß so viele Menschen berbeiliefen, aufgeregt durcheinander wirbelten und Schreie ausstießen? Ein Mann wankte aus dem dunklen Tore hinaus, feuerrot das Gesicht und gleich

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