Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 22 Dt-r Israelit 30.-Mai 1933 richtserlaubmsfcheine für nichtarifche Privatlehrer find einzuziehen. Den Schulräten wird verboten, Nichtariern oder Nichtdeutschen Unterrichtserlaubnisscheine zu erteilen. Ausländer, die Unterrichtserlaubnisscheine fordern, sind an den Oberpräsidenten zu verweisen. Die Nachsuchung von Unterrichtserlaubnisscheinen durch Nichtarier ist zwecklos. Unberührt von diesem Erlaß bleiben jüdische Privat s ch u l e n, die ausschließlich jüdische Kinder aufnehmen. Rechtspflege und Judcnfrage. Berlin, 22. Mai. Anläßlich der ersten Reichstagung deutscher Referendare fand am Sonnabend, den 20. Mai, abends, in den Tenuishallen zu Berlin eine Massenkundgebung statt, in der der Reichsjustizkommissar und bayerische Justizminister Dr. Frank über das Thema „Gegen jüdische Rechtsverdrehung, für ein deutsches Volksrecht" sprach. Unter brausendem Beifall der Versainmlung erklärte der Reichsjustizkommissar: „Wir sind unermüdlich auf dem Wege, dem Fremdrassigen jede Mitwirkung an der Rechtsschasfung, Rechtsverwirklichung und Rechtsdeutung in Deutschland zu nehmen. Mit ist bekannt, daß an der heutigen Veranstaltung verschiedene fremde Diplomaten teilnehmen. Ich möchte diesen daher mit aller Deutlichkeit sagen, wir sind wohl Antisemiten, aber keine Barbaren. Wir führen den Kampf gegen die Juden in einer Weise, wie er sich mit der Kulturhöhe des deutschen Volkes vereinbaren läßt. Wir werden uns auch von niemandem da Hineinreden lassen, denn es gibt Grundsätze, über die wir mit niemandem in der ganzen Welt debattieren werden." Vor Beginn der Versammlung in den Tennissälen besuchte Reichsjustizkommissar Dr. Frank das Haus des Deutschen Anwalts Vereins, der sich vor einigen Tagen dem Bund nationalsozialistischer deutscher I u r i st e n unter Wahrung seiner Selbständigkeit ungegliedert hat. Bei dieser Gelegenheit hielt Dr. Frank eine Ansprache, in der er erklärte, der Kampf gegen das römische Recht müsse ausgenommen werden; dieser Kampf richte sich aber nicht gegen den Kulturwert des römischen Rechts, sondern nur gegen die Verfälschung des alten, edlen römischen Rechtswesens und geschehe aus Gründen des Rassenbewußtseins. Unter dem gleichen Gesichtspunkt sei die Juden frage zu bewerten. Man werde in diesem Punkte im Rahmen der Reichsgesetzgebung völlig loyal verfahren. Man dulde weder Exzesse noch Brutalität, sondern man wolle lediglich den fremdrassigen Einfluß austilgen. Auch in dieser Ansprache betonte Minister Dr. Frank, daß die Nationalsozialisten zwar Antisemiten, aber keine Barbaren seien. Sterilisierung der Juden. Berlin, 28. Mai. In den letzten Nummern der ärztlichen Standesblätter ist eine Reihe von überaus scharfen Angriffen gegen Judentum und jüdische Aerzte enthalten. In den „Aerztlichen Mitteilungen", dem offiziellen Organ des Hartmann-Bundes vom 20. Mai, steht an erster Stelle ein Artikel von Dr. Vellguth über „gesetzliche Sterilisierung". Er bringt einen Entwurf einer gesetzlichen Regelung des eugenischen Problems, der u. a. folgende Bestimmung vorsieht: „Die Einsickerung fremdrassigen Blutes in den Organismus unseres Volkes wollen wir nach Möglichkeit verhindern. Juden, Neger Mongolen und dergleichen Völker können also straffrei mit ihrem Willen sterilisiert werden, ganz gleich, ob sie gesund sind oder krank." Um den so Betroffenen nach der Anschauung des Verfassers diesen Schritt zu erleichtern, schlägt er vor, daß „den Fremdrassigen der Entschluß zu einer Sterilisation durch eine nicht zu geringe Prämie leichter gemacht werden" könnte. Man könnte über diesen Artikel, der den großen eugenischen Gedanken in karikaturistischer Verzerrung zeigt, zur Tagesordnung übergehen, stünde er nicht in dem repräsentativsten Organ der deutschen Aerzte an sichtbarster Stelle und träte nicht der Wunsch zur Herabsetzung des Judentums deutlich zutage. Spaltung in der Jüdischen