Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1933-05-30 · Heft 22 (30.5.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 22 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450756-2450777--79627-2537408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DerJsraelit Nr. 22 Seite 7 30. Mai 1933 Oesterreich. Beth Jakob-Sommerkurse. Wien, 26. Mai. Von der Wiener Zentrale der Beth Jakob- Mädchenschulorganisation werden folgende Sommerkurse veranstaltet: 21) Die Hauptkurse der Lehrevinnenbildungsanstalt und der Kindergärtnerinnenkurs bleiben in Wien, so daß für Gastschülerinnen die Möglichkeit geschaffen ist, einen Ferienmonat in Wien zu verbringen und sich mit dem Innenleben der Wiener Lehrerinnenbildungsanstalt vertraut zu machen. B) B e t h Jakob-Sommer tu r s a. Semmering. In dem wunderschönen Semmeringgebiet wird so wie im Vorjahre auch Heuer jungen Mädchen Gelegenheit gegeben, nebst der körperlichen Erholung sich jüdische Geistesschätze .anzueignen. C) Beth Jakob-Sommerkurs i. Schweiz. Es ist der Beth Jakob-Zentrale Heuer zum ersten Male gelungen, zu erschwinglchen Preisen einen Kurs in der Schweiz mit erstklassiger Unterbringung in der herrlichsten Gegend sicherzustellen. Gleichberechtigung aller Bürger Oesterreichs bleibt gewahrt. W i e n, 26. Mai. Der österreichische Bundeskanzler Dr. Dollfuß hielt eine durch den Rundfunk verbreitete Ansprache an das amerikanische Volk, in der er mit besonderem Nachdruck darauf hinwies, daß in Oesterreich alle Bürger ohne Unterschied gleiche Rechte genießen. Auch nach der jetzt in Ausarbeitung befindlichen Verfassungsreform, so versicherte der österreichische Bundeskanzler, werde der Grundsatz staatsbürgerlicher Gleichberechtigung aller Bürger Oesterreichs gewahrt bleiben. Das österreichische Volk, erklärte er, sei gegenüber Kulturen anderer Völker. duldsam und milde, denn das österrechische Deutschtum habe in seinem historischen Zusammenleben mit anderen Völkern die Fähigkeit erworben, Verständnis für das Eigenleben und die Besonderheiten anderer Volksgemeinschaften aufzubringen. In Wiener politischen Kreisen ist man der Auffassung, daß die österreichische Regierung im Hinblick aus die Notwendigkeit, in nächster Zeit die österreichische Anleihe im Ausland aufzulegen, jetzt besonders bemüht ist, die Sympathien der englischen und amerikanischen Judenheit zu gewinnen. Auch die unter der Führung Fürst Starhembergs stehenden Heimwehren haben in letzter Zeit fast völlig auf antisemitische Propaganda verzichtet. Sicherheitsminister Major Fey, der Repräsentant der österreichischen Heimwehr in der Regierung, hat sich in einem in französischen Blättern veröffentlichten Interview entschieden gegen exzessiven Antisemitismus ausgesprochen. Holland. Agudistische Hachscharcch-Gruppe an der holländischdeutschen Grenze. Am st erd am, 27. Mai. Die holländische A g u d a - O r g a n i s a t i o n entfaltet in letzter Zeit eine lebhafte Tätigkeit für den zum Aufbau Palästinas auf der Grundlage der Thora und der jüdischen Tradition bestimmten Keren Hajischuw. In Enschede (Provinz Overijse 1) in der Nähe der deutschen Grenze wurde dieser Tage eine agudistische Hachscharah- Stelle eröffnet, in der zunächst 12 junge Juden aus Deutschland zwecks landwirtschaftlicher Ausbildung für Palästina untergebracht wurden. holländischer Brief. A m st e rü a m, 27. Mai. Holland, das sich während des Weltkrieges als Insel des Friedens erhalten konnte, hat eine Bevölkerung von knapp 8 Millionen Seelen. Es konnte feine Währung und im Ganzen auch seinen Handel intakt erhalten, dank seiner Kolonien, die ein gewaltiges Reservoir an Land und Industrien ihm bieten. Ein friedliches Land, spiegelt sich dieser Friede auch in Regierung und Parlament wider. In letzterem nehmen die Sozaldemokraten gut ein Drittel der Bänke ein. Auch sie treiben' keine Opposition und zeigen volles Vertrauen der Regierung und dem Herrscherhause mit der Königin Wilhelmine an der Spitze. In Holland leben ungefähr 110.000 Juden, darunter ca. 20.000 Ostjuden, die zum Teil naturalisiert sind und alle Rechte des Vollbürgers genießen. Von Antisemitismus keine