Volkspartei. Berlin, 24. Mai. In der jüngsten Repräsentantenversammlung stellte sich eine neue „Zionistische Fraktion" vor, die sich von der Jüdischen Volkspartei abgesplittert hat. Der Streit ging um Herrn Dr. Georg Kares ki, von dem der G. A. der Z. V. f. D. forderte, daß er aus dem Vorstände der Berliner Jüdischen Gemeinde austrete, weil er durch eine eigenmächtige Handlung die zionistische Position im Vorstande geschädigt und geschwächt hätte. Die Fraktionssitzung der Jüdischen Volkspartei lehnte aber den Beschluß des G. K. ab und bestand aus dem Verbleiben Kareskis im Vorstände. Nachdem Vermittlungsversuche gescheitert waren, traten mehrere Herren, so A. Berger, Dr. Moses und Landgerichtsrat Rauh aus der Fraktion aus und etablierten sich als „Zionistische Fraktion". Die Woche. Berlin. Im Gegensätze zu einer früheren Bestimmung wurde vom Unterrichtsminister den Schülern und Schülerinnen das.Tragen von nationalen Abzeichen in der Schule freigegeben. Wien. In der niederösterreichischen Stadt St. Pölten wurden im Lause von Ausschreitungen mehrere Fenster jüdischer Geschäfte und Privatwohnungen zertrümmert. Die Polizei griff etwas spät, aber energisch ein. London. Es wurde hier eine Hilfsaktion englischer Wissenschaftler für ausscheidende Gelehrte aus Deutschland eingeleitet, an deren Spitze die besten Männer der Kunst und Wissenschaft stehen. Warschau. Das in polnischer Sprache erscheinende jüdische Tageblatt „Nasz Przeglad" berichtet über antijüdische Ausschreitungen in einer Reihe von Ortschaften Wolhyniens. In Rafalowka haben junge Ukrainer die Fensterscheiben in jüdischen Häusern zertrümmert. Drei Exzedenten wurden verhaftet. In Koberburg kam es zu Ueberfällen auf Juden, von denen einige ernste Verletzungen erlitten. Jerusalem. Wie die ITA. erfährt, hat die Palästina-Regierung von den bei der Aufteilung der jüngst ausgegebenen Palästina-Zertifikate als Reserve zurückbehaltenen 850 Zertifikaten 200 Arbeitereinwanderungszertifikate nach Deutschland gesandt. — Wie „Doar Hayom" berichtet, wurden im Dorfe Saforiah 15 Araber unter dem Verdachte der Teilnahme an der Ermordung des jüdischen Kolonisten Josef I a c o b y und seines neunjährigen Sohnes in der Kolonie Nahalal im Dezember v. Js. verhaftet. Einer der Verhafteten hat bereits ein Geständnis abgelegt. — Die in Jerusalem erscheinende hebräische Tageszeitung „Doar Hayom" wurde von der Vereinigung der palästinensischen Kolonisten übernommen. Zum Chefredakteur wurde der Präsident der Vereinigung Smielansky bestellt. Das bisherige wöchentlich erschienene Organ des Kolonistenverbandes „Bustenai" wird, eingestellt. Tel - Awiw. Die Irijah hat vorläufig 5000 Pfund für die Errichtung von Notbauten für die Einwanderer aus Deutschland bewilligt. Die Frage der Fleischversorgung. Altona, 28. Mai. Vom Vorstand des traditionell-gesetzestreuen Rabbinerverbandes wird uns geschrieben: Die zahlreichen an uns gerichteten Anfragen lassen erkennen, daß im Publikum eine gewisse Beunruhigung und Ungeduld um sich greift,, weil man glaubt, daß die maßgeblichen Stellen der Rabbinerverbände ln der Frage der zukünftigen Fleischversorgung nicht die genügende Aktivität entfalten. Demgegenüber können wir versichern, daß mit der größten Energie von unserer Seite wie von allen in Betracht kommenden Vereinigungen an der Lösung der halachischen Fragen und der Behebung der äußeren Schwierigkeiten gearbeitet wird. Pflicht jedes aufrechten, vom Gefühl der Solidarität erfüllten Juden aber ist es, opferwillig den religiösen Führern Gefolgschaft zu leisten und nicht, wie es leider, bereits geschehen -ist, durch vorzeitige und unüberlegte Schritte, welche eine religiöse Billigung nicht finden können, die Autorität des jüdischen Gesetzes zu verletzen und die Oeffentlichkeit durch irreführende Ankündigungen in ihrer'Bereitschaft und dem Willen zur Treue zu erschüttern. Wer so handelt, versündigt sich aufs schwerste an -der