Spur. Im Beamtentum findet man vom klensten Grade bis zu den höchsten Regierungsstellen Juden. Besonders in der Kunst und Wissenschaft nehmen sie eine führende Stellung ein. Handel und Handwerk liegen zumeist in jüdischen Händen. Der jüdische Briefträger, der jüdische Polizist und der jüdische Straßenkehrer sind bekannte Typen. Auf religiösem Gebiete genießen die Juden ganz besondere Rechte. Die jüdischen Schulen bekommen Subventionen. Für Beamte, ia auch für die Soldaten ist die Dienstbefreiung am Sabbat und Feiertagen wie die rituelle Verpflegung eine Selbstverständlichkeit. Für Juden, die am Sabbat geschlossen halten, gibt es keine Zwangssonntagsruhe. Schreiber dieses trat am Sonntag in ein Zigarrengeschäft und gewahrte zu seinem Erstaunen, daß der Inhaber kein Jude sei. Auf die Frage, warum er Sonntag offen halte, gab er zur Antwort, er tue es wegen seiner Kollegen in der Straße, die alle Juden sind und darum am Sabbat geschlossen und am Sonntag offen halten. Er würde, wenn er als einziger am Sabbat offen hielte, es als eine unlautere Konkurrenz und Lieblosigkeit gegen seine jüdischen Kollegen ansehen. Das ist bezeichnend für Holland! Etwa 3000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland weilen zurzeit in Holland, und es kommen immer neue hinzu. Sie werden von einem Komitee, zu dem auch Nichtjuden beisteuern, mit Essen und Wohnung bestens versorgt. Leider aber liegt keine Möglichkeit vor, den Leuten zu einer Existenz zu verhelfen. Bei der starken Arbeitslosigkeit in Holland kann man auch verstehen, daß der Berufsausübung der Fremden ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben wird. Beneidenswert ist die Lage der Flüchtlinge, zum Teile Menschen, die aus besserer Position kommen und jetzt sozusagen auf die Wohltat der Nebenmenschen angewiesen sind, gerade nicht. Was in der Zukunft aus «ihnen werden soll, weiß man nicht. Die Einzelkomtees in der Provinz weigern sich bereits, ihre Beiträge an das Zentralkomitee zu entrichten, da sie in ihren Gemeinden schon Flüchtlinge genug haben, die sie versorgen müssen. Manche werden von einem Ort zum andern geschickt, einige erhielten auch Mittel zur Auswanderung nach überseeischen Ländern. Eine Ermutigung, sich nach Holland zu begeben, liegt in diesen Zuständen ganz gewiß nicht. Diese Flüchtlinge sind Opfer der ökonomischen Lage. Was' die politische Lage betrifft, so halten sie sich von allen Uebertreibungen fern und treten sogar Värennachrichten, wie sie im Auslande verbreitet werden, entschieden entgegen. Schweiz. Der Völkerbund und die deutsche Iudenfrage. Gens, 28. Mai. Der in Oberschlesien ansässig gewesene jüdische Reichsangehörige Franz B e r n h e i m hat an den Völkerbund — im Einklang mit ausländischen jüdischen Organisationen — eine Eingabe gerichtet, worin er Beschwerde darüber führt, daß die in Deutschland erlassenen Dekrete und Verordnungen gegen die Juden in mehrfachen Punkten gegen die Minderheitsschutzbestimmungen des deutschpolnischen Abkommens über Oberschlesien verstoßen. Die Eingabe ist ebenso wie entsprechende Petitionen des polnisch-jüdischen Sejmklubs, sowie des Komitees der Dele- .gationen in Paris zunächst einem Dreier-Komitee zur juristischen Prüfung überwiesen worden. Von deutscher Seite wurde die Legitimation des Gesuchstellers Bernheim zunächst bezweifelt, weil er nicht dauernd in Oberschlesien gewohnt hat. Wie die JT2l. aus zuverlässiger Quelle erfährt, bereitet die deutsche Regierung jedoch jetzt eine vor dem Völkerbundrat abzugebende Erklärung vor, die folgende Hauptpunkte enthält: 1. Deutschland zieht seinen Einspruch gegen die Behandlung der Vernhsim-Petition zurück. 2. Deutschland stimmt zu, daß die Verhältnisse in Oberschlesien entsprechend den internationalen Verpflichtungen gestaltet werden. 