Ehre unsrer Gesamtheit. Nur wenn die maßgeblichen Stellen Wege ausfindig machen, die den Anforderungen des Staatsgesetzes wie den Bestimmungen des Religionsgesetzes - gleichermaßen entsprechen, können wir mit der g'ttlichen - Hilfe hoffen, in dieser -ernsten geschichtlichen Stunde aller - Schwierigkeiten Herr zu werden. - Aber schon heute kann es ausgesprochen werden, daß wir aus Grund religiöser Gutachten des Wilnaer Oberrabbiners Rabbi Chajim Oser Grodsenski, des Wilkomirer Oberrabbiners Rabbi Löb Rubin, des Dozenten am Rabbinerseminar, Dr. Weinberg, sowie des Oberrabbiners Zirelsohn, Kischinew, die Gewährleistung. der Möglichkeiten einer Geflügelversorgung mit Gewißheit in Aussicht stellen können. Allen rufen wir das Wort des Talmud (Sabbat 118 b) zu: „Lasset uns zu denen gehören die todesbereit -auf dem Wege der Mizwa ausharren!" Protest der Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände gegen die Verunglimpfung jüdischer Aerzte. Berlin, 26. Mai. Wie bereits -gemeldet, ist im „Aerzteblatt der Provinz Brandenburg, Grenzmark und Pommern" und später im „Groß-Berliner Aerzteblatt" ein Aufruf des Kommissars im Prooinzialverband der Aerzte der Provinz Brandenburg und Grenzmark „Fort mit den jüdischen Aerzten!" erschienen, der schwere Verunglimpfungen nicht nur der jüdischen Aerzte sondern aller Juden enthält. Das Verschwinden der früheren idealen Berufsauffassung in weiten Kreisen der freien Berufe wird in diesem Aufruf, der den Juden als „Inkarnation, der Lüge und des Betruges" bezeichnet, auf die Juden zurückgeführt. Die Reichsvertetung der jüdischen Landesverbände hat in einem Schreiben an den Reichskommissar der ärztlichen Spitzenverbände gegen diese alles Maß überschreitende Verunglimpfung entschieden Verwahrung eingelegt und darauf hingewiesen, daß diese Art des Kampfes gerade mit dem Wesen des ärztlichen Berufsstandes besonders unvereinbar fei. Jüdische Firmen und die Bezeichnung „Deutsche Arbeit". Berlin, 24. Mai. Der Hauptverband der Herren- und Damenkleiderindustrie teilt in einem Rundschreiben an seine Mitglieder mit, es sei Beschwerde darüber geführt worden, daß jüdische Firmen in Anzeigen ihre Erzeugnisse als deutsche Arbeit, reine deutsche Werkstättenarbeit oderähnlich bezeichnen. In dieser Bezeichnung werde eine gewollte oder ungewollte Irreführung -des Publikums erblickt. Ferner heißt es in dem Rundschreiben: „Die Unterzeichneten sind zwar der Ueberzeugung, daß die jüdischen Firmen durchaus das Recht haben, sich als deutsche^ Firmen zu fühlen und zu bezeichnen, und die Beschwerde führer werden es ihnen bestimmt nicht verwehren, zum Beispiel im Export als deutsche Firmen aufzutreten. Trotzdem und gerade in Vertretung dieser Ueberzeugung glauben wir den jüdischen Firmen empfehlen zu sollen und zu dürfen, die beanstandeten Bezeichnungen wegzulassen, um Mißdeutungen und (Eingriffe außenstehender Stellen zu vermeiden." Würzburger NSDAP, gegen Vernichtung des jüdischem Einzelhandels. Würz bürg, 19. Mai. Die Kreisleitung der NSDAP, in Würzburg gibt, heute eine Erklärung bekannt, in der es u. a. heißt: „Am Mittwoch, den 10. Mai, erschien im Würzburger General-Anzeiger ein Artikel der NSBO., Gauleitung Unterfranken. Durch Uebergriff einer untergeordneten Stelle kam in diesem Artikel ein überscharfer Ton, wonach z. B. Käuferinnen in jüdischen Geschäften mit Namensnennung und Abschiebung nach Dachau bedroht wurden. Der Kampf der politischen Leitung, und damit geht auch die NSBO. einig, richtet sich vor allem gegen diejenigen jüdischen Geschäfte, die wir als Auswüchse und Schädlinge des Mittelstandes bezeichnen, also Warenhäuser, Einheitspreisgeschäfte usw. Auch die allgemeine Mahnung bleibt bestehen: „Deutsche kauft nicht bei Quben!" Wir beabsichtigen aber nicht eine Vernichtung des in jüdischen Händen befindlichen Einzelhandels mit Rücksicht auf feine volkswirtschaftliche Bedeutung und auf die christlichen Angestellten.