3. Im Hinblick darauf, daß aus den dem Völkerbund überreichten jüdischen Petitionen hervorgehe, daß die Juden sich als nationale Minderheit betrachten (?) ist die deutsche Reichsregierung bereit, die Frage zu studieren, wie die Rechtsstellung der Juden in Deutschland als nationale Minderheit geregelt werden könnte. Hierzu ist zu bemerken, daß die Richtigkeit der JTA- Nachricht, soweit es sich um den dritten Punkt der erwarteten deutschen Erklärung handelt, zu bezweifeln sein dürfte. Es kann nicht Sache ausländischer, polnischer oder französischer Organisationen sein, im Namen der deutschen Juden zu erklären, daß diese sich als nationale Minderheit betrachten! Schon aus diesem Grunde kann die deutsche Regierung unmöglich diese Voraussetzung bereits als gegeben erachten. Ob es zu einer Aufrollung der ganzen deutschen Judenfrage im Völkerbund kommen wird, steht dahin. Wahrscheinlich ist, daß man angesichts der überragenden Wichtigkeit der Abrüstungsverhandlungen es auf Seiten der Mächte, die den Viererpakt unterzeichnen, wollen, nicht als rötlich erachten wird, jetzt Auseinanderzusetzungen mit Deutschland in der Judenfrage zu führen. Aussprache über bk tage bet Juden in Oberschlesien am Montag nachmittag. Gens, 28. Mai. Der Völkerbundsrat hat die Aussprache über die Lage der Juden in Oberschlesien auf die montägige Nachmittagssitzung anberaumt. Wie über den Inhalt des Berichtes des Referenten, des Irländers Dean Lester, weiter bekannt wird, enthält dieser die Forderung nach Wiederherstellung aller von den Juden Oberschlesiens früher innegehabten Rechte, nach Wiederaufnahme aller wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse entlassenen Personen und nach Entschädigung derjenigen, die durch judenfeindliche Maßnahmen zu Schaden gekommen sind. Außerdem wird in dem Bericht gefordert, daß Deutschland sich nicht mit der Abgabe einer Erklärung betreffend die Wiederherstellung der Gleichberechtigung der Juden in Oberschlesien vor dem Völkerbundsrat begnüge, sondern ihm in seiner Septembertagung auch darüber Bericht erstatte, wie diese Wiederherstellung durchgeführt wurde und wie die diesbezüglich getroffenen Maßnahmen in der Praxis fick/ auswirken. Einer solchen Festlegung wird von der deutschen Delegation vorläufig Widerstand entgegengesetzt. Für die Montagssitzung wird eine eingehende Erörterung dieser Fragen erwartet. Sie dürfte insbesondere durch den französischen Außenminister Paul Boncour, dem sich die Vertreter anderer Staaten anschließen werden, herbeigeführt werden. Auch besteht die Möglichkeit, daß der englische Außenminister John Simon, der am Donnerstag, den 25. Mai, Genf verlassen hat, am Montag zur Sitzung des Völkerbundsrates zurückkehrt. In der am Sonnabend, den 27. Mai, abgehaltenen Sitzung des Völkerbundsrates gab die deutsche Delegation zu einem von der Saarregierung dem Völkerbund unterbreiteten Memorandum betreffend das Schicksal der Beamten im Saargebiet nach Durchführung der bevorstehenden Volksabstimmung die Versicherung ab, die Rechte dieser Beamten würden ohne R ü ck s i ch t a u f deren Rassenzugehörigkeit gewahrt bleiben. -Die deutsche Delegation fügte hinzu, sie sei bereit, in dieser Frage den Wünschen des Völkerbunösrates entgegenzu kommen, obwohl sie die Frage als eine innenpolitische auffasse, die eine Intervention vonaußennichtrechtfertige. England. Auftakt zur Hilfsaktion in England. London, 25. Mai. Der „Britische Zentralfonds für die deutsche Iudenheit" hat soeben den angekündigten „dringenden Appell" an die englische Judenheit, der von einer tragischen Katastrophe betroffenen deutschen Judenheit zu Hilfe zu kommen, veröffentlicht. In dem Aufruf heißt es, taufende von Juden hätten heute in Deutschland infolge der gegen sie getroffenen Maßnahmen keine Aussicht, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und keine Hoffnung, für die Zukunft. Deshalb solle ein Zentralfonds aufgebracht werden, der groß genug sein müsse, um den Leidenden sofortige Hilfe zu sichern und die Jnangriff-- nähme des jetzt gestellten ungeheuren Problems von verschiedenen Seiten her zu ermöglichen. Die von Tag zu Tag sich verändernde Lage mache es unmöglich, vorauszusagen, welche Art von Hilfe jeweils in erster Reihe notwendig sein werde. Im Hinblick darauf, daß Palästina denjenigen, die auszuwandern genötigt sind, die besten Aussichten für den Aufbau eines neuen Lebens' biete, werde ein wesentlicher Teil der gesammelten Gel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.